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Bereits verlegte Stolpersteine



Irma Schoeps (geborene Levy) * 1890

Bramfelder Straße 23 (Hamburg-Nord, Barmbek-Süd)


HIER WOHNTE
IRMA SCHOEPS
GEB. LEVY
JG. 1890
DEPORTIERT 1941
MINSK
ERMORDET

Weitere Stolpersteine in Bramfelder Straße 23:
Dr. Rudolf Borgzinner, Jacob Schoeps

Jakob Schoeps, geb. 10.9.1877 in Zerkow, deportiert am 8.11.1941 nach Minsk
Irma Schoeps, geb. Levy, geb. 20.9.1890 in Altona, deportiert 8.11.1941 nach Minsk

Bramfelder Straße 23

Jakob Schoeps, auch Jacob oder Jaques, wurde am 10. September 1877 in Zerkow, Provinz Posen, geboren. Seine Eltern waren Hermann Schoeps und Pauline, geb. Brinn. Er wohnte ab 1905 in Hamburg. Am 8. Januar 1910 heiratete er seine Frau Irma, die am 20. September 1890 in Altona als Kind der Familie Levy zur Welt gekommen war. Ihre früh verwitwete Mut­ter hieß Rosa.

Das Ehepaar hatte drei Kinder. Sohn Walter Max Ludwig wurde am 22. Ok­tober 1910 geboren, Tochter Anne­liese am 17. Januar 1914 und das Nest­häkchen Eva Pauline am 26. Sep­tem­ber 1927.

Jakob Schoeps erhielt seine ärztliche Approbation 1902 und war seit 1905 zu den Kassen zugelassen. Nach der Hochzeit praktizierte er als niedergelassener praktischer Arzt und Ge­burts­helfer in Barmbek, Praxis und Woh­nung befanden sich in der Bram­felder Straße 23. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Kriegs­­­freiwilliger teil, wurde Offi­zier und leitete ein Lazarett. Seine Tochter Anneliese erinnerte sich später an mehrere Auszeichnungen, die der Vater für den Kriegsdienst erhalten hatte.

Der Junior Walter Schoeps besuchte zunächst das Realgymnasium in Barmbek, später die Ober­realschule in Eppendorf bis zum "Einjährigen" (mittlere Reife) und absolvierte eine Aus­bil­dung als Drogist in der Firma Krenzin&Seifert AG und der Hamburger Drogisten­fach­schu­le. Danach besuchte er die höhere Handelsschule des Gewerkschaftsbundes für Angestellte und begann 1932 durch Vermittlung seines Onkels Max Schoeps in Mülhausen eine kaufmännische Ausbildung, denn geplant war für später der Kauf und Aufbau einer eigenen Dro­gerie. Die Boykottaktionen im Jahr darauf bewogen ihn zum Abbruch, er kehrte nach Ham­burg zurück und entschied sich nach eingehender Beratung mit den Eltern für die Auswanderung nach Palästina. Schon im Oktober 1933 war es soweit. Der Vater Jakob Schoeps transferierte Geld zum Kauf einer Siedlungsgelegenheit und zum Bau eines Hauses in Pardess-Channa. Ge­plant war, dass die übrige Familie folgen würde.

Ende 1934 unternahm Jakob Schoeps allein eine Reise nach Palästina. Das Palästina-Amt Berlin der Jewish Agency for Palestine bescheinigte ihm eine geplante Informationsreise zur Klärung der Frage, ob das Land für eine Auswanderung in Frage komme. Vom Landes­finanz­amt benötigte er im September dafür die Genehmigung eines Antrags auf Einzahlung von 500 RM an die Bank der Tempelgesellschaft in Jaffa und die gleiche Summe für Hotel­gut­scheine für eine Person.

Walters Schwester Anneliese besuchte zunächst in Hamburg die höhere Töchterschule und war in der Privatklinik Dr. Kalmann in Hamburg als Lehrschwester tätig. Anschließend nahm sie eine Ausbildung als Laborantin im Jüdischen Krankenhaus auf. Sie stellte im Oktober 1935 einen Antrag auf Ausfuhrgenehmigung von 27500 RM wegen Auswanderung nach Palästina und heiratete am 31. Januar 1936 Erich Eckmann. Ihr Abmeldeschein trägt das Da­tum vom 3. März 1936, über London gelangten sie nach Palästina.

