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Louise Grün * 1873

Schröderstraße 20 a (vormals Nr. 28) (Hamburg-Nord, Hohenfelde)


HIER WOHNTE
LOUISE GRÜN
JG. 1873
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
1942 TREBLINKA
ERMORDET

Louise Grün, geb. am 31.12.1873 in Hamburg, deportiert am 15.7.1942 in das Getto Theresienstadt, von dort am 21.9.1942 in das Vernichtungslager Treblinka, dort ermordet

Schröderstraße 20 (früher: Schröderstraße 28)

Louise Johanna Grün kam am 31. Dezember 1873 in Kohlhöfen 31/32 in der Neustadt, dem damaligen Zentrum jüdischen Lebens in Hamburg, als Ausländerin zur Welt. Ihr Vater, der Schneider Lazar Grün, war aus Groß-Karoly in Ungarn zugewandert und hatte am 30. März 1870 die ebenfalls jüdische Jette Cohn, geboren am 9. August 1838 in Hamburg, geheiratet. Dadurch erhielten sie und später die gemeinsamen Kinder die österreichisch-ungarische Staatsangehörigkeit. Jette Cohn kam aus einfachen Verhältnissen. Ihr Vater, Moses Jacob Cohn, war Handelsmann, ihre Mutter Friederike eine geborene Kulp. Als Louise geboren wurde, hatte sich Lazar Grün kurz zuvor als Händler mit ungarischen Weinen selbstständig gemacht. Er gehörte ebenso wie seine Schwiegereltern zur Deutsch-Israelitischen Gemeinde. Während Louise einen "modernen" Namen erhalten hatte, wurde ihr am 19. März 1875 geborener Bruder Isaac Moses genannt. Louise wuchs bis zu ihrem zehnten Lebensjahr in der Neustadt auf, danach verlegte der Vater den Wohnsitz in die Karolinenstraße 21 in St. Pauli.

Als Louise 1880 schulpflichtig wurde, unterhielt ihr Vater zwei Geschäfte, eines in der Wexstraße 11, das andere im Keller der Neustädter Fuhlentwiete 11, und eine Wohnung in der Steinwegpassage 14. Vier Jahre später betrieb er sein Geschäft im Graskeller 21. Am 10. Januar 1888 starb er im Alter von nur 48 Jahren. Zu der Zeit hatten er und seine Frau das Geschäft bereits aufgegeben und waren in dem neu errichteten Gebäude der Vaterstädtischen Stiftung in der Baustraße 49 (nach der Umnummerierung Nr. 33) untergekommen. Die Baustraße lag in Borgfelde und heißt heute Hinrichsenstraße. Die Grüns bewohnten dort "Thür 9", eine der 23 Familienwohnungen.

Jette Grün sorgte für sich und ihre noch minderjährigen Kinder, indem sie einen kleinen Handel mit holländischen Waren, insbesondere Seife und Wichse, betrieb. Außerdem arbeitete sie als "Wärterin" (Hausmeisterin) bei der Vaterländischen Stiftung, wofür sie wöchentlich 10 Mark erhielt. Auf dieser finanziellen Basis und mit einem tadellosen Leumundszeugnis ausgestattet, stellte sie sechs Wochen nach dem Tod ihres Mannes einen Antrag auf "Aufnahme in den Hamburgischen Staatsverband" für sich und ihre Kinder. Louise würde Ostern 1888 aus der Schule entlassen und eine Lehre "in der Confektion" antreten. Nur aufgrund eines Versehens ihres verstorbenen Mannes hätten sie nicht die hamburgische Staatsangehörigkeit erworben. Alle drei seien in Hamburg geboren, hätten stets dort gelebt und kennten ihre angebliche Heimat überhaupt nicht. Die Polizeibehörde lehnte den Antrag wegen des geringen Einkommens ab. Louise und Isaac erhielten daraufhin Vormünder, zwei frühere Geschäftsfreunde ihres Vaters, mit deren Unterstützung sich Jette Grün im August 1888 direkt an den Senat wandte.

