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Bereits verlegte Stolpersteine



Siegismund Zweig * 1859

Klaus-Groth-Straße 60 (Hamburg-Mitte, Borgfelde)


HIER WOHNTE
SIEGISMUND ZWEIG
JG. 1859
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET 5.8.1942

Weitere Stolpersteine in Klaus-Groth-Straße 60:
Paul Borkowski, Rosa Priebatsch, Rudolfine Zweig

Siegismund Zweig, geb. 23.4.1859 Landsberg/Warthe, deportiert am 15.7.1942 nach Theresienstadt, Tod dort am 5.8.1942
Rudolfine Zweig, geb. Kreslawski, geb. 30.6.1864 in Glogau/Warthe, deportiert am 15.7.1942 nach Theresienstadt, am 21.9.1942 weiter deportiert nach Treblinka

Klaus-Groth-Straße 60 (Klaus-Groth-Straße 52)

Siegismund und Rudolfine Zweig stammten aus assimilierten jüdischen Familien in Schlesien und kamen offenbar nach dem Ersten Weltkrieg nach Hamburg. Siegismund, Sohn von Mi­cha­el David und Friederike Zweig aus Landsberg, heiratete die in Glogau geborene Rudolfine Kreslawski. Um 1890 lebten sie in Magdeburg, wo ihre Töchter geboren wurden, Else am 6. Mai 1890 und Felicia am 6. Oktober 1893.

Bei seinem Eintritt in die Deutsch-Israelitische Gemeinde Hamburg am 12. November 1919 ent­schied sich Siegismund Zweig für die Zugehörigkeit zum liberalen Tempelverband. Er fand eine Anstellung als Geschäftsführer bei Conrad Tack & Co. GmbH, einem Schuh­waren­händ­ler am Billhorner Röhrendamm 158/160 im Arbeiterstadtteil Rothenburgsort und wohnte im bür­gerlichen Borgfelde in der Klaus-Groth-Straße 52. Kaum hatte er wirtschaftlich Fuß ge­fasst, traf ihn die Inflationszeit hart; dennoch kam er seinen Beitragszahlungen an die Jüdi­sche Gemeinde nach. Seine wirtschaftliche Situation besserte sich in den zwanziger Jahren bis über den Eintritt ins Rentenalter hinaus und ermöglichte dem Ehepaar ein Leben in be­schei­denem Wohlstand.

Am 7. Juni 1920 heiratete die jüngere Tochter Felicia den Kaufmann Alphons Koopmann, am 21. Januar 1921 ging Else die Ehe mit dem Kaufmann Paul Zechlinski ein. Beide verließen ihr Elternhaus, doch zog Felicia Koopmann in die Hammer Landstraße 47 und blieb so in der Nähe wohnen, während Else Zechlinski in die Grindelallee zog. Das Ehepaar Koopmann orien­tierte sich zum Synagogenverband, das Ehepaar Zechlinski zur Neuen Dammtor Synagoge. Zwischen 1921 und 1926 wurden Siegismund und Rudolfine Zweigs vier Enkelkinder geboren, Fritz, Gerda, Hans und Lotte. Felicias Schwiegervater, der Schuhwarenhändler Moritz Koopmann, starb 1926. Seine Witwe Jenny, geb. Levy aus Randers in Dänemark, zog zu ihrer in Krefeld verheirateten jüngsten Tochter.

Anfang der dreißiger Jahre zogen die Eheleute Zweig in die Blücherstraße 9 in Altona und schlossen sich der dortigen Gemeinde an, kehrten jedoch 1937 mit der Eingemeindung Alto­nas nach Hamburg, inzwischen völlig mittellos, zur Deutsch-Israelitischen Gemeinde Ham­burg zurück und wohnten zur Untermiete in der Haynstraße 5. Mit der Weltwirtschaftskrise verlor auch Alphons Koopmann seine Stellung, verließ 1930 mit seiner Frau und den Söhnen Fritz und Hans Hamburg und zog nach Frankfurt. Als Bankier bei der Wilhelm Rosenbacher Bank war er wohlhabend geworden.

Paul Zechlinskis Stellung als Prokurist in der Firma H. Jacob Zechlinski, einem Großhandel für Schneiderbedarfsartikel, verschaffte ihm bis 1938 ein sehr gutes Auskommen. Infolge des Pogroms im November 1938 wurde er inhaftiert, verlor seine Anstellung und fand keine neue Beschäftigung. Ob er sich um eine Auswanderung bemühte, ließ sich nicht feststellen. 1939 verhängte der Oberfinanzpräsident eine "Sicherungsanordnung" über sein Vermögen. Paul Zechlinski unterstützte über die Fürsorgestelle des "Jüdischen Religionsverbands" ab No­vember 1939 seine Schwiegereltern zunächst mit monatlich 110 RM, ab Februar 1940 mit nur noch 100 RM und im Jahr 1941 mit wechselnden Beträgen, dem höchsten von 300 RM im November, dem Monat seiner Deportation.

Aufgrund dieser Unterstützungsleistungen, vor allem aber wegen der Steuern und Abgaben, schrumpfte Paul Zechlinskis Vermögen rapide, sodass er 1940 nur noch den Grundbetrag von 12 RM an die Hamburger Jüdische Gemeinde als Bezirksstelle der "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" leistete.

Auch Siegismund Zweig entrichtete 1940 einmalig diesen Betrag an die Gemeinde. 1941 quar­tierte der "Jüdische Religionsverband" das Ehepaar Zweig in der Rothenbaumchaussee 217, einem von ihm verwalteten "Judenhaus", ein und brachte es schließlich, recht betagt, in seinem als Altenheim dienenden früheren Gemeindehaus in der Beneckestraße 6 unter. Jenny Koopmann wurde nach ihrer Rückkehr nach Hamburg im "Judenhaus" Kurzer Kamp 6 in Fuhls­büttel einquartiert.

Else, Paul, Gerda und Lotte Zechlinski wurden mit dem zweiten Transport Hamburger Juden, der am 8. November 1941 die Stadt verließ, in das Getto von Minsk deportiert, Franziska Koop­mann, Alphons Koopmanns älteste Schwester, mit dem letzten Transport des Jahres 1941 am 6. Dezember nach Riga.

Rudolfine, 76 Jahre, und Siegismund Zweig, 82 Jahre alt, verließen Hamburg mit dem ersten Transport in das Getto von Theresienstadt am 15. Juli 1942, Jenny Koopmann folgte ihnen mit dem nächsten Transport vier Tage später. Niemand von ihnen be­saß noch irgendwelche Mittel für den "Heimeinkauf" in Theresienstadt. Siegismund Zweig überlebte nicht einmal den ersten Monat, Rudolfine Zweig und Jenny Koopmann wurden am 21. Sep­tember 1942 in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und vermutlich gleich nach ihrer Ankunft ermordet. Auch ihre nach Minsk und Riga deportierten Angehörigen kamen in der Shoah ums Leben.

© Initiative Stolpersteine in Hamburg-Borgfelde

Quellen: 1; 4; 5; 7; StaH, 332-5 Standesämter, 3380+671/1920; 3408+34/1921; 351-11 AfW, 15091; 522-1 Jüdische Gemeinden, 992 e 2, Bde 2, 4; Abl. 1993, 42, Bd. 2.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

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