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Bereits verlegte Stolpersteine



Hanna Stiefel * 1874

Königsreihe 32 (Wandsbek, Wandsbek)

1941 Minsk
ermordet

Weitere Stolpersteine in Königsreihe 32:
Sophie Hirsch, Hanna Meyberg, Erna Fratje Michelsohn, Oskar Ludwig Michelsohn

Hanna Stiefel, geb. 14.2.1874, deportiert am 18.11.41 nach Minsk

Königsreihe 32 (Langereihe 56/57)

Die allein stehende Hanna (auch: Johanna) Stiefel stammte aus einer seit Ende des 18. Jahrhunderts in Wandsbek nachweisbaren Familie, den Leons, und konnte als Hausbesitzerin ihren Lebensunterhalt weitgehend selbstständig bestreiten.

Sie war als Tochter des (koscheren) Schlachters Isaac Stiefel (Jg. 1843) und seiner Frau Jeanette, geb. Leon (Jg. 1831), in Wandsbek geboren worden. Sie hatte noch zwei ältere Geschwister, den Bruder Henry (Jg. 1870) und die Schwester Fanny (Jg. 1872), später verehelichte Meiberg. Auch diese wurde deportiert (s. die noch erscheinende Broschüre über Stolpersteine in Hamburg-Eimsbüttel).

Lebensmittelpunkt der Familien Stiefel und Meiberg war das Synagogenviertel, genau genommen die Langereihe 57; das einstöckige Haus gehörte der Familie. Der Vater arbeitete 1905 als Vorstandsmitglied und Kassierer im Israelitischen Wanderunterstützungsverein der Jüdischen Gemeinde Wandsbek mit. 1908 starb er. Hanna Stiefel wohnte weiter mit ihrer Mutter zusammen, die als Privatiere, d. h. als nichterwerbstätige Frau, die von ihrem Vermögen lebte, im Adressbuch eingetragen war.

Ob Hanna Stiefel je berufstätig war, ist nicht dokumentiert. Allerdings ist sie als Eigentümerin des Grundstücks Langereihe 56/57 in den Adressbüchern der 1920er Jahre verzeichnet. Offenbar hatte sie nach dem Tod ihrer Mutter 1918 die beiden Häuser geerbt. Sie lebte von den Mieteinnahmen der fünf Wohnungen, gelegen im Vorder- und Hinterhaus.

In den 1930er Jahren verließen ihre Angehörigen Wandsbek. Den Anfang machte ihr Neffe Julius Meiberg, der 1930 nach Hamburg zog. Dann folgte dessen Bruder Gustav, der bis zu seiner Heirat mit Charlotte, geb. Gabel, bei seiner Tante gewohnt hatte. Er wanderte 1934 aus. 1937 starb ihr Schwager, und ihre Schwester Fanny zog noch im selben Jahr nach Hamburg. Von Hanna Stiefels Familie lebte nun niemand mehr in Wandsbek. Auch andere Gemeindemitglieder hatten die Stadt längst verlassen. Geblieben waren noch die älteren Hausbesitzerinnen wie Sophie Hirsch und Lina Kümmermann und deren Angehörige (s. Kap. Hirsch und Kümmermann). Auch Hanna Stiefel musste ihren Besitz in Wandsbek 1939 verlassen. Sie zog in ein sogen. Judenhaus nach Harvestehude, Innocentiastraße 21.

Mit Ende des Jahres 1937 war die Jüdische Gemeinde Wandsbek aufgelöst worden, wo Hanna Stiefel zuletzt als steuerfreies Mitglied geführt worden war. Anfang 1938 trat sie in Hamburg in den Jüdischen Religionsverband ein. Vermutlich auf freiwilliger Basis entrichtete sie 1939 noch Gemeindesteuern, für 1940 und 1941 erfolgten keine Zahlungen mehr. Hanna Stiefel hatte ihren Nachlass geregelt, ihr Testament bei Dr. Nathan vom Jüdischen Religionsverband hinterlegt. Schon früher hatte sie eine Grabstätte auf dem Friedhof Jenfelder Straße reserviert, wo auch ihre Eltern begraben waren. Als sie im November 1941 als erstes Mitglied ihrer Familie den Deportationsbefehl erhielt, war sie 67 Jahre alt. Am 18. November 1941 bestieg sie mit rd. 400 anderen den Zug nach Minsk. Wie lange sie den harten Lebensbedingungen im dortigen Getto widerstehen konnte, ist nicht bekannt. Eine der letzten Spuren von ihr findet sich im Adressbuch von 1942. Dort war "Stiefel, Frl. H." noch als Eigentümerin ihres Grundstücks eingetragen – ohne den Zwangsnamen Sara.

Nach einem Beschluss des Amtsgerichts Hamburg von 1951 wurde sie auf Ende des Jahres 1945 für tot erklärt.

Mindestens eine Wandsbeker Anwohnerin erinnert sich noch an Hanna Stiefel, die bei der Familie die Miete entgegennahm. Sie beschreibt ihre frühere Hauswirtin als attraktive selbstbewusste Frau.

Hanna Stiefel hat ihren Geburtsort etwa zu dem Zeitpunkt verlassen, als es ihr, der jüdischen Vermieterin, gesetzlich verboten war, weiterhin die Miete zu kassieren. Sie hätte nach dem Gesetz nun einen "deutschblütigen" Hausverwalter beauftragen müssen. Ob ein solcher bei den Mietern auch so lange in Erinnerung geblieben wäre wie sie selbst, bleibt fraglich.

© Astrid Louven

Quellen: 1; 2 FVg 8112, R 1939/2728; 4; AfW 060172, 040697, 040400; StaHH 332-8 Meldekartei, Auskunft von Jürgen Sielemann, E-Mail vom 25.8.2003; AB 1928 VI, 1929 VI; AB 1939 IV, AB 1942 IV; 8; Auskunft von Frau Ruland am 4.5.2007 und 14.1.2008; Naphtali Bamberger, Memorbuch Bd. 2, S. 30; Astrid Louven, Juden, S. 58, 78, 217.

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