Während die älteren Kinder sich in relativer Sicherheit befanden, führte Jakob Schoeps die Praxis in Barmbek bis zur Aberkennung der Approbation 1938 fort. Im August desselben Jahres stellte er einen Antrag auf Genehmigung zur Einzahlung von 50000 RM auf das Son­der­konto für Palästina-Auswanderung wegen beabsichtigter Auswanderung. Die Genehmi­gung wurde ihm am 26. August in Aussicht gestellt, Anfang September kam der Bescheid einer Sicherungsanordnung. Verbliebenes Vermögen war auf ein Sonderkonto einzuzahlen, genehmigt wurden monatlich 1000 RM zur Verfügung der Familie. In einer Notiz der Finanz­behörde heißt es "Nach Vorladung erschien Dr. med. Jacob Schoeps und überreichte Ver­mögensaufstellung ... Er beabsichtigt, innerhalb des nächsten Jahres nach Palästina auszuwandern." Sein Vermögen wurde mit ca. 70000 RM angegeben. Am 16. September war eine Reichsfluchtsteuer von 16000 RM zu zahlen.

Das Finanzamt Hamburg Barmbek teilte der Gestapo am 8. Oktober mit, Jakob Schoeps habe die Absicht zur Auswanderung geäußert. Verteiler waren die Zollfahndungsstelle, die Reichsbankenanstalt, die Devisenstelle und der Steuerfahndungsdienst. Im November 1938 wurde Jakob Schoeps mit vielen anderen Juden in "Schutzhaft" genommen und im KZ Sach­senhausen misshandelt. Nach seiner Entlassung gelang es den Eltern Schoeps, Tochter Eva auf die Reise zur Schwester Anneliese in Tel Aviv zu schicken.

Jakob und Irma Schoeps mussten nun die große Wohnung und ehemalige Praxis in der Bramfelder Straße 23 aufgeben, ein Teil der Möbel war bereits ab Oktober 1938 für die Auswanderung als Umzugsgut bei der Firma Keim, Krauth und Co. in Altona gelagert. Für die Zeit bis zur eigenen Ausreise wollten sie bei Irmas verwitweter Mutter Rosa Levy wohnen und zogen zu ihr in die Parkallee 10. Laut einer Bescheinigung der "Gemeindeverwaltung, öffentliche Ankaufstelle" lieferte Jakob Schoeps Ende Mai 1939 Gegenstände aus Gold und Silber ab, Schalen, Besteck, Schmuck im Gegenwert von 520 RM, davon 10 Prozent Ver­wal­tungs­gebühr.

Im August 1939 wurden neue Anträge auf benötigte Unbedenklichkeitsbescheinigungen und Mitnahme von Umzugsgut gestellt, geplant war nun eine Ausreise nach England, um von dort nach Palästina zu gelangen. Doch am 1. September begann durch den deutschen Einmarsch in Polen der Zweite Weltkrieg, zwei Tage später folgte die Kriegserklärung Eng­lands als Antwort und Reisepläne mussten auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Gleich­zeitig führte der Oberfinanzpräsident eine neue Befragung zum jüdischen Vermögen durch, auf die eine Neufestsetzung des monatlichen Betrags folgte, der vom Sperrkonto abgehoben werden durfte. Monatlich 275 RM wurden dem Ehepaar am 20. Oktober genehmigt.

Im November reichte Jakob Schoeps die Bitte um Ermäßigung der 5. Rate der Juden­vermögens­abgabe ein. "Mein und meiner Ehefrau Vermögen hat sich durch die Abgaben der letzten Jahre und durch die im August 1939 bezahlte Reichsfluchtsteuer in Höhe von 11505RM stark vermindert und beträgt lt. der letzten Aufstellung zur Sicherungsanordnung ... 14 430 RM. Da unsere für den September 1939 vorgesehen gewesene Auswanderung in­zwischen unmöglich geworden ist und da wir andere Einnahmen nicht haben, sind wir für eine nicht absehbare Zeit auf dieses Vermögen zur Bestreitung unseres Lebensunterhalts an­gewiesen. Ich bitte darum um Gewährung der Ermäßigung."