Dem Einwand des geringen Einkommens hielten sie entgegen, dass Louise bereits Ende des Jahres als Lehrerin erwerbstätig sein werde. Der Senat beauftragte daraufhin die Aufsicht über die Standesämter, Jette Grüns Antrag zu genehmigen. Die Naturalisation setzte aber auch die Entlassung aus dem österreichisch-ungarischen Staatsverband voraus. Den Nachweis dafür konnten sie erst im Januar 1889 vorlegen. Schließlich mussten sie noch zwei Personen benennen, die dafür bürgten, dass sie fünf Jahre lang dem Hamburgischen Staat nicht zur Last fallen würden. Es waren der Weinhändler Julius Ahrens, einer der Vormünder, und der Pfeifenhändler H. L. M. Wink aus dem Graskeller 21. Am 1. Mai 1889 erhielten Jette Grün und mit ihr die Kinder Louise und Isaac Moses die Einbürgerungsurkunde. Ohne diese hätte Louise später keine Hamburger Beamtin werden können.

Louise Grün absolvierte das Lehrerinnenseminar in Hamburg in der Fuhlentwiete. Als sie am 1. April 1893 in den Hamburger Volksschuldienst eintrat, war sie noch nicht einmal 20 Jahre alt. Offenbar begann sie ihre Unterrichtstätigkeit in der Mädchenschule Im Käthnerort in Barmbek.

Wegen des frühen Todes seines Vaters konnte Isaac Moses kein Abitur ablegen. Nach dem Realschulabschluss in der Schule am Holstentor begann er eine kaufmännische Ausbildung. Zunächst besuchte er die dreijährige Handelsschule, danach absolvierte er eine vierjährige Metallwarenlehre. Seine Berufstätigkeit begann er als Buchhalter bei der AEG (Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft).

Im Jahr 1900 zog Jette Grün mit ihren beiden Kindern in ein Hinterhaus in der Lübeckerstraße 49 in Hohenfelde. Dort starb sie 1903 im Alter von 65 Jahren. Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof in Ohlsdorf beerdigt – getrennt von ihrem Mann, der seinerzeit ebenfalls in einem Einzelgrab beigesetzt worden war.

Louise Grün blieb in Hohenfelde, während ihr Bruder Isaac aus der gemeinsamen Wohnung auszog. Er heiratete 1906 in Eimsbüttel die Gastwirtstochter Martha Mahnke. Sie gehörte der evangelisch-lutherischen Kirche an und auch Isaac gab als Religionszugehörigkeit "lutherisch" an. In der Steuerkartei der Deutsch-Israelitischen Gemeinde wurde er jedoch nicht gestrichen. Mit Senatsbescheid vom 25. März 1908 änderte er seinen Vornamen Isaac Moses in Johannes Max.

Zum Schuljahr 1907/1908 wechselte Louise Grün an die Mädchenschule Hinrichsenstraße 17 (heute Brucknerstraße) in Barmbek. Die Schule war am 1. April 1893, dem Datum ihres Eintritts in den Hamburger Schuldienst, in dem Arbeiterstadtteil mit seiner schnell wachsenden Bevölkerung eröffnet worden. Außerdem zog sie in den Wandsbekerstieg 52 in Hohenfelde. Vier Jahre später mietete sie eine Wohnung in der benachbarten Schröderstraße 28. Das Mehrfamilienhaus gehörte dem Kunstschlosser Otto Neugebauer, der auch selbst dort wohnte. Sie entrichtete regelmäßig Steuern an die jüdische Gemeinde und erhöhte sie sogar von sich aus im Inflationsjahr 1922. Berufspolitisch engagierte sie sich in der "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens", dem Vorläufer der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft).

Am 1. April 1933 ging Louise Grün nach 40 Dienstjahren im Alter von 60 Jahren in den Ruhestand. Sie wurde noch im Verzeichnis Hamburger Lehrerinnen von 1938/39 als Pensionärin geführt, während fast alle anderen jüdischen Kolleginnen und Kollegen nach 1933 keine Erwähnung mehr fanden. Ihr Vermieter – inzwischen die Erbengemeinschaft Neugebauer – machte von seinem 1938 von der NS-Regierung erlassenen Kündigungsrecht keinen Gebrauch. Dennoch gab sie um 1940 die Wohnung auf, in der sie fast 30 Jahre gelebt hatte, und zog in die Pension der Witwe Bella Kaufmann, Schlüterstraße 63. Bella Kaufmann selbst war bereits im August 1939 in die USA emigriert.

