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Bereits verlegte Stolpersteine



Gertrude Kendziorek (geborene Baumblatt) * 1901

Auenstraße 6 (Wandsbek, Eilbek)


HIER WOHNTE
GERTRUDE KENDZIOREK
GEB. BAUMBLATT
JG. 1901
DEPORTIERT 1941
MINSK
ERMORDET

Weitere Stolpersteine in Auenstraße 6:
Leo Kendziorek, Heinz Kendziorek, Kurt Kendziorek

Hermann Kendziorek, geb. 12.9.1868 in Gorka, Kreis Samter (heute: Szamotuly, Westpolen), im "polizeilichen Judendurchgangslager Kamp Westerbork" verstorben am 13.10.1943
Regine (genannt Rieke) Kendziorek, geb. Haase, geb. 23.9.1868 in Wreschen (heute: Wrzesnia, Polen), vom "polizeilichen Judendurchgangslager Kamp Westerbork", am 8.2.1944 nach Ausschwitz deportiert, dort ermordet am 11.2.1944

Pappelallee 46


Leo Kendziorek, geb. 14.3.1898 in Neustadt an der Warthe (heute: Nowe Miasto nad Warta, Polen), deportiert am 8.11.1941 nach Minsk
Gertrude Kendziorek, geb. Baumblatt, geb. 26.11.1901 in Bad Nauheim, deportiert am 8.11.1941 nach Minsk
Heinz Kendziorek, geb. 24.4.1929 in Hamburg, deportiert am 8.11.1941 nach Minsk

Auenstraße 6

Die jüdische Familie Kendziorek stammte aus dem früheren Pommern und erzielte dort mit eigenen Betrieben ein gutes Auskommen. Durch unternehmerischen Erfolg und öffentliche Ämter hatte sie Ansehen erworben. Nach 1933 erstickten Boykottmaßnahmen die Geschäf­te schrittweise, bis die wirtschaftliche Grundlage für das Leben in Pommern zerstört war.
Ein Teil der Familie übersiedelte daraufhin vorübergehend nach Hamburg. Hier betrieb ein Angehöriger, Leo Kendziorek, bereits seit Anfang der 1920er Jahre eine Drogerie. Doch auch in Hamburg wuchs der Verfolgungsdruck. Zwei Familienmitglieder emigrierten nach Palästina, ein Angehöriger nach Guatemala. Andere Familienmitglieder entschieden sich für eine Flucht in die Niederlande. Sie gerieten später in die Fänge der nationalsozialistischen Machthaber. Ein anderer Zweig der Familie zog nach Lübeck und wurde von dort über Hamburg nach Riga deportiert, während die bis zuletzt in Hamburg verbliebenen Familienmitglieder nach Minsk deportiert wurden.

Hermann Kendziorek, der Senior der Familie, wurde am 12. September 1868 in Gorka, Kreis Samter (heute: Szamotuly, Polen), etwa 210 km südöstlich von Stettin, geboren. In seiner Geburtsstadt besuchte er zunächst die Mittelschule und kam dann in das Internat in Filehne (heute: Wielen, Polen), etwa 150 km südöstlich von Stettin, wo er die Mittlere Reife erwarb.

Nach der Schulausbildung erlernte Hermann Kendziorek den Beruf des Getreidekaufmanns in Posen. 1894 machte er sich in Neustadt an der Warthe als Getreidehändler selbstständig. Zu dem Getreidehandelsunternehmen gehörten ein Lebensmittel- und ein Eisenwarengeschäft. In Neustadt lernte er seine spätere Ehefrau, die ebenfalls aus einer jüdischen Familie stammende Regine, genannt Rieke, Haase kennen. Sie war am 23. September 1869 in Wreschen (heute: Wrzesnia), etwa 50 km östlich von Posen geboren worden, besuchte zunächst die höhere Mädchenschule und später das Lyzeum. Anschließend ging sie in die kaufmännische Lehre bei einer Firma in Neustadt an der Warthe.

