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Friedrich "Fritz" Wolffheim * 1888

Friedrich-Ebert-Damm 49 (Wandsbek, Wandsbek)


HIER WOHNTE
DR. FRIEDRICH ’FRITZ’
WOLFFHEIM
JG. 1888
VERHAFTET 1939
KZ FUHLSBÜTTEL
DEPORTIERT 1939
SACHSENHAUSEN
RAVENSBRÜCK
ERMORDET 17.3.1942
’HEILANSTALT’ BERNBURG

Siehe auch:

Friedrich ("Fritz") Wilhelm Wolffhein, geb. 30.10.1888 in Berlin, verhaftet 1.9.1939, zunächst Konzentrationslager Fuhlsbüttel, ab 8.9.1939KZ Sachsenhausen und ab Ende August 1941KZ Ravensbrück, durch Giftgas ermordet in der Tötungsanstalt Bernburg am 17.3.1942

Friedrich Wolffheim (von seinen Mitstreitern üblicherweise "Fritz" genannt) war im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts einer der führenden theoretischen, wenn auch stets umstrittenen Köpfe der Hamburger Arbeiterbewegung. Seiner Herkunft nach schien er alles andere als prä-destiniert, eine solche politische Rolle zu übernehmen. Er war ein Sohn des Berliner jüdi-schen Fabrikanten Georg Wolffheim und seiner Ehefrau Elise geb. Mendershausen und hatte eine Schwester namens Theresa (geb. 1887) und einen jüngeren Bruder Curt (geb. 1890), der nach dem Zweiten Weltkrieg Richter am Bundesfinanzhof werden sollte. In Berlin-Kreuzberg besuchte Friedrich bis zum Abschluss der Mittleren Reife im Jahr 1904 das "Askanische Gymnasium", eine humanistische und altsprachliche Lehranstalt, die in dem Ruf einer Elite-schule stand. Danach absolvierte er den einjährigen freiwilligen Militärdienst, eine dreijährige kaufmännische Lehre in einem Eisengroßhandel in Halle und war schließlich kurze Zeit als Handlungsgehilfe in Köln tätig.

Als er 20 Jahre alt war ereignete sich eine grundlegende Wende in seinem Leben, mit der wohl niemand in seiner Familie gerechnet hatte: Er wurde Redaktionsvolontär bei der Posener Zeitung und trat 1909 der SPD bei. Bereits im Jahr 1910 brach er in die USA auf, um sich für die dortige sozialistische Schwesterpartei der SPD zu engagieren. 1912/13 war er leitender Redakteur von deren offenbar deutschsprachigen Zeitung "Vorwärts der Pacific-Küste"(in einem Teil der Fachliteratur wird behauptet, es sei eine Zeitung der "Industrial Workers of the World" – eines revolutionär-syndikalistischen Gewerkschaftsdachverbands - gewesen, wogegen allerdings der Titel des Presseorgans spricht). Zurück aus den USA kam Fritz Wolffheim 1913 nach Hamburg und arbeitete bis Kriegsbeginn als Journalist beim SPD-Blatt "Hambur-ger Echo". Bis zum Mai 1915 wohnte er in den Stadtteilen Hammerbrook und St. Georg. Noch vor Kriegsausbruch lernte er einen der einflussreichsten Theoretiker der Hamburger SPD kennen, den Historiker Dr. Heinrich Laufenberg, der ein Standardwerk zur Geschichte der Hamburger Arbeiterbewegung geschrieben hatte und eine führende Rolle in der Schu-lungsarbeit der Partei spielte.

Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs gehörten Laufenberg und Woffheim zu den wenigen politisch Engagierten, die sich in der Öffentlichkeit konsequent gegen den Krieg als auch die sogenannte Burgfriedenspolitik stellten, mit der alle im Reichstag vertretenen Parteien (inklusive der SPD) in die Kriegsführung der Reichsregierung eingebunden wurden. Wie Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg verurteilten sie von Anfang an, die Unterstützung der sozi-aldemokratischen Führung für die Kriegspolitik, insbesondere deren Zustimmung im Reichstag für die Kriegskredite. Sie schlossen sich später jedoch nicht dem Spartakusbund an, weil sie dessen Anschluss an die ebenfalls während des Krieges entstandene SPD-Abspaltung USPD nicht mitmachen wollten.

