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Hermann Semler * 1873

Wandsbeker Zollstraße 115 (Wandsbek, Wandsbek)

1942 Theresienstadt
ermordet 04.08.1942

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Hermann Semler, geb. 1.4. 1873, deportiert am 15.7.1942 nach Theresienstadt, dort verstorben am 4.8.1942

Wandsbeker Zollstraße 115 (Zollstraße 24)

Hermann Semler gehörte als Inhaber eines Konfektionshauses zu den Wandsbeker Textilkaufleuten, die um die Jahrhundertwende 1900 zugewandert waren und seitdem ununterbrochen in Wandsbek lebten. Semlers Eltern hatten das österreichische Kronland Galizien verlassen, wo die jüdische Bevölkerung jiddisch sprach und im "Stetl" lebte.

Hermann Semler war als Hersch Semler in der Stadt Rzeszow geboren worden. 1878 waren seine Eltern Leib Semler und Freide, geb. Berkowitz nach Hamburg verzogen, wo sie ihre jüdischen Vornamen ablegten. Die Eltern nannten sich nun Leon und Frieda und gaben dem Sohn den Vornamen Hermann.

Am 13. November 1900 verheiratete sich Hermann Semler mit Minna, geb. Frank (Jg. 1873). Zwei Kinder wurden geboren: Bella (Jg. 1902) und Ludwig (Jg. 1903). Die Familie wohnte anfangs in der Lübeckerstraße. Hermann Semler baute ein Geschäft für Damen- und Herrenkonfektion auf, das er nach einem Umzug in der Zollstraße 111 betrieb. Er gehörte der Jüdischen Gemeinde Wandsbek an, fungierte 1910 als Kassierer des Wander-Unterstützungsvereins und in den 1930er Jahren als Gemeindevertreter. Während des Ersten Weltkrieges war Minna Semler, seine Ehefrau, im Geschäft tätig. Sie starb 1931 in Wandsbek.

1920 hatte Hermann Semler die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen. Im Adressbuch desselben Jahres war er unter der Bezeichnung Agent, Zollstraße 111, eingetragen.

Seine Kinder erhielten eine sehr gute schulische Ausbildung: Die Tochter Bella besuchte die Schneider’sche höhere Töchterschule und später das Wandsbeker Lyzeum; der Sohn Ludwig studierte Jura an den Universitäten Köln und Heidelberg und schloss sein Studium mit der Promotion ab.

Der Betrieb war anfangs ein Etagengeschäft, aber im Laufe der Jahre erwiesen sich – nach Angaben einer Zeitzeugin – auch Schaufenster als nötig. Semlers zogen auf die andere Seite der Zollstraße um und eröffneten in der Nr. 24 ein mittelgroßes Geschäft mit einem großen Fenster in moderner Passage. Räume der ersten Etage wurden mit für den Verkauf und das Lager gebraucht. Die Firma prosperierte.

Über dem Laden befand sich die Wohnung, die im gutbürgerlichen Stil eingerichtet war, mit halbledernen Klassikerbänden und einem modernen Plattenspieler. Gleichwohl war der Haushalt auch religiös. Der Lebensstil entsprach dem "besseren Mittelstand". Dazu gehörten auch jährlich stattfindende Kuraufenthalte von Ehefrau und Tochter, die Mittelgebirge bevorzugten, während es Hermann Semler nach Helgoland zog. Die Tochter war zeitweise auch im Geschäft tätig, wo normalerweise zwei bis drei Angestellte beschäftigt wurden. Während Semler seinen Betrieb bisher offenbar als Gewerbebetrieb geführt hatte, ließ er ihn 1929 ins Handelsregister eintragen als Firma Bekleidungshaus Hermann Semler, Sitz Wandsbek.

