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Bereits verlegte Stolpersteine



Frieda Brütt * 1909

Steinbeker Hauptstraße 19 (Hamburg-Mitte, Billstedt)


HIER WOHNTE
FRIEDA BRÜTT
JG. 1909
EINGEWIESEN 14.8.1943
’HEILANSTALT’
AM STEINHOF / WIEN
ERMORDET 6.3.1944

Frieda Brütt, geb. 25.9.1909 in Steinbek, gestorben am 6.3.1944 in der "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien"

Steinbeker Hauptstraße 19 (Steinbeker Straße 20)

Bis zu ihrem sechsten Lebensjahr unterschied sich Frieda Brütt in ihrer Entwicklung kaum von anderen Kindern. Sie wurde am 25. September 1909 in Steinbek, das später mit Schiffbek und Öjendorf zu Billstedt vereinigt wurde und 1937 nach Hamburg eingemeindet wurde, als zweites von drei Kindern geboren. Der ältere Bruder verließ schon in jungen Jahren die Familie, der jüngere starb bereits mit drei Jahren an einer Blutvergiftung.

Bei Friedas Einschulung in die einklassige Volksschule in Steinbek wurde deutlich, dass sie mit ihren Altersgenossinnen im Erlernen der Grundfähigkeiten nicht mithalten konnte. Sie war hoch musikalisch, lernte aber weder Lesen noch Schreiben und Rechnen und tat sich schwer mit Handfertigkeiten. Ihre Schulzeit endete mit der Entlassung aus der vierten Klasse, die der heutigen fünften entspricht; konfirmiert wurde sie später auch. Am 3. Dezember 1928 brachte Frieda Brütt eine Tochter zur Welt, die in der Obhut ihrer Großeltern väterlicherseits aufwuchs. Dieses Kind blieb von Geburt an in seiner Entwicklung zurück.

Frieda Brütt wurde am 5. Juli 1929 in den damaligen Alsterdorfer Anstalten aufgenommen, unterstand aber der Wandsbeker Fürsorge. Sie wurde als umgängliche, sehr ruhige und gepflegte Patientin beschrieben, die unter Aufsicht leichte Hausarbeiten übernahm. Während des nächsten halben Jahres lebte sie sich gut ein. Schwierigkeiten tauchten auf, als Frieda im Streit mit einer Mitpatientin zurückschlug. Ihr Vater stellte für sie einen Urlaubsantrag in der Absicht, sie künftig zu Hause zu behalten. Das Fürsorgeamt in Wandsbek verfügte jedoch eine Urlaubssperre. Um dennoch aus der Anstalt herauszukommen, benahm sich Frieda absichtlich provokativ, jedoch verweigerte ihr die Anstaltsleitung sowohl Urlaub als auch Entlassung. Sie fügte sich in ihr Schicksal, verständigte sich zunehmend besser mit dem Pflegepersonal und den Mitbewohnerinnen, wurde selbstständiger und half in der Abwaschküche. Nach ihrem 21. Geburtstag wurde vermutlich von Amts wegen ein Entmündigungs­verfahren eingeleitet.

Dass Frieda Brütt sexuelle Interessen äußerte, wurde negativ registriert, ebenso wie zeitweilig auftretende Unruhe. Frieda sollte mit einer niedrigen Luminal-Dosis ruhiggestellt werden, die jedoch nur kurzzeitig die erwünschte Wirkung zeitigte. Gründe für die Unruhe wie für die nachfolgende Unauffälligkeit wurden nicht vermerkt. Bis zu einem erneuten Zwischen­fall im Oktober fiel Frieda Brütt in ihrer Abteilung allenfalls durch ihr stilles, freundliches und hilfsbereites Verhalten auf. Sie arbeitete in der Abwaschküche, als sie sich aus unbekanntem Grund erregte, ausfallend wurde, eine Fensterscheibe zer­trümmerte und gegen eine Mitpatientin Vorwürfe erhob.

Frieda Brütt erkrankte an Scharlach. Da die Gesundheitsbehörde die Weisung erlassen hatte, dass alle an Scharlach Erkrankten in staatlichen Krankenhäusern zu behandeln seien, wurde die junge Frau in das AK Barmbek verlegt. Als sie nach sechs Wochen zurückkehrte, erledigte sie wieder ihre Arbeit zur Zufriedenheit des Personals und schien guter Dinge zu sein. Am 31. Oktober 1936 wurde ein Sterilisationsgutachten erstellt, dem im April 1937 die Zwangssterilisation im Universitätsklinikum Eppendorf folgte. Zurück in Alsterdorf, zeigten sich nach einer Zeit der Schonung zuvor nicht aufgetretene Wesensschwankungen, Wechsel zwischen ununterbrochenem Reden, anhaltendem Schweigen und Trägheit. 1938 stabilisierte sie sich und ging wie zuvor hilfsbereit auf ihre Kameradinnen zu, wusste aber mit ihrer Freizeit nichts anzufangen. Bis 1943 gab es in ihrem Verhalten keine wesentlichen Änderungen, aber in den Akten wurde eine gravierende Gewichtsabnahme von 67 kg im Jahr 1939 auf 37,7 kg festgehalten, deren Ursache offenbar nicht nachgegangen wurde, ebenso wenig wie der für ihre Verhaltensänderungen, aufgrund derer sie im April 1943 drei Tage im Wachsaal* verbringen musste und drei Wochen später erneut isoliert wurde.

Als es darum ging, nach den schweren Luftangriffen auf Hamburg im Rahmen der "Operation Gomorrha" im Juli/August 1943 Platz in den Alsterdorfer Anstalten zu schaffen, plante Pastor Friedrich Lensch die Verlegung von 750 Personen in andere Anstalten. Frieda Brütt wurde mit der Diagnose "Imbezillität seit der Geburt", in der Umgangssprache hieß das "schwachsinnig", dem 228 Frauen und Mädchen umfassenden Transport in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" zugewiesen. Er kam am 16. August 1943 in Wien an. Gegenüber dem aufnehmenden Arzt äußerte Frieda Brütt, ihre Papiere seien in Ordnung und sie könne jederzeit wieder hinaus; der Arzt hielt sie für desorientiert. Sie machte in der Folgezeit verschiedene Beschwerden geltend, magerte weiter ab, wurde Anfang 1944 bettlägerig und verlor völlig ihre Orientierung. Die Beschwerden ließen nach, als "eine vereiterte Drüse aufging", wie es in der Akte heißt. Am 5. März 1944 stürzte sie und wurde in einen anderen Pavillon verlegt. Dort starb sie völlig entkräftet am folgenden Tag an "Drüsentuberkulose"; als weitere mögliche Todesursache wurde eine Meningitis eingetragen. Tatsächlich starb sie an Unterernährung, mangelhafter medizinischer Versorgung und möglicherweise an der Überdosis eines tödlichen Medikaments.

Mit Schreiben vom 9. Oktober 1944 erhielt Heinrich Brütt die Nachricht vom Tod seiner Tochter und ihrer Beerdigung auf dem Wiener Zentralfriedhof. Sie wurde 34 Jahre alt.

© Initiative Stolpersteine in Hamburg-Billstedt

Quellen: Ev. Stiftung Alsterdorf, Archiv, V 373; Jenner, Meldebögen, in: Wunder/Genkel/Jenner (Hrsg.), Ebene; Wunder, Abtransporte, in: Wunder/Genkel/Jenner (Hrsg.), Ebene; ders., Exodus, ebd.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

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