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Bereits verlegte Stolpersteine



Elisabeth Rosenkranz * 1906

Armgartstraße 4 (Hamburg-Nord, Hohenfelde)

KZ Neuengamme
ermordet April 1945

Weitere Stolpersteine in Armgartstraße 4:
Alice Hertz, Eduard Hertz, Rudolf Ladewig

Elisabeth Anna Rosenkranz, geb. am 6.3.1906, in Kassel, verhaftet am 23.3.1945, "Schutzhäftling" im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel, ermordet am 22.4.1945 im KZ Neuengamme
Rudolf Wilhelm Ladewig, geb. am 30.3.1893 in Brodersdorf bei Rostock, verhaftet am 23.3.1945, "Schutzhäftling" im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel, ermordet zwischen dem 22. und dem 24. April 1945 im KZ Neuengamme

Armgartstraße 4

In den Nächten vom 22. zum 24. April 1945 wurden im Arrestbunker des Konzentrationslagers Neuengamme 58 Männer und 13 Frauen ermordet. Zwölf der Frauen wurden erhängt, eine wurde erschlagen, einige der Männer wurden von Handgranaten zerfetzt, die anderen mit Genickschuss getötet. Bei diesen 71 Personen handelte es sich um sogenannte Schutzhäftlinge der Gestapo Hamburg aus dem Polizeigefängnis Fuhlsbüttel. Sie wurden ohne jedes Gerichtsverfahren getötet. Sie galten als "gefährliche, unbedingt zu beseitigende Elemente" und sollten den heranrückenden alliierten Truppen auf keinen Fall lebend in die Hände fallen. Die Zusammenstellung der Namen hatte der Höhere SS- und Polizeiführer des WehrkreisesX "Nordsee", zu dem Hamburg gehörte, der Generalleutnant der Waffen-SS Georg Henning Graf Bassewitz-Behr angeordnet. In der Abteilung IV ("Innenpolitische Polizei") der Staatspolizeileitstelle Hamburg entstanden daraufhin zwei Listen, eine mit 33 Namen politischer, vorwiegend deutscher Häftlinge, und eine zweite mit den Namen von 38 sowjetischen und polnischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen. Beide Listen existieren nicht mehr. Sie wurden in den letzten Kriegstagen in der großen Verbrennungsaktion der Gestapo vernichtet.

Unter den Ermordeten befanden sich Elisabeth Rosenkranz und ihr Lebensgefährte Rudolf Wilhelm Ladewig sowie dessen Kinder Rudolf Karl Ladewig, geboren am 19.2.1923, und Annemarie Ladewig, geboren am 5. Juni 1919 (s. a. unter "Rudolf Ladewig" in diesem Buch, in "Stolpersteine in Hamburg-Winterhude" und auf www.stolpersteine-hamburg.de).

Elisabeth Rosenkranz war eine Tochter des Kunst- und Bauschlossermeisters Heinrich Rosenkranz (1882–1954) aus Neustadt (Hessen) und seiner Ehefrau Anna Katharina geborene Hohmann (1883–1959) aus Melsungen. Sie hatte noch drei jüngere Schwestern: Dora, Gerda und Brunhilde. Die Mutter Anna Katharina führte als ausgebildete Wirtschaftsleiterin in Kassel ein Fremdenheim. Es wurde im Krieg von Bomben zerstört.

Elisabeths Interessen lagen auf künstlerisch-handwerklichem Gebiet. Im Anschluss an das Abitur 1924 absolvierte sie eine Schneiderlehre. Nach bestandener Gesellenprüfung besuchte sie sechs Semester lang die Werkkunstschulen in München und Düsseldorf und unternahm Studienreisen in die Niederlande und nach Italien. Ihre späteren Berufsangaben wechselten zwischen Innenarchitektin, Sekretärin und kaufmännischer Angestellten. Verschiedentlich wurde sie auch als Antiquitätenhändlerin bezeichnet. Ihre "mütterliche Freundin" Selma Möllendorf charakterisierte sie gegenüber den Hamburger Ermittlungsbehörden am 27. September 1945 mit den Worten: "Frau Rosenkranz war ein genial begabter Mensch, musikalisch, sie konnte malen, modellieren, zeichnen, singen und hatte auch kaufmännische Fähigkeiten. Sie war ein sehr ästhetischer und gutmütiger Mensch. Sie war ein prachtvoller Mensch."