Nachdem Hermann Kendziorek sein erstes Unternehmen im Jahre 1900 verkauft hatte, erwarb er ein alteingesessenes Getreidehandelsunternehmen im pommerschen Pyritz (heute: Pyrzyce, Polen) und führte es unter der Firma J. Hahn Nachfolger H. Kendziorek fort.

Dieses Geschäft entwickelte er zu einem der bedeutendsten Unternehmen des damaligen Weizackerkreises. In der Regel wurden zwölf Mitarbeiter beschäftigt. Das Unternehmen verfügte über einen Lastzug und mindestens einen, zeitweise zwei Personenwagen.

Regine Kendziorek war immer als "erste Kraft" im Geschäft ihres Mannes tätig. Deshalb wurden im Hause Kendziorek zwei Hilfskräfte und eine zugleich als Erzieherin tätige Haushälterin beschäftigt.

Die sehr erfolgreiche Geschäftstätigkeit trug Hermann Kendziorek Ämter als vereidigter Dolmetscher beim Amtsgericht Pyritz für Deutsch-Polnisch und als Schiedsrichter beim Getreide- und Kartoffelverband in Stettin ein. Die Jüdische Gemeinde in Pyritz wählte ihn zum ehrenamtlichen Vorsitzenden. Ungeachtet auch damals schon deutlich spürbarer antisemitischer Tendenzen scheint Hermann Kendziorek ein in seiner Region angesehener Bürger gewesen zu sein.

Wie viele seiner jüdischen Glaubensbrüder stellte sich auch Hermann Kendziorek 1914 dem Deutschen Kaiserreich als Soldat zur Verfügung. Er diente im Ersten Weltkrieg als Einjährig-Freiwilliger bei den Schwarzen Husaren in Posen.

Regine und Hermann Kendziorek hatten sechs Kinder: die Tochter Ruth, geboren am 22. August 1901 in Pyritz, und die Söhne Walter, geboren am 31. Dezember 1895 vermutlich in Soldin (heute: Mysliborz, Polen) in der ehemaligen Neumark, Kurt, geboren am 2. Juli 1896 in Soldin in der ehemaligen Neumark, Leo, geboren am 14. März 1898 in Neustadt an der Warthe, Hans, geboren am 14. Oktober 1899 in Neustadt an der Warthe und Alfons, geboren am 6. Februar 1903 in Pyritz.

Auch die Söhne Walter und Hans arbeiteten in dem Familienunternehmen, das ab etwa 1930, als die Söhne Teilhaber geworden waren, in der Rechtsform einer Offenen Handelsgesellschaft geführt wurde. Der jüngste Sohn Alfons, der nach Abschluss einer kaufmännischen Lehre in Düsseldorf, Labes/Pommern und Hamburg tätig gewesen war, kehrte 1928 nach Pyritz zurück und wurde nun Angestellter im elterlichen Unternehmen. Er sollte später ebenfalls Teilhaber werden, doch dazu kam es nicht mehr.

Kurt Kendziorek, der mittlere der fünf Söhne, lebte mit seiner Ehefrau Gertrud, geborene Aronsohn, und den beiden Töchtern Inge und Erika in seinem Geburtsort, der Kleinstadt Soldin. Dort betrieb er ein Transportunternehmen mit fünf Lastzügen für den Fernverkehr, eine Tankstelle und einen Garagenhof.

Der drittälteste Sohn Leo ergriff den Beruf des Drogisten. Er verließ Pyritz in jungen Jahren und gründete zusammen mit seinem Bruder Alfons Anfang der 1920er Jahre in Hamburg, Wandsbeker Chaussee 155, eine Drogerie mit Chemikalienhandlung. Über Leo Kendziorek und seine Familie wird noch ausführlich zu berichten sein.

Die einzige Tochter, Ruth Kendziorek, heiratete 1927 in Pyritz den Altonaer Kaufmann Max Friedrich Stempel. Sie lebte fortan in der Heimatstadt ihres Ehemannes in der Mörkenstraße 1.

Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten änderten sich die Verhältnisse für die Familie Kendziorek einschneidend. Die früheren Geschäftspartner boykottierten den jüdischen Getreidehändler Kendziorek mehr und mehr. Die Umsätze gingen rapide zurück. 1936 war das Geschäft kaum noch haltbar. Der Sohn und Miteigentümer Walter Kendziorek sah für sich in Deutschland keine Perspektive mehr. Er schied Mitte September 1937 aus dem Pyritzer Unternehmen aus und emigrierte nach Palästina. Zu derselben Zeit mussten die verbliebenen Eigentümer Hermann und Hans Kendziorek das Unternehmen verpachten. Hermann Kendziorek gehörte in Pyritz noch ein Hausgrundstück an der Bahnerstraße 32 mit Speichergebäude und ein großer, modern ausgestatteter Getreidespeicher in der Bahnhofstraße sowie ein Lagergrundstück mit Scheune in der damaligen Adolf-Hitler-Straße. Ein Spediteur aus Schleswig-Holstein kaufte das ehemals blühende Pyritzer Getreidehandelsunternehmen 1937 oder 1938 weit unter Wert, wie er später zufrieden erzählte.

Angesichts des massiven wirtschaftlichen und politischen Drucks übersiedelten Regine und Hermann Kendziorek sowie die Söhne Hans und Alfons im September 1937 nach Hamburg in die Nähe ihres Verwandten, des schon erwähnten Drogisten Leo Kendziorek. Die Familie fand eine Wohnung in der Pappelallee 46 in Eilbek, nur 15 Gehminuten von der Wohnung des Drogeriegeschäftes ihres Sohnes entfernt. Von nun an wurde Hermann Kendziorek in den Dokumenten als Rentier bezeichnet. Er gehörte vom 1. Oktober 1937 bis 6. März 1939 zur Jüdischen Gemeinde Hamburg.

Auch Kurt Kendziorek kam im Sommer 1938 mit seiner Familie nach Hamburg, nachdem es ihm angesichts massiver Schikanen nicht mehr gelungen war, sein Fuhrgeschäft in Soldin aufrechtzuerhalten. Ein halbes Jahr später zog die Familie weiter nach Lübeck in die Schwartauer Allee 9a.

Alfons Kendziorek reiste im September 1938 nach Palästina, um die Möglichkeiten einer Übersiedlung zu erkunden. Dort hörte er von dem Terror gegen Juden in Deutschland, ihre Geschäfte und Synagogen am 9. November 1938 und von den massenhaften Verhaftungen. Daraufhin beschloss er, nicht zurückzukehren.

Auch Hans Kendziorek, der mit seinen Eltern Hermann und Regine nach Hamburg gekommen war, verließ die ihm feindlich gewordene Heimat. Er lebte danach in vergleichsweise ärmlichen Verhältnissen in Guatemala.

Offenbar hatten Hermann und Regine Kendziorek jede Zuversicht in ihre Zukunft in Deutschland verloren und beschlossen ebenfalls, das Land zu verlassen. Darin mögen sie die Inhaftierung ihres Sohnes Leo im Zusammenhang mit dem Novemberpogrom 1938 und eine "harte Vernehmung" Hermann Kendzioreks Ende Januar 1939 bestärkt haben. Ihm wurde vorgeworfen, seinem nach Palästina emigrierten Sohn Alfons angeblich neue auf alt getrimmte Bekleidungsstücke ohne die erforderliche Genehmigung geschickt zu haben. Zwei Oberhemden und zwei Paar Schuhe wurden von der Hamburger Zollfahndungsstelle als neu eingestuft, obwohl Hermann Kendziorek darauf bestand, dass sie bereits von seinem Sohn getragen worden seien. Die Kleidungsstücke und ein Federbett wurden zunächst beschlagnahmt, dann aber wieder frei gegeben. Er akzeptierte schließlich, dass die Oberhemden doch unbenutzt gewesen sein könnten, dies aber nicht erkannt zu haben, weil sie bereits gewaschen waren. Ihm wurde eine Geldstrafe von 50 RM auferlegt. Zudem wurde angeordnet, dass bei künftigen Anträgen auf Versendung von Umzugsgut an den Sohn eine Abgabe an die "Deutsche Golddiskontbank" (Dego) von etwa 30 RM gezahlt werden musste.

