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Bereits verlegte Stolpersteine



Olga Wolfers (geborene Oppenheimer) * 1885

Hofweg 31 (Hamburg-Nord, Uhlenhorst)

1941 Riga
ermordet

Weitere Stolpersteine in Hofweg 31:
Hugo Wolfers, Heinz Wolfers

Hugo Wolfers, geb. 22.10.1875 in Hamburg, deportiert am 6.12.1941 nach Riga
Olga Wolfers, geb. Oppenheimer, geb. 14.10.1885 in Hamburg, deportiert am 6.12.1941 nach Riga

Hofweg 31

Die Vorväter von Hugo Wolfers hatten es in der preußischen Garnisons- und Beamtenstadt Minden in Westfalen zu Ansehen und Vermögen gebracht. Drei Kaufleute mit dem Namen Wolf(f)ers gehörten 1848 von ihrem jährlichen Einkommen her zur Mindener Oberschicht. Seit 1851 war das siebengeschossige Giebelhaus in der Bäckerstraße 1 im Besitz der verschiedenen Zweige und Generationen der Wolfers. In dem Haus befand sich auch das Geschäft "Wolffers Söhne. Manufacturen, Modewaren, Putzgeschäfte, Schreib- und Zeichen­materia­lien, Tapisserie". Der Familienname wurde im Grundbuch zeitweilig auch nur mit einem "f" geschrieben.

Samuel Philip(p) Wolf(f)ers (1799–1851), der Großvater von Hugo Wolfers, zählte zu den wichtigsten Kaufmannspersönlichkeiten der Stadt Minden. Seine Bedeutung war auch daran ablesbar, dass er Mitglied der Stadtverordnetenversammlung und Präsident des Gewerbe­rates war. In dieses selbstbewusste bürgerlich-jüdische Milieu hinein wurde 1839 Eduard Wolfers geboren (sein Familiennamen wurde konsequent mit nur einem "f" geschrieben). Eine gute Schulbildung und ausreichende finanzielle Mittel für eine spätere Selbstständigkeit dürfen bei Eduard Wolfers vorausgesetzt werden. Mit dieser Qualifikation und Sicherheit im Rücken zog er gen Norden.

1869 gründete er in Hamburg gemeinsam mit Moses Salomon Schönfeld (ge­storben 1885 in St. Georg, Großer Kirchenweg 3) die "Textilhandelsgesellschaft Schön­feld& Wolfers" (Großhandel mit Leinen und Teppichen); zu diesem Zweck erwarben sie das Lager­geschäft von "Gebrüder Jaffé" (Inhaber David Abraham Jaffé und J. Jaffé), das bereits 1842 als "Leinen- u. Drell Lager en gros, gr. Burstah no 35" im Hamburger Adress­buch existierte. Schon im Adressbuch von 1870 lauteten die Einträge für Schönfeld&Wol­fers und Gebrüder Jaffé gleichlautend "Leinen-Lager, Alterwall 20". Ganz in der Nähe, am Neuen Wall 13 (Arca­den-Passage), hatte sich Wolfers eine Wohnung gemietet. 1875 erhielt der 36-jährige Eduard Wolfers das Hamburger Bürgerrecht. Voraussetzung für den Erhalt des Hamburger Bürger­brie­fes war ein nachgewiesenes Jahreseinkommen von 1200 Mark in fünf aufeinander folgenden Jahren. Der Bürgerbrief bedeutete zugleich auch die Berechtigung zu wählen.

Im selben Jahr wurde auch sein Sohn Hugo in der Hansestadt geboren. Vier Jahre später kam die Tochter Elisabeth zur Welt. Das Geburtsjahr des Sohnes Gustav ist nicht bekannt. 1885 wohnte die Familie in der Moorweidenstraße 15 (Rotherbaum). In der Hamburger Einwoh­ner­meldekartei von 1892 wurde Eduard Wolfers als Kaufmann geführt, die Spalte mit der Religionszugehörigkeit blieb unausgefüllt. Er war Mitglied in der Jüdischen Gemeinde, schon 1884 war in der Schülerkarte des Sohnes Hugo unter "Bekenntnis" die Bezeichnung "mo­sa­isch" eingetragen. Daneben war Eduard Wolfers vermutlich schon vor 1897 Mitglied der 1847 gegründeten "Loge zur Bruderkette".

