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Helene Horwitz (geborene Ehrmann) * 1867

Malzweg 24 (Hamburg-Mitte, Borgfelde)

1942 Theresienstadt
ermordet 01.04.1943

Helene Horwitz, verw. Goldstein, geb. Ehrmann, geb. 2.4.1867 in Hamburg, deportiert am 15.7.1942 nach Theresienstadt, Tod dort am 1.4.1943

Malzweg 24 / Kielortallee 22

Die ledige Jüdin Helene Ehrmann machte sich Ende des 19. Jahrhunderts mit einem Tapisserie- und Modewarengeschäft in der Wandsbeker Chaussee 93 in Eilbek selbstständig. Sie führte das im Handelsregister eingetragene Geschäft auch nach ihrer Heirat und der Geburt ihrer Tochter weiter.

Am 12. September 1902 heiratete sie den Maschinisten und Vertreter Hugo Goldstein, geboren am 9. Oktober 1868 in Stralsund. Er war ein Sohn des nach Berlin verzogenen Bekleidungsinspektors Hirsch Hermann Goldstein und seiner Ehefrau Marie, geb. Printz. Hugo Goldstein wohnte in der Neustadt, Teilfeld 56. Helenes Eltern, Martin Ehrmann und Rosa, geb. Montag, stammten beide aus Hamburg und wohnten Hütten 117. Ihr Vater Martin starb am 27. März 1903, ein Jahr vor der Geburt seiner Enkelin Frieda Goldstein am 9. Juli 1904. Rosa Ehrmann bestritt ihren Lebensunterhalt als Witwe mit Kuchenbäckerei. Helenes Bruder Julius Ehrmann lebte mit seiner Frau Jenny, geb. Alexander, und ihren drei Kindern Hütten 46.

Helene und Hugo Goldstein zogen in eine Wohnung in der Repsoldstraße 31/33 in St. Georg und schickten ihre Tochter Frieda auf eine öffentliche Volksschule. Nach Abschluss ihrer Schulzeit schloss sie eine Ausbildung als Verkäuferin und Stenotypistin an.

Am 17. Juni 1914 starb Hugo Goldstein. Helene Goldstein heiratete erneut. Sie ging am 14. März 1919 die Ehe mit dem Kaufmann Siegfried William Horwitz, geboren am 13. Februar 1876 in Neustadt/Holstein, ein. Er war neun Jahre jünger als sie und geschieden. Sein Sohn Herbert lebte bei seiner Mutter Anna in Berlin. Siegfried Horwitz war das älteste der vier uns bekannten Kinder der Eheleute Berta und Wulf Horwitz aus Neustadt. Seine Schwester Frieda, verheiratete Lewy, lebte ebenfalls in Hamburg.

Am 21. Dezember 1924 meldete Helene Horwitz bei der Zentralgewerbekartei ein Gewerbe zur "Anfertigung von Wäsche, Händlerin mit Weiss- und Wollwaren" an und setzte damit, inzwischen siebenundfünfzigjährig, ihre Unternehmerinnentätigkeit fort. Sie wohnte mit ihrer Familie Rödingsmarkt 70. Die 4½-Zimmerwohnung diente zugleich als Geschäft und beherbergte auch das Lager des Wäschehandels. Siegfried Horwitz und seine Familie gehörten der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg an.

Frieda Goldstein heiratete 1931 den nichtjüdischen Schlachtermeister August Hintze und konvertierte zum Protestantismus. August Hintze führte eine etablierte Ladenschlachterei in der Hammerbrookstraße 38 und besaß am Malzweg die Häuser 20–24.

Helene und Siegfried Horwitz trennten sich. 1932 wurde Helene Horwitz als "getrennt lebende selbstständige Wäschehändlerin" bei der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Hamburg geführt. Im gleichen Jahr kam ihre erste Enkelin zur Welt. Bis 1933 hatte Helene Horwitz ein gutes Auskommen. Dann traf sie der Boykott jüdischer Geschäfte und zwang sie zur Aufgabe ihrer Wohnung am Rödingsmarkt. Sie verkleinerte sich auf eine 2-Zimmerwohnung in der Großen Allee 4, später auf ein Zimmer bei ihrer inzwischen verwitweten Nichte Wilhelmine Ehrmann in der Vereinsstraße. Wahrscheinlich lebte sie zum Teil von der Veräußerung von Mobiliar und Hausrat, außerdem von den geringen Einkünften aus ihrem Handel, den sie bis zur Einstellung des Betriebs am 31. Dezember 1938 fortführte.

