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Bereits verlegte Stolpersteine



Manfred Herz * 1897

Wandsbeker Chaussee 62 (Wandsbek, Eilbek)


HIER WOHNTE
MANFRED HERZ
JG. 1897
DEPORTIERT 1941
RIGA
ERMORDET

Weitere Stolpersteine in Wandsbeker Chaussee 62:
Rosalie Herz, Ruth Herz, Herbert Herz

Manfred Herz, geb. am 25.11.1897 in Hamburg, deportiert am 6.12.1941 nach Riga
Rosalie Herz, geb. Preiss, geb. am 24.2.1901 in Essen, deportiert am 6.12.1941 nach Riga
Ruth Herz, geb. am 28.7.1931 in Hamburg, deportiert am 6.12.1941 nach Riga
Herbert Herz, geb. am 3.12.1933 Hamburg, deportiert am 6.12.1941 nach Riga

Wandsbeker Chaussee 62

"Der Erbscheinantrag ist schon gestellt und hinsichtlich aller erforderlichen Unterlagen fehlt jetzt nur noch der Todesnachweis nach den drei Geschwistern des Erblassers, die alle als geisteskranke Juden verschollen sind. Da das Nachlassgericht Hamburg nicht mit der Todesvermutung des BEG [Bundesentschädigungsgesetz] arbeiten will, sind wegen dieser Geschwister des Erblassers Manfred Herz Todeserklärungsverfahren erforderlich geworden, die vor dem Amtsgericht Hamburg … laufen."

Dieser Passus in Manfred Herz’ Wiedergutmachungsakte aus dem Jahr 1959 gibt Einblick in das damalige allgemeine Problem der Feststellung des Verbleibs "Verschollener", insbesondere von Juden mit geistiger Behinderung. Manfred Herz’ ledige Geschwister Berta und Walter waren in der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn untergebracht, ebenso wie sein Schwager Hans Fabian, der mit Manfreds Schwester Herta verheiratet und im Februar 1940 eingewiesen worden war. Alle Drei wurden am 23. September 1940 von Langenhorn aus in die Tötungsanstalt Brandenburg transportiert und im Rahmen des "Euthanasie"programms ermordet.

Mehrere der Angehörigen von Manfred Herz mit unterschiedlichem Verwandtschaftsgrad beantragten für sie Wiedergutmachungsleistungen. Sie standen aber vierzehn Jahre nach dem Ende der NS-Herrschaft noch vor dem Problem nachzuweisen, dass es keine Verwandten in direkter Linie mehr gab. Diese waren in der Shoah umgekommen, ihre Akten waren vernichtet, ihr Tod nicht amtlich festgestellt und beurkundet. Sie wurden auf den 12. Oktober 1959 für tot erklärt. Den überlebenden Angehörigen standen erhebliche, vom NS-Reich vereinnahmte Beträge zu.

Manfred und Rosalie Herz’ Wohlstand gründete sich auf die Einkünfte aus Manfreds Uhrengroßhandlung und dem Rosalie zugefallenen Erbschaftsanteil an einem Grundstück in Memel.

Die Geschichte der Norddeutschen Uhrengroßhandlung, Mönckebergstraße 7 (Levantehaus), geht zurück auf das im Jahre 1895 durch Manfred Herz’ Onkel, Neumann Nathan, gegründete Uhren- und Goldwarenlager in der Ame­lung­straße 13/14 in der Hamburger Neustadt, das zeitweise auch unter der Namen "Neumann Nathan Uhren & Goldwaren en gros" in der Kaiser-Wilhelm-Straße 64 residierte.

Manfred und Rosalie Herz entstammten weit verzweigten jüdischen Familien mit handwerklicher und mittelständischer unternehmerischer Tradition.

Rosalie Herz, geborene Preiss, kam am 24. Februar 1901 in Essen als Tochter von Adolf Preiss und seiner Ehefrau Melanie, geborene Bohrmann, geboren am 28. August 1874 in Speyer, zur Welt. Rosalies jüngerer Bruder Arthur wurde am 26. Juli 1902 in Barmen (heute: Wuppertal) geboren. Melanie Preiss hatte litauische Wurzeln. Adolf Preis zog mit seiner Familie nach Memel und baute hatten dort erfolgreich eine eigene kaufmännische Existenz mit eigenem Grundbesitz auf.

