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Bereits verlegte Stolpersteine



Rolf Baruch und Lucie Hahn aus Wien 1938 in Ahrensdorf bei Berlin zur Vorbereitung auf die Emigration nach Palästina
© Yad Vashem

Rolf Arno Baruch * 1920

Hirtenstraße 17 (Hamburg-Mitte, Hamm)

1943 Auschwitz ermordet
1943 Lager Neuendorf KZ Mittelbau Dora

Weitere Stolpersteine in Hirtenstraße 17:
Georg Baruch, Marion Baruch

Georg Baruch, geb. 21.2.1881, deportiert am 8.11.1941 nach Minsk
Marion Baruch, geb. 18.3.1919, deportiert am 8.11.1941 nach Minsk
Rolf Arno Baruch, geb. 1.6.1920, deportiert am 19.4.1943 nach Auschwitz, Tod ca. März 1945 auf dem Todesmarsch

Hirtenstraße 17 (früher: Hirtenstraße 18)

"Vati Marion gesund, sobald wieder Nachricht, schreibe ich. Bin seit Januar verheiratet. Kein Grund zur Sorge, Walli, ich schöne Arbeit. Lasst sofort von Euch hören", telegrafierte "Rolli" (Rolf Arno) Baruch am 21. November 1941 an seine Schwester Helga in Tel Aviv. Sie erhielt das Telegramm erst Monate später, nachdem es das Internationale Komitee vom Roten Kreuz freigegeben hatte.
Mit "Vati" meinte der Schreiber Georg Baruch, geb. 21.2.1881 in Hamburg, mit "Marion" seine Schwester Else Marion, geb. 19.3.1919. Beide waren am 8. November 1941 nach Minsk deportiert worden. Rolf Arno Baruch, geb. 1.6.1920, befand sich, als er das Telegramm schrieb, im Hachschara-Zentrum Neuendorf in Fürstenwalde/Spree. Dorthin war er im Zuge seiner Vorbereitung auf die Auswanderung nach Palästina gelangt, die nun aber nicht mehr möglich war. Die genannte "Walli" hatte er dort kennen gelernt und gerade geheiratet. Sie war als Walli Hirschfeld am 28.10.1921 in Graudenz geboren worden. Die Empfängerin des Telegramms, Helga Arna, geb. Baruch, war 1936 mit ihrem Mann Bernhard nach Palästina ausgewandert.
Georg Baruch stieg 1910 als selbstständiger Makler in den Handel mit Därmen und anderen Schlachthausprodukten ein. Er hatte auf einem Realgymnasium das "Einjährige" gemacht und eine kaufmännische Lehre angeschlossen.
Am 5. April 1914 heiratete er Irma Lucas, geb.1.3.1887 in Bochum. 1915 hatte sich sein Geschäft etabliert, und er wurde in der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zur Steuerzahlung herangezogen. Er nahm mit dem 38. Armierungs-Bataillon Hamburg am Ersten Weltkrieg teil. Seine Steuerschulden bei der Gemeinde häuften sich an; bis 1922 glich er sie aus. Er brachte aus dem Krieg das Hanseatenkreuz II. Klasse, aber auch Lungenasthma mit.
Inzwischen waren die drei Kinder geboren. In den folgenden Jahren erweiterte Georg Baruch sein Geschäft und tätigte Abschlüsse mit großen ausländischen Firmen wie Swift, Perking & Co., seiner Lehrfirma, Armour und Morris Packing.
1928 trat Georg Baruch aus der Gemeinde aus, aber später wieder ein. Er gehörte zum Tempelverband in der Oberstraße. Mit Rabbiner Bruno Italiener feierte die Familie 1933 dort Rolfs Bar Mizwa.
Die Familie war wohlhabend, bis sich ihre Situation mit der Weltwirtschaftskrise und dem Boykott 1933 änderte. 1935 zog Familie Baruch in die Isestraße 61 um.
Helga und Marion besuchten das private "Lyzeum Johnsallee 33", die nach ihrem Direktor sogenannte Löwenberg-Schule. Helga schloss dort ihre Schulausbildung 1931 mit der Mittleren Reife ab. Marion wechselte auf die Caspar-Voght-Oberrealschule in Hamm. Rolf besuchte die Grundschule Pröbenweg, ging dann auf das Heinrich-Hertz-Realgymnasium und wechselte 1934 auf die Talmud Tora Schule. Er wäre gern Gymnasiallehrer geworden, sah aber 1936 dafür keine Chance mehr und ergriff einen praktischen Beruf. Er trat eine Böttcherlehre an.
Helga begann eine kaufmännische Lehre bei Karstadt, wurde am Boykotttag, dem 1. April1933, entlassen, konnte ihr Lehre aber bei der Firma Robinsohn fortsetzen.

