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Familie Lieber: Hans, Sophie, Ingeburg und der ältere Bruder (v.l.n.r.)
Familie Lieber: Hans, Sophie, Ingeburg und der ältere Bruder (v.l.n.r.)
© Privatbesitz

Hans Lieber * 1890

Eilbektal Ecke Friedrichsberger Straße (Wandsbek, Eilbek)


HIER WOHNTE
HANS LIEBER
JG. 1890
VERHAFTET 1943
’WEHRKRAFTZERSETZUNG’
1944 BERLIN-PLÖTZENSEE
TOT 20.2.1945
ZUCHTHAUS CELLE

Hans Lieber, geb. am 29.4.1890 in Hamburg, Haft ab 16.12.1943 im Untersuchungs­gefängnis Hamburg, ab 7.4.1944 im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee, ab 25.8.1944 im Zuchthaus Celle, dort gestorben am 20.2.1945

Eilbektal/Ecke Friedrichsberger Straße (Eilbektal 34)

Hans Lieber war das jüngste der acht Kinder – sechs Söhne und zwei Töchter – des Kaufmanns Jacob Ignaz Lieber und seiner Ehefrau Maria Pauline Dorothea, geborene Zimmermann. Jacob Lieber stammte aus Mainz und war katholisch, Pauline Lieber kam aus Ludwigslust und gehörte der lutherischen Kirche an. Religion spielte im Leben der späteren Familie keine Rolle. Am Tag nach ihrer Heirat am 3. September 1874 kam der erste Sohn, Jacob, zur Welt.

Als Hans Lieber am 29. April 1890 geboren wurde, beendete der zweitälteste Bruder, Friedrich, gerade die Volksschule. Sein Vater Jacob, der viele Jahre als Handlungsgehilfe tätig gewesen war, hatte kurz zuvor eine Anstellung als Buchhalter bekommen, die er bis an das Ende seiner Berufstätigkeit behielt. Um 1880 zog er mit seiner damals fünfköpfigen Familie aus der Catharinenstraße in der Hamburger Altstadt in die Desenißstraße in Barmbek, in deren Nachbarschaft er zeitlebens wohnen blieb. Hier, in der Bachstraße 2, wurde Hans geboren und wuchs in der Hamburger Straße auf. Von 1897 bis 1905 besuchte er die Volksschule und anschließend das Hamburger Lehrerseminar, die damalige Ausbildungsstätte für Volksschullehrer. 1911 trat er als Hilfslehrer in die Knabenschule Von-Essen-Straße 82 ein. Er war zudem ein begeisterter Turner und Wanderer.

Als Jacob Lieber 1912 den Hamburger Bürgerbrief erhielt, waren alle Kinder erwachsen und vier von ihnen verheiratet.

1915 wurde ein ereignisreiches und schicksalsschweres Jahr für Hans Lieber. Abgesehen von einer Festanstellung als pensionsberechtigter Lehrer an seiner bisherigen Schule, stellte seine Einberufung als Grenadier am 2. Februar 1915 zum Garde-Grenadier-Regiment 4 "Augusta" einen Einschnitt in seinem bisherigen Leben dar. Bereits im November des Jahres machte ihn ein Schuss durch den linken Arm, der im Hilfslazarett des Allgemeinen Krankenhauses Barmbek behandelt wurde, "kriegsverwendungsunbrauchbar". Dort lernte er seine spätere Ehefrau kennen. Dekoriert mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse, dem Hanseatenkreuz, dem Frontkämpferabzeichen und dem Verwundetenabzeichen in Schwarz kehrte er ins Zivilleben zurück. Am 3. November 1917 heiratete er Sophie Jahnke, geboren am 29. Januar 1889 in Hamburg, die wie er aus einer kinderreichen Familie stammte. Sie hatte als Verkäuferin in Berlin gearbeitet und war als Hilfsschwester in das Allgemeine Krankenhaus Barmbek gekommen. Bei Hans’ und Sophies Eheschließung lebten nur noch deren Mütter. Hans Liebers Vater war zwei Monate zuvor, am 1. September 1917, gestorben. Familie Lieber wurde bei der Trauung durch den Schwager, den Schriftsetzer Heinrich Behnke, verheiratet mit Alice Lieber, vertreten.

