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v.l.: Antonie, Erika, Alfred und Dieter Schär
© Privatbesitz

Alfred Schär * 1887

Wulfsdorfer Weg 79 (Wandsbek, Volksdorf)


HIER WOHNTE
ALFRED SCHÄR
JG. 1887
INHAFTIERT
KZ FUHLSBÜTTEL
ERMORDET 13.7.1937

Siehe auch:

Alfred Conrad Friedrich Schär, geb. 5.8.1887, ermordet im KZ Fuhlsbüttel am 13.7.1937

Als Sohn eines Schneidermeisters wuchs Alfred Schär in Hamburg auf, besuchte von 1894 bis 1902 die Volksschule und bis 1908 das Seminar für Volksschullehrer. Vor Abschluss der Lehrerprüfung hatte er bereits an der Schule der Taubstummenanstalt hospitiert, was seine Einstellung dort als Hilfslehrer günstig beeinflusste. Nach der zweiten Lehrerprüfung 1911 und der Prüfung für Taubstummenlehrer 1912 bekam er eine feste Stelle.

Da Schär an seiner Schule durch die Begleitung eines Schüleraustauschprogramms und durch ständige pädagogische Weiterbildung als besonders engagiert auffiel, war es nicht verwunderlich, dass er sich bereits ein Jahr nach seiner Verbeamtung auch einer Arbeitsgruppe am Phonetischen Laboratorium anschloss. Giulio Panconcelli-Calzia, der Institutsleiter, erforschte genau die Seite der Phonetik, die auch Schär am meisten interessierte, nämlich die experimentelle Phonetik. Von den Forschungsergebnissen versprach er sich verbesserte Methoden für die praktischen Sprechübungen mit seinen gehörlosen Schülern.

Von 1915 bis 1918 musste Schär als Kompanieführer am Ersten Weltkrieg teilnehmen. Nach seiner Rückkehr legte er dann umgehend die Kriegsreifeprüfung ab und schrieb sich 1919 als einer der ersten Studenten für acht Semester an der neu gegründeten Hamburger Universität ein.

Auch die Arbeit am Institut ging weiter. Schärs Zusammenarbeit mit Panconcelli-Calzia erwies sich für beide Seiten als gewinnbringend. Der Institutsleiter legte so viel Wert auf Schärs Mitarbeit, dass er bei der Schulbehörde einen Antrag stellte, in dem er für seinen Assistenten um eine siebenmonatige Beurlaubung von der Taubstummenschule bat. Auch die Elternschaft befürwortete die Weiterbildung des engagierten Lehrers, kam sein Engagement doch der Sprecherziehung ihrer Kinder zugute. Dieser Lebensabschnitt muss für Alfred Schär sehr glücklich gewesen sein.

Im Jahr 1918 hatte Alfred Schär die Lehrerin Antonie Ludwig geheiratet. Sie bekamen zwei Kinder, Erika und Dieter. Die Schärs lebten in Fuhlsbüttel, freundschaftlich verbunden mit der Lehrerfamilie Hertling. Da beide Paare sich ein Leben auf dem Land wünschten, die Großstadt Hamburg jedoch "immer näher rückte", beschloss man, mit anderen eine kleine Nachbarschaftssiedlung zu gründen. Die Wahl fiel auf Volksdorf, wo es am Wulfsdorfer Weg noch eine große unbebaute Fläche gab. Dort entstanden ab 1926 vier Doppel- und zwei Einzelhäuser mit Gartenland und privatem Kindergarten. Organisator des Projekts war Alfred Schär.

Im Herbst 1928 konnten Hertlings und Schärs ihr Doppelhaus am Wulfsdorfer Weg 77/79 beziehen. Das Siedlungsleben lief zunächst tatsächlich so idyllisch an, wie erhofft. Die sechs Familien teilten einen Brunnen, eine Kläranlage, einen 1500qm großen Spielplatz, der quer zu den Grundstücken lag. Hier durfte jedes Kind seinen eigenen Baum pflanzen.
Die Idee, in enger Nachbarschaft nah an der Natur zu leben, war in Schär durch seine Beschäftigung mit den bodenreformerischen Ideen Franz Oppenheimers (1864 – 1943) geweckt worden, wobei der gemeinnützige Aspekt des Siedlungsgedankens seinen Vorstellungen besonders entsprach. Die anderen Bewohner der Siedlung "Buchenkamp" empfanden die praktische Umsetzung dieser Ideen mit jahreszeitlichen Festen, Hausmusik, Literaturkreis und Nachbarschaftshilfe ebenfalls als bereichernde Lebensform. Bald nach dem Hausbau geriet die Schärfamilie jedoch in finanzielle Schwierigkeiten, da sie für einen befreundeten Handwerker eine Bürgschaft übernommen hatte. Deshalb sah sich das Ehepaar gezwungen, Untermieter aufzunehmen, was später zu Problemen mit den Nachbarn führen sollte.