Am 2. Februar 1939 beantragte Hermann Kendziorek nun formell die Genehmigung für die Übersendung von Kleidungsstücken und Bettwäsche an seinen Sohn Alfons in Tel Aviv, darunter eine Arbeitshose, zwei Paar Halbschuhe, acht große und sechs kleine Taschentücher, zwei Schürzen u.a.m. Dafür zahlte er am 6. März 1939 eine Dego-Abgabe von 30 RM.

In einem Fragebogen für Auswanderer, unterschrieben am 25. Fe­bruar 1939, erklärte Hermann Kendziorek, er wolle nach den Niederlanden auswandern. 1938 habe sein Einkommen 3768 RM betragen. Aufgrund der darin ausgewiesenen Vermögenswerte hatte er Bankguthaben und Wertpapiere von annähernd 1300 RM und ein mit einer Hypothek von 3700 RM belastetes Grundstück in Pyritz mit einem Einheitswert von 22.300 RM. Auf einer zwei Seiten umfassenden eng beschriebenen Umzugsliste benannte Hermann Kendziorek einzeln alle vor und nach dem 1. Januar 1933 angeschafften Gegenstände sowie die diejenigen, die zum Zwecke der Auswanderung angeschafft worden waren. Es handelte sich um Kleidungsstücke im Wert von 412,25 RM. Dafür verlangte der Oberfinanzpräsident Hamburg am 15. März 1939 eine Dego-Abgabe in gleicher Höhe. Anstelle dieser Summe wurden jedoch 500,43 RM in Form von Wertpapieren gezahlt.

Ende März 1939 verließen Hermann und Regine Kendziorek, inzwischen beide 70 Jahre alt, Hamburg. Sie zogen zu ihrer bereits nach den Niederlanden emigrierten Tochter Ruth Stempel. Zuvor musste Hermann Kendziorek noch 11250 RM an den Staat als "Judenvermögensabgabe" entrichten. Eine noch heute bekannte Hamburger Speditionsfirma transportierte den Hausstand. Das erste Fluchtziel war Maastricht, Attilaweg 25. Dort wohnte Ruth mit ihrem Ehemann Max Friedrich Stempel. Sie waren schon kurz nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten nach Amsterdam emigriert. Max und Ruth Stempels Sohn Werner Joachim wurde am 28. Oktober 1934 in Amsterdam geboren.

Beide Familien, das Ehepaar Kendziorek und die Familie Stempel, zogen im November 1939 nach Amsterdam, Scheldeplein 1. Sie wohnten dort zunächst zusammen. Im August 1940 erhielten Hermann und Regine dann eine Wohnung in der Straße Scheldeplein 16. Ein erneuter Umzug stand im September 1942 an, diesmal nach Nieuwer Amstellaan 35 huis in Amsterdam.

Am 10. Mai 1940 überfielen deutsche Truppen die neutralen Niederlande. Damit war die vermeintliche Sicherheit der aus Deutschland eingewanderten Jüdinnen und Juden dahin. Die deutsche Wehrmacht nutzte das kurz vor dem Zweiten Weltkrieg von der niederländischen Verwaltung in der Provinz Drenthe gegründete "Zentrale Flüchtlingslager Westerbork" für ihre Zwecke weiter. In Westerbork kamen alle niederländischen, aber auch dorthin geflohenen deutschen und österreichischen Juden in Haft. Ab Juli 1942 begannen Transporte aus den gesamten Niederlanden in das "Polizeiliche Flüchtlingslager Kamp Westerbork". Jeden Dienstag fuhr ein Güterzug mit einer großen Gruppe von Häftlingen ab, vorrangig in die Vernichtungslager Auschwitz oder Sobibor.