Eduard Wolfers und seiner Ehefrau Natalie, geb. Alsberg (1847–1906), gelang es in rund zwan­zig Jahren, sich in Hamburg eine wirtschaftlich und gesellschaftlich geachtete Position aufzubauen. Von 1892 bis 1919 lebten sie in der Hochallee 64 im angesehenen Stadtteil Har­veste­hude. Am 17. Mai 1919 verstarb Eduard Wolfers im Alter von achtzig Jahren. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof Ohlsdorf neben seiner 1906 verstorbenen Ehefrau beigesetzt.

Ihr ältester Sohn Hugo Wolfers besuchte die angesehene Gelehrtenschule des Johanneums bis zur Mittleren Reife 1890, erlernte anschließend den Beruf des Kaufmanns, ging danach für ein Jahr nach Paris "zur weiteren Ausbildung" und war schließlich bei Schönfeld&Wol­fers tätig – erst als Angestellter, ab 1897 als Prokurist und ab 1903 als Teilhaber. Ein Jahr zu­vor war bereits sein Bruder Gustav Wolfers (gestorben 1909) als Teilhaber in die Firma eingetreten. 1907 hatten Hugo Wolfers und Olga Oppenheimer geheiratet. Die Oppenheimers leb­ten bereits seit Generationen als Kaufleute und Juristen in Hamburg. Olgas Vater war der Rechtsanwalt Philipp (genannt Paul) Oppenheimer (1854–1937), ihre Mutter soll kurz nach ihrer Geburt gestorben sein. Ihre Stiefmutter, Alice Oppenheimer, geb. Oppenheim (1867– 1942), stammte aus einer Kaufmannsfamilie.

Hugo und Olga Wolfers hatten vier Kinder: zwei Jungen und zwei Mädchen. Die Familie lebte anfänglich in der Rothenbaumchaussee 73 (Rotherbaum). 1919, nach dem Tod des Vaters zog die Familie ins elterliche Haus in der Hochallee 64 (Harvestehude). 1928 folgte ein weiterer Umzug in den Hof­weg 31 (Uhlenhorst). Die Eheleute gehörten seit mindestens 1913 der Deutsch-Israe­li­tischen Ge­mein­de sowie dem liberalen Isra­elitischen Tempel­ver­ein an, der Ref­ormen des herkömmlichen synogalen Got­tesdienstes durchgeführt hatte, wie z.B. die Pre­digt in deutscher Sprache und das Orgelspiel.

Der jüngere Sohn Gustav (geb. 1910), benannt nach seinem ein Jahr zuvor verstorbenen Onkel, besuchte das Heinrich-Hertz-Realgymnasium im Stadtteil Win­terhude bis zur Ober­sekundarreife (Mittlere Reife). Nach dem Besuch der Grone Han­dels­s­chule und einer dreijährigen kaufmännischen Lehre bei der "Hamburger Regenmantelfabrik GmbH Harefa" machte er sich 1932 als Handelsvertreter und Textilgroßhändler (u.a. Ober­hemden und Oberhem­den­stoffe) selbstständig. Dafür nutzte er die vorderen Räume der sechseinhalb Zim­mer-Woh­nung der Eltern im Hofweg 31.