In den Jahren 1914/15 veröffentlichten sie mehrere, im Eigenverlag, erschiene Broschüren, in denen sie ihre ablehnende Position zum Krieg und zur Kooperationspolitik der SPD-Führung mit der Reichsregierung darlegten. Der Preis für diese konsequent kritische Haltung war ihre Verfolgung durch die kaiserlichen Behörden und die Verhinderung ihre publizistischen Arbeit durch die Hamburger SPD-Führung, die ihnen alle Parteiorgane verschloss. Beide wurden 1915 als Bestrafungsmaßnahme zum Kriegsdienst eingezogen und im Laufe des Krieges zu Festungshaft verurteilt. Fritz Wolffheim wurde bereits im Januar 1916 im einem Kriegsgerichtsprozess wegen "Majestätsbeleidigung" zu neun Monaten Haft verurteilt. Nach seiner Haftentlassung musste er weiterhin als Soldat Kriegsdienst leisten.

Die politische Position der von Laufenberg und Wolffheim geführten Hamburger Linksradikalen unterschied sich nicht nur von der des Spartakusbundes, sondern auch von der jener Linksradikalen, die sich damals diesem nicht angeschlossen hatten. Während die anderen linkskommunistischen Gruppierungen einen entschiedenen Internationalismus verfochten, ließen die Hamburger bereits während der ersten Kriegsjahre eine Tendenz durchblicken, die auf eine Position der "revolutionären Vaterlandsverteidigung" hinauslief, auch wenn sie die Beteiligung am Ersten Weltkrieg immer strikt ablehnten, da sie diesen als "imperialistisch" und im Interesse der jeweiligen Bourgeoisie der kriegsführenden Länder verurteilten.

Schon in ihrer Schrift "Demokratie und Organisation" von 1915 erachteten Laufen-berg/Wolffheim die "militärische Unterordnung des Proletariats unter die gegebene Heeresleitung" als unabdingbar "in Kriegsfällen, die die Wirtschaft in ihrer Lebensfunktion bedrohen" und wenn die Gefahr bestünde, dass "höher entwickelte Wirtschaften unter die Herrschaft niedrigerer gebracht werden", was man wohl als Anspielung auf die Bedrohung durch das zaristische Russland deuten kann - damals eines der Hauptargumente der Mehrheitssozialdemokratie für ihre Kriegsbefürwortung.

Während der Novemberrevolution von 1918 spielten Laufenberg und Wolffheim eine wichtige Rolle bei der Mobilisierung der lokalen Arbeiterbewegung, was schließlich Anfang No-vember zum Zusammenbrauch der Organe des kaiserlichen Staates in der Hansestadt führte. Fritz Wolffheim rief als Hauptredner der Massenkundgebung auf dem Heiligengeistfeld am 6. November zum Sturm auf das militärische Kaiserliche Generalkommando auf, wodurch die Errichtung des Hamburger Arbeiter- und Soldatenrates eingeleitet wurde, an der beide linksradikale Führer in entscheidender Weise beteiligt waren. Während Laufenberg bis zum 20. Januar 1919 Vorsitzender des Rates war, räumte Wolffheim jedoch bereits am 15. November seine Position, weil er bis Mitte Mai 1919 wegen eines Nervenleidens in einem Sanatorium behandelt werden musste.

Als sich um die Jahreswende 1918/19 die KPD gründete, schlossen sich die Hamburger Linksradikalen unter Laufenberg und Wolffheim ebenfalls der neuen Partei an; sie repräsentierten damals die klare Mehrheit der Parteimitglieder in Hamburg und nicht der Spartakus-bund. In der KPD wurden ihre der republikweiten Führung der neuen Partei entgegenstehen-den Ansichten jedoch nicht lange geduldet. Auf dem II. Parteitag der KPD im Herbst 1919 wurden die Hamburger und andere Linksradikale von der weiteren Teilnahme suspendiert, weil man ihnen vorwarf, "syndikalistische Positionen" zu vertreten; im Februar 1920 erfolgte der formelle Ausschluss aus der Partei.

Nach dem II. Parteitag begannen Laufenberg und Wolffheim öffentlich ein politisches Aktionsprogramm zu propagieren, das praktisch alle anderen Kräfte der radikalen Linken stark irritierte. Gemäß ihrem Konzept, das später als "Nationalbolschewismus" bezeichnet wurde, sollte der Krieg gegen die "imperialistischen" Westmächte, nach der Übernahme der Macht durch das deutsche Proletariat, in einem Bündnis mit Teilen der nationalen Bourgeoisie ("re-volutionärer Burgfrieden") und mit der neuentstandenen Sowjetunion wiederaufgenommen werden. Diese Strategie verstanden sie als "revolutionären Volkskrieg", der gegen die Ausplünderung Deutschlands durch das sich auf den Versailler Friedenvertrag stützende "anglo-amerikanischen Finanzkapital" geführt werden sollte.