Hermann und Regine Kendzioreks Tochter Ruth Stempel, der Schwiegersohn Max Friedrich und der 1934 in Amsterdam geborene Enkel Werner Joachim wurden am 20. April 1943 in Westerbork eingeliefert. Am 18. September 1943 nahmen die Deutschen auch Hermann und Regine Kendziorek fest und brachten sie ebenfalls nach Westerbork. Hermann Kendziorek starb dort wenige Tage später am 13. Oktober 1943 im Alter von 75 Jahren. Seine Frau Regine lag im Lager-Krankenhaus (barakke 82). Sie wurde am 8. Februar 1944 nach Auschwitz deportiert und nach der Ankunft am 11. Februar 1944 ermordet. Tochter Ruth, Schwiegersohn Max Friedrich und Enkel Werner Joachim wurden mit demselben Transport nach Auschwitz deportiert. Der 11. Februar 1944 gilt auch als ihr Todestag.

Für Hermann und Regine Kendziorek liegen Stolpersteine in der Pappelallee 46.

Nach der Flucht seiner Eltern in die Niederlande war als einziges Familienmitglied der Drogist Leo Kendziorek mit seiner Ehefrau Gertrude und dem Sohn Heinz in Hamburg zurückgeblieben. Leo Kendziorek wurde bereits 1922 in die Hamburger Gewerbezentralkartei als "Händler mit Drogen und chemischen Präparaten, die Heilzwecken dienen sowie mit Galanteriewaren und photographischen Bedarfsgegenständen, Hausstandssachen und dest. Branntwein" eingetragen. Im Hamburger Adressbuch von 1923 war er mit einer Drogerie in der Wandsbeker Chaussee 155 verzeichnet. Dieses Geschäft hatte er mit seinem Bru­der Alfons gegründet.

Alfons Kendziorek hatte 1926 die Teilhaberschaft mit seinem Bruder Leo aufgelöst und im März ein Geschäft in der Rothenbaumchaussee 109 angemeldet. Er wohnte nun auch dort. Im Hamburger Adressbuch von 1927 findet sich der lapidare Eintrag "Kendziorek A. u. Walter Rebhuhn, Rothenbaumchausse 109". Die Gewerbekartei weist den gelernten Kaufmann hier als Drogisten aus.

Nach den Berichten von früheren Angestellten im späteren Wiedergutmachungsverfahren war die Drogerie von Leo Kendziorek sehr gut eingeführt. Sie hatte fünf Abteilungen: Drogerie, Parfümerie, Foto und Dunkelkammer, Farben, Feuerwerkskörper und Scherzartikel. In der Drogerie arbeiteten Leo Kendziorek, später auch seine Ehefrau und zwei Angestellte. Das Geschäft in der Wandsbeker Chaussee ermöglichte Leo Kendziorek und seiner Familie ein auskömmliches Leben.

Leo Kendziorek, seit 1924 Mitglied der Jüdischen Gemeinde, war verheiratet mit der ebenfalls aus einer jüdischen Familie in Nauheim/Hessen stammenden Gertrude, geborene Baumblatt, geboren am 26. November 1901. Am 24. April 1929 wurde ihr einziger Sohn Heinz geboren.

Die Familie Leo Kendziorek wohnte zunächst in der Auenstraße 6 in Hamburg-Eilbek. 1932/1933 zog sie in die Wandsbeker Chaussee 159. Auch die Geschäftsadresse lautete jetzt Wandsbeker Chaussee 159. Dort bewohnte die Familie eine gut ausgestattete Wohnung mit Wohnzimmer, Esszimmer, Schlafzimmer und Küche.