Zu Beginn der 1930er Jahre unterrichtete Schär weiter an der Taubstummenschule Bürgerweide. Ehrenamtlich arbeitete er in der Gemeindeversammlung Volksdorf als Vertreter der SPD-Fraktion mit. Wie die Protokolle dieser Zeit zeigen, gingen mehrere sozialpolitische Anträge auf ihn zurück. Während Schär sich als Gemeindevertreter für den Stadtteil Volksdorf verantwortlich fühlte, fanden manche Nachbarn die Tatsache, dass er von 1930 bis 1932 der SPD angehörte, eher verdächtig. Zugezogene Vorhänge, Licht im Keller und im Garten verbranntes Papier reichten ihrer Meinung nach 1933 aus, anzunehmen, dass im Hause Schär "kommunistische Literatur" gedruckt wurde. Da der Verdacht sich zunächst auch auf Familie Hertling erstreckte, veranlasste NSDAP-Ortsgruppenleiter Natskow, dass beide Familien am 13. August 1934 einer Haussuchung durch die Gestapo unterzogen wurden, wegen des "Verdachts staatsfeindlicher Umtriebe". "Die Wohnung und die Nebenräume wurden eingehend durchsucht, aber weder komm. noch marx. Material vorgefunden", heißt es im abschließenden Bericht der Gestapo.

Damit war die Denunziationsbereitschaft am Wulfsdorfer Weg aber keineswegs befriedigt. Dass die Familie Schär wegen ihrer finanziellen Schwierigkeiten Untermieter jüdischer Herkunft aufgenommen hatte, wurde als "starke Zumutung" ausgelegt. Ein solcher "Volksgenosse" dürfe keine deutschen Kinder erziehen. Nachbarn in Volksdorf hielten eine Kundgebung ab, auf der eine Rede über das Thema "Der Jude als Feind der Volksgemeinschaft" gehalten und Schär heftig angegriffen wurde. Sie scheuten auch nicht davor zurück, ihm persönlich anzulasten, dass zwei jüdische Ärzte ihre Autos auf dem Gehweg vor seinem Haus abgestellt hatten. Schließlich wurde Schär von der Landesunterrichtsbehörde vorgeladen, um sich gegen solche "Vorwürfe" zu verantworten. Noch kam er mit einer Verwarnung von Oberschulrat Mansfeld davon.

Weiterhin ging Schär seiner Tätigkeit als Taubstummenlehrer nach, die ihn zunehmend psychisch belastet haben muss, denn seit September 1934 wurde er als Dolmetscher für Gehörlose zum "Erbgesundheitsgericht" berufen. Dort vernahm man "Erbkranke" im Sinne der Nationalsozialisten nach dem "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses". 23 Mal musste Schär vor diesem Gericht erscheinen! Es sollte jeweils festgestellt werden, ob es sich um einen angeborenen Hörschaden handelte. Für diesen Fall war meistens eine Zwangssterilisation vorgesehen. Dabei ist nicht auszuschließen, dass Schär über seine eigenen Schüler hat aussagen müssen. Gelegentlich versuchte er, sich durch Krankschreibung dieser belastenden Verpflichtung zu entziehen.

Ansonsten verlief seine berufliche Tätigkeit unauffällig. Seine angesehene Position in der Schule führte dazu, dass er als Mitglied im Arbeitskreis der Lehrer für Gehörlose und Sprachgeschädigte an der neuen Prüfungsordnung für Sprachheillehrer mitwirkte, die 1935 erschien. Soweit sein offizielles Leben .