Mit 22 Jahren heiratete Elisabeth am 8. August 1928 in Kassel den dort ansässigen Kaufmann August Franz Beck. Nicht einmal ein Jahr später, am 31. Juli 1929, wurde die Ehe geschieden und Elisabeth nahm ihren Geburtsnamen Rosenkranz wieder an. Auch verließ sie Kassel bald danach. 1932 wohnte sie wieder in Hamburg, in der Marckmannstraße 121, 2. Etage, in Billwerder. Spätestens seit etwa 1936 ging es ihr finanziell offenbar sehr gut. So zog sie 1937 aus Billwerder in eine feinere Gegend, in den Schwanenwik 29 IV. an der Alster. Auch hatte sie, was damals keine Selbstverständlichkeit war, einen eigenen Telefonanschluss, spielte Tennis, ging Reiten, nahm Klavierunterricht und beschäftigte eine tägliche Haushaltshilfe. Sie machte den Führerschein. Außerdem besaß sie eine Eigentumswohnung Am Langenzug 19 in Uhlenhorst, die vermietet war und 225 Reichsmark im Monat einbrachte. 1938 und 1939 lebte sie in Chile. Möglicherweise hatte sie angesichts der politischen Veränderungen durch das NS-Regime beabsichtigt auszuwandern, denn im Einwohnermeldeamt Hamburg sind ein chilenischer Identifikationsausweis und ein Rückwandererausweis registriert. Sie kehrte demnach aber zurück und wohnte ab 1940 An der Alster 35 II; im Juli 1941 ließ sie sich gleich um die Ecke in der Armgartstraße 4, 3. Etage, nieder. Hier lebte sie bis zu ihrer Verhaftung am 22. März 1945.

Über die Einrichtung ihrer Wohnung dort, ihren Hausrat, ihre Garderobe, über ihren Bestand an Bildern und Büchern sind wir sehr gut informiert, da Elisabeth Rosenkranz eine besonders ordentliche und sorgfältige Frau gewesen sein muss und genaue und wohlsortierte Listen ihres Besitzes anlegte. Die Verzeichnisse sind erhalten, zum Teil liegen ihnen die Einkaufsquittungen bei. Unter dem Titel "Mein Hab und Gut" sind unter anderem aufgeführt: ein kostbarer, gerade erworbener Pelzmantel (Anzahlung 600 Reichsmark), 16 Hüte, Meißner Porzellan, zwei Radioapparate, ein Plattenspieler etc. Ein Vertreter der Leipziger Feuer-Versicherungsanstalt taxierte den Wert des Ganzen, ohne die Bibliothek, auf 41.560 Reichsmark und schloss mit Elisabeth Rosenkranz am 20. Juli 1943 eine fünf Jahre geltende Hausratsversicherung über 60.000 RM ab (Feuer, Einbruchdiebstahl, Leitungswasser). Der Jahresbeitrag waren 60 Reichsmark.

Es weist einiges darauf hin, dass die schön gelegene, reich ausgestattete Wohnung und nicht zuletzt ihre umfangreiche, bewusst zusammengestellte Bibliothek für die Gestapo und besonders deren V-Mann Alfons Pannek der entscheidende Anreiz waren, Elisabeth Rosenkranz zu verfolgen. In weiten Teilen war die Bibliothek gutbürgerlich sortiert, von Homer über Dante, Lessing, die deutsche Klassik und Romantik bis hin zu Schopenhauer, Tolstoi, Dostojewski. Es waren aber auch modernere sowie in der NS-Zeit missliebige Autoren vertreten wie Büchner, Heine, Strindberg, Heinrich Mann, Wedekind, Sinclair und Martin Buber. Einen großen Teil mit über 60 Titeln nahm die Abteilung Fachliteratur ein. Sie enthielt unter anderem Werke zu dem Architekten Fritz Höger, der 1922 bis 1924 das Chilehaus in Hamburg erbaute und später Mitglied der NSDAP wurde, zu niederdeutschem Backsteinbau, zu Kunstgeschichte, Kunsthandwerk (etwa Adolf G. Schneck, Der Stuhl) und einzelnen Künstlern aus unterschiedlichen Epochen wie Rubens, Tiepolo, van Gogh, Daumier und Zille.