Die Antwort des Oberfinanzpräsidenten: "Für Ihren Antrag bin ich nicht zuständig. Ich stelle anheim, den Antrag bei Ihrem zuständigen Finanzamt zu erneuern."

Ein neuer Anlauf erfolgte zu Beginn des Jahres 1940, wieder mussten Bescheinigungen be­antragt, Fragebögen ausgefüllt werden. Jakob Schoeps beantragte die Freigabe von 100 RM als Anzahlung für Reisegeld ("betr. Auswanderung"), Zahlungsempfänger war das Atala-Reisebüro Frankfurt/M., Vertretung Hamburg. Am 27. Juni 1940 erfolgte ein neuer Antrag über die gleiche Summe, "zur Verrechnung zukünftiger Auslagen in meiner Auswande­rungs­angelegenheit, insbes. Telegrammkosten."
Inzwischen hatte auch ein Wohnungswechsel stattgefunden, die Postanschrift lautete nun auf Haynstraße 5.

Unbedenklichkeitsbescheinigungen von Kämmerei, Reichsbank und Finanzamt waren erforderlich zur Erlangung der Reisepässe. Die Prozedur zog sich hin, im Februar 1941 mussten neuerlich Gebühren zur Prüfung des Umzugsguts errichtet werden. Ab September waren sie gezwungen, den "Judenstern" zu tragen und im November 1941 erhielten Jakob und Irma Schoeps den Deportationsbefehl, sie wurden ins Getto Minsk verschleppt und galten nach Kriegsende als verschollen. Beide wurden für tot erklärt, Irma Schoeps zum 8. Mai 1945 und Jakob Schoeps zum Jahresende 1945.

Ihre Kinder überlebten den Holocaust in Palästina. Evas künftiger Ehemann war Hanan Ep­stein, später führte sie den Namen Chawa Avni und lebte in Haifa. Ihr Bruder Walter Schoeps heiratete 1938 Anneliese, geb. Todtenkopf, sie bekamen 1941 einen Sohn. Walter litt inzwischen an einer schweren Wirbelsäulenerkrankung, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die ungewohnte schwere Arbeit zurückzuführen war, infolge der von ihm allein bewerkstelligten Bewirtschaftung des Siedlungsgrundstücks und des Hausbaus, in dem auch seine Eltern ihren Lebensabend hatten verbringen sollen. Er konnte keine Landarbeit mehr ausüben und versuchte durch Kauf von Pferd und Wagen ein kleines Fuhrunternehmen aufzubauen, um die Fa­milie zu ernähren. Auch diese Arbeit war zu schwer, vorübergehend war er als Lager­ar­bei­ter tätig und schließlich als Pfleger in einem Krankenhaus für psychisch kranke Menschen.

Im Rahmen der Wiedergutmachung beantragte Walter Schoeps 1957 ein Darlehen von 10000 DM und war bereit, weitere Ansprüche an die Bundesrepublik Deutschland abzutreten. Das Geld wurde dringend benötigt, auch seine Frau Anneliese war körperlich eingeschränkt und erwerbsgemindert, doch der Bearbeitungsprozess zog sich in die Länge. Im September 1958 reiste Walter Schoeps in Begleitung seines 17-jährigen Sohnes nach Ham­burg, um sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen, wohl in der Hoffnung, vor Ort mehr erreichen zu können als auf dem Postwege. Hier wurde er am 4. Oktober Opfer eines Ver­kehrs­unfalls und starb am gleichen Tag im Krankenhaus Lohmühlenstraße. Sein Sohn erlitt einen Nervenzusammenbruch, Mutter Anneliese Schoeps musste aus Palästina kommen und sich um alles Notwendige kümmern. Es wird schwer gewesen sein, diesen neuen Schick­sals­schlag zu verkraften.

© Erika Draeger

Quellen: 1; 2; 5; 8; StaHH 314-15, OFP, F 2196 Bd. 1+2; StaHH 314-15, OFP, R 1938/1874; StaHH 351-11, AfW, Abl. 2008/1, 22.10.10 Schoeps, Walter; StaHH 351-11, AfW, Abl. 2008/1, 23.07.13 Schoeps, Anneliese; von Villiez: Mit aller Kraft verdrängt, S. 395.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

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