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Bereits verlegte Stolpersteine



Gebhard Pribbernow * 1944

Marckmannstraße 135 (ehemalige Kinderklinik) (Hamburg-Mitte, Rothenburgsort)


GEBHARD PRIBBERNOW
GEB. 21.1.1944
ERMORDET 4.7.1944

Weitere Stolpersteine in Marckmannstraße 135 (ehemalige Kinderklinik):
Andreas Ahlemann, Rita Ahrens, Ursula Bade, Hermann Beekhuis, Ute Conrad, Helga Deede, Jürgen Dobbert, Anneliese Drost, Siegfried Findelkind, Rolf Förster, Volker Grimm, Antje Hinrichs, Lisa Huesmann, Gundula Johns, Peter Löding, Angela Lucassen, Elfriede Maaker, Renate Müller, Werner Nohr, Harald Noll, Agnes Petersen, Renate Pöhls, Hannelore Scholz, Doris Schreiber, Ilse Angelika Schultz, Dagmar Schulz, Magdalene Schütte, Gretel Schwieger, Brunhild Stobbe, Hans Tammling, Peter Timm, Heinz Weidenhausen, Renate Wilken, Horst Willhöft

Kinderkrankenhaus Rothenburgsort

Im früheren Kinderkrankenhaus Rothenburgsort setzten die Nationalsozialisten ihr "Euthanasie-Programm" seit Anfang der 1940er Jahre um.
33 Namen hat Hildegard Thevs recherchieren können.

Eine Tafel am Gebäude erinnert seit 1999 an die mehr als 50 ermordeten Babys und Kinder:

In diesem Gebäude
wurden zwischen 1941 und 1945
mehr als 50 behinderte Kinder getötet.
Ein Gutachterausschuss stufte sie
als "unwertes Leben" ein und wies sie
zur Tötung in Kinderfachabteilungen ein.
Die Hamburger Gesundheitsverwaltung
war daran beteiligt.
Hamburger Amtsärzte überwachten
die Einweisung und Tötung der Kinder.
Ärzte des Kinderkrankenhauses
führten sie durch.
Keiner der Beteiligten
wurde dafür gerichtlich belangt.



Weitere Informationen im Internet unter:

35 Stolpersteine für Rothenburgsort – Hamburger Abendblatt 10.10.2009

Stolpersteine für ermordete Kinder – ND 10.10.2009

Stolpersteine gegen das Vergessen – Pressestelle des Senats 09.10.2009

Die toten Kinder von Rothenburgsort – Nordelbien.de 09.10.2009

35 Stolpersteine verlegt – Hamburg 1 mit Video 09.10.2009


Wikipedia - Institut für Hygiene und Umwelt

Gedenken an mehr als 50 ermordete Kinder - Die Welt 10.11.1999

Euthanasie-Opfer der Nazis - Beitrag NDR Fernsehen 29.05.2010

Hitler und das "lebensunwerte Leben" - Andreas Schlebach NDR 24.08.2009
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Gebhard Pribbernow, geb. 21.1.1940 in Schwarmitz/Kreis Grünberg/Schlesien, Tod am 4.7.1944

Gebhard war am 21. Januar 1940 als erstes Kind der Eheleute Pribbernow in Schwarmitz geboren worden. Seine Mutter Edith, eine geborene Scheffler, stammte von dort, ihr Ehemann Fritz kam aus Meesow in Pommern. Edith Pribbernow war als Waise bei einem Onkel aufgewachsen. Sie heiratete den 17 Jahre älteren Berufssoldaten Fritz Pribbernow und brachte mit noch nicht ganz 18 Jahren Gebhard zur Welt. Bei der Geburt traten Komplikationen auf. Gebhards Atmung und Herztätigkeit stockten, konnten aber durch Wechselbäder und kurze kräftige Schläge mit einem nassen Tuch wieder in Gang gebracht werden.

Die Eheleute gehörten der evangelischen Kirche an und ließen ihren Sohn taufen. Als der Vater, ein Stabsfeldwebel, nach Hamburg-Rahlstedt versetzt wurde, bezog die Familie im Rahlstedter Weg 67 eine Wohnung. So kam Gebhard in den Zuständigkeitsbereich der "Kin­derfachabteilung" in Hamburg-Rothenburgsort. Die Familie lebte dort, als der Junge im Alter von fünfzehn Monaten seine erste Pockenschutzimpfung erhielt. Sonst ist uns über die ersten Lebensmonate nichts bekannt.

Als Gebhard zwei Jahre alt war, wurde eine Schwester geboren, die gesund heranwuchs. Der Vater nahm offenbar ab 1939 als Soldat am Zweiten Weltkrieg teil und wurde mehrfach verwundet. D. h. er war meistens abwesend, in den Akten ist auch von Alkoholkrankheit die Rede. Gebhards Entwicklung verlief verzögert, seine Schwester überholte ihn. Er lernte in seinen vier Lebensjahren weder selbstständig zu sitzen noch zu gehen noch feste Nahrung zu sich zu nehmen.

