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Walter Stock, Jahreswechsel 1942/43
© Privatbesitz

Walter Stock * 1897

Bendixensweg 3 (Hamburg-Nord, Barmbek-Nord)

1944 Auschwitz
ermordet

Walter Wolfgang Stock, geb. 17.1.1897 in Altona, Verhaftung 9.3.1944, Deportation nach Auschwitz im Juli 1944

Bendixensweg 3


Walter Wolfgang Stock kam am 17. Januar 1897 in Altona zur Welt als Sohn seiner unverheirateten jüdischen Mutter Adelheid Stock, geboren am 7. Januar 1867 in Fliestedten. Wal­ter hatte eine ältere Schwester Helena, geb. 1888, und eine jüngere Schwerster Louise Stock. Adelheid Stock heiratete später Ludwig Behr, geb. am 17. März 1877 in Leimersheim, und hatte mit ihm einen weiteren Sohn, Joseph Behr.

Walter Stock besuchte die Talmud Tora Schule bis zum "Einjährigen" (mittlere Reife), darauf folgte eine kaufmännische Lehre in einer Firma für Schneiderbedarfsartikel. In diesem Beruf war er bis 1928 tätig, danach als Handelsvertreter bei dem Wohnungsanzeiger Lessner in der ABC-Straße. Sein durchschnittliches Monatsgehalt betrug 360 RM.

1936 heiratete er die evangelische Erna Marie Sophie Baumgartl, geboren am 28. August 1899, und lebte mit ihr und Ernas Tochter Marianne, geboren am 2. September 1924 und evangelisch getauft, in einer "privilegierten Mischehe". Die Familie wohnte in der Alten Wöhr 2a und im Ben­di­xens­weg 3 in Barm­bek und hatte viel Kon­takt mit Lissi Acker, deren Großmutter väterlicherseits eine ge­bo­rene Stock und mit Wal­ters Mutter verwandt war. Mit Lissi und ihrem neun­jährigen Sohn Helmut verbrachten Walter und Erna Stock auch Weih­nachtsfest und Syl­ves­terabend 1942 bei Ackers in der Gens­lerstraße 16.

Walter Stock verlor seine Arbeit aus Grün­­den "rassischer" Verfolgung. Er ging davon aus, "Halbjude" zu sein und einen "arischen" Vater zu ha­ben, doch bei der Gestapo galt er als "Volljude". Nach längerer Arbeits­losig­keit betätigte er sich ab 1941 im Schneiderhandwerk und übernahm Aufträge als Heimarbeiter.

Die Familie überlebte 1943 die verheerenden Bombenangriffe auf Hamburg. Aufgrund einer Be­merkung vor oder während eines der Bombardements im Luftschutzkeller ("es leben die Luft­gangster und Nichtarier") wurde Walter Monate später von einem Mann aus der Nach­bar­schaft denunziert.

Am 9. März 1944 erfolgte die Verhaftung, man brachte ihn ins Poli­zei­ge­fängnis Fuhlsbüttel, im Juli 1944 mit einem Deportationstransport nach Auschwitz. Seine Frau erhielt Briefe von ihm mit Datum vom 24. September, 8. Oktober, 26. November und 10. De­zem­ber, danach gab es kein Lebenszeichen mehr, er galt als verschollen. Mit Beschluss vom 6. Oktober 1946 hat das Hamburger Amtsgericht Walter Stock für tot erklärt auf den 8. Mai 1945, 24 Uhr.

Es bestand Unklarheit, von wem die Anzeige ausgegangen war. Vermutungen richteten sich gegen zwei Nachbarn, von denen sich einer im Jahre 1946 schriftlich bei der Witwe Erna Stock gegen den Verdacht der Denunziation verwahrte und ein Ehepaar benannte, das sich ihm gegenüber für die Anzeige verantwortlich erklärt habe. Erna Stock gab später an, dass gegen sie während der Inhaftierung ihres Mannes eine Wohnungsräumung durchgeführt wurde. Sie war wohnungslos, mittellos, krank und musste gleich nach dem Krieg eine Son­der­hilfsrente beantragen, die nach dem Bundesergänzungsgesetz von 1953 aufgebessert werden sollte. Noch 1957 galten jedoch die Ermittlungen als nicht abgeschlossen, erst ein Jahr später kam endlich der neue Rentenbescheid.

Walters Bruder Joseph Behr war Leiter des Verlags M. Lessmann, in dem auch das Israelische Familienblatt erschien. Er und seine Ehefrau Hildegard, geb. Holland, bewohnten eine 3½-Zim­mer-Wohnung im Alten Teichweg 7 in Barmbek. Der Verlag wurde am 9. November 1938 auf Anordnung der Gestapo liquidiert und Joseph Behr in der Pogromnacht aus der Woh­nung der Schwiegereltern in der Hufnerstraße verhaftet. Erst brachte man ihn ins Polizei­ge­fängnis Fuhls­büttel, von dort ging es weiter ins KZ Sachsenhausen. Am 15. Dezember wurde er freigelassen, weil er seine Bemühungen um Emigration nachweisen konnte. Bis zur endgültigen Aus­reise muss­te er die zermürbende Prozedur durchstehen, sich täglich bei der Gestapo zu melden.

Joseph Behr und seine Frau traten am 29. März 1939 mit dem Schiff "General Osono" die Fahrt in die Emigration nach Buenos Aires an. In Argentinien konnte das Paar zunächst aufatmen, aber die Ehe wurde geschieden oder die erste Frau Behr verstarb dort. Es gab später zwei weitere Ehefrauen.

Joseph Behr konnte aufgrund anfänglicher Sprachschwierigkeiten beruflich nur schwer Fuß fassen; nach längerer Eingewöhnung arbeitete er als Buchhalter. Zudem war er durch seine angeschlagene Gesundheit beeinträchtigt, jahrelang quälten ihn ein Zwölffingerdarm­ge­schwür und eine Ohrenerkrankung. Auch das tropische Klima bekam ihm nicht gut. Joseph – inzwischen José – Behr konnte für einen Teil seiner durch politische Umstände und Flucht bedingten Einschränkungen im Rahmen langwieriger Wiedergutmachungsverfahren Ent­schä­digungen erstreiten. Er starb mit knapp 65 Jahren am 18. Juli 1969.

Hildegard Stocks Eltern wohnten in der Hufnerstraße 40, ihre Mutter Lisette Holland, geboren am 15. Mai 1881 in Fliestedten, war eine Tante von Walter Stock. Lisette wurde am 15. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert und von dort am 15. Mai 1944 weiter nach Auschwitz, wo sie ermordet wurde. Hildegards Vater Eugen Holland, geb. am 13. August 1876 in Bad Rap­penau, folgte mit dem Transport am 23. Juni 1943 nach Theresienstadt und kam dort am 24. Januar 1944 um.

Wal­ters Mutter Adelheid Behr und sein Stiefvater Ludwig Behr wurden nach Minsk verschleppt und fanden dort den Tod. Seine jüngere Schwester Louise wurde nach Auschwitz deportiert, die ältere, Helena, verheiratete Stein, überlebte den Holocaust.

© Eva Acker/Erika Draeger

Quellen: 1; 4; 5; 8; StaHH 351-11, AfW, Abl. 2008/1 28.08.99 Stock, Erna; StaHH 351-11, AfW,Abl. 2008/1 14.08.04 Behr, José; Interview mit Lissi Acker, Dez. 1990, Geschichtswerkstatt Barmbek.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

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