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Bereits verlegte Stolpersteine



Jenta Honig, geb. Salik
© Yad Vashem

Jenta Honig (geborene Salik) * 1892

Schnellstraße 22 (Altona, Altona-Nord)

1941 Minsk
ermordet

Weitere Stolpersteine in Schnellstraße 22:
Osias Leib Honig, Willi Honig

Osias Leib Honig, geb. 15.5.1890, deportiert nach Minsk am 8.11.1941, Todesdatum unbekannt
Jenta Honig, geb. Salik, geb. 3.5.1892, deportiert nach Minsk am 8.11.1941, Todesdatum unbekannt
Willi Honig, geb. 15.6.1924, deportiert nach Minsk am 8.11.1941, Todesdatum unbekannt

Der jüdische Kaufmann Osias Leib Honig wurde als Sohn von Moshe Honig und seiner Ehefrau Channah oder Hanna, geb. Frankel geboren. Er stammte aus dem polnischen Kolomyja (zwischen 1772 und 1918 österreichisch, heute Westukraine). Seine Ehefrau Jenta oder Jente Honig geb. Salik (Salitz) war als Tochter von Moshe Jossef Salik in Lancut im polnischen Karpatenvorland (z. Zt. der Teilung Polens österreichisch) ebenfalls jüdischer Herkunft.

Osias und Jenta Honig lebten als österreichische Staatsangehörige in Wien. Osias Honig handelte mit Textilien. Von 1921 bis 1925 und von 1930 bis 1935 betrieb er eine Handelsagentur, die "Repräsentanz in- und ausländischer Textil-Industrien", wie es im Briefkopf seiner Anschreiben hieß.

Das Ehepaar Honig bekam vier Kinder: Am 20. Januar 1922 wurde der Sohn Josef geboren und am 27. Dezember desselben Jahres die Tochter Bertha, es folgten die Söhne Willi am 15. Juni 1924 und Maximilian am 30. April 1927 – alle waren gebürtige Wiener. Die Kinder besuchten zunächst die Volksschule, die drei älteren gingen dann auf das Chajes Realgymnasium der Wiener jüdischen Gemeinde.

Doch irgendwann liefen die Geschäfte offenbar nicht mehr gut und Osias Honig verschuldete sich. In Hamburg besaß die Familie drei bebaute Grundstücke: Große Brunnenstraße 105, Friedenstraße 62 (heute Lippmannstraße) und Geibelstraße 22 (heute Schnellstraße). Durch deren Verkauf hoffte er, seine Verbindlichkeiten ablösen und sich eine neue Existenz aufbauen zu können. Möglicherweise plante die im jüdischen Glauben verwurzelte Familie auch schon, über Hamburg nach Palästina auszuwandern, so dass die Hansestadt nur eine Zwischenstation sein sollte, wie der überlebende Sohn Josef nach dem Krieg vor dem Amt für Wiedergutmachung andeutete. Jedenfalls siedelte Osias Honig 1934 nach Hamburg über. Bald darauf folgte ihm seine Frau mit den Kindern. Im April 1935 wurde Osias Honig als Mitglied der Hamburger jüdischen Gemeinde verzeichnet. Die Zuzugsgenehmigung erhielt er nur unter der Bedingung, dass er sein Unternehmen in Wien vollständig liquidierte und in Hamburg kein Gewerbe betrieb. Seine Handelsagentur in Wien wurde denn auch im Mai 1935 gelöscht. Offiziell am 4. Juni 1935 aus Wien nach Deutschland eingewandert, erhielt Osias Honig möglicherweise im Oktober desselben Jahres die deutsche Staatsbürgerschaft, es kann aber auch sein, dass – laut Akten des Amtes für Wiedergutmachung – die Honigs die deutsche Staatsbürgerschaft nach der Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich im März 1938 erhielten.

Die Familie wohnte seit dem 5. Juni 1935 in ihrem Haus Geibelstraße 22 in Altona, in der Wohnung im 1. Stock links. Während der NS-Herrschaft wurde die Geibelstraße in Graf Bose-Straße umbenannt. Osias Honig war zugesagt worden, dass er seinen Grundbesitz in Hamburg nach einem halben Jahr Aufenthalt verkaufen dürfe. Nach der Verabschiedung der Nürnberger Gesetze im September 1935 jedoch wurde diese Zusage annulliert. Ein Antrag, sein früheres Gewerbe als Textilkaufmann wieder ausüben zu dürfen, wurde abgelehnt. Die Familie lebte von den Mieteinahmen.

Der älteste Sohn Josef besuchte die jüdische Talmud Thora-Realschule im Grindelviertel. Nachmittags nahm er an einem Vorbereitungskurs zur Jeshiwah, der Hochschule für Rabbiner, teil, denn er sollte das Rabbinerdiplom mit akademischer Ausbildung erwerben. Wie auch seine Geschwister erhielt er neben dem Schulunterricht noch privaten Musik- und Sprachunterricht.

