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Stolpertonstein

Erzähler: Thomas Karallus
Sprecher: Detlev Tams
Abram Widawski
© Harry Turner

Abram Widawski * 1900

Malzweg 3 (Hamburg-Mitte, Borgfelde)


HIER WOHNTE
ABRAM WIDAWSKI
JG. 1900
DEPORTIERT 1938
ZBASZYN
VERHAFTET 1940
GEFÄNGNIS HARBURG
1941 SACHSENHAUSEN
ERMORDET 1942

Abram Widawski, geb. 20.6.1900 in Wielun/Polen, deportiert am 28.10.1938 nach Zbaszyn, 6.12.1940 Haft Hamburg, 15.2.1941 KZ Sachsenhausen, Tod dort 1942

Malzweg 3

Abram oder Abraham Widawski wurde am 26. Juni 1900 in Wielun, einer Kleinstadt 20 km hinter der damaligen deutsch-polnischen Grenze im Raum Lodz, geboren. Wielun wurde am 1. September 1939 um 4.40 Uhr von der deutschen Luftwaffe angegriffen, wobei von den 16000 Einwohnerinnen und Einwohnern 1200 ums Leben kamen. Dieser Angriff erfolgte fünf Minuten vor dem auf die Westerplatte, mit dem nach gängiger Historiographie der Zweite Weltkrieg begann. Zu diesem Zeitpunkt lebte Abram Widawski illegal in Hamburg, wohin er Ende der zwanziger Jahre gekommen war und wo er sich als Schneider niedergelassen hatte. 1929 wurde er als Mitglied der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Hamburg registriert. Abram Widawski blieb ledig, hatte ein sehr geringes Einkommen und wohnte zu­nächst zur Untermiete in der Frö­bel­straße 12. Von dort zog er nach St. Georg und lebte schließlich in Borgfelde im Malzweg 3. 1936 erhielt er vom polnischen Konsulat einen Reise­pass. Sein Be­kannten- und Freundeskreis bestand aus nichtjüdischen Deutschen, die wie er musische Inter­essen pflegten. Vielleicht war dieser soziale Zusammenhalt der Grund, weshalb er am 15. Juli 1938 aus der Jüdischen Ge­meinde ausschied.

Am 28. Oktober 1938 wurde Abram Widawski auf Weisung des Ham­burger Polizeipräsidenten wie ca. 1000 andere Polinnen und Polen über die damalige deutsch-polnische Grenze bei Zbaszyn/ Bent­schen abgeschoben. Er erwirkte die Er­laubnis, kurz­zeitig nach Hamburg zurückkehren zu dür­fen, um dort ge­schäftliche Angelegenheiten zu regeln, und überschritt am 20. Juni 1939 erneut die Grenze zum Deut­schen Reich. Die Wiedereinreise wurde ausdrücklich unter der Bedingung bewilligt, das Deut­sche Reich nach zwei Wochen endgültig zu verlassen. Abram Widawski meldete sich am 11. Juli 1939 wieder nach Polen ab, blieb jedoch in Ham­burg. Eine Rückkehr nach Wielun bot für ihn offenbar keine Perspektive; seine Eltern, David-Jakob Wi­daws­ki und Malka, geb. Fränkel, lebten nicht mehr. Er fand eine Unterkunft in der Kantstraße 4 bei Gold­berg in Eilbek.

Sein, wie sein Großneffe Harry Turner es beschrieb, geselliger Umgang mit nichtjüdischen Deutschen machte ihn der Polizei verdächtig. Am 23. Oktober 1940 wurde er unter dem Verdacht der "Rassenschande" festgenommen, die An­klage wurde jedoch zurückgezogen. Sechs Wochen später wurde er wegen des Verdachts des Verstoßes gegen § 175 StGB vernommen und wieder freigelassen. Warum gegen ihn nicht gleich wegen des verbotenen Aufenthalts im Deutschen Reich ermittelt wurde, ist un­klar. Am 6. Dezember 1940 wurde er wegen Verstoßes gegen die Ausländerpolizei­ver­ord­nung und seiner unerlaubten Rückkehr nach Hamburg zu einer Gefängnisstrafe von einem Monat verurteilt. Er trat sie umgehend an und wurde am 12. Dezember 1940 in das Ge­richts­gefängnis in Hamburg-Harburg überstellt.

Als Pole und Jude wurde er nach seiner Haftentlassung am 6. Januar 1941 der Polizei zugeführt. Es schloss sich für ihn eine "Schutzhaft" vom 7. Januar bis 14. Februar im KZ Fuhls­büttel an, die mit der Überstellung in das KZ Sachsenhausen endete, wo er am 15. Februar 1941 unter der Häftlingsnummer 036048 registriert wurde. Nach Auskunft des Großneffen Harry Turner verstarb Abram Widawski 1942 im KZ Sachsenhausen. Er wurde 42 Jahre alt.

© Hildegard Thevs

Quellen: 1; 4; 5; 8; StaH, 213-11 Strafakten NS-Zeit, Serie Amts-, Land- und Sondergericht, 0263/1941; 242-1 II, Gefängnisverwaltung II, Abl. 13, Gefangenenkartei, hier: Gerichtsgefängnis Hamburg-Harburg; 522-1 Jüdische Gemeinden, 390, 391; Gedenkstätte Sachsenhausen, Schreiben vom 10.12.2009; Harry Turner, Page of Testimony Yad Vashem und persönliche Mitteilungen.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

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