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Bereits verlegte Stolpersteine



Hertha Schuster (geborene Stern) * 1898

Borgfelder Straße 24 (Hamburg-Mitte, Borgfelde)


HIER WOHNTE
HERTHA SCHUSTER
GEB. STERN
JG. 1898
DEPORTIERT 1941
RIGA
ERMORDET

Weitere Stolpersteine in Borgfelder Straße 24:
Max Angres, Rosa Angres, Mathilde Dyhrenfurth, David Glücksohn, Georg Rosenberg, Siegfried Schuster, Herbert Schuster

Herbert Schuster, geb. 3.7.1924 in Hamburg, deportiert am 6.12.1941 nach Riga
Hertha Schuster, geb. Stern, geb. 12.12.1898 in Hamburg, deportiert am 6.12.1941 nach Riga
Siegfried Schuster, geb. 15.5.1891 in Tuchel/Westpreußen, deportiert am 6.12.1941 nach Riga, am 16.8.1944 weiter deportiert KZ Buchenwald, Tod am 22.12.1944 in Tröglitz/Kreis Zeitz

Borgfelder Straße 24

Die Familien Schuster, Stern, Angres, Dyhrenfurth und Schickler waren durch ihre Geschäfte in der Hammerbrookstraße und ihre Wohnungen in der Borgfelder Straße 24 aufs Engste miteinander verbunden und hatten offenbar zudem Kontakt zu den Eheleuten Süßkind in Oben Borgfelde 11.

Hertha Stern, einzige Tochter von Siegmund Stern und seiner Ehefrau Helene, geb. Kant, wurde am 12. Dezember 1898 in Hamburg geboren. Ihre Eltern gehörten der Deutsch-Israe­li­tischen Gemeinde Ham­burg an. Sie wuchs in das Wäsche­geschäft "Siegmund Stern jr." in der Hammer­brook­stra­ße 6 am Berliner Tor hinein und führte die Firma nach dem Tod ihres Vaters selbstständig weiter. Ihre Mutter arbeitete im Ladengeschäft mit. Neben diesem befand sich das Putz- und Mode­waren­geschäft "R. & M. Schick­ler" der Schwestern Rosa Angres und Ma­thilde Dyh­renfurth, beide geb. Schickler. Nur durch ein Ge­schäft für Haushaltsartikel in Nr. 4 getrennt, nahm das Herren­modegeschäft Adolf Schick­lers das Eckhaus Ham­mer­brook­straße/Besen­binderhof ein. Die Woh­nung von Helene und Hertha Stern lag im zweiten Stockwerk über ihrem Geschäft.

Schon von seiner Wohnung in der Neanderstraße 9 in Berlin aus beantragte Siegfried Schuster im Oktober 1922 einen Gewerbeschein als Kaufmann für den Groß- und Einzelhandel mit Textilien in der Firma "Siegmund Stern jr. und Schuster & Co." in Hamburg. Siegfried Schuster wurde am 15. Mai 1891 in Tuchel (West­preu­ßen) geboren. Ob er am Ersten Weltkrieg teilnahm, ließ sich nicht feststellen. Eine Beziehung nach Hamburg be­stand über den Kaufmann Leo Schuster, der im Uhlen­horster Weg 49 a wohnte.

Am 26. März 1923 heirateten Hertha Stern und Sieg­fried Schuster in Hamburg. Siegfried Schuster zog zu seiner Frau und ihrer Mutter in die Hammerbrookstraße 6. Am 3. Juli 1924 wurde ihr Sohn Herbert geboren. Er blieb ihr einziges Kind. Siegfried Schuster hatte als Ver­treter für Wäsche und Herrenartikel in den Jahren vor der Weltwirtschaftskrise ein gutes Einkommen. Der Nie­dergang des Geschäfts beschleunigte sich infolge des Boykotts jüdischer Geschäfte und endete mit dessen Aufgabe. Nach dem Verlust des Geschäfts zog Siegfried Schuster mit seiner Familie in den Tiecksweg 17 in Eil­bek. Er machte sich selbstständig, hatte wieder sein Auskommen und zog 1935 in die Borg­felder Straße 24, wo schon die früheren Nachbarn aus der Hammerbrookstraße, Dyh­ren­furth und Angres, wohnten. 1938 wurde Sieg­fried Schuster erneut erwerbslos und betrieb von da an intensiv die Auswanderung nach Argentinien bzw. Paraguay.