Durch ein nationales Bündnis mit "patriotischen" Kräften innerhalb des Bürgertums (das große deutsche Kapital betrachteten sie als Erfüllungsgehilfe der Ententemächte) sollte eine Befreiung Deutschlands von der "Fremdherrschaft" verwirklicht werden. Eine solche Positi-on war nicht nur für die KPD inakzeptabel, sondern genauso für deren abgespaltene rätekommunistische Linksopposition, die sich im April 1920 zur Kommunistischen Arbeiter-Partei Deutschlands (KAPD) unter Einschluss der Hamburger Linksradikalen zusammengeschlossen hatte.

Nach nur viermonatiger formaler Mitgliedschaft wurden Laufenberg und Wolffheim wegen "bürgerlich-nationalistischer Anschauungen" auch aus dieser Organisation hinausgedrängt. Durch diesen erneuten Ausschluss gerieten die beiden Hamburger, die kurz nach der Revolu-tion zu den bedeutendsten Führern der hansestädtischen Linken gehörten, in eine absolute politische Isolation, aus der sie auch mit der Gründung des "Bundes der Kommunisten" nicht herauskamen, der nur das Schattendasein einer politischen Sekte führte. 1922 kam es schließ-lich auch zur Entfremdung der beiden Politiker voneinander, als Laufenberg den Bund ver-ließ, weil sein bisheriger politischer Freund Fritz Wolffheim immer stärker die Zusammenar-beit mit "nationalrevolutionär" und teils völkisch orientierten rechten Nationalisten suchte. Laufenberg zog sich danach weitgehend aus dem aktiven politischen Leben zurück und betätigte sich nur noch publizistisch; er starb im Februar 1932.

Eine wichtige Änderung im Privatleben Fritz Wolffheims war 1923 die Heirat mit der gleichaltrigen Putzmachermeisterin Luise Wegner (sie gab ihren Beruf mit Beginn der Ehe auf). Das Ehepaar Wolffheim, das kinderlos blieb, lebte seit den 1920er Jahren im Stadtteil Dulsberg in der Nordschleswiger Straße 18. Im Unterschied zu seinem alten Kampfgefährten Heinrich Laufenberg blieb Fritz Wolffheim weiter politisch aktiv. Er amtierte weiter als Vorsitzender des Bundes der Kommunisten, dem es nie gelang seine lokale Begrenztheit und iso-lierte inhaltliche Position auf der Linken zu überwinden. Stattdessen suchte er verstärkt Bündnispartner aus den Reihen der "nationalrevolutionären" Rechten, von der Teile ab Ende des Jahrzehnts sich selbst wieder als "Nationalbolschewisten" bezeichneten. Dazu gehörte die 1930 gegründete Gruppe sozialrevolutionäre Nationalisten (GSRN), die von dem jungen, aus der Bündischen Jugend kommenden Karl Otto Paetel angeführte wurde und eine eigenartige Mixtur aus sozialistischen und völkischen Vorstellungen vertrat, wobei sie ein Bündnis mit der Sowjetunion propagierte, was zumindest außenpolitisch an die Positionen von Laufen-berg/Wollfheim etwa zehn Jahre vorher gemahnte. Die GSRN grenzte sich dabei hinsichtlich der Betonung der sozialistischen Positionen und dem – zumindest offiziell – fehlenden pro-noncierten Antisemitismus durchaus vom Strasserflügel der NSDAP ab, der ebenfalls 1930 aus der Partei ausgeschlossen wurde. Fritz Wolffheim war zumindest am Gründungsprozess dieser Gruppierung beteiligt, auch wenn unklar ist, ob er ihr auch formell angehörte. Paetel wurde nach 1933 mehrmals verhaftet und entkam 1935 einem politischen Strafprozess nur durch die Flucht ins Exil.

