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Bereits verlegte Stolpersteine



Lucie Steinhardt * 1887

Palmerstraße 29 (Hamburg-Mitte, Hamm)

1941 Riga
ermordet

Weitere Stolpersteine in Palmerstraße 29:
Ella Steinhardt, Eva Steinhardt

Lucie Steinhardt, geb. 16.6.1887 in Hamburg, deportiert 6.12.1941 nach Riga
Ella Steinhardt, geb. 29.8.1890 in Hamburg, deportiert 6.12.1941 nach Riga
Eva Steinhardt, geb. 26.10.1893 in Hamburg, deportiert 6.12.1941 nach Riga

Palmerstraße 29 (früher: Ritterstraße 110)

"An dem Grundstück sind beteiligt: zu je 7/24 Lucie, Eva und Ella Steinhardt, zu 3/24 der Arier August Müller als Erbteil der verstorbenen Ehefrau Steinhardt", so der Oberfinanzpräsident bei der "Arisierung" des Familienbesitzes der drei Schwestern Steinhardt im April 1939. Bei dem Anwesen handelte es sich um das mit einer Stadtvilla bebaute Grundstück Ritterstraße 110 in Hamburg-Hamm, das nach der Abtrennung des Eilbeker Teils der Ritterstraße durch die neu angelegte Sievekingsallee um 1965 die Adresse Palmerstraße 29 erhielt. 1903 hatte Max Steinhardt das bereits bebaute Grundstück erworben und mit seiner Frau Fanny Elisabeth und den vier Töchtern Ottilie Susette, Lucie Henriette, Ella Franziska und Eva Bernhardine bezogen. Mit der oben erwähnten verstorbenen Ehefrau Steinhardt war Ottilie gemeint.

Max Steinhardt, am 11. 7.1853 in Hamburg geboren, war Kaufmann und Mitinhaber der Speditionsfirma seines Vaters Julius geworden. Sein Großvater, Michael Steinhardt, war aus dem Raum Kassel nach Hamburg zugewandert, hatte sich als Zigarren- und Tabakhändler im Bäckerbreitergang im Gängeviertel der Neustadt niedergelassen und, seinem Testament von 1852 nach zu urteilen, einigen Wohlstand erworben. Er heiratete die vier Jahre ältere Jette Schramm, die aus dem oberfränkischen Reckendorf stammte. Sie war bei ihrer Heirat 38 Jahre alt. Aus ihrer Ehe gingen zwei Kinder hervor, Emma und Julius, der bei seiner Geburt am 12. 6.1826 nach seinem Großvater den Vornamen "Zacharias" erhielt, den er später in "Julius" änderte. Er erwarb 1851 das Hamburger Bürgerrecht und gründete die Speditionsfirma "Julius Steinhardt", die sich im Mittel- und Südamerikageschäft betätigte. Firmen- und Wohnsitz verlegte er in die Vorstadt St. Georg. Seine Ehefrau Sußchen, gen. Susette, war das Älteste der drei Kinder Gumprecht Simon Warburgs aus Altona, jener Warburgs, die später als kunstsinnige Hamburger Bankiers Bedeutung erlangten. Sußchen Steinhardt brachte drei Kinder zur Welt: den Stammhalter Max, drei Jahre später die Tochter Helena, die nur zehn Jahre alt wurde, und 1860 Otto. Sie erlebte die Hochzeiten ihrer Söhne nicht mehr, da sie bereits 1882 im Alter von 56 Jahren starb.

Max Steinhardt heiratete am 6. Juni 1884 in Lüneburg, nachdem er eine Woche zuvor, am 28. Mai 1884, den Hamburger Bürgerbrief empfangen hatte. Seine Ehefrau, Fanny Elisabeth Behrens, geb. 16.3.1856 in Lüneburg, war eine Cousine, die Tochter des Kaufmanns Bernhard Behrens und seiner Ehefrau Recha, gen. Emma, geb. Warburg, eine Schwester Sußchen Steinhardts. Die Eheleute zogen zunächst in die Lange Reihe 44, wo Fanny Elisabeth 1885 die erste ihrer vier Töchter, Ottilie, zur Welt brachte. Ihr folgten 1887 Lucie und nach einem Umzug zum Hühnerposten 1890 Ella und 1893 Eva. Eva war als einzige noch nicht schulpflichtig, als die Familie 1898 nach Oben Borgfelde 16 zog, ein repräsentatives Mehrfamilienhaus auf dem Geesthang, von wo der Blick kilometerweit über die Elbmarsch reichte.