Helga und Rolf fühlten sich zur zionistischen Deutsch-Jüdischen Jugendbewegung hingezogen und pflegten Kontakt zum Hechaluz. Sie bereiteten sich jahrelang in Einrichtungen der Hachschara auf eine Auswanderung nach Palästina vor. Helga besuchte 1935 die Haushaltungsschule in der Heimhuderstraße 70, schloss eine Gärtnerlehre in Rissen an und emigrierte am 1. September 1936 nach Palästina. An der Beerdigung ihrer Mutter einen Monat später auf dem Jüdischen Friedhof Ohlsdorf konnte sie nicht mehr teilnehmen.

Rolf brach im November 1938 die Lehre ab, um sich auf die Auswanderung nach Palästina vorzubereiten. Er ging u.a. in das Hachschara-Zentrum des jüdischen Pfadfinderbundes Makkabi-Hazair in Ahrensdorf bei Trebbin, das die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland 1936 dort in einem ehemaligen Jagdhaus eingerichtet hatte. In einem zweijährigen Kursus wurden die Jugendlichen in Land- und Viehwirtschaft, Gartenbau und Handwerk ausgebildet. Dass Rolf Baruch nach Abschluss der Ausbildung nicht nach Palästina auswanderte, begründete seine Schwester Helga später so: "Mit Rücksicht auf seine Kenntnisse und Fähigkeiten wurde er von der Leitung des Ausbildungszentrums zurückgehalten." Offenbar wurde er zwischenzeitlich in einem anderen Hachschara-Zentrum eingesetzt.
Nach der Auflösung des Zentrums Ahrensdorf in der ersten Hälfte des Jahres 1941 gelangte Rolf Baruch mit den verbliebenen jungen Erwachsenen, unter ihnen auch Esther Loewy, später verheiratete Béjarano, nach Neuendorf im Sande, das als Zwangsarbeitslager weiter existierte. 1943 wurde auch diese letzte Hachschara-Stätte geschlossen, die sich dort in der Ausbildung Befindlichen wurden zunächst nach Berlin gebracht.

Obwohl Marion das prominenteste der drei Kinder ist, wissen wir über ihren Ausbildungsgang wenig. Sie war Pianistin und Zeichnerin und im Kulturbund aktiv tätig. U.a. begleitete sie bei Hauskonzerten den Cellisten Jakob Sakom am Klavier. Schon in ihrer Kindheit fielen ihre künstlerischen Talente auf. Sie soll bereits als Vierjährige beeindruckend Klavier gespielt haben. Während sich Helga im Sport verausgabte, übte Marion zu Hause auf dem Bechstein-Klavier.
Marion verließ die Caspar-Voght-Schule, ging auf eine Privatschule und ließ sich zur Modezeichnerin ausbilden. Nach dem Tod der Mutter übernahm sie hausfrauliche Pflichten.
1937 zog sie mit Rolf und ihrem Vater in die Klosterallee 11. Sie erhielt eine Anstellung als Reklame- und Dekorationszeichnerin bei Gebr. Robinsohn. 1938 wurde sie entlassen
Marion beantragte im September 1938 einen Pass. Sie wollte nach Amsterdam reisen, um einen potentiellen Ehemann persönlich kennen zu lernen. Die Verlobung kam nicht zustande. Später erinnerte sich Helga, dass Marion ihr einmal anvertraute, sie suche sich "immer so aussichtslose Sachen" aus. Das betraf nicht nur mögliche Partner, denn auch ihr Auswanderungsplan für September 1939 nach England schlug fehl, weil der Krieg begann. Dort wollte sie als Hausangestellte arbeiten.
Ihre Schwester vermutete, dass Marion gezögert hatte, ihren Vater allein zu lassen. Er hatte nach dem Novemberpogrom sechs Wochen lang in "Schutzhaft" in Sachsenhausen eingesessen und war mit schweren Erfrierungen an den Händen entlassen worden. Am 20. Januar 1939 schrieb Georg Baruch an seine Tochter Helga:
"Meine herzlich und innig geliebten Kinder.
Um von meiner eigenen Persönlichkeit vorauszusprechen, wie es sich für eine alten Patriarchen schickt, so kann ich Euch die erfreuliche Mitteilung machen, dass die Besserung meiner Hand zur Zufriedenheit des Arztes im Jüdischen Krankenhaus, wohin ich mich noch immer jeden zweiten Tag zum Verbinden begebe, fortschreitet, und die verbindende und verbindliche Schwester sagte mir heute, dass kommenden Montag der Verband durch ein Pflaster ersetzt wird. Ich muss ständig üben, die noch steifen Finger tüchtig zu biegen, was mir mit Gottes Hilfe auch gelingt, und somit ist es rührend zu sehen, wie Gott sowohl im Kleinen als im Großen hilft."
Er kündigte dann an, mit Marion in die Heinrich-Barth-Str. 8 in zwei möblierte Zimmer zu ziehen, nachdem sie über einen Monat eine Unterkunft gesucht hätten.
Marion blieb im Kulturbund aktiv. Sie zeichnete und malte Filmplakate, die im Gemeinschaftshaus ausgehängt wurden. Am 14. September 1939 erhielt sie die Unbedenklichkeitsbescheinigung für ihre Auswanderung nach England. Eine Tante hatte ihr das nötige Zertifikat besorgt. Der Kriegseintritt Englands machte die Ausreise unmöglich. Sie suchte danach ein neutrales Land, ebenfalls erfolglos.
Am 15. September 1939 wurde auf Ersuchen der Handelskammer das 1910 gegründete und am 20. Januar 1911 in das Handelsregister eingetragene Unternehmen Georg Baruchs im Register gelöscht. Georg Baruch war zeitweilig der "praktisch konkurrenzlose Makler der Branche in Deutschland", wie nach dem Kriege festgestellt wurde. Von dem kleinen Rest des Vermögens lebten Georg und Marion Baruch bis zu ihrer Deportation nach Minsk am 8. November 1941.
Die Hoffnung Helga Arnas auf ein Wiedersehen erfüllte sich nicht. Über Georg Baruchs Tod wissen wir nichts, wohl aber über Marions, denn ein Überlebender von Minsk, Heinz Rosenberg, beschreibt ihn in seinen Erinnerungen: "Im Juni 1942 gab es einen Wechsel in der Kommandantur. SS-Hauptscharführer Rübe war sehr brutal. Als er einmal ein schön geschriebenes Schild sah, fragte er, wer es gemalt habe. Er ließ Marion zu sich kommen, sprach kurz mit ihr und führte sie dann zum Friedhof. Dort erschoss er sie."