In Anbetracht seiner schlechten finanziellen Situation fiel keine Reichsfluchtsteuer an, und der Oberfinanzpräsident verzichtete auf die Verhängung einer "Sicherungsanordung". Nach Sichtung des bescheidenen gebrauchten Hausrats fand der Zoll keinen Anhaltspunkt für die Forderung einer Dego-Abgabe. Der einzig neue Gegenstand im Hause war eine Aktentasche im Wert von 14 RM, nachweislich das Geschenk eines Freundes. Die Neuanschaffungen an landwirtschaftlicher Kleidung für Siegfried Schuster und den vierzehnjährigen Sohn Herbert wurden ebenfalls von der Dego-Abgabe ausgenommen. Für die Passage kamen Geschäfts­freun­de aus Berlin auf. Am 19. November 1938 erhielt Siegfried Schuster die Un­be­denk­lich­keitsbescheinigung. Wertgegenstände wie Schmuck und die Briefmarkensammlung wurden taxiert, verpackt und versiegelt, das Umzugsgut eingelagert.

Die Auswanderung scheiterte an der Verhaftung Siegfried Schusters. Am 21. Februar 1939 mel­dete das Hamburger Fremdenblatt: "Wegen Rassenschande wurde der 47-jährige Jude Siegfried Israel Schuster festgenommen. Er ist geständig, sich gegen die Nürnberger Gesetze vergangen zu haben." Warum dieser Fall von sogenannter Rassenschande unter vielen anderen in die Zeitung geriet, ist nicht nachzuvollziehen. Nach Auffassung des die Auswan­derung bearbeitenden Beamten Jahncke hätte Siegfried Schuster nach Vorlage der Pässe und Visa emigrieren können, da die Formalien abgeschlossen waren, doch der Judenreferent Claus Göttsche von der Gestapo ließ ihn stattdessen eine Haftstrafe antreten. Während seiner Abwesenheit wurden bei der Volkszählung im Mai 1939 unter seiner Adresse Borgfelder Straße 24III Elfriede Gumprecht und ihre Tochter Hanni gemeldet, obwohl sie noch in Harburg wohnten. Elfriede Gumprechts Eltern, Isaac und Hulda Süß­kind, wohnten Oben Borgfelde 11, oberhalb der Borgfelderstraße 24, was der Anlass für die­se An­meldung gewesen sein mag.

Bis zum 20. September 1939, drei Wochen nach Kriegsbeginn, verbüßte Siegfried Schuster die Haftstrafe und wurde dann in die Hansastraße 55 entlassen. In der Zwischenzeit konnte Hertha Schuster die erstatteten Passagekosten in Empfang nehmen. Weitgehend mittellos, erhielten Siegfried und Hertha Schuster ab Januar 1940 Wohlfahrtsunterstützung. Julius Hellmann spendete ihnen im Januar 1940 40 RM, im April 25 RM und im April 1941 20 RM. Siegfried Schuster wurde zur Zwangsarbeit eingesetzt, Herbert galt der Gestapo als Lehrling; Näheres ließ sich nicht ermitteln.