Elisabeth Rosenkranz’ Lebensgefährte Rudolf Wilhelm Ladewig war Architekt und mit seiner Frau Hildegard (geborene Bucka, geboren 1892 in Posen) und den beiden Kindern Annemarie und Rudolf Karl 1935 nach Hamburg gekommen. In theoretischen Abhandlungen wie im Praktischen hatte er sich vor allem dem Bau von Kleinwohnungen zugewendet und sich auf diesem Gebiet einen Namen gemacht – besonders mit der Errichtung der sogenannten Sternsiedlung in Reichenbach/Vogtland (1932/33), einem System von einstöckigen Sechsecken. Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten wurde es schwierig für ihn, an seinem Wohnort Reichenbach weiterhin gute Aufträge zu bekommen. Er war als Sozialdemokrat bekannt, vor allem aber: Seine Frau Hildegard war Jüdin. So verließ die Familie Reichenbach. In Hamburg hatte Rudolf Ladewig sen. keinen Mangel an Aufträgen. Unter anderem arbeitete er für das Notwohnungsprogramm des Reichsverteidigungsbezirks Hamburg, für das Auswärtige Amt und für die Deutsche Akademie für Wohnungswesen in Berlin. Zeitweilig war er in den Büros so bedeutender Architekten wie Fritz Höger und Rudolf Klophaus tätig. Letzterer errichtete 1938 für das nationalsozialistische "Hamburger Tagblatt" das Pressehaus am Speersort und "damit gewissermaßen [die] Hamburger Propagandazentrale des ,Dritten Reiches’", so der Hamburger Kunsthistoriker Hermann Hipp. Klopphaus entließ Ladewig wegen dessen "Mischehe" im Juli 1944. Zusätzlich wurde Ladewig nun auch von Behördenseite schikaniert: Obwohl er im Ersten Weltkrieg ein Bein vom Oberschenkel an verloren hatte und ihn Entzündungen und Schmerzen plagten, wurde er als "jüdisch Versippter" zur Zwangsarbeit auf dem Bau dienstverpflichtet. Seine Kinder wurden als "Mischlinge ersten Grades" ebenfalls dazu eingezogen: Annemarie musste Zwangsarbeit auf der Howaldtswerft leisten, Rudolf Karl im Freihafen Trümmer räumen.

Seine Frau Hildegard litt zunehmend unter Ängsten und "Nervenproblemen". Auf Wunsch der Familie kam sie im Sommer 1944 in die Psychiatrische und Nervenklinik (PNK) am Universitätskrankenhaus Eppendorf. Klinikleiter war Professor Hans Bürger-Prinz, der der NS-Gesundheitspolitik zumindest wohlwollend gegenüberstand. Dort starb Hildegard Ladewig am 30. November 1944 unter ungeklärten Umständen. Die Klinik nannte als Grund Suizid.

Im Laufe des Jahres hatte Rudolf Ladewig sen. sein Büro in der Wohnung von Elisabeth Rosenkranz eingerichtet. Sie war seit einiger Zeit bei ihm angestellt, galt als gleichrangige Mitarbeiterin und erhielt ein beachtliches Einkommen von 800 bis 1000 Reichsmark im Monat. Ihrer Mutter in Kassel, deren Pension zerbombt worden war, überwies sie davon seit Oktober 1943 jeden Monat 125 Reichsmark. Elisabeth und Rudolf waren unterdessen ein Paar geworden.

