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Dr. Siegfried Korach * 1855

Hartungstraße 1 (Eimsbüttel, Rotherbaum)

1943 Theresienstadt
ermordet am 1.7.1943

Siehe auch:

Prof. Dr. Siegfried Samuel Korach, geb. 30.6.1855, deportiert am 23.6.1943 nach Theresienstadt, Todesdatum dort 1.7.1943

Siegfried S. K. war einer der bekanntesten Hamburger Mediziner. Er legte sein Examen in Breslau ab, absolvierte die Ausbildung zum Internisten in Köln und begann drei Jahre später seine ärztliche Tätigkeit am Israelitischen Krankenhaus in Hamburg. 1880 noch zweiter Assistenzarzt, übernahm er kurz vor der Jahrhundertwende die Leitung der Inneren Abteilung, avancierte dann zum leitenden Oberarzt der Chirurgischen Abteilung und verließ das Krankenhaus 1930 schließlich nach 44jähriger Chefarzttätigkeit.

Während des Ersten Weltkrieges hatte er das Reservelazarett dort geleitet. Er zeigte sich neuen Methoden gegenüber offen, beispielsweise bei der Tuberkulosebehandlung, und erhielt 1917 den Professorentitel aufgrund seiner wissenschaftlichen Verdienste. In den 1920er Jahren wählten ihn die Hamburger Ärzte in die Ärztekammer. Der Spezialist für Nerven- und Herzkrankheiten bemühte sich auch sehr um die Schwesternausbildung kümmerte sich über seine Pensionierung hinaus um die Kinder im Jüdischen Waisenheim und die Bewohner des Alten- und Siechenheims.

Wie anderen Ärzten wurde auch ihm 1938 die Approbation entzogen. Mit seiner Ehefrau Mathilde – die einzige Tochter des Paares, Mathilde, war verstorben - lebte der wohlsituierte Pensionär in der Hartungstraße 1. Die Akten des Oberfinanzpräsidenten zeigen, daß er bedrängten Freunden offensichtlich großzügig mit Krediten aushalf, so lange er über sein Vermögen frei verfügen dürfte.

1939 stellte der NS-Staat das Vermögen des nunmehr 84jährigen mit der Standardbegründung unter Sicherungsanordnung. "Sie sind Jude. Es ist damit zu rechnen, dass Sie in nächster Zeit auswandern werden. Nach den in letzter Zeit mit auswandernden Juden gemachten Erfahrungen ist es daher notwendig, Verfügungen über Ihr Vermögen nur mit Genehmigung zuzulassen."

1941 berechnete die Jüdische Gemeinde seine Kultussteuern auf ein Vermögen von RM 217.000, und allen Steuern und Sonderabgaben zum Trotz, die der NS-Staat Juden abzwang, betrug es 1943 immer noch RM 127.000. Siegfried K. und seine Ehefrau durften allerdings monatlich nur über RM 900 verfügen, wovon sie auch die Hausangestellte unterhalten und entlohnen mußten, auf deren Dienste sie angewiesen waren. Das Ehepaar wurde von einer nichtjüdischen Angestellten versorgt, die seit Jahrzehnten bei ihnen in Diensten stand: Zunächst als Sprechstundenhilfe, später als Hausdame kümmerte sie sich um das Paar, vor allem um den inzwischen erblindeten Siegfried K. Dieser zeigte seine Dankbarkeit, indem er ihr zum 70. Geburtstag ein großzügiges Geldgeschenk machte und eine Leibrente aussetzte, was der Oberfinanzpräsident genehmigte. Der wohlhabende Pensionär mußte wegen jeder Massage, Gartenhilfe, ja; sogar für die An- und Restzahlung eines Grabdenkmals eine Genehmigung einholen.

Im Januar 1943 wurde der zugestandene Betrag zum Lebensunterhalt für den dreiköpfigen Haushalt auf RM 650 vermindert, von denen der 88jährige Blinde, die 80jährige Ehefrau (geb. 2.6.1862) und die nunmehr 74jährige Hausangestellte lebten. Als sich abzeichnete, daß K.s trotz ihres hohen Alters deportiert würden und ihr Vermögen nicht, wie vorgesehen, ihrer Hausdame vermachen konnten, baten sie um die Genehmigung, dieser für die 48 Jahre treuer Dienste noch einmal RM 25.000 schenken zu dürfen. Dies wurde abgelehnt. Es hätte die Summe vermindert, die die Theresienstadt-Deportierten in einem "Heimeinkaufsvertrag" abtreten mußten, als kauften sie sich in ein Altersheim ein.

Mathilde K. verstarb am 19. Juni 1943, vier Tage vor der Deportation. Siegfried K. blieb der Transport nicht erspart: Am 25. Juni erreichte sein Zug Theresienstadt. Fünf Tage später stellte der Ghetto-Arzt seinen Totenschein aus. Die Todesfallanzeige aus dem Ghetto zeigt, dass er in ein Siechenheim (L 206) eingewiesen wurde und dort in der "Marodenstube" (sic) starb. Als Todesursache nannte der Ghetto-Arzt "Altersschwäche".

© Beate Meyer

Quellen: StaH, 522-1, Jüdische Gemeinden, 992b, Kultussteuerkartei der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Hamburgs; ebd., 314-15, Oberfinanzpräsident, R 1838/3692; Nationalarchiv in Prag/Theresienstädter Initiative, Jüdische Matriken, Todesfallanzeigen Theresienstadt, Kart. 26; Galerie Morgenland (Hrsg.), "Wo Wurzeln waren ...". Juden in Hamburg-Eimsbüttel 1933 bis 1945, Hamburg 1993; Fritz M. Warburg, Rede, in: Das Krankenhaus der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg, 1931; Mary Lindemann, 140 Jahre Israelitisches Krankenhaus in Hamburg. Vorgeschichte und Entwicklung, Hamburg 1981; 150 Jahre Israelitisches Krankenhaus in Hamburg, Hamburg 1997; Anna von Villiez, Die Verdrängung der jüdischen Ärzte Hamburgs aus dem Berufsleben 1933-1945, Magisterarbeit, Hamburg 2002; dies., Verfolgt, vertrieben, ermordet, in: Hamburger Ärzteblatt 12/05, S. 587; Deutsch-Jüdische Gesellschaft (Hrsg.), Wegweiser zu den ehemaligen jüdischen Stätten, Heft 2, Hamburg 1985; Hamburger jüdische Opfer des Nationalsozialismus. Gedenkbuch, Hamburg 1995.

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