Welche Schulen die Töchter besuchten, ist nicht bekannt. Sie erhielten, wie es seinerzeit für Höhere Töchter üblich war, auch Unterricht in musischen Fächern. Der soziale Aufstieg Max Steinhardts setzte sich mit dem Erwerb der Stadtvilla in der Ritterstraße 110 fort. Julius Steinhardt und seine Söhne mit ihren Familien gehörten zur Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg. Otto, der Im- und Exportkaufmann geworden war, hatte 1892 die ebenfalls aus Lüneburg stammende Olga Hammerschlag geheiratet und kaufte noch vor der Jahrhundertwende eine Stadtvilla in der Hochallee 84. 1893 kam ihr Sohn Walter zur Welt, 1897 folgte Edgar.

1886 trat Max Steinhardt als Teilhaber in die väterliche Firma ein. Nach dem Tod der Lüneburger Großeltern Behrens in den 1890er Jahren starb als letzter dieser Generation am 22. August 1907 Julius Steinhardt. Er war 81 Jahre alt geworden. Sein Sohn Max führte die Firma, die sich inzwischen im Tuchhandel mit England etabliert hatte, als Alleininhaber weiter, doch kam das Geschäft während des Ersten Weltkriegs weitgehend zum Erliegen.

Drei von Fanny Elisabeth und Max Steinhardts Töchtern erhielten musische Ausbildungen: Ottilie wurde Pianistin, Lucie besuchte die Gewerbeschule in Hamburg mit dem Ziel, Zeichnerin und Kunsterzieherin zu werden, Ella ging 1921 nach München an die Kunstakademie, wo sie Malerei studierte. Allein Eva absolvierte eine kaufmännische Lehre.

Anders als Otto Steinhardt und seine Familie verließen Max und Fanny Elisabeth Steinhardt sowie ihre Töchter 1918 die jüdische Gemeinde und traten in die evangelisch-lutherische Kirche ein.

Zwar kam das Speditionsgeschäft nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wieder in Gang, doch konnte Max Steinhardt die Firma aus gesundheitlichen Gründen nicht weiter führen. Da es keine Erben gab, verkaufte er den Betrieb 1920 an einen Leipziger Geschäftspartner, Otto Jaeger. Ob der Erlös durch die danach einsetzende Inflation verloren ging, ließ sich nicht ermitteln. Zum selben Zeitpunkt, als Max Steinhardt seine Firma aufgab, gründete sein Bruder Otto eine neue Im- und Exportfirma mit Schwerpunkten im Südostasien- und Englandhandel, in die die Söhne als Teilhaber eintraten und die sie nach seinem Tod im Jahre 1922 mit großem Erfolg weiter führten.

1923 starb Max Steinhardt im Alter von 70 Jahren. Seine Witwe blieb mit den Töchtern in der Ritterstraße 110, wo Ottilie seit 1919 mit eigener Adresse als Pianistin gemeldet war. Sie heiratete am 23. Dezember 1924 August Müller, einen in Benshausen in Thüringen geborenen Ingenieur, der in Berlin lebte. Ottilie zog zu ihm, blieb aber noch einige Zeit in Hamburg gemeldet. Die Schwestern wurden Eigentümerinnen des Grundstücks und vermieteten die obere Etage ihres Wohnhauses.

Ella Steinhardt hatte es schwer, ihr Auskommen zu finden. 1925 verbrachte sie mehrere Monate im Hause eines Malerkollegen von der Akademie in München, F.X. Spann, und dessen Schwestern in Passau. Sie malte in dieser Zeit etliche Bilder, die zunächst im Besitz der Familie Spann verblieben und von ihr, als sie ihrerseits in Not geriet, veräußert wurden, darunter die Radierung eines weiblichen Aktes. Bekannt ist außerdem die Zeichnung einer Straßenszene von 1926.