Die Boykottaufrufe der NSDAP im Jahre 1933 führten bei dem Jungunternehmer zu einem starken Geschäftsrückgang. Ab 1935/36 erwog er die Emi­gration und besuchte zu diesem Zweck Sprachkurse an der Uni­versität in Englisch, Fran­zö­sisch und Spanisch – das genaue Auswanderungsziel stand also noch nicht fest. Auch die Erlernung des Tischlerhandwerks erfolgte unter diesem Aspekt. Eine Woche nach der Heirat mit Grete Abrahamssohn (geb. 1912) reiste das frisch vermählte Ehepaar im Oktober 1937 über Holland und England nach Australien aus. Um die neunzigprozentigen Trans­fer­verluste der Geld­über­weisungen für die Schiffspassage nach Austra­lien zu vermeiden, ließ Gus­tav Wol­fers von einem deutschen Matrosen Textilien nach Eng­land schmuggeln. Von dem Ver­kaufs­er­lös bezahlte Wolfers die Schiffspassage auf der "Orama" von Tilbury nach Sydney. Zehn Kisten und mehrere Koffer wurden ihm von den Eltern nachgeschickt; die Möbel blieben in Hamburg zurück.

Die zehn Jahre jüngere Schwester Ellen (geb. 1920) hatte die private Mädchen-Oberschule von "Frl." Firgau (Sierichstraße 53) von 1927 bis 1937 besucht. Aus "rassischen Gründen" wur­de sie aus der Untersekunda ausgeschlossen. 1937 bis 1938 besuchte sie den Zeichen- und Malunterricht bei Gretchen Wohlwill (Flemingstraße 3), immer noch mit dem Ziel, eine Ausbildung zur Dekorateurin zu machen. Doch die Restriktionen gegen Juden waren bereits so weitreichend, dass eine Lehre für Ellen Wolfers nicht mehr möglich war. So blieb ihr nur übrig, die Haushaltungsschule der Jüdischen Gemeinde zu besuchen.

Ellen Wolfers emigrierte im Februar 1939 nach London. 1940 wurde sie nach Somerset in den Südwesten der Insel evakuiert. Als das Gebiet zur "protected area" erklärt wurde, in dem Flüchtlingen der Aufenthalt nicht gestattet war, kehrte sie nach 18 Monaten in die britische Hauptstadt zurück.

Die Firma Schönfeld&Wolfers bildete die Grundlage für den Wohlstand der Familie. Das Un­ternehmen importierte Leinen- und Baumwollwaren aus England, indische Teppiche, Stroh­matten und seidene Taschentücher aus China und Japan sowie Angora-Felle. Exportiert wurden Leinenstoffe, Taschentücher aus Baumwolle, Leinen oder Seide sowie Reisedecken in den gesamten europäischen Raum. Um die Jahrhundertwende unterhielt die Firma auch eine Zweigniederlassung in Manchester. Von 1906 bis 1909 war der Absolvent der Talmud Tora Realschule, Henry Pels (geb. 1890), als Lehrling in der Firma tätig, um danach in die väterliche Firma Wolf Pels (gegründet 1882) "Vertretung der Strick-Wirk- u. Webwaren-Industrie in Hamburg und Umgebung" einzutreten. Ernst Alsberg (geb. 8. Juni 1879 in Kassel), vermutlich ein Neffe von Natalie Wolfers, geb. Alsberg, der Ehefrau des Geschäftsinhabers, besaß von 1911 bis 1919 die Gesamtprokura für die Firma. Er wurde am 15. Juli 1942 zusammen mit seiner Ehefrau Gertrud nach Theresienstadt deportiert.

1920, nach dem Tod des Firmen-Mitbegründers Eduard Wolfers, wurde die Rechts­form der Firma von einer OHG in eine KG umgewandelt. Hugos Schwester Elisabeth Gorden, geb. Wolfers, und seine Schwägerin Gertrud Wolfers, geb. Fränkel, beteiligten sich mit hohen Geldsummen an der Firma. Einziger persönlich haftender Gesellschafter der Kom­manditgesellschaft war Hugo Wolfers. Ende 1928 geriet das Unternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten, ein Konkurs konnte durch ein gerichtliches Vergleichsverfahren abgewendet werden. Ab 1929 änderte sich der Firmensitz, der vom Rödingsmarkt 40 zu den Hohen Bleichen 31–32 (Brandenburger Haus) verlegt wurde. Noch 1931 bemühte sich die Firma um eine größere Beihilfe aus einem Härtefond der Handelskammer Hamburg.