Es dauerte bis 1941, bis Siegmund und Hertha Schuster das Umzugsgut zurückerhielten. Ob sie weiter auf eine Auswanderung hofften und es deshalb nicht anforderten oder ob ihnen die Auslieferung verwehrt wurde, ließ sich nicht klären. Inzwischen wohnten sie in der Born­straße 16, einem "Judenhaus", in dessen Enge sie ihren Hausrat nicht unterbringen konnten. Was mit ihm geschah, ist ungeklärt. Die Fürsorgeabteilung des "Jüdischen Religionsverbandes" zahlte weiter die Unterstützung. Bezüglich der Wertgegenstände erhielt die "Firma Weber & Möller, Hamburg 11, Sandtorquai 28, die Genehmigung, Ihnen [Hertha Schuster] das da­selbst eingelagerte Wertsachenpaket, gesiegelt vom Juwelier Hermann Schrader, Hamburg, zur Verbringung ins Zollgebiet abzuliefern. Von dem Inhalt – hier folgt die Liste mit Pos. 1–18 – haben Sie die Gegenstände Pos. 1 bis 6, 9 bis 14 und 18 sofort an die Öffentliche Leihanstalt, Hamburg 36, Bäckerbreitergang 73 abzuliefern und mir bis zum 20. Aug. d. J. die Abliefe­rungsbescheinigung einzureichen. Die Gegenstände der Pos. 7/8 (silber­ne Halskette, Sport­uhr) und 15/17 (2 Doublé Herren­uhr­arm­bän­der, Herrenuhr) können in Ihrem Besitz verbleiben." Hertha Schus­ter lieferte ihre Wert­sachen vorschriftsmäßig in der Leih­anstalt, die bis Anfang des 21. Jahr­­hun­derts als zentrales Ham­burger Fund­­­büro diente, ab. Die ihr verbliebenen Gegenstände dürf­ten ihr und ihrem Mann bei den verschiedenen Kontrollen auf dem Weg ins Getto abgenommen worden sein.

Siegfried, Hertha und Herbert Schus­­ter erhielten die Auffor­­de­­­rung zur "Evakuierung" zum 6. De­­zember 1941 nach Riga. Her­tha und Her­bert Schusters Le­bens­spuren enden dort.

Siegfried Schuster wurde zur Zwangs­­arbeit in das Konzen­tra­tionslager Buchenwald überstellt, dort am 16. August 1944 unter der Häftlingsnummer 82739 als "politischer Jude"*) registriert und im Zeltlager des Kleinen Lagers untergebracht. Am 8. September 1944 wurde er dem Kom­mando Brabag/Treib­stoff­herstellung, Außenlager Tröglitz Wille bei Zeitz, zugewiesen. Ein Brief von "Schutzhäftling Siegfried Schuster, 82739, Block 17" an den Schlach­ter­meister Ernst Wangelin und seine Frau in Eilbek blieb erhalten, in dem sich Siegfried Schus­ter an das befreundete Ehepaar und mehrere nichtjüdische Bekannte wandte. Er hoffte, dass die Adressaten gesund seien, er selbst sei es leidlich. Seine Bitten richteten sich auf entbehrliche warme Kleidung, Handtuch und Seife sowie Lebensmittel, von denen jede Woche ein Paket erlaubt sei. An diesen Sendungen mögen sich die genannten Bekannten, denen er für immer dankbar sein werde, beteiligen, damit er zum Weihnachtsfest eine Freu­de habe. Diese Bitte wurde ihm nicht erfüllt. Er starb am 22. Dezember 1944 im KZ-Außen­lager Tröglitz Wille, Kreis Zeitz.

© Hildegard Thevs

Quellen: 1; 2 FVg 3617; 4; 5; BA 1939; StaH, 332-5 Standesämter, 3472+155/1928; 522-1 Jüdische Gemeinden, Abl. 1993, 42, Bd. 2; 390; 391; Altonaer Adressbuch 1875; Archiv Gedenkstätte Buchenwald, Schreiben vom 14.10.2009; Lachmund, Altona; Weinmann (Hrsg.), Lagersystem; Schreiben an Ernst Wangelin, Privatbesitz Wilhelm Meyer. *) Die Kategorisierung "politischer Jude" ließ sich nicht klären.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

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