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Hermann Selig * 1875

Schlegelsweg 12 (Wandsbek, Eilbek)


HIER WOHNTE
HERMANN SELIG
JG. 1875
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 14.2.1943

Hermann Selig, geboren am 4.1.1875 in Reichelsheim/Erbach im Odenwald, deportiert am 19.7.1942 nach Theresienstadt, dort gestorben am 14.2.1943

Schlegelsweg 12

Gertrud Lorenzen, die älteste Tochter von Hermann Selig, gab beim Amt für Wiedergutmachung an: "Mein Vater war kein vermögender Mann. Außer seiner Wohnungseinrichtung ist ihm an materiellen Werten nichts genommen und für das, was er als Mensch bis zu seinem Tode erleiden und erdulden musste, gibt es keine Wiedergutmachung. Die Wohnung meines Vaters wurde verschlossen und die Möbel beschlagnahmt." Der Vermieter hatte Hermann Selig nicht gekündigt, so dass er bis zu seiner Deportation in seiner vertrauten Umgebung wohnen konnte. Seine Tochter und ihre drei jüngeren Geschwister überlebten das NS-Regime als "Mischlinge Ersten Grades".

Hermann Selig war am 4. Januar 1875 in Reichelsheim, einem kleinen Ort im Odenwald in der Nähe von Erbach, als drittes Kind von Gustel, geborene Marx, und Meier Selig geboren worden. Die Eltern gehörten zur jüdischen Gemeinde, deren Mitglieder zumeist vom Viehhandel lebten, so auch Meier Selig. Die Lebensläufe der älteren Geschwister, Betti, geboren am 12. Oktober 1868, und Levi, geboren am 14. Oktober 1872, sind nicht bekannt.

Hermann Selig ging als Schlachter nach London. Dort lernte er Elise Prüter, geboren 1874 in Meierstorf in Mecklenburg, kennen. Sie gehörte der evangelisch-lutherischen Kirche an. 1897 zog Hermann Selig nach Hamburg, kehrte aber offenbar im folgenden Jahr besuchsweise nach London zurück. Elise Prüter wurde schwanger. Die Eheschließung wurde trotz Hermann Seligs Mitgliedschaft in der Jüdischen Gemeinde nach christlichem Ritus am 20. Dezember 1898 in der Kirche St. Gabriel in London-Pimlico vollzogen. Am folgenden Tag kam der Sohn Richard zur Welt. Familie Selig zog in der Folgezeit nach Hamburg. Die Tochter Gertrud wurde 1903 in Hamburg geboren.

Hermann Selig arbeitete erfolgreich als "Gesindevermieter und Stellenvermittler" mit Sitz in der Spitaler Straße 94. Sein jährliches versteuertes Einkommen betrug 2000 Mark, eine der Voraussetzungen, um die "Aufnahme in den Staatsverband Hamburg" beantragen zu können. Am 10. August 1904 wurde er mit seiner Familie aufgenommen. Er wechselte erneut seinen Beruf und arbeitete nun als Requisiteur. 1907 brachte Elise Selig ihr drittes Kind, ihren zweiten Sohn, Alfred, zur Welt, vermutlich in der Angerstraße 46, wie aus dem Eintrag im Hamburger Adressbuch von 1908 zu schließen ist. Hier wohnte die Familie nicht lange. Am Abend des 10. Juni 1910 starb Elise Selig in ihrer Wohnung in der Marienthaler Straße 13 in Hamburg-Hamm. Warum die Polizeibehörde und nicht ihr Mann ihren Tod beim Standesamt anzeigte, ist nicht bekannt, ebenso wenig, wer die drei Kinder im Alter von drei bis acht Jahren versorgte, bis Hermann Selig zehn Monate später wieder heiratete.