Der Oberfinanzpräsident verlangte von Louise Grün keine Erklärung ihres Vermögens, da sie außer ihrem Ruhegehalt kein weiteres Einkommen bezog und weder Ersparnisse noch Wertpapiere besaß. Sie erfüllte in gewohnter Weise ihre Verpflichtungen gegenüber der jüdischen Gemeinde. Mit Schreiben vom 7. März 1941 legte sie dem Jüdischen Religionsverband dar, dass von ihrem Bruttogehalt von 262,08 Reichsmark monatlich 33,02 Reichsmark Lohnsteuer direkt von der Schulverwaltung der Hansestadt Hamburg abgezogen würden. Darüber hätte sie keine Abrechnung erhalten, die sie vorlegen könne. Die Steuerverwaltung der jüdischen Gemeinde berechnete daraus einen monatlichen Beitrag von 3,17 Reichsmark. Auch dem Staat blieb sie nichts schuldig und entrichtete 1940 einen Kriegszuschlag von 16,52 Reichsmark und die Bürgersteuer von 3,50 Reichsmark. Ihr Schriftwechsel mit der jüdischen Gemeinde sticht unter den übrigen heraus, in denen es meist um Stundung oder Erlass der Gemeindebeiträge geht, weil sie geradezu beflissen ihre Beiträge abrechnete und zahlte.

1941 brachte die jüdische Gemeinde sie 1941 im Samuel-Lewisohn-Stift im Kleinen Schäferkamp 32 in Eimsbüttel unter, das zu einem "Judenhaus" geworden war. Von dort wurde sie, inzwischen 68 Jahre alt, am 15. Juli 1942 in das "Altersgetto" Theresienstadt deportiert.

Als eine der wenigen Berufsangaben auf der Transportliste steht bei Louise Grün "Lehrerin". Am 21. September 1942, nur zwei Monate nach ihrer Ankunft in Theresienstadt, verbrachte die Gestapo sie weiter in das Vernichtungslager Treblinka. Dort wurde sie wahrscheinlich gleich nach der Ankunft ermordet.

Da die Ehe von Louise Grüns Bruder Max kinderlos geblieben war, galt sie als "nichtprivilegiert" und bot ihm keinen Schutz vor Zwangsmaßnahmen der Gestapo. Nachdem er 1942 mit seiner Frau in die Bornstraße 20 hatte umziehen müssen, deportierte ihn die Gestapo am 14. Februar 1945 mit dem letzten Transport aus Hamburg zu einem vorgeblichen Arbeitseinsatz nach Theresienstadt. Dort wurde er am 3. Mai von Soldaten der Roten Armee befreit und wanderte im Juni in Richtung Norden. Er kam bis Boizenburg, wo ihn die Russen festhielten. Im Dezember 1945 kehrte er nach Hamburg und im folgenden Jahr in seine frühere Wohnung zurück. Seine Ehefrau Martha Grün starb 1947, er selbst am 24. September 1960.

Stand: Mai 2016
© Hildgard Thevs

Quellen: 1, 4, 5, 7; Hamburger Adressbücher; StaH, 332-5 Standesämter, 241+131/1888; 3068+188/1906; 6851+903/1903; 332-7 Staatsangehörigkeitsaufsicht, B III Nr. 29609; 351-11 AfW, 2721 (Max Grün); 522-1 Jüdische Gemeinden, 992 d, Band 11; 992 e 2, Bde 4 und 5; JFHH ZZ 10-204, ZZ 11-189; Hoffmann, Andreas, Schule und Akkulturation: geschlechtsdifferente Erziehung von Knaben und Mädchen der Hamburger liberalen Oberschicht 1848–1942, Münster 2001 (darin: Lehrerinnenseminar der Unterrichts-Anstalten des Klosters St. Johannis seit Ostern 1817); Schwarz, Angela, Die Vaterstädtische Stiftung in Hamburg in den Jahren von 1849 bis 1945, Hamburg, 2007.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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