Wie aber kamen Elisabeth Rosenkranz und Rudolf Wilhelm Ladewig als "unbedingt zu beseitigende gefährliche Elemente" auf die Todesliste der Gestapo? Sicher ist, dass beide gegen das NS-Regime eingestellt waren. In Gesprächen mit dem Gestapospitzel Alfons Pannek machten sie kein Hehl aus ihrer Haltung. Getarnt als Antifaschist und Betreiber der Leihbücherei Wendloher Weg 13 in Eppendorf, hatte Pannek Kontakt zu Elisabeth Rosenkranz, der Bücherliebhaberin, aufgenommen. Elisabeth, voller Vertrauen, lieh ihm sogar für einige Tage eine NS-kritische Schrift, die er kopierte, um das Beweisstück seinem Führungsmann in der Gestapo, dem Kriminalsekretär und SS-Sturmbannführer Henry Helms darzubringen. Helms war Leiter des Sachgebiets IVA1 "Kommunismus" (Organisation seit 1944). So wie viele andere in den Kriegsjahren, hörten Elisabeth Rosenkranz und Rudolf Wilhelm Ladewig auch den deutschsprachigen Dienst des BBC. Diese mehr passive Gegnerschaft zum NS-System hätte jedoch wohl kaum ausgereicht, um sie auf die Liquidationsliste zu setzen.

Weiter: Aus den Vernehmungen und Zeugenaussagen in dem Verfahren gegen zwölf ehemalige Hamburger Gestapo-Beamte und deren Mitarbeiter vor dem Hamburger Landgericht/Schwurgericht (1947/49), dem sogenannten Helms-Prozess, geht eindeutig hervor, dass beide zwar gelegentlichen Kontakt zu Personen der Hamburger Widerstandsgruppe KdF ("Kampf dem Faschismus") hatten, aber nicht zu den aktiven Mitgliedern zählten. Von leitenden Personen der Gruppe, die überlebt haben, wie Carl Schultz, wurden sie nur auf Nachfrage und als ganz am Rande stehend erwähnt (Helms-Prozess, Ordner 13, Blatt 10). Es besteht kein Zweifel, dass sie für die KdF-Gruppe von wesentlich geringerer Bedeutung waren als Persönlichkeiten wie Harry Breckenfelder, Erich Mau, Karl Raetsch und einige andere, die zur Leitung der Gruppe gehörten, der Gestapo und vor allem dem V-Mann Alfons Pannek bekannt waren und trotzdem nicht auf die Liste kamen. Pannek wusste über KdF genauestens Bescheid, denn er hatte es bis in deren Führungsebene geschafft. Auf ihn ging der Name KdF zurück, der sich ironisch auf das nationalsozialistische Freizeitprogramm "Kraft durch Freude" mit der selben Abkürzung bezog, er stellte sogar Mitgliedsausweise aus.

Gegen Rudolf Wilhelm Ladewigs Kinder Annemarie und Rudolf Karl lag überhaupt nichts vor. Das bestätigte vor dem Schwurgericht Henry Helms Sekretärin, Ursula Prüssmann. Sie saß mit Helms im selben Raum, erlebte die Verhöre und Misshandlungen mit und schrieb die Protokolle (Helms, Ordner 8, Blatt 120).

Elisabeth Rosenkranz sowie Rudolf Wilhelm, Annemarie und Rudolf Karl Ladewig wurden im März 1945 wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" von Helms und dem Kriminal-Assistenten Ernst Lietzow festgenommen und als sogenannte Schutzhäftlinge in das Polizeigefängnis Fuhlsbüttel eingeliefert.