Hermann Seligs zweite Ehefrau war Emilie Budach. Emilies Mutter, geboren 1840, stammte aus dem damals russischen Warschau. Emilies Vater, Hellmuth, kam aus Neusalz an der Oder. Von deren fünf bekannten Kindern wurden zwei in Warschau geboren, Johanna 1870 und Wilhelm 1872, die drei jüngeren Töchter Hedwig, Emilie und Clara nach der Übersiedelung der Familie nach Hamburg. Emilie Budach stammte wie Hermann Seligs erste Ehefrau aus einer christlichen Familie. Als Emilie am 8. April 1911 Hermann Selig heiratete, waren ihre Geschwister bereits verehelicht: Johanna mit einem Verwandten, dem späteren Kaufmann Rudolf Budach aus Brinkow im Oderbruch, und Wilhelm, nachdem er sich eine Zeit lang in Palermo auf Sizilien aufgehalten hatte, mit Gertrud Blaumann, einer Hamburger Töpfermeisterstochter. Das Paar lebte später in Lübeck. Hedwig war Kindergärtnerin geworden. Sie heiratete den in Triest geborenen Schiffsingenieur Carl Emil Koch und zog nach Dresden. Die jüngste Schwester, Clara, heiratete 1910 den Commis (Kaufmannsgehilfen) Emile Théodore Frédéric Jules Sommer, geboren 1877 in Paris, und lebte als Comtesse in Frankreich. Hellmuth Budach hatte die Eheschließung seiner ältesten Tochter Johanna noch erlebt, er starb 1897. Bei den folgenden Heiraten nahm Rudolf Budach, Johannas Ehemann, seine Stelle als Trauzeuge ein. Bei allen Trauungen fungierte ein Nachbar, ein Lehrer mit Namen Heinrich Schmidt, als weiterer Zeuge. Der Familienwohnsitz befand sich mehrere Jahre in der Banksstraße in St. Georg, bevor er in die Jungmannstraße 1 (heute: Ruckteschellweg) in Eilbek verlegt wurde. Dort wohnte auch Emilie Budach, als sie heiratete.

In dieses familiäre Umfeld, zu dem auch noch ein Requisiteur des Circus Busch gehörte, heiratete Hermann Selig, der inzwischen zum Protestantismus konvertiert war, hinein. Emilie Selig, die wie ihre Schwester Hedwig Kindergärtnerin geworden war, gab ihre Berufstätigkeit auf. Zu den Kindern, die Hermann Selig mit in die Ehe brachte, kamen 1912 und 1914 die beiden Töchter Annemarie und Käthe hinzu, die beide getauft wurden. Die Familie behielt zunächst Hermann Seligs Wohnung in der Marienthaler Straße 13 in Hamburg-Hamm. 1913 zog sie in den Schlegelsweg 12 in Eilbek, wo Hermann Selig in den folgenden fast 30 Jahren wohnte. Er arbeitete nachweislich in den Jahren 1910 bis 1918 am Deutschen Schauspielhaus als Theaterrequisiteur, als der für das Bühnenzubehör Verantwortliche.

In dieser Zeit kam Richard Selig, Hermann Selig ältester Sohn aus der ersten Ehe am 21. März 1918 als Musketier der 2. Kompanie des Infanterieregiments 76 durch einen Kopfschuss bei Noreuil in Nordfrankreich zu Tode.

Emilie Selig, Hermann Seligs zweite Ehefrau, meldete am 29. August 1922 beim "Bezirksbureau Eilbeck" ein Gewerbe als "Inhaberin eines kaufmännischen Geschäfts" in ihrer Wohnung Schlegelsweg 12, Hochparterre, an. Es handelte sich dabei um einen Kleinhandel mit neuen Partiewaren. Die Stempelgebühr betrug 200 Mark, ein Inflationspreis.

Am 26. August 1933 heiratete Hermann und Emilie Seligs Tochter Annemarie einen "Arier". In den beiden darauf folgenden Jahren wurden zwei Enkeltöchter geboren. Annemarie lebte mit ihrer Familie in unmittelbarer Nachbarschaft ihrer Eltern. Die Ehe wurde zunehmend durch Annemaries jüdische Abkunft belastet. Eine Trennung hätte Annemaries erzwungenen Verzicht auf die Kinder zur Folge gehabt, weshalb sie ausharrte, bis die Ehe schließlich 1946 geschieden wurde.