Vor ihrer Eheschließung 1932 wohnte Bella Semler noch in der Wohnung des Vaters. Sie heiratete im Wandsbeker Standesamt den Kaufmann Friedrich Leyser aus Altona. Im selben Jahr übernahm dieser die Firma J. Semler, Herren- und Damengarderoben, die sich auf Hamburger Gebiet in der Wandsbeker Chaussee 211–213 befand. Der bisherige Inhaber Joel Semler war ebenfalls seit 1878 in Altona bzw. Hamburg ansässig und vermutlich ein Bruder Hermann Semlers.

Der Machtantritt der Nationalsozialisten führte auch bei Semler zu Umsatz-Einbrüchen, wenngleich er viele gute Stammkunden hatte, "denn der alte Herr Semler war sehr geschätzt durch seine menschliche und humorvolle Art." Bei Semler konnte man auch auf Abzahlung kaufen, so dass viele Arbeiter zu seinen Kunden gehörten. Doch die alten Bindungen erodierten durch die antijüdische Politik: auch Semlers Geschäft war auf dem Hetzflugblatt aufgeführt. Bereits 1933 musste er seine Steuern an die Jüdische Gemeinde in Raten zahlen, da seine Einnahmen infolge des Boykotts jüdischer Geschäfte gesunken waren. Sein Jahreseinkommen von rund 10000 RM war um 50% zurückgegangen. Doch noch hielten ihm seine überwiegend ärmeren Kunden die Treue. Erst in der Hochphase der "Arisierung", die in Hamburg Ende 1938 einsetzte, war Semler gezwungen, sein Geschäft zu verkaufen. Es ging für 14000 RM an Karl Ebenau, Hammerbrookstraße 24. Der Kaufvertrag vom 3. Dezember 1938 wurde von der Verwaltung für Handel, Schiffahrt und Gewerbe unter Auflagen genehmigt.

Danach hatte der Käufer lediglich das Inventar und Warenlager zu übernehmen und die Warenschulden zu bezahlen. Semlers Verbindungen und Kontakte zu Herstellern, Lieferanten und Kunden, Goodwill genannt, blieben wie bei allen "Arisierungen" unberücksichtigt. Nach der vorgelegten Schlussbilanz bekam er noch 6210 RM ausbezahlt, wovon eigene alte Verpflichtungen gegenüber Lieferanten und anderen abzuziehen waren. Schließlich verblieben ihm aus dem Geschäftsverkauf gerade noch rund 1000 RM. Damit stand der Betriebsgründer finanziell so schlecht da, dass selbst die Devisenstelle keinen Grund mehr für eine Sicherungsanordnung sah. Semlers Vermögen bestand nur noch aus einigen Forderungen, die noch einzutreiben waren. Nachdem sein Geschäft verkauft war, zog Hermann Semler in den Abendrothsweg 19, wo auch seine Tochter eine Zeitlang bei ihm lebte. Aus dem Bericht einer Freundin: "Ich besuchte Vater und Tochter und Enkelin noch einmal, nachdem sie schon alles verloren hatten in Eppendorf, Abendrothsweg, wo sie alle auf einem Zimmer vegetierten. Bella ging von dort aus mit ihrer Tochter ins Ausland. Von meiner Mutter hörte ich, dass Herr Semler später noch versucht hatte, ausstehende Beträge einzukassieren und dabei sehr unglimpflich behandelt wurde."

Um Außenstände einzutreiben, fuhr Semler mit dem Fahrrad nach Wandsbek. So lange die Kunden von seinen Geschäftsbedingungen profitiert hatten, kamen sie wieder, als sie ihre Schulden nun begleichen sollten, sah das schon anders aus. "Manche verweigerten ihm ohne weiteres das Geld, weil er ein Jude war, aber er hatte auch viele Kunden, die ganz auf seiner Seite standen." Semler brauchte das Geld nicht nur für sich, er hatte auch die Judenvermögensabgabe in Höhe von 4000 RM zu entrichten, die er in Raten von je 1000 RM zahlte. Das war ihm aus eigenen Mitteln kaum möglich, denn 1939 verfügte er über kein steuerpflichtiges Einkommen mehr. Zudem unterstützte er noch Tochter und Schwiegersohn, deren Geschäft ebenfalls Ende 1938 erloschen war. Da sie kein Vermögen mehr besaßen, wohnten sie nun bei ihm.

