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Wilhelm Hagen * 1899

Luruper Hauptstraße 54 (Altona, Lurup)


HIER WOHNTE
WILHELM HAGEN
JG. 1899
VERHAFTET
KZ FUHLSBÜTTEL
ERMORDET 3.1.1936

Wilhelm (Willi) Hagen, geb. am 3.11.1899, inhaftiert ab 21.2.1935 im KZ Fuhlsbüttel, dort ermordet am 3.1.1936

Luruper Hauptstraße 54

Der Luruper Widerstandskämpfer Ernst Hadler bezeugte im Oktober 1945 in einem Schreiben an die Beratungsstelle für Wiedergutmachungsansprüche die Todesumstände Willi Hagens und legte ein Gedicht bei, das Willi Hagen im KZ Fuhlsbüttel 1935 geschrieben hatte:

Auch du bist im Kola Fu gewesen
Dem Einen bei Tag, dem Andern bei Nacht
ist es gar grausam ergangen,
die Stapo hat in’s KZ uns gebracht,
sie hält uns in Ketten gefangen.
Hier ist es egal, ob jung oder alt,
Hier wird ein jeder misshandelt,
hier herrscht statt Vernunft nur brutale Gewalt
Rohheiten nur und Schikanen.
Noch können Sie ‘s machen, noch halten wir still
im KZ – Lager Fuhlsbüttel.
Es starben für Freiheit, es starben für Recht
unsere besten Genossen!
Ihr habt sie erschlagen und loget ganz frech
sie sein auf der Flucht nur erschossen.
Schlaft wohl ihr Genossen in seliger Ruh,
Wir werden Euch niemals vergessen.
Doch einst kommt die Stunde, doch einst kommt der Tag
dann werden wir uns rächen,
dann werden wir mit eiserner Kraft
unsere Ketten zerbrechen.
Dann weh‘ Euch Faschisten, Euch adlige Brut
Weh Euch, Ihr Schinder und Henker!
Dieses und ähnliche Gedichte trug Willi Hagen im KZ Fuhlsbüttel während der Gemeinschaftshaft den Genossen vor, vielen blieben diese Abende in besonderer Erinnerung, es waren Momente der Widerstandskraft für die von Folter und Willkür gequälten Gefangenen. Mithäftling Tetje Lotz schrieb in seiner Biographie: "Willi Hagen aus Lurup, ein sehr sensibler Mensch, machte wunderbare Scherenschnitte und oft auch Gedichte, die auf den kleinen Abendfeiern vorgetragen wurden. Einige dieser Gedichte befassten sich mit dem Leben in Ko-La-Fu."

Dieses Gedicht scheint das Schicksal Willi Hagens in wenigen Worten zusammenzufassen. Der Dichter selbst wurde kurz nach dem Verfassen dieser Zeilen "für Freiheit und Recht" ermordet. Willi Hagen wurde in der KZ-Haft in Fuhlsbüttel vermutlich erschlagen. Er habe sich selbst erhängt, lautete die offizielle Version seines Todes. Wie hatte es dazu kommen können?

Wilhelm (Willi) Christian Hagen wurde am 3. November 1899 in Altona geboren. Er legte 1917 die Gesellenprüfung für das Schmiedehandwerk ab, arbeitete kurze Zeit als Huf- und Beschlagschmied. Während des Ersten Weltkrieges zum Militärdienst eingezogen, diente er vom 21. Juli 1917 bis zum 6. Juni 1919 als einfacher Soldat. Er heiratete 1928 Henny Timmermann aus Dockenhuden. Im selben Jahr bekam das junge Paar die erste Tochter, Ursula. Der Vater arbeitete seit dem Ende des Krieges bis 1928 als Schmied und Schlosser, verlor jedoch seine Anstellung, sodass er von 1929 bis 1931 als Straßenbahnschaffner bei der Hamburger Hochbahn AG sein Auskommen finden musste. Danach war er arbeitslos und konnte nur aushilfsweise an Sonn- und Feiertagen als Straßenbahnschaffner arbeiten. Wie viele erwerbslos gewordene Arbeiter aus den Innenstadtgebieten, aus Altona und St. Pauli zog Willi Hagen zusammen mit seiner Frau nach Lurup. Die beiden wohnten 1931 in der Luruper Hauptstraße 47, nach 1933 in der Luruper Hauptstraße 54 in einem Mietshaus. In dieser Wohnung gebar Henny 1933 die jüngste Tochter Annegret.