Über die Situation der Drogerie und die Lebensumstände der Familie nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten liegen keine Berichte vor. Die Verhältnisse müssen jedoch sehr bedrückend gewesen sein. Anscheinend war Auswanderung in der Familie ständiges Gesprächsthema. Vier der fünf Geschwister Leo Kendzioreks hatten Deutschland Mitte der 1930er Jahre verlassen. Die Tatsache, dass auch Leo und Gertrude Kendziorek schon Anfang 1936 auswandern wollten, lässt erkennen, dass sich die Lebensumstände auch für sie drastisch verschlechtert hatten. Ihr Ziel war Palästina. Die erhalten gebliebene Vermögenserklärung vom 6. Februar 1936 wird im Zusammenhang mit den Ausreiseabsichten abgefasst worden sein.

In Palästina wollte die Familie Kendziorek eine neue Existenz in einer landwirtschaftlichen Siedlung aufbauen. Das für die Ausreise benötigte Geld stand jedoch wohl nicht vollständig zur Verfügung. Deshalb versuchten die Verwandten im Ausland, ihren Bruder in seinem Vorhaben zu unterstützen. Die Bemühungen um eine Auswanderungserlaubnis zogen sich über Jahre hin. Noch 1939 hoffte die Familie, aus Deutschland ausreisen zu können. Vermutlich scheiterte die Auswanderung am Kriegsbeginn.

Mit dem Novemberpogrom 1938 spitzten sich die Verhältnisse auch für die kleine Familie Kendziorek dramatisch zu. In einem Brief der Schwiegereltern von Gertrude Kendziorek vom 20. November an deren Bruder heißt es: "Trude findet sich, wie so viele, in ihr Schicksal und wollen wir hoffen, dass Leo gesund retour kommt." Leo Kendziorek war im Zuge der Pogromnacht verhaftet worden. Er befand sich vom 11. bis 30. November 1938 als Gestapo-Häftling im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel. Am 14. Dezember 1938 schrieb Gertrude Kendziorek an ihren Bruder: "Wir sind eben mit der Auflösung unseres Geschäftes beschäftigt und kannst Du Dir denken, was das für Arbeit ist. Eine ganze Woche haben wir mit der Inventur zu tun gehabt, und nun geht’s weiter." Diese Arbeiten mussten zum Ende des Jahres 1938 abgeschlossen sein, denn allen jüdischen Geschäftsleuten war zum 1. Januar 1939 die wirtschaftliche Betätigung untersagt.

Am 2. Januar 1939 schrieb Gertrude Kendziorek erneut an ihren Bruder: "Unser Laden ist zum 1.3. an einen Konditor vermietet. Es sind hier auf der kurzen Strecke noch acht solche [jüdischen] Geschäfte. Drei Drogerien waren auf derselben Entfernung und wir durften nicht verkaufen, da es überfüllt wäre. Hätte man nur früher verkauft. Wir werden aus dem Laden so gut wie nichts bekommen. Es steht alles noch so wie es war. Es wird einem auch alles mit der Zeit egal."

Auch für Leos und Gertrudes Sohn Heinz Kendziorek änderten sich die Lebensbedingungen. Ab 1935 schulpflichtig, war er seit 26. April 1938 Schüler der Talmud Tora Schule im Hamburger Grindelviertel, vorher in einer staatlichen Schule in Eilbek. Der konkrete Anlass für die Umschulung ist nicht bekannt, wahrscheinlich waren die in seiner Eilbeker Schule gegen Heinz Kendziorek gerichteten Anfeindungen unerträglich geworden. Die Familie war dem baldigen Verbot des Besuchs nichtjüdischer Schulen für jüdische Schüler nur um wenige Monate zuvor gekommen. Die Nationalsozialisten erließen ein allgemeines Verbot des Besuchs nichtjüdischer Schulen durch jüdische Kinder ab 15. November 1938.

