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Hedwig Kramper * 1921

Schröderstraße 22 (Hamburg-Nord, Hohenfelde)

1942 Heilanst.Tiegenhof/Gniezno
ermordet am 18.1.1942

Hedwig Kramper, geb. am 11.11.1921 Hamburg, Tod am 18.1.1942 in der "Gauheilanstalt" Tiegenhof
Schröderstraße 22 (früher: Schröderstraße 26)

"Woran sie alle sterben", antwortete der leitende Anstaltsarzt von Tiegenhof, als ihn Bernhard Barkmann nach der Todesursache für seinen Sohn Herbert fragte. Herbert Barkmann, geboren am 27. April 1923 in Elmshorn und ursprünglich in den damaligen Alsterdorfer Anstalten in Hamburg untergebracht, gelangte über die Zwischenstation Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn im November 1941 in die "Gauheilanstalt" Tiegenhof, wo er Ostern 1942 starb. Bernhard Barkmann reimte sich zusammen, dass sein Sohn verhungert war und schließlich eine tödliche Injektion bekommen hatte. Er beerdigte ihn auf dem Friedhof der "Heilanstalt" Tiegenhof und berichtete später als einer der wenigen Augenzeugen von den dortigen Morden. Seine Schilderung lässt sich auf das Schicksal von Hedwig Kramper übertragen. Über sie gibt es weder Auskünfte von Angehörigen noch eine Krankenakte, aber einige kleine Spuren.

Die erste Spur ist das Aufnahmebuch der damaligen Alsterdorfer Anstalten, wo Hedwig Sophia Maria Kramper unter dem 21. Mai 1924 verzeichnet ist; da war sie zweieinhalb Jahre alt. Ihre Eltern, Selmar Friedrich Willy Kramper und Maria Elisabetha Katharina, geborene Peters, wohnten in der Schröderstraße 26 in Hohenfelde. Eine weitere Spur ist der erbgesundheitliche Stammbaum, nach dem Hedwig ein Zwillingskind war. Der Bruder Alfred Adolf René starb mit zehn Tagen an "Lebensschwäche", noch bevor er aus dem Institut für Geburtshilfe in Hamburg, der Finkenau, entlassen worden war. Es gab einen älteren, gesunden Bruder, der das Erwachsenenalter erreichte. Zwei jüngere Brüder starben auch als Kinder, einer von ihnen, Fritz Max Hans, ebenfalls im Alter von nur zehn Tagen in der Geburtsklinik.

Willy Kramper war der 1879 geborene uneheliche Sohn einer Hamburger Schneiderin, MariaKrampers Vater war der Musiker Wilhelm Peters aus Homburg vor der Höhe. Dort wurde Maria auch 1883 geboren; zur Zeit ihrer Heirat lebte sie in Schopfheim in Baden. Beide Eheleute gehörten der lutherischen Kirche an. Bei seiner Heirat im April 1919 wurde Willy Krampers Beruf mit Redakteur angegeben, fünf Jahre später mit Arbeiter. Er litt an einer chronischen Lungenkrankheit. Am 13. Februar 1935 starb Hedwigs Mutter Maria Kramper im Alter von nur 52 Jahren.

Aus dem Erbgesundheitsgutachten ergibt sich, dass Hedwig noch als junges Mädchen hilflos war, nicht sprechen und ihre Körperfunktionen nicht kontrollieren konnte. An ihrer Umgebung nahm sie keinen Anteil.

Als Leiterin der Frauenabteilung in Alsterdorf füllte Ursula Starck auch für Hedwig Kramper den "T4"-Meldebogen aus. Mit der Meldebogenaktion erfassten die Organisatoren der "Euthanasie" alle Patientinnen und Patienten in Heil- und Pflegeanstalten im Deutschen Reich, die drei Jahre und älter waren. Die zuständige Dienststelle befand sich in der Tiergartenstraße 4 in Berlin, weshalb die Aktion später "T4" genannt wurde. Ursula Starck machte die Angaben zu Hedwig Kramper wie für alle Patientinnen "unter der Annahme, dass mittels ihrer entschieden werden sollte, ob jemand aus den Alsterdorfer Anstalten ausgesiedelt und in ein weniger luftgefährdetes Gebiet gebracht werden sollte", wie sie später erklärte. Erst 1942 habe sie erfahren, wofür die Fragebögen in Wahrheit dienten, nämlich zur Entscheidung, ob eine Patientin getötet werden sollte. Aufgrund ihrer Angaben entschied die "T4"-Dienststelle, dass die schwer pflegebedürftige Hedwig Kramper, damals 19 Jahre alt, zusammen mit zwanzig weiteren Frauen in die Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn zu verlegen sei. Das geschah am 1. August 1941. Langenhorn diente bei der "T4-Aktion" als norddeutsche Sammelstätte und Durchgangsstation. Zuvor war bereits eine Gruppe von fünfzig Männern nach Langenhorn verlegt worden. Die insgesamt 71 Frauen und Männer sollten in eine Tötungsanstalt weitertransportiert werden, wo sie bald nach ihrer Ankunft hätten vergast werden sollen. Da die "T4-Aktion" im August 1941 eingestellt wurde, entgingen sie diesem Schicksal. Am 14. November 1941 wurde Hedwig Kramper jedoch zusammen mit 68 Leidensgenossinnen und -genossen in die "Gauheilanstalt" Tiegenhof verlegt, ein ehemaliges Rittergut bei Gnesen im Freistaat Danzig. Viele von ihnen waren jugendlich wie sie. Diesem Transport folgten im November 1941 noch vier weitere mit insgesamt 366 Personen, unter ihnen die ursprünglich aus Alsterdorf kommenden Männer. Ihnen allen wurden ihre Krankenakten mitgegeben, die in Tiegenhof verblieben.

Die "Gauheilanstalt" Tiegenhof, angelegt im Pavillonstil mit 21 Gebäuden für rund 1200 Kranke, bestand bereits vor der deutschen Besetzung Polens als Heil- und Pflegeanstalt. Nach der Einsetzung von Viktor Ratka als Anstaltsleiter und der Ermordung der polnischen Kranken durch Lkw-Abgase, diente sie der Ermordung Tausender Kranker durch Hungerrationen und schließlich einer tödlichen Spritze. Hedwig Kremper starb am 18. Januar 1942 im Alter von 20 Jahren in Tiegenhof, wahrscheinlich "woran sie alle sterben".

Stand: Mai 2016
© Hildgard Thevs

Quellen: StaH 213-12 Staatsanwaltschaft Landgericht, NSG 0013/001 (Verlegungsliste Bl. 158); StaH 332-5 Standesämter 6534 u. 201/1919; 7016 u. 699/1921; 7037 u. 262/1923; 7164 u. 160/1935; Ev. Stiftung Alsterdorf, Archiv, Aufnahmebuch und Erbgesundheitskartei; Michael Wunder u.a., Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr. Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, 2. Aufl., Hamburg, 1988.

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