Warum aber kamen sie alle vier auf die Liquidationsliste? Es kann kaum Zweifel daran bestehen, dass in diesem wie in anderen Fällen die Verhaftung und dann die Ermordung den Weg frei machen sollte für Straftaten von Gestapo-Männern und deren Zuträgern, vor allem zwecks Ausplünderung der Wohnungen von Verhafteten. Darüber hinaus wollten sie Zeugen beseitigen, die nach dem Krieg gefährlich werden konnten. Auf diese Art wurde die Wohnung der Hamburger Widerstandskämpferin Helene Heyckendorf "freigemacht". Panneks Unter-V-Mann Heinrich Lübbers und seine Sekretärin Helene Reimers quartierten sich gleich nach Helene Heyckendorfs Verhaftung ein, dann wurde Stück für Stück ausgeräumt. Die Widerstandskämpferin Erika Etter wurde verhaftet, weil sie durchschaut hatte, dass Lübbers ein Spitzel war. Auch Helene Heyckendorf und Erika Etter gehörten zu den 13 Frauen, die in Neuengamme ermordet wurden (s. www.stolpersteine-hamburg.de).

Alfons Pannek, der angeblich "antifaschistische" Betreiber einer Leihbücherei (die in Wirklichkeit der Gestapo unterstand), hatte es vor allem auf die Bibliothek von Elisabeth Rosenkranz abgesehen, doch war auch der Rest der Wohnungseinrichung nicht zu verachten. Kriminal-Assistent Ernst Lietzow war ohnehin auf der Suche nach einer schönen Wohnung. Die Zuweisung durch das Wohnungsamt war für die Gestapo nie ein Problem. Aber da waren die potentiellen Zeugen: die Geschwister Ladewig. Wahrscheinlich gelangten sie deshalb auf die Liste.

Eine alte Bekannte von Elisabeth Rosenkranz, Liselotte Hinze, die ausgebombt war und die Elisabeth aus Gefälligkeit bei sich aufgenommen hatte, erwärmte sich rasch für die Geheimpolizisten, übernahm kleine Zuträgerdienste für sie wie das Notieren von Telefonanrufen für Elisabeth oder die Namen von Besuchern. Sie durfte nach Elisabeths Verhaftung in der Wohnung bleiben. Für ein paar Wochen, bis die Briten kamen, nisteten sich Lietzow und Freunde von der Gestapo bei ihr ein und genossen das Leben.

Als Elisabeths Schwester Brunhilde Rosenkranz nach dem Krieg zusammen mit Rudolf Ladewigs Schwester Lotte Müller-Spreer die wieder Gestapo-freie Wohnung betraten, waren sie entsetzt. Mehrere Kleider- und Bücherschränke waren leer geräumt, es fehlte der Schmuck, es fehlte eine Reihe anderer wertvoller Gegenstände. Das "Hab und Gut"-Verzeichnis von 1943, das erhalten war, ließ daran keine Zweifel. Verschwunden war auch Bargeld in Höhe von etwa 37.000 Reichsmark. Rudolf Ladewig – so hatte er es seiner Schwester Lotte kurz vor der Verhaftung selbst mitgeteilt – hatte den Betrag gerade als Honorar von der Deutschen Akademie für Wohnungswesen erhalten und in der Wohnung aufbewahrt. Völlig leergeräumt war auch sein Atelier. Von seinen Zeichnungen, seinen Schriften, seinen Notizen war nichts mehr übrig.

Am Freitag, dem 20. April 1945, wurden Elisabeth Rosenkranz und die drei Ladewigs zusammen mit den anderen Frauen und Männern in das Konzentrationslager Neuengamme gebracht. Das wurde gerade evakuiert. Nachdem auch die 4000 dänischen und norwegischen Gefangenen, die dort zusammengezogen worden waren, am 22. April mit den "Weißen Bussen" des Schwedischen Roten Kreuzes das Lager verlassen hatten, war der Zeitpunkt gekommen, das Massaker ohne unliebsame Zeugen durchzuziehen. Die Leitung hatte der Straflagerführer und SS-Obersturmführer Anton Thumann. Abwechselnd beteiligt waren vier Blockführer im Rang von SS-Unterführern mit einem Trupp von jeweils fünf bewaffneten Wachmännern. Mehrere Strafgefange waren zum Erhängen der Opfer befohlen, zum Abnehmen der Toten, dem Abtransport der Leichen zum Lager-Krematorium und zur wiederholten Reinigung der Mord-Stätte.