1939 war das Vermögen von Leo Kendziorek in kurzer Zeit von über 15.000 RM auf 3400 RM geschrumpft. Nach einem Vermerk der Devisenstelle des Oberfinanzpräsidenten Hamburg vom Juni 1939 war der Vermögensrückgang "auf größere Verluste bei der Abwicklung der Firma (Drogerie) zurückzuführen". Dabei blieb unerwähnt, dass die Abwicklung der Drogerie erzwungen worden war. Durch die "Judenvermögensabgabe" in Höhe von 2500 RM wurden Leo Kendzioreks Geldmittel weiter reduziert.

Nach der zwangsweisen Aufgabe der Drogerie musste Familie Kendziorek auch die zugehörige Wohnung in der Wandsbeker Chaussee 159 räumen. Die Familie wohnte kurzzeitig bei Leos Eltern in der Pappelallee 46, dann in einer Drei-Zimmer-Wohnung in der Finkenau 5. Ab 1. November 1939 stand ihr nur noch ein Zimmer in der Wohnung der Familie Regensburger in der Hansastraße 35 zu Verfügung. Dort erhielt sie ihren Deportationsbefehl.

Leo und Gertrude Kendziorek sowie ihr Sohn Heinz mussten sich mit 965 anderen am 8. November 1941 im Logenhaus an der Moorweidenstraße einfinden. Früh am nächsten Morgen wurden die Menschen in geschlossenen Polizeiwagen unter Polizeibewachung zum Hannoverschen Bahnhof transportiert. Am Abend des 11. November 1941 kam der Transport in Minsk an. Von Leo, Gertrude und Heinz Kendziorek gab es seitdem kein Lebenszeichen mehr. Sie wurden auf den 8. Mai 1945 für tot erklärt.

Für Leo, Gertrude und Heinz Kendziorek liegen Stolpersteine in der Auenstraße 6.

Hermann und Regine Kendzioreks Tochter, Ruth Stempel, wurde ebenso Opfer des Nationalsozialismus wie Ruths Ehemann Max Friedrich Stempel und deren Sohn Werner Joachim.

Auch der älteste Sohn von Hermann und Regina Kendziorek, Kurt, wurde zusammen mit seiner Frau Gertrud, geborene Aronsohn, und seinen beiden Töchtern Erika und Inge Marion deportiert, und zwar am 6. Dezember 1941 von Lübeck über Hamburg nach Riga. Gertrud fand in der Nähe von Riga den Tod. Für sie liegt ein Stolperstein in Lübeck. Kurt sowie seine beiden Töchter Erika und Marion gehören zu den Wenigen, die zurückgekehrt sind.

Mit diesem Transport vom 6. Dezember 1941 wurden auch Helene, Martha und Regina Regensburger, bei denen Leo, Gertrude und Heinz Wolfgang Kendziorek zuletzt zur Untermiete gewohnt hatten, nach Riga verschleppt. Von diesen drei Frauen gab es nie wieder ein Lebenszeichen.

Stand Februar 2014
© Ingo Wille

Quellen: 1; 4; 5; 6; 8; 9; AB; StaH 213-8 Staatsanwaltschaft OLG – Verwaltung Abl. 2 451 a E 1,1 c (Verpflegungsabrechnungen für Häftlinge); 314-15 OFP Oberfinanzpräsident F 1286 (Auswandererakte Leo Kendziorek), R 1940/629 (Devisenakte Leo Kendziorek), Str 552 (Hermann Kendziorek); 332-5 Standesämter 630-3419/1897, 6301-3419/1897; 351-11 Amt für Wiedergutmachung 1337, 1415, 7139, 20916, 22223, 25088, 26905, 261101; 424-11 Schiedsmannsamt Altona 5867 (Todeserklärung Ruth und Max Stempel); 522-1 Jüdische Gemeinden 992 e 2, Bd. 2, Deportationslisten; www.joodsmonument.nl; Dank an Heidemarie Kugler-Weiemann für Informationen zur Familie Kendziorek.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link Recherche und Quellen.

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