Die Kindheit und Jugend von Josef, Bertha und Willi und Maximilian wurde durch die angespannte Atmosphäre im Elternhaus überschattet, die durch zunehmende Vermögensverluste und Existenzsorgen entstand. Auch mussten die Kinder erleben, wie in ihrem unmittelbaren Umfeld Antisemitismus und Hass und Gewalt gegen Juden zunahmen. Mehrmals wurde Josef von Mitschülern in der Uniform der Hitlerjugend verprügelt, einmal lauerte ihm eine Gruppe Hitlerjungen auf dem Schulweg auf. Sie stießen ihn vom Rad, traten ihn und schlugen mit Fäusten und der Radluftpumpe auf ihn ein.

Während des Novemberpogromsund in den Tagen danach 1938 wurden Lehrer, Lehrerinnen und Schüler der Talmud Thora-Schule festgenommen. Der Unterricht wurde bis zu ihrer Haftentlassung unterbrochen. Als bekannt wurde, dass jüdischen Kindern über 14 Jahren künftig der Besuch von staatlichen mittleren und höheren Schulen untersagt werden sollte und sich immer klarer heraus kristallisierte, dass der deutsche Staat die Schulen "judenrein" machen wollte, befürchteten die jüdischen Verantwortlichen auch die Auflösung der Talmud Thora-Schule.

Wie viele jüdische Jugendliche wollte Josef nach Palästina emigrieren, was seine Eltern unterstützten. Er bewarb sich für die Jugend-Hachscharah und begann im jüdischen Landwerk Neuendorf bei Fürstenwalde in der Nähe von Berlin mit der Vorbereitung auf die Auswanderung. Offenbar wurde diese Ausbildungsstätte - wie viele Hachschara-Zentren nach 1939 - in ein Zwangsarbeitslager umgewandelt und stand unter Aufsicht der SA. SA-Männer misshandelten Josef Honig, er wurde verprügelt, getreten und absichtlich vor einen Heuwagen gestoßen, wobei er Rückenverletzungen davontrug. Nach einem Streit mit einem seiner Bewacher wurde er festgenommen und saß drei Wochen im KZ Sachsenhausen ein. Auch dort erlitt er Misshandlungen; schon bei dem üblichen "Empfangritual" musste er durch ein Spalier von SS-Männern laufen, die mit Knüppeln zuschlugen. Auch wurde er trotz seiner Rückenprobleme zur Schwerstarbeit gezwungen, beispielsweise musste er Zementsäcke entladen.

Schließlich gelang es einem Onkel in Manchester, für ihn eine Auswanderungserlaubnis nach England zu bekommen. Nach seiner Entlassung aus Sachsenhausen konnte der 17jährige im Sommer 1939 nach England flüchten. In Irland bereitete er sich in einem Ausbildungslager auf die Weiterauswanderung nach Palästina vor. Doch der Kriegsausbruch machte die Pläne zunichte, erst 1947 konnte Josef Honig nach Palästina emigrieren.

Der jüngste Sohn Maximilian besuchte in Hamburg noch zwei Jahre die Volksschule und dann ebenfalls die Talmud Thora-Schule. Im November 1939 wurde der 12jährige von Hitlerjungen verprügelt und mit Steinen beworfen. Er litt besonders unter der wachsenden Nervosität und Angst im Elternhaus. Nach der Nachricht der drohenden Auflösung der jüdischen Schule meldeten die Eltern Maximilian für einen Kindertransport ins Ausland an und erreichten, dass er im August (Kultussteuerkarte) oder November (Akten des Amts für Wiedergutmachung) 1939 mit der sogenannten jüdischen Kinder-Alijah über Italien nach Palästina ausreisen konnte.

Auch Bertha Honig, die zuvor die Höhere Israelitische Mädchenschule in der Karolinenstraße besucht hatte, konnte im März 1939- noch vor ihrem 17. Geburtstag - mit der Jugend-Alijah nach Palästina fliehen.

Willi Honig, der in Wien nach der Volksschule bis Mai 1935 das Chajes Real-Gymnasium besucht hatte, ging in Hamburg ebenfalls zur Talmud Thora-Schule und erhielt außerdem Privatunterricht im Talmudstudium und in sonstigen jüdischen Unterrichtsfächern. Nach dem Novemberpogrom und der folgenden Schließung der Schule begann er als Gärtnerpraktikant eine Ausbildung, die ihn auf eine Auswanderung und landwirtschaftliche Tätigkeit in Palästina vorbereiten sollte – vermutlich im jüdischen Berufsumschichtungsheim "Ein Chajim" (Quell des Lebens), ein "Kibbuz" in der ländlichen Umgebung von Hamburg-Rissen, denn dort im Tinsdaler Kirchenweg war er bis zum 30. August 1940 gemeldet.