Diese Entwicklungsstörungen führten dreieinhalb Jahre lang nicht zu einer Meldung an den "Reichsausschuss". Wer danach seine Aufnahme zur Begutachtung in den damaligen Alsterdorfer Anstalten veranlasste, ist uns nicht bekannt. Die Einrichtung diente offenbar als Ersatz für die seit dem Sommer 1943 fehlenden Beobachtungsstationen der "Kinderfachabteilungen" in Hamburg. Eine Rolle für die Einweisung mag gespielt haben, dass die Eltern die Scheidung eingereicht hatten und sich nicht wie bisher um den Jungen kümmern konnten.

Zwei Tage nach Gebhards Aufnahme am 6. November 1943 erklärte der leitende Arzt Gerhard Kreyenberg aufgrund einer vorgenommenen Untersuchung, "die Aufnahme des Gebhard Pribbernow wegen Idiotie, Mikrocephalie in die Alsterdorfer Anstalten für erforderlich". Gebhards Kopf war kleiner, als es seinem Alter entsprach, seine Arm- und Beinmuskulatur waren so verkrampft, dass er weder greifen noch sich fortbewegen konnte, und seine Sprache bestand aus einigen dem Arzt unverständlichen Lauten. Er machte auf Kreyenberg einen heiteren Eindruck und schien sich wohl zu fühlen.

Gebhards Mutter erwog, ihren Sohn wieder zu sich nehmen, was der Vater unter Verweis auf fehlende Unterbringungsmöglichkeiten verhinderte. Sechs Wochen, nachdem Gebhard in das Krankenhaus gekommen war, traf dort ein Formular des Gesundheitsamts Wandsbek zur "Meldung missgestalteter Säuglinge" ein, bei dem es sich nicht um den offiziellen Meldebogen des "Reichsausschusses" handelte. Kreyenberg füllte es erst nach einer Mahnung vom 12. Januar 1944 aus. Gebhards Mutter machte im Februar 1944, drei Monate nach der Aufnahme ihres Sohnes, Angaben für den erbgesundheitlichen Stammbaum.

Über das Befinden und Verhalten Gebhards während seines achtmonatigen Aufenthalts in "Alsterdorf" gibt es nur spärliche Informationen. Das Pflegepersonal hielt fest, dass er mit Spielzeug nicht viel anzufangen wisse, aber gern mit Zeitungspapier knittere, nicht auf seinen Namen reagiere, aber lache, wenn mit ihm geschäkert werde.

Der Schriftverkehr, in dem es um die Übernahme der Kosten für die Pflege ging, ist dagegen umfangreich. Er gibt Einblick in die Verwaltungswege: Der Vater zahlte zunächst die Unterbringungskosten für Gebhard, die Sonderstelle der Sozialverwaltung lehnte die Kostenübernahme ab, weil keine "Hilfsbedürftigkeit fürsorgerechtlicher Art" vorläge, übernahm diese dann aber doch, möglicherweise wegen der inzwischen erfolgten Meldung des Kindes an das Gesundheitsamt.

Vier Monate später, am 18. Mai 1944, teilte Medizinalrat Heinrich Maintz vom Gesundheitsamt Hamburg-Wandsbek der Anstaltsleitung mit: "Der Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden Berlin … hat angeordnet, dass das oben genannte Kind in das Kinderkrankenhaus Rothenburgsort verlegt werden soll." Der Ausschuss hatte seine ursprüngliche Zielgruppe, Kinder bis zum vollendeten dritten Lebensjahr, längst auf ältere Kinder erweitert. Gebhard war inzwischen vier Jahre und fünf Monate alt. Er wurde erst später verlegt, da er ernsthaft an einem schweren Darmkatarrh erkrankt war. Sein Vater erhielt eine uneingeschränkte Besuchserlaubnis.

Am 28. Juni 1944 wurde Gebhard im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort aufgenommen und auf der chirurgischen Station untergebracht. Zwei Tage später erhielt sein Vater davon Kennt­nis. In ihrem Untersuchungsbefund bestätigte Stationsärztin Lotte Albers Kreyenbergs Diagnose und ergänzte, Gebhard "fixiere" auf Anreden (d. h. er schaute sein Gegenüber an) und lächele. Inzwischen hatte sich bei Gebhard eine Bronchitis entwickelt. Warum er bei diesem Krankheitsbild auf die chirurgische Station gelegt wurde und dort verblieb, ergibt sich nicht aus den Akten. Die Bronchitis verschlimmerte sich, und gegen Morgen des 4. Juli 1944 starb Gebhard an einer Lungenentzündung, ob mit oder ohne tödlichen Eingriff, ließ sich nicht klären, da die Aussage Lotte Albers’ gegen die der Stationsschwester Martha Müller steht.

Der Vater meldte den Tod seines Sohnes drei Tage später beim Standesamt Billbrook an, das an die Stelle des zerstörten Rothenburgsorters getreten war. Die Todesursache lautete "Pneumonie, Idiotie".

© Hildegard Thevs

Quellen: Archiv der Ev. Stiftung Alsterdorf, V 272; StaH 213-12 Staatsanwaltschaft Landgericht – NSG, 0017/001, 0017/002; 332-5 Standesämter, 1237+403/1944; 352-8/7 Staatskrankenanstalt Langenhorn, Abl. 2000/01, 63 UA 4; Wunder, Kreyenberg.

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