Bei der Volkszählung im Mai 1939 wurde die gesamte Familie erfasst. Hermann Selig musste als "Volljude" zwangsweise Mitglied des Jüdischen Religionsverbandes Hamburg werden, war aber durch seine "privilegierte Mischehe" vor den massiven Verfolgungsmaßnahmen gegen Juden zunächst geschützt. Er trat freiwillig der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland bei. Wann er seine Berufstätigkeit als Requisiteur aufgab, ist nicht bekannt.
Die jüngste Tochter, Käthe, wohnte bei ihren Eltern. Sie war als kaufmännische Angestellte tätig und trug zum Familieneinkommen bei. Hermann Selig bezog eine monatliche Altersrente von 33,60 RM, ergänzt durch eine Elternrente von 15 RM. Dieses Einkommen lag unter der Bemessungsgrenze für Kultusgemeindesteuern. Am 18. August 1939 brachte Gertrud, Hermann Seligs Kind aus erster Ehe, eine Tochter zur Welt. Der Vater des Kindes war Max Salomon, ein gebürtiger Hamburger, der in Berlin lebte und verheiratet war, der Großvater war der wohlhabende Ledergroßhändler Isidor Salomon aus Blankenese (s. Broschüre Stolpersteine in Hamburg-Altona, S. 131).

Am 5. April 1940 änderte sich Hermann Seligs Situation dramatisch, als seine Frau Emilie an einem Herzschlag starb. Bei der Meldung beim Standesamt gab die Tochter den Beruf ihres Vaters mit "Packer" an. Das könnte bedeuten, dass Hermann Selig Pflichtarbeit leistete, obwohl er das 65. Lebensjahr vollendet hatte. Hermann Selig war nach dem Tod seiner zweiten Ehefrau des Schutzes der "privilegierten Mischehe" beraubt. Er wurde mit dem zweiten großen Transport des Jahres 1942 nach Theresienstadt deportiert und verließ Hamburg am 19. Juli 1942.

Im November 1942 richteten die Hamburgischen Elektrizitäts-Werke ihre Forderung nach Begleichung der offenen Stromrechnung in Höhe von 6,63 Mark an die Vermögensverwertungsstelle beim Oberfinanzpräsidenten, die sie beglich.

Gleichzeitig mit Hermann Selig wurde auch der Ledergroßhändler aus Blankenese, Isidor Salomon, deportiert. Während dieser bereits am 21. September in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt wurde, blieb Hermann Selig im Getto von Theresienstadt, wo er infolge des Mangels an Nahrung, Wärme und medizinischer Versorgung am 14. Februar 1943 angeblich an einem Darmkatarrh starb. Einen Monat später starb Max Salomon in Auschwitz.

Alfred Selig, Hermann Seligs drittes Kind aus der ersten Ehe, lebte nach dem Krieg in der damaligen DDR.

Stand Februar 2014
© Hildegard Thevs

Quellen: 1, 3, 4, 5, 9; StaH 314-15 OFP Oberfinanzpräsident 29 (HEW); 332-5 Standesämter 641-433/1910, 6982-371/1918, 1926-5098/1878, 1997-4568/1881, 7235-486/1940, 641-433/1910; 332-7 Staatsangehörigkeitsaufsicht B III 1901 Nr. 77599; 332-8 Meldewesen K 6970; 351-11 Amt für Wiedergutmachung 27907, 27909, 27910; 376-3 Zentralgewerbekartei K 3872; Hamburger Theatersammlung, Bühnenjahrbücher; Archiv der Gemeinde Reichelsheim, durch freundliche Vermittlung von Wolfgang Schwinn.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link Recherche und Quellen.

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