Fanny Elisabeth Steinhardt starb am 31. Mai 1933. Offenbar gab es nach Ottilies Tod, vermutlich um 1938, Erbauseinandersetzungen. August Müller erhielt als Witwer nur 3/24 statt der 6/24, die seiner verstorbenen Frau zugefallen waren. Er übernahm das Grundstück 1939, als es "arisiert" wurde. So blieb es "in der Familie" und seine Schwägerinnen behielten Wohnrecht. Nach Abzug aller Kosten, die mit der Verkauf verbunden waren, entfiel auf sie ein Anteil von je etwa 2.000 RM.

Aufgrund der Nürnberger Rassegesetze von 1935 galten die Schwestern Steinhardt, obwohl evangelischen Glaubens, hinfort als Jüdinnen. Welche Repressalien sie im Einzelnen erlebten, ist nicht bekannt, doch hing offenbar Ella Steinhardts Rückkehr nach Hamburg 1939 damit zusammen, dass sie ihre Existenz nicht länger als Malerin sichern konnte.

Die drei Schwestern wurden gezwungen, wieder der jüdischen Gemeinde beizutreten, die nun "Jüdischer Religionsverband" hieß. Zunächst waren ihre Einkünfte so gering, dass sie von Beiträgen freigestellt wurden. Sie lebten von ihrem Erbe, den Mieteinnahmen und dem Verdienst, den Ella Steinhardt durch Heimarbeit hatte. Ihre Situation besserte sich kurzfristig, als Eva eine Anstellung mit einem monatlichen Bruttogehalt von 195 RM fand. 1941 zahlten Ella und Lucie Steinhardt je ca. 18 RM Gemeindebeitrag, also mehr als den Grundbetrag. Lucie war nun als Arbeiterin tätig, Eva als Haushilfe ohne feste Anstellung. Sie hatte ein minimales Einkommen. Unterstützung durch wohlhabende Verwandte ist nicht nachweisbar. Fast alle Warburgs waren emigriert, die Cousins Walter und Edgar konnten zwar ins Ausland entkommen, waren aber mittellos. Olga Steinhardt lebte herzkrank in der Obhut einer Hausangestellten. Sie war begütert, verlor aber durch die Zwangsabgaben große Teile ihres Vermögens in kurzer Zeit. Sie starb im März 1942.

Eva, Lucie und Ella Steinhardt, unter 60 Jahre alt und damit als arbeitsfähig eingestuft, wurden zum letzten Transport Hamburger Jüdinnen und Juden des Jahres 1941 "zum Aufbau im Osten" aufgerufen, der zunächst für Minsk bestimmt war, dann aber nach Riga führte. Er verließ Hamburg am 6. Dezember 1941. Weil im Getto kein Platz war, wurden die Deportierten vorübergehend auf dem Jungfernhof, einem heruntergekommenen landwirtschaftlichen Gut an der Düna beim Bahnhof Skirotava, untergebracht. Dort trafen im Dezember 1941 insgesamt ca. 4000 Juden aus Franken, dem Rheinland, Wien und Hamburg ein. Es gab keine hinreichende Infrastruktur, so dass etwa ein Fünftel der Deportierten den Winter nicht überlebte. Wann und wo Eva, Lucie und Ella Steinhardt ums Leben kamen, ist nicht bekannt. Sie wurden im Hamburger Adressbuch von 1943 noch als Bewohnerinnen der Ritterstraße 110 geführt, wie auch die früheren Mieter und Mieterinnen. Die von ihrem Großvater gegründete Speditionsfirma hat bis heute (2013) Bestand.

© Hildegard Thevs und Bettina Nathan

Quellen: 1, 2 R 1939/2252, 5, 6; BA VZ 1939; div. AB; StaH, 332-7, A I e 40, Bd. 10, 11.302; 232-3, H 771; 332-5, 115+1356/1882; 583+1419/1907; 872+294/1923; 1013+329/1933; 2095+3988/1885; 2142+2137/1887; 3494+840/1924; 8179+122/1942; 332-8, K 7021; 351-11, 1222 und 1223; 522-1, 992 e 2, Band 3; 622-1/514, 1. Teil 1 u. 2; Stadtarchiv Lüneburg, Heiratsregister 65/1884; Stadtmuseum München; E-Mail Margot Platschka, Januar-März 2013; tel. Mitteilungen von Frau Ursula Kahlke, in Fa. Otto Jaeger Nachf. und Julius Steinhardt (G.m.b.H. & Co. KG), http:/www.otto-jaeger.de/geschichte.php.), 15.3.2013.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

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