Willi Hagen, wie viele seiner Generation durch die Arbeitslosigkeit politisiert, schloss sich in Lurup einem Kreis politisch interessierter Arbeiter an, hatte vor allem Kontakt zu KPD-Mitgliedern und Gewerkschaftern wie Heinrich Jäger und Paul Fischer, mit denen er bereits 1932 Flugblätter für die KPD in Lurup herstellte.

Willi und Henny Hagen wohnten gemeinsam mit ihren Töchtern in einem klassizistischen mehrstöckigen Gebäu-de, das nach der Jahrhundertwende gebaut worden war. Die meisten Freunde und Genossen der Familie wohnten in den vielen Kleingarten- und Fischkistensiedlungen, die während der Wirtschaftskrise in den 1930er Jahren in Lurup entstanden. Die zugezogenen verarmten Arbeiterfamilien aus Altona und St. Pauli fühlten sich der Arbeiterbewegung zugehörig. Lurup galt damals als ein linker, vor allem sozialdemokratisch und kommunistisch geprägter Vorort Altonas, scherzhaft auch als "Klein Moskau" bezeichnet. Die Reichstagswahl 1933 ergab mit 40,6 Prozent für die SPD und 17,2 Prozent für die KPD entgegen dem Trend eine Mehrheit für die linken Parteien, die NSDAP erhielt 34,1 Prozent. Nach dem Verbot der KPD am 15. März und dem Verbot der SPD im Juni 1933 bildeten sich auch in Lurup Widerstandsgruppen; Willi Hagen unterstützte den KPD-Bezirk Wasserkante, gemeinsam mit Frieda und Walter Reimann, Paul Moritz Fischer, Hans und Gertrud Knöpfel und anderen.

Bereits vor 1933 kam es zu nationalsozialistischen Übergriffen auf die aus der Arbeiterbewegung hervorgegangenen Siedlergemeinschaften.