Zweifellos muss der politische Werdegang Fritz Wolffheims Verwunderung auslösen. Es erscheint kaum nachvollziehbar, wie ein Intellektueller jüdischer Herkunft, der zunächst stark unter dem Einfluss des Marxismus und Syndikalismus stand und in der sozialistischen Arbeiterbewegung führend aktiv war, später dazu kommt, ein politisches Bündnis ausgerechnet mit stets für Antisemitismus anfälligen völkischen Kreisen zu suchen, die überwiegend nur vage Vorstellungen von einem "nationalen Sozialismus" vertraten, der wenig mit den Idealen der klassischen Arbeiterbewegung zu tun hatte.

Über eine Arbeit im Untergrund nach 1933 ist seitens Fritz Wolffheims nichts Konkretes bekannt, seine Frau Louise gab 1948 an, dass er "im Stillen weiter an seinem Plan" arbeitete. Dieser beinhaltete den Kampf "in Beziehung zu Bünden und Gruppen für eine allgemeine überparteiliche Volksorganisation auf breiter demokratischer Basis, in organischer Gliede-rung". Er lebte ab Anfang Februar 1933 mit seiner Frau am Friedrich-Ebert-Damm 49 (später Adolf-Hitler-Damm). Beide Eheleute scheinen damals keiner Erwerbstätigkeit nachgegangen zu sein, sie wurden von Friedrich Wolffheims Bruder Curt materiell unterstützt, der durch Vorschüsse auf den väterlichen Erbteil den Lebensunterhalt des Paares sicherstellte. Eine 1938 erhobene "Judenvermögensabgabe" in Höhe von 1.677 RM zahlte Curt Wolffheim, der seit 1940 im Ausland lebte, ebenfalls für seinen Bruder.

Mit Kriegsbeginn, am 1. September 1939, setzte die massive Verfolgung gegen Fritz Wolffheim mit seiner Verhaftung ein. Das Datum seiner Festnahme und Einlieferung ins Konzent-rationslager Fuhlsbüttel (Kola-Fu) legt nahe, dass die Verfolgung nicht nur rassistisch motiviert war sondern auch politisch, da das NS-Regime Friedrich Wolffheim offenbar immer noch als "politisch gefährlich" einstufte. In der ersten Septemberwoche 1939 blieb er in Hamburg inhaftiert, wurde jedoch bereits am 8. desselben Monats ins KZ Sachsenhausen eingeliefert. Hier verblieb er nahezu zwei Jahre bevor er Ende August 1941 ins KZ Ravensbrück kam.

Im Frühjahr 1942 erhielt Louise Wolffheim von der Gestapo die Nachricht, ihr Mann sei im KZ Ravensbrück am 17. März an "Lungenentzündung" gestorben. In Wirklichkeit wurde Fritz Wolffheim jedoch, wie im selben Frühjahr viele andere jüdische Häftlinge von Ravensbrück, mit einem der sogenannten schwarzen Transporte in die Tötungsanstalt Bernburg gebracht und dort mit Giftgas ermordet.

© Benedikt Behrens

Quellen: 1; StaH, 213 Staatsanwaltschaft Oberlandesgericht - Verwaltung, Abl. 2, 451 a E 1, 1d; StaH, 331-3 Polizeibehörde Hamburg, Abt. IV (Politische Polizei), S. 19561; StaH, 314-15 Oberfinanzpräsident – Devisenstelle und Vermögensverwertungsstelle, Sign. R 1940/274; Schr. der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen v. 20.10.2010; VAN (Hg.), Totenliste Hamburger Widerstandskämpfer und Verfolgter, Hamburg 1968; Ulrich Bauche, "Wolffheim, Fritz", in: F. Kopitzsch/D. Brietzke (Hg.), Hamburgische Biografie, Bd. 1, Hamburg 2001, S. 350; Dirk Brietzke, "Laufenberg, Heinrich", in: F. Kopitzsch/D. Brietzke (Hg.), Hamburgische Biografie, Bd. 2, Hamburg 2003, S. 239f.; Hermann Weber/Andreas Herbst, Deutsche Kommunisten: Biographisches Hand-buch 1918 bis 1945, Berlin 2008, S. 882 Otto-Ernst Schüddekopf, Nationalbolschewismus in Deutschland 1918-1933, Frankfurt 1972; Volker Ulrich, Die Hamburger Arbeiterbewegung vom Vorabend des Ersten Weltkriegs bis zu Revolution 1918/19, Diss. Universität Hamburg, Hamburg 1976; Louis Dupeux, "Nationalbolschewismus" in Deutschland 1919-1933, München 1985; Hans Manfred Bock, Syndikalismus und Linkskommunismus von 1918 bis 1923, Darmstadt 1993.

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