Etwa von 22 Uhr an wurden in zwei Gruppen zunächst die Frauen im Gang des Arrestbunkers stranguliert. Als nach Mitternacht die ersten 20 bis 25 Männer aus dem Gefangenen-Block 20 herbeigeschafft waren und die Morde weitergehen sollten, wehrten sich die Gefangenen mit Fäusten und Brettern aus zerlegten Zellen-Pritschen, mit einem Messer und mit der Pistole, die sie Thumann aus der Hand schlugen. Ein Schuss verletzte ihn an der Hand. Der völlig unerwartete und die Mörder schockierende Widerstand wurde nach einiger Verwirrung mit Handgranaten und Maschinenpistolen niedergemacht. Dabei wurde eine Frau entdeckt, die sich unter einer Pritsche versteckt hatte und ihrer Ermordung vorübergehend entgangen war. Über ihr Ende widersprechen sich Täter wie Zeugen. Sie sei mit einem Stein erschlagen worden, heißt es; sie sei mit einer Salve aus der Maschinenpistole erschossen worden, sagen andere. Wer diese Frau war, wissen wir nicht. In der folgenden Nacht, der Nacht vom 23. auf den 24. April, ergaben sich die verbliebenen 35 bis 40 Männer ihrem Schicksal. Thumann ließ sich einen nach dem anderen in den Flur vor den Zellen bringen und tötete ihn mit Genickschuss. Das gab er im Neuengamme Hauptprozess vor dem britischen Militärgericht am 9.4.1946 ohne Umschweife zu: "Jawohl, ich habe alle selbst erschossen."

Wir sollten nicht vergessen: Von den 71 Opfern sind uns die Namen von 13 Frauen und 20 Männern bekannt. Sie standen auf der Liquidationsliste der Referate von Henry Helms und Emil Eggers. Doch wer waren die anderen 38 Männer? Es waren, so viel ist sicher, Kriegsgefangene bzw. Zwangsarbeiter, Polen und Angehörige der Sowjetunion. Der Leiter des Referats IVE2 ("Arbeitsvernachlässigung, Betriebssabotage") Kriminalkommissar Albert Schweim hatte sie in einer separaten Liste zur Liquidation bestimmt. Wie sie hießen, warum sie ermordet wurden – wir wissen es nicht. Der Widerstand im Arrestbunker aber, das ist sicher, ist auf sie zurückzuführen.

In den britischen Militärgerichtsverfahren 1946/47 (den sogenannten Curiohaus-Prozessen) ging es ausschließlich um die Ahndung der Verbrechen an Angehörigen der Alliierten, die Verbrechen an Deutschen blieben unbeachtet. Graf Bassewitz-Behr, der die Liquidationslisten angeordnet und jene mit den deutschen Opfern abgezeichnet hatte, wurde mangels Beweises freigesprochen. Er wurde wegen seiner vorangegangenen Tätigkeit in der Ukraine an die Sowjetunion ausgeliefert und starb 1949 in einem ostsibirischen Arbeitslager. Straflagerführer Thumann und andere Täter des KZ Neuengamme wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Im Prozess vor dem Hamburger Landgericht/Schwurgericht (9. Mai 1947 bis 2. Juni 1949) erhielt Alfons Pannek die höchste Strafe von allen Angeklagten: zwölf Jahre Zuchthaus. Sein Führungsmann Henry Helms wurde für seine Verbrechen mit neun Jahren Zuchthaus bestraft. Panneks Urteil wurde aus formalen Gründen nicht rechtskräftig, das Verfahren 1951 eingestellt, er wurde entlassen. Helms kam vorzeitig frei im November 1953. Albert Schweim, der die 38 ausländischen Opfer zum Tode verurteilt hatte, war den Briten entflohen, untergetaucht und lebte unter falschem Namen und unerkannt mit seiner "Verlobten", einer Polin, in Dortmund. Er starb 1975, ohne je vor Gericht gestellt worden zu sein.