Als Jude wurde der Geschäftsmann Hugo Wolfers ab 1933 in steigendem Maße behindert. Über die Zuteilung von Einfuhrkontingenten waren Importfirmen dem Wohlwollen der nationalsozialistisch kontrollierten Bürokratie ausgeliefert. Eher geräuschlos konnte auf diese Wei­se jüdischen Firmeninhabern die wirtschaftliche Basis entzogen und ein Verkauf der Firma erpresst werden. Nach der "3.Verordnung zum Reichsbürgergesetz" vom 14. Juni 1938 wur­den Betriebe als "jüdisch" eingestuft, wenn ihre Inhaber nach NS-Maßstäben als Juden galten. Dennoch konnte die Firma im Geschäftsjahr 1938 einen Reingewinn von 38500 RM ausweisen. 1939 erfolgte die "Arisierung" von Schönfeld&Wolfers; dies bedeutete den Zwangs­verkauf der Firma unter dem tatsächlichen Wert, meist einhergehend mit der Sper­rung aller privaten Vermögenswerte der ehemaligen Eigentümer.

Bereits im Februar 1939 war ein erster Übernahmevertrag mit dem gleichaltrigen Kaufmann Ernst Kistenmacher (Im- u. Exportfirma E.G. Kistenmacher&Co., Mönckebergstraße 9) aufgesetzt worden, der aber vom NSDAP-Reichsstatthalter abgelehnt wurde. Unter anderem wurde bemängelt, dass für die Firma der bei Eigentümerwechseln übliche "Good will" gezahlt werden sollte, eine Art Firmenmehrwert, der z.B. den guten Ruf des Unternehmens und positive Ertragsaussichten berücksichtigte. Diese Zahlung war bei "Arisierungsverträgen" generell nicht zulässig. Wa­rum es nicht zu einer Vertragsänderung kam ist unbekannt. Möglicherweise sprachen gegen Ernst Kistenmacher dessen fehlende Parteimitgliedschaft und eventuell auch dessen Teil­ha­ber, der mit einer Jüdin verheiratet war.

Im Juni 1939 wurde dann mit dem Kaufmann Peter Schlumbom (1887–1959) ein Vertrag geschlossen. Über seinen Rechtsanwalt teilte der Käu­fer im Jahre 1947 seine Version der Übernahme mit. Über einen Hamburger Kaufmann habe er erfahren, "dass der Kaufmann Hugo Wolfers, Inhaber der Firma Schönfeld&Wolfers für sein Handelsgeschäft einen Käufer suche, weil er zu seinem Sohn nach Australien auswandern wolle. Dieser Hinweis geschah nicht lange vor Ausbruch des Krieges. Der Berufungs­kläger (Schlumbom) hat sich daraufhin mit Herrn Hugo Wolfers in Verbindung gesetzt.

Die Verhandlungen führten am 29. Juni 1939 zum Abschluss des Kaufvertrages. Herr Wolfers wurde jedoch, obwohl er schon die Ausreiseerlaubnis erwirkt und die Passage belegt hatte, durch den Ausbruch des Krieges an der Ausreise gehindert." Daraufhin sei die Übernahme noch hinausgezögert und erst am 25. September 1940 mit einem Vertragsnachtrag in Kraft gesetzt worden. Ob dies den tatsächlichen Gegebenheiten entsprach, wurde zumindest vom Berufungsausschuss für Entnazifizierungsverfahren im Juni 1948 angezweifelt. Dieser hatte den Eindruck gewonnen, "dass der Berufungskläger (Schlumbom) die Zwangslage der jüdischen Verkäufer in unrechtmäßiger Weise ausgenutzt und sich auf deren Kosten bereichert hat."