Ob es Semler gelang, seine Geldforderungen einzutreiben, ist zweifelhaft. Das sah auch der Rechtsanwalt so, der Semlers Kinder in den 1960er Jahren vertrat, indem er argumentierte: "... dass es einem Nichtarier damals kaum möglich war, seine Schuldner zur Zahlung zu bewegen, da die meisten Schuldner meinten, man brauche einem Juden seine Schulden nicht mehr zu bezahlen. Es war auch nicht ratsam vor Gericht zu gehen, da eine objektive Rechtsprechung nicht mehr bestand, (es galt) ... den Behörden so wenig wie möglich auffallen."

Was mochte Semler gedacht haben, wenn er in Wandsbek an seinem Geschäft vorbeikam? Es soll schnell herunter gewirtschaftet worden sein, so dass die Erben nicht einmal Rückerstattungsansprüche geltend machen konnten. Bereits am 3. November 1939 war die Firma erloschen.

1940 wanderte seine Tochter Bella Leyser mit ihrem dreijährigen Kind in die USA aus, wo sich ihr Ehemann bereits aufhielt. Hermann Semler war jetzt auf sich allein gestellt, da auch sein Sohn Ludwig inzwischen Deutschland verlassen hatte. Semler erhielt die Einquartierung des Wandsbekers Albert Herzberg (s. Kap. Herzberg), mit dem er nun sein Zimmer zu teilen hatte.

Anfang 1942 verzog Semler auf Weisung der Gestapo in das Haus Kielortallee 24, ein sogen. Judenhaus und bereitete sich auf seine "Abwanderung" vor. Er unterschrieb einen sogen. Heimeinkaufsvertrag, mit dem er seinen restlichen Besitz für eine Unterbringung in Theresienstadt abtrat. Drei Tage vor der Deportation überwies er den fälligen Betrag in Höhe von 1137 RM an den Jüdischen Religionsverband, der das Geld eintreiben musste. Am 15. Juli 1942 bestieg Hermann Semler den Zug nach Theresienstadt, wo er am 16. Juli registriert wurde. Er starb dort wenige Wochen später, am 4. August 1942, im Alter von 69 Jahren. Die Wandsbeker Spuren der Familie Semler wurden ausgelöscht – bis auf die Grabplatte, die man für Minna Semler in den 1960er Jahren anstelle des ursprünglichen, 1942 noch erhaltenen Grabsteines gesetzt hatte.

Nachtrag: Der Verband des Norddeutschen Textileinzelhandels e.V. teilte dem Amt für Wiedergutmachung am 13. September 1961 mit, dass es sich bei der Firma Semler um ein kleines Geschäft gehandelt habe. Ähnlich schmälernde Beurteilungen wurden in der Hochphase der Wiedergutmachungsverfahren von den Fachverbänden oftmals ausgesprochen, um "arische" Nachfolger nicht in allzu große (Nachzahlungs)Schwierigkeiten zu bringen.

© Astrid Louven

Quellen: 1; 2 R 1939/646; AfW 010473, 080803, 020102; 3 Nr. 636611; 7; AB 1920 VI, 1936 VI; StaHH 332-8 Meldekartei, Auskunft von Jürgen Sielemann, E-Mail vom 25.8.2003; Jahrbuch jüdischen Gemeinden Schleswig-Holsteins und der Hansestädte 1931/32 S. 75f, 1932/33 S. 75, 1933/34 S. 47f, 1934/35 S. 67f; Landesbetrieb Geoinformation und Vermessung, Auskunft Frau Wolckenhauer vom 18.3.2007; Frank Bajohr, "Arisierung", S. 151, 184; Astrid Louven, Juden, S. 34, 36, 58, 200, 201, 206, 219, 220, 230, 237; Bertha Pappenheim, Sara Rabinowitsch, Lage, S. 9–17.

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