Manfred Herz’ Eltern waren Henri/Henry Herz, geboren am 13. Juli 1870 in Hamburg, und dessen Ehefrau, die Schneidermeisterstochter Helene, geborene Nathan, geboren am 1. Dezember 1870 ebenfalls in Hamburg. Er hatte zwei Schwestern (Herta, geb. 17.11.1895 und Berta, geb. 26.10.1900) und einen Bruder (Walter, geb. 19.5.1899).

Manfred Herz setzte zunächst die handwerkliche Tradition seines Vaters und Großvaters fort. Der Großvater Sander Levy Herz führte ein Dekorations- und Möbelgeschäft in der Hamburger Altstadt. Der Vater betrieb ein Tapeziergeschäft am Grindel. Manfred Herz durchlief die Ausbildung zum Tischler. Anfang der 1920er Jahre änderte er seine berufliche Orientierung und trat zusammen mit seinem Bruder Walter in die Firma des Onkels, Neumann Nathan, ein. Offenbar zeichnete sich um 1920 bereits ab, dass Neumann Nathan keinen direkten Nachfolger haben würde. Seine Ehe mit Helene, geborene Gumpel, war 1918 geschieden worden. Aus dieser Ehe war als einziges Kind die Tochter Lilly hervorgegangen. Auch Neumann Nathans Brüder, Julius und Marcus Nathan, standen als Nachfolger nicht bereit, weil sie ihre eigenen Geschäfte führten.

Bis zu seiner Heirat wohnte Manfred Herz in der Straße Kuhmühle 6 in Hamburg-Hohenfelde und zog danach in die Wandsbeker Straße 62 in Eilbek. Am 18. Juni 1928 schloss er die Ehe mit Rosalie Preiss, genannt Rosi. Rosalie Preiss brachte eine Aussteuer von 10.000 RM in Form von Mobiliar, Silber, Wäsche, Wirtschaftsgütern und einer Einlage in die Firma in die Ehe ein. Am 28. Juli 1931 wurde Manfred und Rosalie Herz’ erstes Kind, die Tochter Ruth, geboren und am 3. Dezember 1933 der Sohn Herbert.

Manfred und Walter Herz führten zusammen mit ihrem Onkel Neumann Nathan das Uhren- und Goldwarengeschäft durch die Inflationszeit Anfang der 1920er Jahre, an deren Ende es keinerlei zu versteuernden Gewinn mehr erbrachte. Walter Herz schied aus der Firma aus und fuhr zur See. Manfred Herz wurde Teilhaber der Firma, 1926 dann Alleininhaber. Bis zum Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929/30 gelang es ihm, den Familienbetrieb zu konsolidieren.

Berta Herz, Manfreds und Walters jüngere Schwester, hatte zunächst als Angestellte in dem familiären Uhrengeschäft gearbeitet. Sie wurde bereits 1925 erwerbsunfähig und erhielt nun eine monatliche Rente von 39 RM. Zeitweilig wohnte sie mit ihrem Bruder Walter zusammen im Schlüterweg 3, später umbenannt in Rothenbaumchaussee 101/103, Haus 3.

Manfred Herz schloss sich der Neuen Dammtor Synagoge an, während sein Vater und seine Onkel Neumann und Julius Nathan dem Synagogenverband angehörten. Ganz aus der Jüdischen Gemeinde schied Manfred Herz’ Mutter Helene aus. Sie wandte sich der Christlichen Wissenschaft zu.

Die Ehe von Manfred Herz’ Eltern wurde geschieden. Sein Vater heiratete danach die Witwe Elisabeth Apel, geborene Lenz. Diese Ehe blieb kinderlos. Manfred Herz’ Mutter Helene machte sich mit einer Sommerpension in Niendorf an der Ostsee selbstständig. Sie blieb ihren Kindern eng verbunden.

Manfred Herz verlegte den Sitz des Uhrengeschäfts in das Levantehaus in der Mönckebergstraße 7 und benannte es in "Norddeutsche Uhrengroßhandlung" um. Das Geschäft erlitt in der Weltwirtschaftskrise einen schweren Einbruch wie schon acht Jahre zuvor am Ende der Inflationszeit, doch gelang Manfred Herz der Wiederaufbau ein zweites Mal. Umsatz und Gewinn stiegen bis zur "Arisierung" 1938/39 stetig.