Peter Schlumbom, von 1934 bis 1938 glückloser Ostasienkaufmann in Japan, hatte noch aus dem Ausland seine "politische Rückfahrkarte" gebucht und war der Deutschen Ar­beits­front (1. Juni 1935) und der NSDAP (1. November 1936) beigetreten. 1939 folgte die Mitgliedschaft im "Reichsbund der Kinderreichen" (er hatte vier Kinder) sowie eine Tätigkeit als Blockhelfer/Blockleiter. Neben dem "Arisierungs-Kauf" von Schönfeld&Wolfers erwarb er zum 1. Januar 1942 die Firma des niederländischen Großhändlers für Berufskleidung Jo­seph Veffer (Amsterdam, Jodenbreestraat 15) über eine Firma, die von der deutschen Besat­zung­smacht mit dem Zwangsverkauf "jüdischer" Firmen beauftragt wurde.

Dem Kaufvertrag stimmte der Hamburger NSDAP-Reichsstatthalter im Oktober 1940 zu. Noch im selben Monat wurde ein notarieller Vertrag aufgesetzt: "Das Geschäft ist mit dem Firmenrecht auf den Kaufmann Peter Christoph Schlumbom übertragen worden. Dieser führt das Geschäft als alleiniger Inhaber unter unveränderter Firma fort." Am Ende des Vertrages wurde in einem einzigen Satz die Essenz der NS-Rassegesetze in die nüchterne Sprache der Behörden und Kaufleute übertragen und vom Notar besiegelt: "Die zu 1), 2), 4) und 5) Genannten (Anmerkung: Hugo Wolfers, Elisabeth Gorden geb. Wolfers, Sigrid Hess geb. Wolfers, Natalie Kramer geb. Wolfers) sind Juden, die zu 3) Genannte (Anm.: Gertrud Wol­fers geb. Fränkel) ist Mischling ersten Grades, der zu 6) Genannte (Anm.: Peter Schlumbom) ist Arier." Reichsstatthalter Karl Kaufmann hatte den Kauf allerdings nur unter Auflagen genehmigt.

So hieß es in einem Passus: "Die Beschäftigung des Herrn Wolfers als Ange­stell­ter wird zunächst nur bis zum 31. Dezember 1940 genehmigt." Auch bezüglich der Fir­men­bezeichnung wurden Vorgaben gemacht: "Der bisherige Firmenname darf auch mit einem die Nach­folge­schaft ausdrückenden Zusatz nur bis längstens bis zum 31. Dezember 1940 fortgeführt werden." Hugo Wolfers quittierte am 2. April 1941 den Erhalt von 4026,33 RM für seine Firma inklusive Geschäfts­ausstattung und Warenlager. Laut Käufer Schlum­bom wurde der ehemalige Firmeninhaber noch bis zum 31. März 1941 als Angestellter gegen Ent­gelt be­schäf­tigt. Obwohl demütigend, sicherte es Hugo Wolfers in dieser Situation immerhin den Lebens­un­ter­halt. Die Jahreseinnahmen des "Ariseurs" Schlum­­bom vervierfachten sich durch die Firmen­zukäufe.

Die zwanzigmonatige Verzögerung des Firmenverkaufs erschwerte eine mögliche Ausreise dramatisch. Neben dem behinderten Sohn Heinz war es auch die Ehefrau Olga, die einer seelischen Stütze bedurfte und Hugo Wolfers wohl zum Bleiben bewog. Das Fernsprechbuch des Jahres 1940 wies nun den Uhlenhorsterweg 2 als Wohnadresse aus. Ehepaar Wolfers war, ihrer Einnahmequelle beraubt, im November 1939 zur Untermiete in die nahegelegene Wohnung der Witwe Eugenie Zimmermann, geb. Isaacs, (geb. 27. Oktober 1873 in Ham­burg, deportiert am 19. Juli 1942 nach Theresienstadt, dort am 16. April 1945 gestorben) ge­­zogen. Zu diesem Zeitpunkt waren schon zwei der Wolfers-Kinder emigriert (die ältere Tochter Alice war 1932 mit 17 Jahren an Polio/Kinderlähmung gestorben).

