Namen, Orte und Biografien suchen


Bereits verlegte Stolpersteine



Herbert Thörl * 1889

Eißendorfer Pferdeweg 12 (Harburg, Heimfeld)


HIER WOHNTE
DR. HERBERT
THÖRL
JG. 1889
IM WIDERSTAND
DENUNZIERT 1945
INHAFTIERT
FUHLSBÜTTEL, NORDMARK
ENTLASSEN 30.4.1945
TOT AN HAFTFOLGEN
3.6.1945

Weitere Stolpersteine in Eißendorfer Pferdeweg 12:
Peter Harms, Uwe Anton Hinsch, Ewald Kuhlmann, Alfred Rahnert, Walter Carl Stein

Dr. Herbert Thörl, geb. 17.3.1889 in Harburg, an Haftfolgen am 3.6.1945 gestorben

Stadtteil Heimfeld, Eißendorfer Pferdeweg 12

Der Chemiker und Unternehmer Herbert Thörl war ein Sohn des Fabrikdirektors Friedrich Thörl, geb. am 10.4.1857 in Harburg, und seiner Frau Julie, geb. Liebermann, geb. am 29.1. 1862 in Doal (Großbritannien). Die Familie wohnte zur Zeit der Geburt Herbert Thörls in der Schloßstraße 46.

Herbert Thörl heiratete die Hausfrau Ilse Behne, geb. am 17.8.1897 in Delmenhorst. Sie hatten drei Töchter: Anneliese, geb. am 1.5.1922 in Harburg, Helga, geb. am 29.7.1924 in Harburg, und Rosemarie, geb. am 9.4.1928 in Harburg-Wilhelmsburg. Zeitweise lebte die Familie in der Villa Eißendorfer Pferdeweg 12.

Herbert Thörl besuchte das Realgymnasium in Harburg am (heutigen) Alten Postweg. Es folgte das Chemiestudium mit Doktorexamen. Am 30. Oktober 1922 gründete er mit seinem Bruder Erich die Firma Dr. H. & E. Thörl. Es war eine Getreiderösterei, eine Offene Handelsgesellschaft mit Sitz in Hamburg. 1924 erwarb die Gesellschaft eine Margarinefabrik. Herbert Thörl wurde 1939 außerdem persönlich haftender Gesellschafter der Firma Nielsen & Wüstner. 1929 zog er nach Hamburg-Winterhude, Blumenstraße 31.

Später wurde die Stadt Eigentümerin des Hauses am Eißendorfer Pferdeweg, hier logierte die Kreisschule der NSDAP und deren Gauleiter von Hannover-Ost, Otto Telschow, nahm hier vorübergehend seinen Wohnsitz. Harburg gehörte bis zum Anschluss an Hamburg 1938 zu diesem Gau, Sitz der Gauleitung war zuerst Buchholz, dann Harburg-Wilhelmsburg.

Herbert Thörl trat vor 1933 der Ortsgruppe des "Stahlhelm" in Winderhude bei und wurde deren führendes Mitglied. Seine politische Einstellung war vermutlich deutschnational. Allerdings stand er in strikter Gegnerschaft zur judenfeindlichen Politik der NSDAP und vertrat offensiv seinen christlichen Glauben. Im Juni 1935 wurde er zum ersten Mal verhaftet, Gründe und Haftdauer sind bisher nicht bekannt. Er bildete später einen oppositionellen Kreis gegen die NSDAP, der über Hamburg hinaus reichte.

Nach Kriegsbeginn 1939 wurde das Abhören ausländischer Sender verboten. Wer sie dennoch abhörte, besonders "Feindsender" wie BBC oder Radio Moskau, und anderen davon berichtete, konnte wegen "Feindbegünstigung" oder "Rundfunkverbrechen" mit dem Tode bestraft werden.

Gegen Kriegsende gerieten auch Herbert Thörl und zwei seiner Töchter wegen dieser Rundfunkbestimmung in die Fänge der Gestapo. Er war denunziert worden und kam am 28. März 1945 ins Gestapo-Gefängnis Fuhlsbüttel in Haft wegen "staatsfeindlicher Äußerungen" und des Abhörens von "Feindsendern". Außerdem beschuldigte die Gestapo ihn, eine "Einheit zur Vernichtung der Alten Kämpfer in Winterhude" gebildet zu haben, womit offensichtlich der oppositionelle Kreis gemeint war.

Am 4. April nahm sie seine Töchter Anneliese und Helga fest und lieferte sie ebenfalls in Hamburg-Fuhlsbüttel ein. Anneliese Thörl wurde von dort am 12. April nach Hause entlassen. Helga Thörl war bereits im Dezember 1942 in Fuhlsbüttel in Haft gewesen. Sie soll sich in der Öffentlichkeit englandfreundlich geäußert haben. Herbert und Helga Thörl kamen dann am 13. April 1945 ins Arbeitserziehungslager Nordmark der Gestapo im Kieler Stadtteil Russee. Dieses Lager war in der Bevölkerung bekannt und verhasst. Man sagte in Kiel scherzhaft zu unbotmäßigen Arbeitern: "Du kommst nach Russee." Helga Thörl gab an, sie sei in der Haft geschlagen worden, sie zog sich ein Herz- und Nierenleiden zu.

Am 30. April 1945 wurden beide aus Kiel-Russee entlassen. Nach Kriegsende erkrankte Herbert Thörl an Pneumonie (Lungenentzündung), er starb im Krankenhaus Hamburg-Eppendorf am 3. Juni. Den kausalen Zusammenhang von Haft und Tod bestätigte ein Schreiben des Universitätskrankenhauses Eppendorf vom 15. Juni 1945.

Der Denunziant namens Gerhard Lindner hatte noch einen weiteren Bewohner im Hause der Thörls wegen Waffenbesitzes angezeigt. Er ging nach Kriegsende nach Augsburg und wurde vom Landesausschuss der politisch Verfolgten in Bayern gesucht. Über das Ergebnis ist nichts bekannt.

Seit 1988 gibt es den Herbert-Thörl-Weg (Langenbeker Feld).

© Hans-Joachim Meyer

Quellen: StaH, 332-8 Meldewesen, A44; StaH, 351-11, AfW, Herbert Thörl; StaH, Adressbücher Harburg-Wilhelmsburg und Hamburg; VVN, VVN, Komitee-Akten; Heyl/Maronde-Heyl, Abschlussbericht; Totenliste VAN.

druckansicht  / Seitenanfang