Familie Hagen wohnte in der Nähe der von NS-Schlägern gern besuchten Gaststätte Johannes Rüpckes in der Luruper Hauptstraße, dem Lindenpark. Die Luruper Nationalsozialisten, die mit Gewalt, aber auch mit Vergünstigungen für Überläufer und Spitzel das "rote Lurup" unter Kontrolle zu bringen suchten, erhielten von Nachbarn und dem Polizeileutnant Karl Lange Kenntnis von Widerstandsaktivitäten der Luruper Kommunisten, Gewerkschafter und Sozialdemokraten. Unter den in den Jahren 1933 bis 1939 in Hamburg verhafteten ca. 8.500 KPD-Mitgliedern waren (so die Chronistinnen Ursel Hochmuth und Gertrud Meyer) auch viele Luruper Kommunisten, die meisten von ihnen wurden in dem Zeitraum von 1933 bis 1935 verhaftet "und wegen ‚Vorbereitung zum Hochverrat‘ der faschistischen Justiz überführt". Am 21. Februar 1935 wurde auch Willi Hagen verhaftet. Ihm wurde im Rahmen der Strafsache gegen den Hafenarbeiter Johannes Heinrich Heldt, nach Darstellung der Anklageschrift der führende Altonaer KPD-Funktionär, "Hochverrat" vorgeworfen, laut Anklageschrift sollte er für die KPD in Lurup als Kassierer gewirkt haben. Etwa 570 Männer und Frauen aus Hamburg und Altona wurden im Rahmen der Strafsache "Heldt und Genossen" angeklagt, die verbotene Organisation der KPD weitergeführt zu haben, Flugblätter und andere illegale Schriften verteilt, illegale Treffen organisiert und Widerstandsgruppen aufgebaut zu haben. Ihnen wurde vorgeworfen, "zur Vorbereitung des Hochverrats einen organisatorischen Zusammenhalt herzustellen und aufrecht zu erhalten", und die "Beeinflussung der Massen" durch Verbreitung von Flugblättern versucht zu haben. Dem Gericht hatten Flugblätter vorgelegen mit der Schlagzeile "Faschistische Mordbrenner stecken den Reichstag in Brand". In der Anklageschrift beschrieb die Staatsanwaltschaft detailliert die konspirativen Treffen der KPD-Funktionäre, ein Wissen, das nur durch Spitzel gewonnen worden sein konnte. Sie resümierte:
"In dem Verfahren gegen Heldt und andere gelang es, eine umfangreiche neu aufgebaute Organisation der illegalen KPD aufzudecken. Das Verfahren gegen Heldt u. A. wird sich gegen etwa 570 Personen richten, die an dem Wiederaufbau der verbotenen KPD im Bezirk Groß-Hamburg beteiligt waren." Die Beschuldigten seien "zum Teil in hervorragendem Maße an dem Wiederaufbau der illegalen KPD beteiligt" gewesen. Zu den Angeklagten gehörten zahlreiche Mitglieder aus Widerstandsgruppen in Lurup, Eidelstedt, Niendorf und Osdorf, darunter die Luruper Hans und Gertrud Knöpfel, Ferdinand Lorenz, Walter Reimann und Paul Moritz Fischer. Willi Hagen habe die "Hamburger Volkszeitung" verteilt und die Parteigelder der KPD eingesammelt und verwaltet. Laut Anklageschrift gegen den Luruper Hans Knöpfel hatte Willi Hagen auch für die Unterstützung von Angehörigen der Inhaftierten Spenden gesammelt, also für die Rote Hilfe geworben. In der Anklage gegen Hagen, die erst nach seinem Tod erhoben wurde, am 26. März 1936, hieß es: "Hagen hatte Beiträge kassiert, selbst Beiträge bezahlt, ferner von Nied im März 34 illegale Zeitungen bekommen und in der Zeit von September bis Dezember 1934 von Jäger. Die Zeitungen hatte er teilweise weiter verkauft."