Die Gestapo schickte Rolf und Walli Baruch mit dem 37. Osttransport, der Berlin am 19. April 1943 verließ, nach Auschwitz. Von den 688 Deportierten kamen 153 aus dem ehemaligen Arbeitslager Landwerk Neuendorf an. Die Eheleute wurden getrennt. Walli Baruchs Verbleib ist uns unbekannt, Rolf Baruch wurde als arbeitsfähig selektiert und kam nach Auschwitz-Monowitz, wo er für die IG-Farben Zwangsarbeit leistete.
Seine Schwester Helga schrieb 1990, kurz vor ihrem Tod, an das Stadtteilarchiv Hamm: "Zufällig erhielt ich auch erst vor einigen Monaten von einer Dame aus Weil am Rhein die Nachricht, dass er sich bis zum Schluss bei jedem Appell meldete. Er muss auf dem sog. Todesmarsch umgekommen sein."
Helga Arna, geb. Baruch, starb am 17. August 1991 in Tel Aviv.

Epilog: Der Schweizer Schriftsteller Urs Faes spürte Rolf Baruch nach und brachte dessen Foto mit Lucie Hahn aus deren Zeit in Ahrensdorf auf den Umschlag seines Romans "Liebesarchiv" (2008) und nahm das Schicksal Rolf Baruchs als Vorlage für seinen jüngsten Roman "Sommer in Brandenburg" (2014 erschienen).

© Hildegard Thevs

Quellen: 1; 2 R 2938/2088, FVg 5893, 4; 5; 8; 9; StaH, 522-1, Jüdische Gemeinden: o. Sign. Mitgliederzählung der DIGH 1928; 390 Wählerverzeichnis 1930; 391 Mitgliederliste 1935; 992 e 2 Deportationslisten, Bd. 2; 351-11 AfW 42017, 43430; Panstwowe Muzeum Auschwitz-Birkenau w Oswiecimiu, Aufnahmebogen 20.4.1943, Lagerlisten, dankenswerterweise 2006 von Rüdiger Pohlmann zur Verfügung gestellt; Das jüdische Hamburg. Ein historisches Nachschlagewerk. Hrsg. vom Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Göttingen 2006, S. 170; Faes, Urs, Liebesarchiv, Berlin 2008; ders. Sommer in Brandenburg, Berlin 2014; Fiedler, Ruth und Hermann, Hachschara, Berlin 2004; Müller-Wesemann, Barbara, Theater als geistiger Widerstand. Der Jüdische Kulturbund in Hamburg 1934–41. Stuttgart 1996, S. 500; Christiane Pritzlaff, Schülerschickssale in Hamburg während der NS-Zeit, z. B. Rolf Arno Baruch (1.6.1920–1945). In: Die Juden in Hamburg 1590–1990. Wissenschaftliche Beiträge der Universität Hamburg zur Ausstellung "Vierhundert Jahre Juden in Hamburg", hg. von Arno Herzig, Hamburg 1991, S. 527–536; Heinz Rosenberg, Jahre des Schreckens, Hamburg 1985, S. 43; www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_ber_ot37.html; http://forge.fh-potsdam.de/~SWABD/. Freundliche Hinweise von Rüdiger Pohlmann, Hamburg, und Matthias Frühauf, Berlin, Februar/März 2014.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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