Die "Wwe Jacob Lieber", wie es im Adressbuch hieß, also Pauline Lieber, blieb nach dem Tod ihres Mannes zunächst in der Hamburger Straße 90 wohnen. Obgleich schwierig im Umgang, nahmen ihre Kinder sie dann reihum zu sich, bis sie schließlich im Staatlichen Versorgungsheim Oberaltenallee aufgenommen wurde, wo sie am 23. April 1932 starb. Am 2. September 1932 nahm sich Paul Lieber, ihr zweitjüngster Sohn, der ledig geblieben war, das Leben.

Sophie Lieber, Hans Liebers Ehefrau, brachte am 27. Juli 1918 ihr erstes Kind zur Welt. Hans Lieber zog mit seiner Frau und dem Sohn in die Oberaltenallee 53, wo am 19. Januar 1925 die Tochter Ingeburg geboren wurde.

Hans Lieber war nach seiner Kriegsverletzung wieder als Lehrer tätig. Seine Schwerpunktfächer waren Englisch, Chemie und Biologie, doch begeisterte er seine Schüler auch für Sport und Wandern. Seinem Interesse am Wandern kam die Landschulheimbewegung – Unterricht für einige Tage oder Wochen in Heimen fernab der Stadt in der Natur – entgegen. Er bildete sich für den Englisch- und Chemie-Unterricht fort. So konnte er, als die Schule Von-Essen-Straße 82 einen Aufbauzug erhielt, in dem Schüler die Mittlere Reife erwerben konnten, zum Mittelschullehrer befördert und im "Oberbau" eingesetzt werden. Diese Tätigkeit verhalf ihm zur vollen Entfaltung seiner pädagogischen Fähigkeiten.

Hans Lieber war Mitglied der "Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens", dem Vorläufer der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft, ohne jedoch eine Funktion auszuüben. Einer Partei gehörte er bis zu seinem Eintritt in die NSDAP 1937 nicht an, übernahm auch dann keine Funktion. Schon bald nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten war er dem NS-Lehrerbund und dem NS-Reichsbund für Leibesübungen beigetreten und hatte sich ehrenamtlich in der NS-Organisation "Kraft durch Freude" als Wanderführer betätigt. Hinweise auf ideologische Auseinandersetzungen mit dem NS-Regime sind nicht bekannt, aber mit seinem Sohn, der begeisterter HJ-Führer und freiwillig Seeflieger wurde, gab es heftigen Streit.

1937 bezog Familie Lieber im Eilbektal 43 eine schöne 4½-Zimmerwohnung.

Die Luftangriffe auf deutsche Städte veranlassten den Reichsjugendführer, die Verschickung von Schulkindern in luftsichere Gebiete anzuordnen, wo die Lehrkräfte den Unterricht und die Hitler-Jugend die Gestaltung der unterrichtsfreien Zeit zu übernehmen hatten. In Hamburg wurde diese "erweiterte Kinderlandverschickung" von dem Organisator Heinrich Sahrhage als ein erweiterter Landschulheimaufenthalt angesehen und in dem Sinne auch von Hans Lieber mit seinen Schülern in Oberbayern durchgeführt. Sahrhage hatte Liebers Einsatz als Lagerleiter gegen die Schutzpolizei durchgesetzt, die ihn als erfahrenen Chemielehrer in der Kampfstoffuntersuchung ausbilden und einsetzen wollte. Ende 1941 kehrte Hans Lieber nach Hamburg zurück. Die Tochter Ingeburg absolvierte nach Abschluss des Oberbaus in der Amselstraße ihr Pflichtjahr in einem kleinbäuerlichen Betrieb in Mecklenburg und kehrte zur Ausbildung zunächst auf der Frauenfachschule, dann zum Besuch der Höheren Handelsschule zurück, der infolge der schweren Luftangriffe der Alliierten im Juli/August 1943 endete. Damals wurden auch Hans Liebers Schule Von-Essen-Straße 82 und die Wohnung der Familie zerstört. Hans Liebers Schwester Alice Behnke verhalf der Familie zu einer Unterkunft in einer Gartenlaube in Bramfeld. Tochter Ingeburg fand eine Anstellung als Anfängerin in der Buchhaltung.