Die Haftbedingungen im KZ Fuhlsbüttel waren außerordentlich grausam, geprägt von Folter, nicht selten auch von Hunger und der oft sadistischen Willkür des Gefängnispersonals. Einen Eindruck der Haftbedingungen und des Gesundheitszustan-des Willi Hagens gibt eine Zeugenaussage des in der gleichen Strafsache im KZ Fuhlsbüttel inhaftierten Lurupers Ernst Hadler für den Wiedergutmachungsantrags Henny Hagens: "Wilhelm Hagen ist mir durch seine Tätigkeit für die KPD vor und nach der Machtübernahme gut bekannt gewesen. Er wurde am 21. September 1935 durch die Gestapo verhaftet und in das damalige KZ Fuhlsbüttel gebracht. Ich selbst wurde am 25. September 1935 auf meiner Arbeitsstelle ebenfalls durch die Gestapo verhaftet und nach Fuhlsbüttel gebracht. Nachdem ich einige Wochen in Einzelhaft und in Eisen gelegen hatte, kam ich im Oktober in Gemeinschaftshaft in den A Flügel im II. Stock, im Saal 6 traf ich Wilhelm Hagen wieder. Obwohl er schon 8 Monate in Haft war, wovon er auch einige Wochen in Einzelhaft und in Eisen gelegen hatte, waren sein Geist und seine Zuversicht in unsere einstige Freiheit ungebrochen. Zwar war er schwer asthmaleidend und hatte des Nachts häufig Atmungsbeschwerden, sodass ihn jeder menschlich denkende Arzt hätte haftunfähig schreiben müssen. Aber Wilhelm Hagen war ein klassenbewusster Arbeiter, der auch den Luruper Genossen durch seine Gedichte und kleinen Rezitationen kein Unbekannter war. Auch in der Schutzhaft hat er sich in diesem Sinne betätigt. Diese seine Tätigkeit muss durch Verrat der Gestapo und auch den Wachmannschaften bekannt geworden sein und darum hatte er auch häufiger unter den Schikanen des wachhabenden SS Mannes zu leiden. Zwei Tage vor Weihnachten wurde Hagen wieder einmal zum Verhör vorgeführt und kam dann abends schwer misshandelt zurück. Da mir nichts Gutes ahnte, hatte ich schon am Tage seine Briefschaften durchgesehen und alle ihn irgendwie belastenden Schriftstücke vernichtet. Er musste im Beisein des SS Mannes seine Sachen packen und wurde wieder in Einzelhaft und in Eisen gelegt. Dieses Tag und Nacht in Eisen liegen war schon für einen gesunden Menschen eine Quälerei, für den unter Atmungsbeschwerden leidenden Wilhelm Hagen war es eine unerträgliche Grausamkeit. In den nächsten Tagen gelang es mir während des Flurdienstes mit Wilhelm Hagen durch die Zellentür zu sprechen. Er sagte mir, dass ein Spitzel oder ein Verräter bei uns auf dem Saal sein müsste, da die Gestapo über alle Vorgänge unterrichtet sei. Ich sagte ihm, er solle den Kopf hochhalten, Frau und Kinder, an denen er mit großer Liebe hing, nicht vergessen, denn alles sei vergänglich, selbst lebenslänglich. Zwei Tage vor seinem Ende habe ich meinen Kameraden Hagen noch einmal gesehen und wieder beim Flurdienst. Die Einzelhäftlinge wurden rasiert und waren die Zellentüren geöffnet. Der SS Mann ging währenddessen auf dem Flur auf und ab. Hagen muss während der Zeit seiner Einzelhaft wieder schwer misshandelt worden sein, denn er machte einen völlig gebrochenen Eindruck. Am Morgen des 3. Januar 1936 wurde der ganze Flurdienst von mehreren SS in den Saal zurück gejagt. Etwas später kam dann der Kalfaktor an unsere Saaltür und flüsterte uns durch die Saaltür zu, dass unser Kamerad Hagen erhängt in der Zelle aufgefunden worden sei. Während der ganzen Haftzeit, die ich ja zum größten Teil mit ihm zusammen auf dem Saal verbracht hatte, ist ihm niemals der Gedanke gekommen an Selbstmord, denn er hat genau wie wir alle auf den Tag unserer Befreiung gewartet. Hiervon zeugt auch das beigefügte, von Wilhelm Hagen in Fuhlsbüttel während der gemeinsamen Haft verfasste Gedicht."

Diesen Eindruck stützten auch andere Mitgefangene aus Lurup. Ferdinand Lorenz war gemeinsam mit Willi Hagen verhaftet worden: "Am 21. Februar 1935 wurde ich in der Nacht zusammen mit anderen mit Wilhelm Hagen verhaftet. Wir wurden zum Stadthaus und abends nach Fuhlsbüttel gebracht. Hier wurden wir isoliert und in Eisen gelegt. Schon nach einigen Tagen musste Wilhelm Hagen ins Lazarett überführt werden, da er asthmaleidend war. Nach ca. 6 Wochen kamen wir auch wieder getrennt auf Säle. Eben vor Weihnachten kam Wilhelm Hagen wieder in Eisen und in Einzelhaft. Am 3. Januar gegen Mittag erfuhr ich, im Saal, auf welchem ich lag, dass Wilhelm Hagen tot sei. Ich war über diese Nachricht sehr erschüttert und verwundert, denn Wilhelm Hagen, der nun fast ein volles Jahr mit mir im KZ Fuhlsbüttel war, sollte sich nach Mitteilung des Kalfaktors erhängt haben. Mein erster Gedanke war gleich und auch jetzt bin ich der Überzeugung, dass sich ein Mann wie Hagen niemals selbst das Leben nehmen konnte."