Seit August 1938 durfte Osias Honig nur noch mit Genehmigung der Devisen- und Vermögensverwaltungsstelle des Oberfinanzpräsidenten über seine Grundstücke verfügen. Im Januar 1939 waren seine Grundstücke beschlagnahmt worden und wurden seitdem durch eine Hamburgische Grundstücksgesellschaft, den Haus- und Hypothekenmakler Otto Scheelhase, verwaltet. Die Grundstücke waren durch Hypotheken belastet. Osias Honig erhielt nur noch kleinere Beträge aus den Mieteinnahmen – laut Angaben des Verwalters waren sie gering – das waren die einzigen Einkünfte der Familie. Wie alle vermögenden Juden und Jüdinnen wurde er vom nationalsozialistischen Staat nach und nach ausgeraubt, auch hatte er eine hohe Vermögensabgabe nach dem Novemberpogrom zahlen müssen.

Seit 1939, als sich die Verfolgungsmaßnahmen gegen die Juden im Deutschen Reich zuspitzten, bemühte sich das Ehepaar Honig um eine Auswanderungsmöglichkeit. Das Finanzamt Altona hatte der Gestapo schon am 21. März 1939 mitgeteilt, dass Osias Honig eine Unbedenklichkeitsbescheinigung beantragt hatte und dass die Familie beabsichtige, nach Haifa in Palästina auszuwandern. Das Finanzamt überprüfte daraufhin die Vermögensverhältnisse (das Vermögen emigrierter Juden wurde später beschlagnahmt).

Mit Hilfe jüdischer Organisationen und des Onkels in England waren Bertha und Maximilian nach Palästina und Josef zunächst nach England geflohen, noch rechnete man mit seiner Weiterreise nach Palästina. Doch die Auswanderungspläne für das Ehepaar und den Sohn Willi wurden behindert, der Schriftverkehr mit den Behörden zeugt von erfolglosen und zunehmend verzweifelten Versuchen, aus Deutschland zu entkommen. Im März 1940 erneuerte Osias Honig seinen Antrag auf Auswanderung, er gab an, dass drei seiner Kinder bereits in Palästina seien, wohin er mit seiner Frau und seinem Sohn Willi ebenfalls emigrieren wolle. Er sei nun im Besitz aller erforderlichen Papiere und "vom Ausschuss für jüdische Überseetransporte in Wien sei Aussicht auf Auswanderung gegeben", dort allerdings würden 1500 Reichsmark pro Person verlangt, also benötige er insgesamt 4500 Reichsmark. Osias Honig versicherte den Behörden, ein Kaufmann gewähre ihm einen Kredit von 3000 Reichsmark und den Restbetrag werde er durch Verkauf von Mobilien aufbringen. Doch die Auswanderung wurde nicht genehmigt, seit Kriegsbeginn war eine Flucht nur noch illegal und unter äußerst schwierigen Bedingungen möglich.

Auf der Kultussteuerkarte findet sich bei dem Sohn Willi der Eintrag "England Juli 39", der dann aber durchgestrichen wurde, denn auch für ihn waren die Auswanderungsbemühungen fehlgeschlagen.

Osias Honigs Konten waren gesperrt, am 22. September 1941 wurde der monatliche Freibetrag für den Lebensunterhalt der dreiköpfigen Familie auf 240 Reichsmark festgesetzt.

Am 8. November 1941 wurden Osias und Jenta Honig zusammen mit ihrem 17jährigen Sohn Willi nach Minsk, der Hauptstadt des besetzten Weißrusslands, deportiert. Dort hatten die deutschen Besatzer ein Getto für 100.000 einheimische Juden errichtet. Zuvor ermordete die SS am 7. November 12.000 Gettobewohner, um "Platz zu schaffen" für die deutschen Neuankömmlinge. Am 10. November erreichte der Zug aus Hamburg das Getto Minsk. 407 Hamburger wurden mit diesem dritten Großtransport in den Osten transportiert, von denen 403 nicht überlebten. Diejenigen Hamburger, die die harte Arbeit, die unwirtlichen Lebensbedingungen und häufigen Erschießungsaktionen überstanden hatten, wurden fast alle in einem Massaker am 8. Mai 1943 erschossen oder in Gaslastwagen erstickt.

Auch Osias, Jenta und Willi Honig kamen in Minsk um.

© Birgit Gewehr

Quellen: 1; 2 (R1938/1133, (Osias Leib Honig), 4; 5; 8; StaH 351-11 Amt für Wiedergutmachung, 15990 (Honig, Leib-Osias), 45688 (Diamant, Bertha, geb. Honig), 47091 (Honig, Josef), 47104 (Honig, Jenta, geb. Salik); AB Altona 1937.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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