Die Schulbehörde setzte Hans Lieber als Vertrauenslehrer für Flakhelfer ein, 16- und 17-jährige Schüler, die neben ihrem Dienst an den Flakgeschützen noch Unterricht erhielten. Zwei von ihnen trugen Äußerungen Hans Liebers, die als regimekritisch und als Zweifel am Endsieg gedeutet wurden, der Gestapo zu. Daraufhin wurde er am 16. Dezember 1943 verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis Hamburg eingeliefert. Mit seiner Verhaftung erloschen seine Parteimitgliedschaft und auch die Gehaltszahlungen, so dass seine Frau mittellos dastand.

Hans Lieber wurde nach Berlin-Plötzensee in die dortige Untersuchungshaftanstalt verlegt und zur Verhandlung vor dem Volksgerichtshof nach Potsdam gebracht. Die für den 22. Mai 1944 angesetzte Verhandlung wurde auf den 26. Juli vertagt. Sie endete mit der Verurteilung zu vier Jahren Zuchthaus wegen "Wehrkraftzersetzung" und vier Jahren Ehrverlust. Sophie und Ingeburg Lieber nahmen an der Verhandlung teil. Ob bei der Strafzumessung das Attentat auf Hitler sechs Tage zuvor eine Rolle spielte, ist nicht bekannt, doch vermutet die Familie, dass es für die Ablehnung einer Wiederaufnahme des Verfahrens Bedeutung gehabt habe.

Hans Lieber wurde zur Strafverbüßung in das Zuchthaus Celle transportiert. Unter Anrechnung der Untersuchungshaft wurde das Strafende auf den 15. Dezember 1947 festgesetzt.

Sophie Lieber stellte einen Besuchsantrag, um mit ihrem Mann auch über die Verlobung Ingeburgs mit einem seiner früheren Schüler zu sprechen, doch wurde der Antrag unter Hinweis auf die Möglichkeit brieflichen Kontakts abgelehnt. Die letzte Postkarte von Hans Lieber zeugt von einer starken Verbundenheit mit seiner Verwandtschaft und seinen Freunden.

Mit dem Trost der überschaubaren Dauer der Strafzeit schickten sich Sophie und Ingeburg Lieber in die Situation. Bereits am 20. Februar 1945 erhielten sie Nachricht vom Tod Hans Liebers, der, seelisch und körperlich erschöpft, an Kreislaufschwäche gestorben war. Seine Frau konnte seinen ausgezehrten Leib noch im Sarg sehen und ließ ihn einäschern. Die Urne wurde in Hamburg beigesetzt.

Hans Liebers Bruder Kurt, verheiratet mit der Jüdin Johanna, geborene Aron, war im Oktober 1944 eingezogen worden. Johanna Lieber erhielt am 2. Februar 1945 die Einberufung zum "Arbeitseinsatz in Theresienstadt", woraufhin sie einen Nervenzusammenruch erlitt und zur Behandlung ins Jüdische Krankenhaus kam, wo sie das Kriegsende erlebte.

Vor der Schule Von-Essen-Straße 82 erinnert ein weiterer Stolperstein an das Wirken von Hans Lieber.

Stand Februar 2014
© Hildegard Thevs

siehe auch: Adresse Von-Essen-Straße 82 (Schule)

Quellen: VAN-Totenliste 1968, S. 53; KZ Gedenkstätte Neuengamme, Archiv, VVN, Archiv, Akte Hans Lieber; StaH 332-3 Zivilstandsaufsicht A 185 Nr. 6414; 332-5 Standesämter 6312-795/1890, 6538-324/1917, 6963-1609/1917, 7133-392/1932, 9857-540/1932; 362-3 Volksschulen, 8 (Käthnerkamp 8), 23 (Schleidenstraße 9/11), 42 (Von-Essen-Straße 82); 332-8, K 6511; 351-11 11807; Hoch, Gerhard, HLZ 11/83; ders.: Hans Lieber: Schaudern vor der Gewalt der Herrenmenschen, in: Hochmuth/de Lorent, Hg.: Hamburg: Schule unterm Hakenkreuz, S. 256ff; ders.: Handreichung der Hamburger Schulbehörde 1988; Gerhard Hoch, mündliche Mitteilungen; Smiatacz, Carmen, Hans Lieber in: Stolpersteine in Hamburg- Barmbek und Hamburg-Uhlenhorst; Persönliche Mitteilungen und Material von Ingeburg Hansen, geb. Lieber.

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