Rosalie Herz’ Mutter, Melanie Preiss, zog 1932 aus Memel zu ihrer Tochter nach Hamburg, nachdem 1931 ihr Ehemann Adolf, Rosalies Vater, gestorben war. Melanie Preiss erlebte in Hamburg die Säuglings- und Kleinkindzeit ihrer beiden Enkelkinder, bis sie 1935 nach Memel zurückkehrte. Im selben Jahr verlegten Manfred und Rosalie Herz ihren Wohnsitz in die Klosterallee 26. Henry Herz, Manfreds Vater, starb am 11. Mai 1938.

Elf Tage nach der Pogromnacht des 9./10. November 1938, in der Manfred Herz’ Geschäft geplündert worden war, setzte der Oberfinanzpräsident "zur Vorbereitung der Übergabe der ‚Norddeutschen Uhrengroßhandlung’ in arische Hände" den Diplom-Handelslehrer und Inhaber einer Handelsschule, Erich Grundmann, als alleinvertretungsberechtigten Treuhänder mit der Maßgabe ein, es im bisherigen Rahmen weiter zu führen. Als einzige Firma verweigerte die renommierte Uhrenfabrik Junghans daraufhin weitere Lieferungen. Neumann Nathan, der Firmengründer, erlebte nicht mehr, wie das von ihm gegründete Unternehmen der Familie entzogen wurde. Er war bereits am 24. März 1932 in Hamburg verstorben.

Die zunächst treuhänderische Weiterführung des Uhrengeschäfts wurde in eine Abwicklung umgewandelt. Reichsstatthalter Kaufmann setzte Erich Grundmann zum 1. Februar 1939 als Abwickler ein. Dieser hatte bereits den Verkauf der Firma an einen Julius Schmitt per Mitte März 1939 vermittelt. Schmitt betrieb das Geschäft mit dem bewährten Personal in denselben Räumen weiter, jedoch wurde kein jüdischer Mitarbeiter übernommen. Manfred Herz bat nun darum, selbst als Abwickler eingesetzt zu werden, was ihm gestattet wurde. Seine vornehmliche Aufgabe lag im Beibringen der Außenstände seiner Kunden in Höhe von ca. 30.000 RM und deren monatliche Abrechnung. Als sich die ausstehenden Beträge der "Norddeutsche Uhrengroßhandlung in Liquidation", wie sie nun hieß, immer weiter verringerten, beantragte Manfred Herz eine quartalsweise Meldung – vermutlich Abrechnung –, die ihm eingeräumt wurde.

Am 29. Juni 1939 hatte der Oberfinanzpräsident eine "Sicherungsanordnung" gegen Manfred Herz erlassen und ihm gestattet, einen Freibetrag von 1000 RM monatlich in Anspruch zu nehmen. Dieser Betrag wurde am 1. September 1939 trotz nachgewiesener laufender monatlicher Ausgaben von 843 RM auf 550 RM gekürzt. Alles, was über das Unerlässliche hinausging, musste nun einzeln beantragt werden. Unter den ersten Einzelanträgen war der auf die Freigabe von 120 RM für die Auswanderung seines Neffen Hans Gerd Nathan, Neumanns Sohn, und von 141,40 RM für den Grabstein für seinen Vater, die anstandslos genehmigt wurden. Manfred Herz’ Tochter Ruth wurde schul- und schulgeldpflichtig, der Oberfinanzpräsident gab dem Freigabeantrag von 48 RM für die Schulgeldzahlung an die Talmud Tora Schule per 9. Dezember 1939 statt.

Zur Feier des 70. Geburtstags seiner Mutter Helene am 1. Dezember 1940 und des Weihnachtsfestes wurden auf Manfred Herz’ Antrag hin 150 RM freigegeben.

Manfred Herz sah nun offenbar für sich und seine Familie keine Existenzmöglichkeit in Deutschland mehr. Er strebte die Auswanderung an. Seine Pläne scheiterten jedoch an fehlenden Einreiseerlaubnissen möglicher Aufnahmeländer.

1940 hatte auch Herbert Herz, Manfred Herz’ Sohn, seine Schullaufbahn begonnen. Er litt jedoch von Anfang an unter Lernschwierigkeiten, weshalb er Nachhilfeunterricht erhielt. Am 18. Oktober 1941 bewilligte der Oberfinanzpräsident noch einmal die Mittel für sechs weitere Monate. Herbert benötigte wie seine Eltern eine Brille. Alle Drei erhielten im November 1941 vom Optiker W. Campbell & Co. neue Brillen nebst Etuis im Wert von 101,45 RM. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Familie zur "Evakuierung" nach Minsk am 18. November aufgerufen, aber zurückgestellt, weil die Firma noch immer nicht abgewickelt war.

