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Bereits verlegte Stolpersteine



Walther Lüders * 1896

Steindamm 76 (Hamburg-Mitte, St. Georg)

1942 KZ Neuengamme
1945 Lager Stalo Donez ???

Walther Lüders, geb. 4.10.1896 in Hamburg, seit August 1945 in der Sowjetunion verschollen

letzte Wohnadresse: Steindamm 76

Walther Lüders war der zweitälteste Sohn (von insgesamt vier Kindern) des Hausmaklers Georg Lüders und seiner Ehefrau Dorothea, geborene Knak. Walthers Geschwister waren Friedrich (geb. 1895), ein Lehrer, der im Ersten Weltkrieg fiel, Gertrud (geb. 1898), von Beruf Chefsekretärin, und der jüngste Bruder Hans (geb. 1899), der Außenhandelskaufmann war.

Die junge Familie lebte in verschiedenen Wohnungen in St. Georg und in Hohenfelde. Bereits 1905 wurde die Ehe der Lüders geschieden und die Mutter war gezwungen, da ihr früherer Mann keine Unterhaltszahlungen leistete, mit Hilfe ihrer Schwestern, die ein "Schneideratelier für höhere Töchter" betrieben, den Lebensunterhalt für sich und ihre vier Kinder zu bestreiten.

Die Tanten von Walther, bei denen er mit seinen Geschwistern weitgehend aufwuchs, übten großen Einfluss auf seine berufliche und soziale Entwicklung aus. Als Schüler einer Volksschule (1903–11) war er stark an Sprachen und Literatur interessiert, dennoch bestimmten seine Tanten, dass er einen Handwerksberuf zu erlernen habe. So absolvierte er zwischen 1911 und 1914 eine Maschinenbauerlehre bei der Hamburger Firma Hütter Fahrstuhlbau. Danach arbeitete er einige Monate auf der Deutschen Werft in Kiel, bis er als Soldat zum Kriegsdienst einberufen wurde, in dessen Verlauf er sich offenbar weiter politisierte.

Unmittelbar nach dem Krieg schloss er sich der Hamburger Gruppe des von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht geführten Spartakusbundes an und trat kurz danach in die neugegründete KPD ein. Schon damals führte er für die Parteijugend und an der Marxistischen Arbeiterschule Schulungskurse durch und lernte dabei Karoline Kling kennen, die er 1919 heiratete. Im selben Jahr wurde auch sein Sohn Alex (gen. Axel) geboren. Beruflich qualifizierte er sich weiter, indem er sich auf Abendkursen – neben seiner Berufstätigkeit in den Hamburger Betrieben der Deutschen Werft – mit der damals sehr neuen Rundfunktechnik vertraut machte.

Ab 1926 arbeitete er als Monteur bei der Hamburger Rundfunkfirma Van Kalker & Co. – Deutsche Technische Gesellschaft, wurde jedoch nach der Schließung des Betriebs infolge der Wirtschaftskrise im Juli 1930 arbeitslos. Als es Ende der 1920er Jahre in der KPD zu heftigen internen Auseinandersetzungen, vor allem hinsichtlich der Politik gegenüber dem aufkommenden Faschismus kam, bildete sich auch in Hamburg ein Ortsverband der Kommunistischen Partei-Opposition (KPO), die auf Reichsebene von Heinrich Brandler und August Thalheimer gegründet worden war. Dieser schloss sich Walther Lüders an. Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, begann auch die Hamburger KPO-Gruppe mit etwa 40 Mitgliedern die illegale Arbeit, vor allem in St. Georg und Veddel/Rothenburgsort.

Die Wohnung des Ehepaars Lüders im Steindamm war damals ein geheimer Treffpunkt der Parteigenossen. Doch schon gegen Ende 1933 war die Gruppe von der Gestapo zerschlagen; Walther Lüders, der zur Leitung der Organisation gehörte, war bereits am 19. November verhaftet worden. Er wurde in das KZ Fuhlsbüttel eingeliefert und dort unter der Folter Verhören unterzogen, um weitere Namen seiner Genossen zu erfahren, die er aber nicht preisgab. Am 19. Sep­tember 1934 verurteilte ihn das Hanseatische Oberlandesgericht in einem Prozess mit 19 anderen Angehörigen der Hamburger KPO wegen "illegaler (politischer) Betätigung in Tateinheit mit Vorbereitung zum Hochverrat" zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus.