Der älteste Sohn Heinz (geb. 14. September 1908) litt unter Schizophrenie. Noch 1933 wohn­te er in der Rothenbaumchaussee 103, 1.Stock zur Untermiete bei Rosa Rothenburg (geb. 18. März 1866 in Güstrow/Mecklenburg), die am 15. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert und am 23. September 1942 nach Treblinka weiterdeportiert wurde. Rosa Ro­then­burg verdiente mit der Vermietung von Zimmern ihrer Wohnung so wenig, dass sie zusätzlich auf Zuwendungen der Wohlfahrt angewiesen war. Möglicherweise hatte sie neben der Zimmervermietung auch die Pflege von Heinz Wolfers übernommen.

Nachdem 1934 das "Ge­setz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" in Kraft getreten war, wurde Heinz Wol­fers in die "Staatsirrenanstalt Friedrichsberg" eingewiesen. Als die Anstalt Friedrichsberg 1935 aufgehoben wurde, erfolgte am 18. Januar 1935 seine Verlegung in die "Staats­kran­ken­anstalt" Langenhorn (1893 als Außenstelle der Irrenanstalt Friedrichsberg gegründet). Seit Anfang der dreißiger Jahre verschlechterten sich die Lebensbedingungen der Patienten in den Anstalten durch Sparmaßnahmen und politisch motivierte Einschränkungen. In der Kriegs­zeit verschlechterte sich auch noch die Personalsituation durch die Einberufung von Ärzten und Pflegepersonal.

Am 24. Januar 1940 wurde Heinz Wolfers, eingenäht in eine Woll­decke, mit einem Sammeltransport per Bus in die Heilanstalt Strecknitz bei Lübeck verlegt (Ratzeburger Allee 160). Aufgrund negativer ärztlicher Diagnosen nahm er nicht an ar­beitstherapeutischen Maßnahmen teil. Er war bereits körperlich sehr schwächlich und lag zuletzt fast nur noch im Bett. Am 3. Mai 1940 starb er laut ärztlichem Bericht an den Folgen einer Lungen-Tbc, was auf eine schlechte pflegerische Versorgung hindeutet. Im September 1940 wurden die übrigen jüdischen Patienten von Strecknitz über Hamburg nach Branden­burg deportiert, wo sie höchstwahrscheinlich mit Gas getötet wurden.

Hugo und Olga Wolfers wurden am 6. Dezember 1941 ins Getto Riga deportiert. Der Ham­burger Transport wurde in das Staatsgut Jungfernhof eingewiesen. Dort starben Hugo und Olga Wolfers; die genauen Todesumstände sowie das Todesdatum sind nicht bekannt. Vom Amtsgericht Hamburg wurde das Todesdatum später rückwirkend auf den 8. Mai 1945 festgelegt.

Bereits am 25. Oktober 1941 war die Schwester von Hugo Wolfers, Elisabeth Gorden, geb. Wolfers (geb. 23. Dezember 1879 in Hamburg) mit ihrem Sohn Herbert Gorden (geb. 24. Sep­tember 1902 in Hamburg) ins Getto Lodz deportiert worden. Sie war verheiratet mit dem Amtsrichter Felix Gorden (1863–1939) und Mitglied der evangelisch-lutherischen Kirche. Mit 23 Jahren hatte der Referendar Felix Gorden seinen jüdischen Familiennamen Cohn in Berlin abgelegt und den britisch klingenden Namen Gorden angenommen. 1892 wechselte er als Assessor nach Hamburg, wo er 1895 zum Richter ernannt und am 15. Juli 1933 in den Ruhe­stand versetzt wurde. Noch im Februar 1939 hatte der selbstständige Kaufmann Herbert Gorden alle erforderlichen Unterlagen für seine Ausreise bei den entsprechenden Amtsstellen vorgelegt. Warum die Emigration dennoch nicht zustande kam, ist nicht bekannt. Mög­licher­weise hatte der Tod seines Vaters am 15. März 1939 zu einem Umdenken geführt.

Die Schwes­ter Hildegard war bereits nach Palästina ausgewandert, und so war Herbert Gorden der Einzige, der seiner Mutter in der Zeit nach dem Todesfall Halt und Hilfe geben konnte. Zweieinhalb Jahre später wurden Mutter und Sohn deportiert und starben im Getto Lodz. Von Elisabeth Gorden ist das Todesdatum nicht bekannt. Herbert Gorden starb am 9. März 1942. An beide erinnern Stolpersteine in der Parkallee 84 in Hamburg-Harvestehude, wo die Familie seit mindestens 1902 wohnte.