Auch Walter Reimann, der von 1935 bis 1937 im KZ Fuhlsbüttel inhaftiert gewesen war, berichtete in der Broschüre "Aus der Geschichte Lurups während der Nazi Zeit" von seiner Begegnung mit Willi Hagen: "Als ich im September 1935 ins KZ Fuhlsbüttel nach den großen Verhaftungen in Hamburg eingeliefert worden war, traf ich dort mit Willi Hagen zusammen, der schon seit etwa einem Jahr politisch inhaftiert war. Bei einem Verhör der Gestapo am 14.12.1935 war ich für kurze Zeit mit Willi Hagen in einem Raum. Willi Hagen sagte mir, dass er ein Gedicht gegen Hitler verfasst habe und deswegen heute zum Verhör sei. [...] Nach etwa vierzehn Tagen ging es wie ein Lauffeuer durch den ganzen Bau, Willi Hagen sei ermordet worden." Nahezu alle Zellengenossen von Willi Hagen, die nach 1945 darüber vor der Wiedergutmachungsbehörde als Zeugen aussagten, bezweifelten die offizielle Todesversion.

Neben Willi Hagen wurden in den Voruntersuchungen zur Strafsache "Heldt u. A." die Kommunisten Paul Bach, Georg Neth, Richard Rosin, Callsen und Podolsky im KZ Fuhlsbüttel ermordet. Auch den Mord an Richard Rosin tarnten die Behörden als "Selbstmord".

Über die Menschenrechtsverletzungen im KZ Fuhlsbüttel informierten bis 1940 dänische und nie-derländische Zeitungen wie das "Dagbladet Politiken" und Exilzeitungen wie die "Norddeutsche Tribüne", die in Kopenhagen gedruckt wurde. In der "Basler Arbeiterzeitung" erschien am 19. Februar 1936 unter dem Titel "Die Hakenkreuzherrschaft" ein Artikel über die Morde der Gestapo in Hamburg, in dem über Willi Hagen berichtet wurde: "Die Hamburger Gestapo mordet weiter! [...] Im KZ Fuhlsbüttel verstarb an den Folgen unaufhörlicher Misshandlungen der Arbeiter Hagen." Internationale Proteste erreichten auch die Hamburger Diplomaten.

Die Geheime Staatspolizei Hamburg erhielt vom Politischen Polizeikommandeur Müller einen Auszug dieses Artikels mit dem "Ersuchen um eingehenden Bericht über den Sachverhalt und die Todesursache". Im Bericht der geheimen Staatspolizei hieß es:
"Der am 3.1.1936 infolge Selbstmord durch Erhängen im KZ Lager Hamburg Fuhlsbüttel verstorbene Schlossergeselle Wilhelm Johann Christian Hagen, zul. wohnhaft in Lurup, Hauptstraße 54 ptr., war am 21.2.35 wegen Vorbereitung zum Hochverrat in der Strafsache gegen Hans Heldt und Andere mit weiteren ca 580 Personen festgenommen worden. Nach eigenen Angaben war er in der Zeit von Juli/August 1934 bis einschl. 1935 Kassierer der illegalen Parteiorganisation der KPD der Ortsgruppe Lurup und hat für diese Zeit laufend 5 Personen mit monatlich 80 Rpfg. Beitrag kassiert und jeweils vorhandene illegale Literatur der KPD an diese 5 Personen gegen entsprechendes Entgelt verbreitet. Am 19.12.35 wurde der Geheimen Staatspolizei bekannt, dass Hagen sein kommunistisches Benehmen und Treiben auch in der Gemeinschaft im KZ Lager insoweit fortsetzte, als er und andere Mitgefangene die dortigen Insassen laufend im Kommunistischen Sinne instruierte und zur Entlassung kommende Schutzgefangene dahin aufklärte, dass ihr letzter Blutstropfen nach wie vor der Kommunistischen Partei gehöre. Es wurden Abschiedsfeiern abgehalten, wobei kommunistische Lieder mit gedämpfter Stimme gesungen und ernsthafte Verpflichtungen ausgegeben wurden. Deshalb wurde Hagen am 20.12.35 erneut zum Staatshaus geholt und gehört." Hagen habe im Verhör nicht nur alles zugegeben, sondern auch "Selbstmordabsichten" geäußert, da er sich von seinen Genossen verraten gefühlt haben soll. Die Einzelhaft sei somit eine Schutzmaßnahme gewesen. "Am 3.1.36 um 9 Uhr teilte der Lagerkommandant des KZ Lagers telefonisch hier mit, dass Hagen um 6 Uhr morgens durch den Wachbeamten in seiner Zelle erhängt aufgefunden worden ist. […] Die am Montag dem 6.1.36 13 1/2 Uhr im Hafenkrankenhaus durch das staatliche Gesundheitsamt und die Sachverständigen, Physikus Dr. Staelin und Physikus Dr. Koopmann durchgeführte Leichenöffnung […] hat ergeben, dass der Tod durch Erhängen eingetreten ist."