Doch Alfred Schär gehörte zu den Menschen, die eine Unterordnung unter das nationalsozialistische Regime von Grund auf ablehnten und alles daran setzten, sich den damit verbundenen Zumutungen zu entziehen. Mit Gesinnungsgenossen arbeitete er systematisch an der Abwehr und Eindämmung der NS-Herrschaft. Dies geschah im Verborgenen, in dem Haus einer (jüdischen) Unternehmerin. Hier leitete Schär einen Wirtschaftskursus, in dem die Teilnehmer sich bemühten, hinter die Kulissen der offiziellen NS-Wirtschaftspolitik zu schauen.

Diesem Kreis gehörten Mitglieder und Freunde des "Internationalen Sozialistischen Kampfbundes" (ISK) an. Diese Organisation existierte seit 1925 und wurde 1933 - ebenso wie die KPD oder die SPD - verboten. Die ISK- Mitglieder arbeiteten illegal in Ortsgruppen weiter. Zwar hielten sie Grundregeln der konspirativen Tätigkeit ein und schützten sich vor Spitzeln, aber schließlich rollte die Gestapo die Organisation doch auf: "Im März 1936 wurde der ISK-Funktionär Hans Prawitt von der französischen Polizei an die Deutschen ausgeliefert, als er die Grenze überqueren wollte, und im Mai an die Gestapo seiner Heimatstadt Hamburg überstellt. Der 22 Jährige wurde misshandelt und brach psychisch zusammen. Es war für die Gestapo ein leichtes, die Namen der führenden Funktionäre und die internen Verbindungen aus ihrem Opfer herauszuholen. Eine Verhaftungswelle rollte durch das Reich. Allein in Hamburg wurden 30 ISK-Mitglieder festgenommen, unter ihnen Alfred Schär."

Schär wurde der "Beihilfe zum Hochverrat" bezichtigt. Am 10. Februar 1937 holte ihn die Gestapo zur "Vernehmung" ab. Als er abgeführt wurde, versammelten sich empörte Nachbarn vor seinem Haus. Sie machten sich daran, die Fensterscheiben mit Steinen einzuwerfen. Nachbar G. aus Nr. 83 gelang es jedoch, den Übergriff zu verhindern, indem er sich schützend vor das Gebäude stellte.

Toni und Alfred Schär wussten, dass ihr Abschied endgültig war. Alfred Schär kam in das Konzentrationslager Fuhlsbüttel. Nach Mitteilung der Gestapo soll er sich am 13. Februar 1937 in seiner Zelle erhängt haben.

Die Gestapo untersagte die Beerdigung auf dem Friedhof Bergstedt. Als die Familie darum bat, von dem Toten Abschied nehmen zu dürfen, wurde ihr dies mit dem Hinweis, die Leiche solle verbrannt werden, nicht erlaubt. Kurz vor der Trauerfeier in Ohlsdorf drohte die Gestapo Alfreds Bruder Hans Schär damit, das Krematorium räumen zu lassen, falls der Andrang der Trauergäste nicht umgehend aufhöre.

"Nach Alfred Schärs Tod 1937 lastete dieser Mord wie ein dunkles Geheimnis auf den Kindern der Siedlung, mit denen die Erwachsenen kaum darüber sprachen", so die Erinnerung eines damaligen Kindes der Siedlungsgemeinschaft.

Der Nachbar Hertling setzte Ende der 50ger Jahre zur Erinnerung an Alfred Schär einen Stein auf dem ehemaligen Spielplatz der Siedlung. 1964 wurde in Hamburg-Lohbrügge eine Straße nach Alfred Schär benannt.

Dieser Text beruht wesentlich auf Quellenrecherchen, die Dr. Iris Groschek durchgeführt hat.

© Ursula Pietsch

Quellen:
StaHH 361-3, Personalakte A. Schär, A 879; AfW, 050887; Protokoll der Gemeindevertretersitzung StaHH 416-1/1, XXVII B, Band 7; Iris Groschek, Dorothea Elkan und Alfred Schär, in: Das Zeichen, Bd.10 (1996), Nr. 37, S. 311; Ursula Pietsch, Volksdorfer Schicksale. in: Unsere Heimat Die Walddörfer, Nr.6/2004, S. 80; Barbara Beuys, Vergesst uns nicht, Reinbek 1987, S. 347; Leserbrief von Jürgen Moltmann, in: Wochenblatt Markt, 24.8.2006; Interviews mit Gertraud Hertling, Beate Schaible und Verena Puig, 2003-2006.

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