Namen, Orte und Biografien suchen


Bereits verlegte Stolpersteine



Emma Ertel * 1919

Horner Landstraße 407 (Hamburg-Mitte, Horn)


HIER WOHNTE
EMMA ERTEL
JG. 1919
EINGEWIESEN 14.8.1943
’HEILANSTALT’
AM STEINHOF / WIEN
ERMORDET 4.12.1944

Emma Ertel, geb. 8.6.1919 in Hamburg, gestorben am 4.12.1944 in der "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien"

Horner Landstraße 407

Während Emma Ertel in den dreißiger Jahren als "das Kreuz der Abteilung" bezeichnet wurde, schrieb am 22. September 1942 Dr. S. an die Sozialverwaltung beim Landesfürsorgeamt Hamburg: "Die Patientin leidet an Epilepsie. Sie ist in der Körperpflege selbstständig, macht kleine Handreichungen, wobei sie sauber ist, wenn auch etwas langsam. Im Umgang ist sie verträglich. Der körperliche Gesamtzustand ist gut." Nichts deutete darauf hin, dass es sich bei Emma Ertel um eine Patientin handelte, die mehr Pflegeaufwand erforderte als andere und deren Überstellung in eine andere Anstalt eine Entlastung des Personals bedeutet hätte. Weshalb sie für die Deportation aus "Alsterdorf" am 14. August 1943 in die "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" ausgewählt wurde, geht aus ihrer Krankenakte nicht hervor.

Emma wurde am 8. Juni 1919 als zweite Tochter des Straßenbahnangestellten Wilhelm Ertel und seiner Ehefrau Anna, geb. Heitmann, in der Döhnerstraße 17 in Hamm-Mitte geboren und am 6. Juli 1919 in der Dankeskirche getauft. Als sich die Eltern scheiden ließen, zog der Vater mit den beiden Töchtern in die Horner Landstraße 407 in Horn, die Mutter blieb in der Döhnerstraße wohnen. Der Vater ging 1926 eine zweite Ehe ein; aus ihr gingen zwei weitere Kinder hervor.

Emma lernte mit drei Jahren gehen und begann auch erst dann zu sprechen. Als sie bis zum neunten Lebensjahr die Schulreife nicht erreicht hatte, wurde sie Ostern 1928 in die Hilfsschule geschickt, die sie aber nach kurzer Zeit wieder verließ, weil sie sich nicht einfügen konnte.

Kurz vor ihrem zehnten Geburtstag wurde sie in die Staatskrankenanstalt Friedrichsberg eingewiesen. Das Jugendamt Hamburg verfügte eine Untersuchung und Beobachtung durch seinen psychiatrischen Dienst im Overbeckheim in der Averhoffstraße, woraufhin sie am 11. Juni 1929 in die damaligen Alsterdorfer Anstalten kam. Nachdem sie sich eingewöhnt hatte, entfaltete sich Emma als Spielkind; ein weiterer Schulversuch wurde aufgeschoben. Emma verbrachte mehrere Urlaube zu Hause. 1931 traten erstmals starke Erregungszustände auf, in denen sie Dinge zerstörte und in deren Folge sie in den Wachsaal (s. Anm. S. 25) verbracht wurde, wo sie sich immer gut betrug. Selten erlebte sie einmal einen epileptischen Anfall, wenn überhaupt. Eindeutige Diagnosen gab es nicht.

Es folgten wechselvolle Jahre. Emma quetschte sich das linke Knie. Während die Heilung auf sich warten ließ, musste ihr ein entzündeter Nagel entfernt werden.

1932 stellte sich eine Kniegelenkstuberkulose ein, die sich trotz vielfältiger Behandlungen verschlimmerte, weshalb im Sommer 1934 das linke Bein in der Mitte des Oberschenkels amputiert wurde. Danach erkrankte Emma erst an einer Lungenentzündung und kam dann mit Ruhrverdacht auf die Infektionsabteilung. Im Oktober erhielt sie eine Prothese, die sie aber nicht benutzte, sondern sich gewandt und schnell auf einem Bein fortbewegte. Ihre Mitpatientinnen ärgerte sie nach wie vor, was zu häufigen Auseinandersetzungen führte. In den folgenden zwei Jahren verhielt sich Emma still, freundlich und hilfsbereit. Sie half Kindern beim An- und Ausziehen, suchte andere Betätigungen und beschäftigte sich lange allein. Dann schlug ihr Verhalten wieder in Schikane der Mitpatientinnen um. Erneut litt sie unter ansteckenden Krankheiten. 1941 gelang es, Emmas Verhalten durch eine Kombination verschiedener Medikamente so zu beeinflussen, dass sie verträglicher wurde.

Mit einer unklaren Diagnose und einem Gewicht von 49 kg wurde Emma im ehemaligen Steinhof, der in "Wagner von Jauregg" umbenannten Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien, aufgenommen. Sie nannte als Grund ihrer Verlegung, "weil in Hamburg alles kaputt ist". Bis zum Sommer 1944 nahm sie auf 57 kg Gewicht zu, wurde pflegebedürftig und blieb "pflegeleicht": zugänglich, freundlich, nett und sauber. Am 4. Dezember 1944 starb sie an einer nicht behandelten Lungenentzündung und wurde auf dem Wiener Zentralfriedhof beerdigt. Ihr Vater hatte die "Operation Gomorrha" überlebt und erhielt die Nachricht von ihrem Tod an seiner neuen Adresse am Horner Weg 234.

© Stolperstein-Initiative Hamburg-Horn

Quellen: Ev. Stiftung Alsterdorf, Archiv, V 354; Jenner, Meldebögen, in: Wunder/Genkel/Jenner, Ebene, S. 169–178; Wunder, Abtransporte, S. 181–188; ders., Exodus, ebd. S. 189–236.

druckansicht  / Seitenanfang