Willi Hagens Frau Henny beschrieb die Ereignisse für ihren Antrag auf Witwenrente im September 1945: "Am 3. Januar 1936 erschien bei mir gegen 10 Uhr vormittags Wachtmeister Lange vom Polizeirevier Lurup. Er machte mir die Mitteilung, dass mein Mann heute im KZ verstorben und ich noch für den gleichen Tag zur Gestapo bestellt sei. Von der Gestapo wurde ich davon in Kenntnis gesetzt dass mein Mann sich erhängt habe und ich in einigen Tagen die Urne mit seiner Asche von einem mir von der Gestapo aufzugebenden Beerdigungsunternehmen zur Beisetzung abholen lassen könnte. Die Leiche könne laut Gesetz nicht zur Erdbestattung freigegeben werden. Am 12. Januar erfolgte dann die Beisetzung auf dem Zentralfriedhof in Altona. Ich bin der Auffassung, dass aus der vorstehenden Schilderung einwandfrei hervorgeht, dass mein Mann eines gewaltsamen Todes gestorben ist, da für ihn keinerlei Veranlassung vorlag, aus dem Leben zu scheiden. Ich habe zwei Kinder und bin selbst durch ein Herzleiden an der Ausübung eines Berufes verhindert."

Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes konnte Henny Hagen eine beglaubigte Todesurkunde von 1936 aushändigen, aus der hervorgeht, dass er "zu Hamburg, Suhrenkamp 98" am "dritten Januar 1936 vormittags um 6 Uhr tot in seiner Zelle aufgefunden worden sei." Mit diesen Dokumenten erhielten die Hinterbliebenen Willi Hagens 14 Jahre nach der Antragstellung 1959 eine Haftentschädigung von 1.500 DM.

Auf die Initiative einer Luruper Bürgerinitiative hin errichtete die Kulturbehörde Altona in den 1970er Jahren einen Gedenkstein für Willi Hagen. Der Gedenkstein an der Luruper Hauptstraße 51 nahe einem Spielplatz am Fußgängerdurchgang zum Kempelbarg liegt direkt gegenüber dem letzten Wohnort Willi Hagens an der Luruper Hauptstraße 54 und steht unter Denkmalschutz.

Stand September 2015

© Anke Schulz

Quellen: StaH 351-11 Amt für Wiedergutmachung, 21992 (Hagen, Henny) und 15640 (Görtz, Rosa); StaH 241-1 I Justizverwaltung I, 2911 (Abrechnungslisten über Schutzhaftkosten des KZ Fuhlsbüttel); Bundesarchiv Berlin R 3018 Nationalsozialistische Justiz/12152 Strafsache Heldt und Andere; Bundesarchiv Berlin, R 58 Reichssicherungshauptamt 3157, Bl. 62–63; Bundesarchiv Berlin, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO) BY5/V 279/1 Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Sekretariat der britischen Besatzungszone; VVN-BdA Hamburg, Archiv, Todesurkunde Willi Hagen; Dokumente des Widerstandes, eine Artikelserie aus der Hamburger Volkszeitung Juli bis Oktober 1947; Drobisch/ Wieland, Das System der NS-Konzentrationslager, S. 232; Emmaus Kirchengemeinde Hamburg Lurup (Hrsg.), Aus der Geschichte Lurups; Fachbereich visuelle Kommunikation der Hochschule für bildende Künste Hamburg, Zur Geschichte des Antifaschistischen Widerstandes; Hochmuth, Meyer, Streiflichter, S. 157 und 167; Lotz, Mit Willi Rumstich, S. 35; Lotz, Einschnitte, S. 95 f.; Omland, Auf Deine Stimme kommt es an; Schulz, Fischkistendorf Lurup; Hochmuth (Hrsg.), Gestapo-Gefängnis Fuhlsbüttel, S. 64.

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