Für Alice Oppenheimer, geb. Oppenheim (1867–1942), und ihren Sohn Ernst Oppenheimer (1897–1942?) wurden in der Sierichstraße 58 im Stadtteil Winterhude Stolpersteine verlegt.

An die Eltern von Grete Wolfers, geb. Abrahamssohn, Joel Abrahamssohn (1869–1942) und Pauline Abrahamssohn geb. Meyer (1872–1942), erinnern Stolpersteine in der Peterstraße 33 in Hamburg-Neustadt.

© Björn Eggert

Quellen: 1; 2; 5; 8; StaHH Staatsangehörigkeitsaufsicht, A III 21 Bd.2, Aufnahme-Register 1865-1879, M-Z; StaHH 332-8, Alte Einwohnermeldekartei; StaHH 351-11, AfW, 221075 (Hugo Wolfers); StaHH 351-11, AfW, 271090 Henry Pels; StaHH 352-8/7, Staatskrankenanstalt Langenhorn, Abl. 1/1995, 21121 (Heinz Wolfers); StaHH 231-7, Handels- u. Genossenschaftsregister, B 1982-104, Band 1 u. 3 (Schönfeld & Wolfers); StaHH 314-15, OFP, FVg 4758; StaHH 314-15, OFP, R 1940/492; StaHH 241-2, Justizverwaltung, Personalakten, A 1229; StaHH 221-11, Staatskommissar für die Entnazifizierung, C 3169; StaHH 221-11, Staatskommissar für die Entnazifizierung, C 6984; AB 1842 (Jaffé), 1870, 1885, 1896; Amtliche Fernsprechbücher Hamburg 1895, 1906, 1914, 1917, 1919–1920, 1925, 1928–1930, 1933, 1938–1940; Gräberkartei Jüdischer Friedhof Ohlsdorf; Auskünfte des Historikers Hans-Werner Dirks (Warmsen), 2008; Auskünfte und Privatfotos von Howard Wolfers (Australien), 2008 u. 2009; Auskünfte von Ernest Stiefel, Seattle/USA, 2009; von Rönn/ Lunderup: Wege in den Tod. S. 233ff.; Press, Judenmord in Lettland 1941-1945, S. 67ff., S. 71, S. 89ff.; Sparr, Stolpersteine in Hamburg-Winterhude. S. 188ff.; Hamburger Börsenfirmen, 11.Auflage, Hamburg 1910, S. 591, S. 720f.; Hamburger Börsenfirmen, 34.Auflage, Hamburg Febr.1933, S. 764, S. 931; Hamburger Börsenfirmen, 36.Auflage, Hamburg 1935, S. 446 (Kistenmacher & Co.); Hamburger Handel und Verkehr, Illustriertes Export-Handbuch der Börsenhalle 1912/14, Hamburg ohne Jahresangabe, S. 130 (Schönfeld & Wolfers); Bajohr, "Arisierung" in Hamburg, S. 371 (Schönfeld & Wolfers); Landschaftsverband Westfalen-Lippe und Westfalen, Amt für Denkmalspflege, Bau- u. Kunstdenkmäler von Westfalen, Band 50, Stadt Minden – Teil IV, Minden 2000, S. 132ff. (Wolffers-Haus); Herzig, Das Sozialprofil der jüdischen Bürger von Minden; Storz: Als aufgeklärter Israelit wohltätig wirken. S.172ff.; Gelehrtenschule des Johanneums, Bibliotheca Johannei (Schülerkarte Hugo Wolfers); Königliche Kunst – Freimaurerei in Hamburg seit 1737, Ausstellung im Jenisch-Haus vom 24.3.–22.11.2009, Schriftstück von 1897 in der Ausstellung (darauf erwähnt Ed. Wolfers u. Ernst Wolfers).
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

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