Als Manfred Herz am 1. Dezember 1941 die neuerliche Aufforderung der Gestapo zur "Evakuierung" erhielt, beantragte er umgehend die Freigabe von 1200 RM für nötige Anschaffungen, deren Genehmigung ihm noch am selben Tage ausgehändigt wurde. Erich Grundmann erhielt den Auftrag, anstelle von Manfred Herz die letzten Außenstände der Firma einzutreiben.

Der Abtransport, der für den 4. Dezember nach Minsk vorgesehen war, verzögerte sich. Schließlich verließ Familie Herz am 6. Dezember mit dem Deportationszug Hamburg mit Ziel Riga, wo keine Vorkehrungen für die Unterbringung der Deportierten getroffen waren. Die Menschen wurden bei Eiseskälte provisorisch auf dem Jungfernhof, einem aufgelassenen Gut, untergebracht.

Die Spuren von Manfred, Rosalie, Ruth und Herbert Herz und der mit ihnen deportierten Herta Fabian, geborene Herz, Manfreds Schwester, verlieren sich mit ihrer Deportation nach Riga.

Am 18. Dezember erteilte der Oberfinanzpräsident dem Auktionshaus Schlüter den Auftrag zur Versteigerung der Wohnungseinrichtung, die Klosterallee 26 abzuholen sei. Sie erbrachte ca. 20.000 RM, die dem Deutschen Reich zufielen. Auch das restliche Vermögen der Eheleute Herz, das nach Abzug der Zwangsabgaben verblieben war, wurde vom Deutschen Reich konfisziert.

Die Hamburger Gaswerke übersandten mit Schreiben vom 8. Januar 1942 an den Oberfinanzpräsidenten eine Liste, "der durch Auflösung der Haushalte zu begleichenden Schlußrechnungen." Für Manfred Herz wurden 1,28 RM gefordert.

Am 14. Februar 1942 wurde Manfred Herz’ Cousine Beate Nathan, Neumann Nathans jüngste Tochter aus seiner zweiten Ehe mit Chaja/Clara Wegsmann, in das KZ Ravensbrück eingeliefert. Von dort wurde sie am 27. April 1942 im Rahmen der "Sonderbehandlung 14 f 13" in die Tötungsanstalt Bernburg überführt und noch an demselben Tag ermordet. Manfred Herz’ Onkel, Marcus Nathan, und dessen Frau Henriette wurden am 11. Juli 1942 nach Auschwitz deportiert und in den neu errichten Gaskammern ermordet.

Manfred Herz’ Mutter Helene, am 15. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert, starb dort am 14. September 1942. Manfred Herz’ Cousine, Lilly Nathan, Neumann Nathans Tochter aus erster Ehe, wurde am 19. Juli 1942 ebenfalls nach Theresienstadt deportiert. Sie kam dort am 1. Mai 1943 ums Leben.

Melanie Preiss, Rosalie Herz’ Mutter, wurde am 24./25. August 1942 von Tilsit über Königsberg nach Theresienstadt deportiert. Sie starb dort am 9. Februar 1943. Ihr jüngerer Sohn Arthur überlebte die Shoah.

Sand Februar 2014
© Hildegard Thevs

Quellen: 1; 4; 5; 6; 7; 9; AB; StaH 314-15 OFP Oberfinanzpräsident F 1004 (Manfred und Rosi), R 1938/3214 (Manfred), R 1941/53 (Helene), 28 (Gaswerke); 332-7 Staatsangehörigkeitsaufsicht, Einbürgerung 24.11.1887, Nr. 28883 (Gerson Nathan); 332-8 Meldewesen 1892 – 1925 (Sander Herz, Gerson Nathan); 332-5 Standesämter 687 u. 19/1913, 870 u. 275/1923, 1904 u. 857/1877, 1912 u. 4790/1877, 2846 u. 49/1895, 2890 u. 1189/1897, 670 u. 290/1928, 8164 u. 384/1939, 8723 u. 297/1918, 8770 u. 506/1922, 9112 u. 2055/1895, 9134 u. 2359/1897, 13404 u. 1946/1906; 351-11 Amt für Wiedergutmachung 20158 (Manfred Herz); 26392 (Arthur Price); 552-1 Jüdische Gemeinden, 992 e Bände 3 und 4 Deportationslisten.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link Recherche und Quellen.

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