Anmerkung: Die Ermordung der 71 "Schutzhäftlinge" und ihre Vorgeschichte ist, mit unterschiedlichen Akzenten und unterschiedlicher Ausführlichkeit, auch in mehreren anderen Hamburger Stolperstein-Biografien dargestellt – außer in den hier erwähnten zu Annemarie und Rudolf Ladewig jr. zum Beispiel in den Texten zu Erna Behling, Margit und Paul Zinke (alle in "Stolpersteine in Hamburg-Eppendorf und Hamburg-Hoheluft-Ost") sowie Erika Etter und Hanne Mertens (beide in "Stolpersteine in Hamburg-Winterhude").

Für Hildegard Ladewig soll noch ein Stolperstein in der Blumenstraße 32 verlegt werden.

Stand: Mai 2016
© Johannes Grossmann

Quellen: StaH 213-11 Staatsanwaltschaft Landgericht 2694/56 Strafsachen gegen Henry Helms und Andere, 23 Bände, besonders 1 bis 5, 8, 9, 18, 21, 23 (Urteil); StaH 351-11 Amt für Wiedergutmachung 6443 (E. Rosenkranz), 300493 (R. Ladewig sen.); Hamburger Adressbücher 1929 bis 1965; Freundeskreis der Gedenkstätte Neuengamme e.V. (Hrsg.), Curiohaus-Prozess, verhandelt vor dem britischen Militärgericht in der Zeit vom 18. März bis zum 3. Mai 1946 gegen die Hauptverantwortlichen des KZ Neuengamme, Hamburg 1969, 3 Bde.; Maike Bruchmann, Annemarie Ladewig, Rudolf Karl Ladewig, in: Stolpersteine in Hamburg-Winterhude. Biographische Spurensuche, Hamburg, 2008, S. 133–138; Johannes Grossmann, Die letzten Toten des Konzentrationslagers Neuengamme, in: Hamburger Abendblatt, Magazin, 4.4.2015, online auf: www.abendblatt.de/hamburg/article205239105/Die-letzten-Toten-des-Konzentrationslagers (letzter Zugriff 27.7.2015) und in: Christliche Israelfreunde Norddeutschlands, Marsch des Lebens, http://mdl.cindev.de/die-letzten-toten-des-konzentrationslagers-neuengamme (letzter Zugriff 27.7.2015); Beate Meyer, Eine unheilige Personalunion: Gestapobeamter und Parteigenosse – Henry Helms, in: dies., "Goldfasane" und "Nazissen". Die NSDAP im ehemals "roten" Stadtteil Hamburg-Eimsbüttel, Hamburg, 2002, S. 105ff.; Ursel Hochmuth/Gertrud Meyer, Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand 1933–1945, Berichte und Dokumente, Frankfurt a. M., 1980; Herbert Diercks, Gedenkbuch Kola-Fu. Für die Opfer aus dem Konzentrationslager, Gestapogefängnis und KZ-Außenlager Fuhlsbüttel, Hamburg, 1987; ders., Dokumentation Stadthaus. Die Hamburger Polizei im Nationalsozialismus, hrsg. v. d. KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Hamburg, 2012; ders., Dokumentation Stadthaus. Die Hamburger Polizei im Nationalsozialismus, hrsg. v. d. KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Hamburg, 2012, S. 36; ders., Der Einsatz von V-Leuten im Sachgebiet "Kommunismus" der Hamburger Gestapo 1943 bis 1945, in: KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hrsg.), Beiträge zu Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland, Heft 15, Polizei, Verfolgung und Gesellschaft im Nationalsozialismus, Bremen, 2013, S. 119–135; Karin Schawe, Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Ein Überblick über die Geschichte des Ortes u. die Arbeit der Gedenkstätte, hrsg. v. d. KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Hamburg, 2010; Hermann Hipp, Vortrag in der Katholischen Akademie Hamburg, 23. November 2006, Online-Download von: www.hamburg-domplatz.de/site/downloads/1900_32_hipp.pdf (letzter Zugriff 27.7.2015); Universitätskrankenhaus Eppendorf, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie: Geschichte der Klinik, online unter: www.uke.de/kliniken/psychiatrie/index_15716.php (letzter Zugriff 27.7.2015).

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