Das Geschäft ihres Schwiegersohns litt wegen seiner jüdischen Frau ebenfalls unter dem Boykott, weshalb er es Anfang 1936 aufgab. Familie Hintze zog in den Malzweg 24 und lebte offenbar von den Einkünften aus ihren Mietshäusern. Bei ihr wohnte für einige Jahre auch Helene Horwitz.

Siegfried Horwitz zog in die Kieler Straße 92; wovon er lebte, ließ sich nicht feststellen. 1936 galt er als erwerbslos. Nach zwei weiteren Umzügen kam er bei Verwandten in der Dillstraße 3 unter. Von dort verließ er Hamburg am 12. April 1937 mit unbekanntem Ziel. Nicht einmal sein Sohn Herbert aus erster Ehe, der das "Dritte Reich" überlebte, erfuhr je etwas über seinen Verbleib. Er soll auf der Flucht vor der Gestapo untergetaucht sein. Das Amtsgericht Hamburg erklärte ihn auf Antrag seiner Stieftochter mit Beschluss vom 28. Juni 1954 auf den 31. Dezember 1942 für tot.

Helenes Neffe Ludwig Ehrmann, der älteste Sohn ihres Bruders Julius, emigrierte 1933 mit seiner Frau Ella, geb. Levi, und ihren Töchtern nach Palästina. Über den Verbleib seiner beiden jüngeren Kinder ist nichts bekannt. Julius Ehrmann wurde mit seiner Frau Alma am 11. Juli 1942 nach Auschwitz deportiert, nachdem ihr Sohn Harald bereits mit dem Transport vom 8. November 1941 ins Getto von Minsk "ausgesiedelt" worden war.
Helenes Schwager Alfred Horwitz und seine Frau Gertrud entgingen einer Deportation durch natürlichen Tod. Ihr Sohn, ebenfalls Alfred genannt, am 1. Juli 1896 geboren, war mit der evangelischen Wilhelmine, geb. Fuchs, verheiratet, ihre Tochter Anneliese war evangelisch getauft. Sie und die Familie von Helenes Bruder Alfred jr. überlebten in "privilegierter Mischehe".

Helene Horwitz bemühte sich offenbar nie um eine Auswanderung. Vielleicht fühlte sie sich mit ihren 70 Jahren zu alt, vielleicht auch durch ihre nichtjüdischen Verwandten geschützt. Zudem war sie völlig mittellos und erhielt ab Januar 1941 Wohlfahrtsunterstützung. Zwangs­weise zog sie im Februar ins Oppenheimer Stift in der Kielortallee 22, ein "Judenhaus". Sie teilte sich dort ein Zimmer mit zwei ihr fremden Damen. Nur vier Tage nach der Deportation ihres Bruders Julius und ihrer Schwägerin Alma trat sie den Transport ins Altersgetto von Theresienstadt an. Ob sie noch von der Geburt ihrer zweiten Enkelin am 7. Februar 1943 er­fuhr, ist nicht bekannt. Sie starb am 1. April 1943, einen Tag vor ihrem 76. Geburtstag, im Getto von Theresienstadt.

Frieda Hintze, Helene Horwitz’ Tochter, widerstand dem Druck der Gestapo, sich scheiden zu lassen. Sie erhielt den Deportationsbefehl zu einem vorgeblichen "auswärtigen Arbeitseinsatz" am 14. Februar 1945 in Theresienstadt und sollte sich bei der Sammelstelle in der ehemaligen Talmud Tora Schule einfinden, erlitt aber einen Nervenzusammenbruch, sodass sie zurückgestellt wurde. Sie erlebte die Befreiung Hamburgs durch die britische Armee mit ihrem Mann und den beiden Kindern.

© Hildegard Thevs

Quellen: 1; 2 FVg 736/40; 4; 5; 7; AB 1899, 1904, 1906; StaH, 231-3 Handelsregister B 5798; 332-5 Standesämter 2403+2261/1896; 2989+360/1902; 351-11 AfW, 010193, 020106, 090704; 376-3 Zentralgewerbekartei; Archiv der Stadt Neustadt in Holstein. (Anm. zu 1, Kultussteuerkartei: Helene Horwitz’ Karteikarte befindet sich im Mikrofilm zwischen Horwitz, Emmy und Horwitz, Fanny.)
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

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