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Harald Seligmann * 1886

Schwanenwik 29 (Hamburg-Nord, Uhlenhorst)

KZ Neuengamme
ermordet 26.6.1942, KZ Neuengamme

Weitere Stolpersteine in Schwanenwik 29:
John Hasenberg

Harald Seligmann, geb. 9.5.1886, am 26.6.1942 im Konzentrationslager Neuengamme gestorben

Schwanenwik 29

Harald Seligmann kam als Sohn des Auswanderer-Expedienten Carl Seligmann und seiner Ehefrau Jo­hanna, geb. Peine, in Hamburg zur Welt. Nachdem er seinen Schulabschluss an der Dr.-Anton-Rée-Real­schule bekommen hatte, begann er eine Lehre zum Gastronomen. Seine Arbeit als Gastwirt führte ihn durch ganz Deutschland bis er schließlich im Jahr 1908 zur Armee ging. Zwei Jahre lang diente Harald Seligmann beim 85. Infanterieregiment.

Nach seiner Dienstzeit fuhr Harald Seligmann mehrere Jahre zur See. Mit Beginn des Ersten Welt­krie­ges wurde er zur Marine eingezogen und in Kiel stationiert, wo er bis Kriegsende bei der Spionage- Ab­wehr tätig war.

1916 heiratete Harald Seligmann seine Verlobte Bian­ka Diek. Sie war katholisch und auch er trat ihrem Glauben bei. Ihr einziges Kind, Harald jr., wurde am 19. Oktober 1918 in Kiel ge­boren.

Nach Kriegsende musste Harald Seligmann sich um eine neue Anstellung bemühen. Seit 1925 arbeitete er als Nachtportier im Hamburger Hotel "Vier Jah­res­zei­ten". Sein Sohn wurde im selben Jahr eingeschult und besuchte bis 1935 eine katholische Realschule. Da­nach wechselte er auf die Ober­real­schule auf der Uh­len­horst, wo er 1937 sein Abitur bestand. Wie sehr sich die Familie Seligmann von ihren jüdischen Wur­zeln gelöst hatte, zeigt sich darin, dass Harald jr., "Mischling ersten Grades", zwei Jahre lang Mitglied der Hitlerjugend war, bis er 1936 aufgrund seines jüdischen Vaters ausgeschlossen wurde.

Nach dem Arbeitsdienst begann Harald jr. ein Chemiestudium an der Universität Hamburg. Die sozialen Verhältnisse der Familie verschlechterten sich 1938, weil Harald Seligmann im März entlassen wurde. Um sein Studium finanzieren zu können, begann Harald jr. bei den Hamburger Gaswerken am Grasbrook als Laborant zu arbeiten. Doch das Geld der Familie reichte auf Dauer nicht aus, um das Studium weiterhin bezahlen zu können. Deswegen entschloss sich Bianka Seligmann, eine Gastwirtschaft zu eröffnen. Die Konzession für den Be­trieb wurde ihr jedoch verwehrt. Nur wenn sie sich innerhalb von vier Wochen von ihrem Ehemann scheiden ließ, würde sie die Konzession erhalten, lautete die Forderung. Letztlich beschloss das Ehepaar Seligmann, sich dem Druck zu beugen und Bianka Seligmann reichte 1939 die Scheidung ein.

Zwar war das Ehepaar nun geschieden, doch besuchte Harald Seligmann seine Familie wei­ter­hin in der ehemals gemeinsamen Wohnung am Schwanenwik 29. Nach einem dieser Besuche wurde er denunziert und am 6. März 1939 von der Polizei verhaftet. Er habe gegen die §§2 und 5II des "Gesetzes zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" verstoßen, lautete die Anklage. Am 11. August 1939 wurde Harald Seligmann wegen "Ras­sen­schande" zu zwei Jahren Haft verurteilt, von denen er drei Monate bereits in Unter­suchungshaft verbüßt hatte.

Am 19. August 1939 trat Harald Seligmann seine Strafe im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel an. Während seiner Haft erlitt er am 18. März 1940 einen Schwindelanfall und stürzte, wodurch er sich eine schwere Platzwunde am Hinterkopf zuzog. Im selben Jahr bemühte sich Harald Seligmann um ein Gnadengesuch beim zuständigen Richter, welches jedoch abgelehnt wurde. Noch während seiner Haft versuchte Harald Seligmann, eine Auswanderung für die Zeit nach seiner Entlassung zu organisieren. Hierzu schrieb er die Jüdische Gemeinde an und hoffte auf Unterstützung durch seinen Vetter Hans Seligmann. Doch eine Auswanderung war für ihn zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich.

Nach der vollständigen Verbüßung seiner Strafe wurde Harald Seligmann am 18. Mai 1941 um 18:00 Uhr abends aus dem Polizeigefängnis Fuhlsbüttel entlassen und mit der Be­grün­dung der "Schutzhaft" ins Konzentrationslager Neuengamme überstellt. Dort starb er am 26. Juni 1942. Offiziell hieß es, er sei an einer Lungen- und Darmtuberkulose in der Landes­heil- und Pflegeanstalt Bernburg gestorben.

Auch sein Sohn Harald jr. war kurzzeitig in Fuhlsbüttel inhaftiert. Im Mai 1939 traf er seinen alten Schulfreund Hippa auf der Straße. Beide unterhielten sich über Politik und Harald jr. ließ während des Gesprächs verlauten, er halte die aktuelle politische Lage in Deutschland für bedenklich. Im Oktober trafen sich beide zufällig wieder auf der Langen Reihe. Diesmal sprachen sie über den Polenfeldzug und Harald jr. ließ sich zu der Aussage hinreißen: "Der Krieg mit Polen musste so schnell zu Ende gehen, weil wir mit Giftgas geschossen haben. Die Polen sind umgefallen wie die Fliegen." Außerdem meinte er, das Naziregime werde bald verschwinden und dann sei der Krieg zu Ende. Harald jr. wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass Hippa Politischer Leiter der NSDAP war und jedes Gespräch seiner Ortsgruppe meldete.

Es folgten noch mehrere Zusammentreffen der ehemaligen Schulkameraden und bei ihrem letzten wurde Hippa von einem Passanten mit "Heil Hitler!" gegrüßt. Daraufhin bemerkte Harald Seligmann jr.: "Du kannst ja auch später mal sagen, du hättest anstelle des Partei­abzeichens eine Leuchtplakette getragen." Hippa zeigte Harald jr. kurzerhand an und dieser wurde verhaftet. Wegen "Heimtücke" wurde Harald Seligmann jr. zu einer Gefängnisstrafe von 10 Monaten verurteilt, die er am 15. März 1940 antrat. Im Oktober desselben Jahres wurde er wieder entlassen. Harald Seligmann jr. überlebte den Holocaust.

© Carmen Smiatacz

Quellen: 1; 2; 4; 5; 8; StaHH 242-1 II, Gefängnisverwaltung II, 1094/39 Seligmann; StaHH 314-15, OFP, R 1940/937; KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Totenbuch; Sonderstandesamt Neuengamme, Sterberegister.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

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