Walther Lüders verbüßte die Strafe im Zuchthaus Fuhlsbüttel bis zum 19. August 1936, wurde nach deren Ablauf aber noch nicht auf freien Fuß gesetzt, sondern bis zum 30. Oktober im KZ Fuhlsbüttel in "Überhaft" festgehalten. Während der Haftzeit hatte er erhebliche gesundheitliche Schäden davongetragen und musste sich jahrelang wegen Herz-, Nerven- und Bronchitisleiden ärztlich behandeln lassen, für einige Zeit offenbar von dem bis zu seiner Auswanderung in die Niederlande ebenfalls in St. Georg lebenden jüdischen Arzt Julius Lewinnek (s. obige Biographie). Walther Lüders gelang es im März 1937, eine Stelle als Techniker bei der Firma Sonnenberg – "Haus der Technik" in der Mönckebergstraße, einem führenden Hamburger Radiobetrieb, zu bekommen. Sofort nach seiner Haftentlassung suchte er auch wieder Kontakt zu seinen alten politischen Freunden, aber ebenso zu anderen Widerstandskämpfern aus der Hamburger Linken.

Bei Kriegsbeginn wurde er für "wehrunwürdig" erklärt, sein Sohn jedoch 1940 zur Wehrmacht eingezogen. Er soll während des Krieges "antifaschistische Schulungsbriefe" an Soldaten geschickt haben, die an der Front kämpften. Von diesen Aktivitäten scheint die Gestapo erfahren zu haben, woraufhin sie ihn am 19. Januar 1942 am Arbeitsplatz verhaftete. Diesmal machte sich das Regime jedoch nicht die Mühe, ihn formell anzuklagen und wies ihn nach einigen Monaten im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel im Juni 1942 in das KZ Neuengamme ein. Hier wurde er als hochspezialisierter Facharbeiter einem besonderen Arbeitskommando zugeteilt, was ihm ermöglichte, mehr als zwei Jahre KZ-Haft zu überstehen.

Anfang November 1944 rekrutierte das NS-Regime in einem infamen Schachzug 72 politische Gefangene von Neuengamme, darunter Walther Lüders, zwangsweise für die seit 1940 bestehende SS-Sonderbrigade "Dirlewanger", um diese als sprichwörtlich letztes Aufgebot "zur Bewährung" an der Ostfront einzusetzen. Die Häftlinge, zu denen auch der Hamburger Schriftsteller Heinrich Christian Meier gehörte, erhielten SS-Soldbücher und teilweise SS-Uniformen und mussten damit natürlich den besonderen Argwohn der gegnerischen Armeen hervorrufen. Sie wurden über Berlin und Krakau zunächst zur Ausbildung nach Diviaky in der Slowakei verbracht.

Der der siebten Kompanie des II. Bataillons angehörende Walther Lüders und zahlreiche andere politische Häftlinge liefen schon in den Weihnachtstagen des Jahres 1944 in ihrem Einsatzgebiet an der ungarischen Grenze zur Sowjetarmee über, wurden jedoch tragischerweise nicht anders behandelt als normale Kriegsgefangene der Wehrmacht oder gar der SS. Anfang März traf Lüders mit etwa 140 "Dirlewangern" im Kriegsgefangenenlager Stalino 280/III im Kohlerevier des Donez-Beckens (Ukraine) ein. Dort wurde er zuletzt im August 1945 vom ehemaligen Sachsenhausen-Häftling Alfred Dunkel gesehen, als er in einer von den Deutschen im Krieg zerstörten Kohlegrube unter extrem harten Bedingungen Zwangsarbeit leisten musste.

Für Walther Lüders wurde an der Stelle, an der sein Wohnhaus stand, im März 2005 ein Stolperstein verlegt.

© Benedikt Behrens

Quellen: AfW, Entschädigungsakte; E-Mails von Else Lüders (Schwiegertochter von W.L.) v. 22.4.2005 und 7.3.2008; Diercks, Herbert, Walther Lüders, biogr. Artikel in Hamburger Biografie. Personenlexikon, hrsg. von F. Kopitsch und D. Brietzke, Göttingen 2006, Bd. 3, S. 234f.; VAN (Hrsg.), Totenliste Hamburger Widerstandskämpfer und Verfolgter, Hamburg 1968; AB 1938–43; Auerbach, Hellmuth, Konzentrationslagerhäftlinge im Fronteinsatz, in: Miscellanea. Festschrift für Helmut Krausnick zum 75. Geburtstag, Stuttgart 1980; Meier, Heinrich Christian, So war es. Das Leben im KZ Neuengamme, Hamburg 1946, S. 119–121.

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