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Heinrich Brügge * 1896

Nedderndorfer Weg 4 (Hamburg-Mitte, Horn)


HIER WOHNTE
HEINRICH BRÜGGE
JG. 1896
EINGEWIESEN 1943
HEILANSTALT
MAINKOFEN
TOT 14.5.1944

Heinrich Brügge, geb. 14.2.1896 in Horneburg, gestorben am 14.5.1944 in der Heil- und Pflegeanstalt Mainkofen/Niederbayern

Nedderndorfer Weg 4 (Steinfurtherstraße 4)

Am 21. Dezember 1943 schrieb Susanne R. an die Leitung der Pflegeanstalt Mainkofen: "Nach dem Angriff auf Hamburg ist mein gesch. Mann Johann Heinrich Brügge, geb. 14. Februar 1896, in Ihre Anstalt überführt worden. Ich bitte Sie, meinem gesch. Mann mitteilen zu wollen, dass seine beiden Töchter Margarete und Lieselotte, sowie seine Eltern, bei dem Angriff auf Hbg. am 27. Juli 43, ums Leben gekommen sind. Alle befanden sich in der Zeit in der Wohnung Wikingerweg 9. Seinem Bruder Willi Brügge, z. Zt. im Felde, habe ich auch Nachricht zukommen lassen. Ich bitte Sie, mir Nachricht zukommen zu lassen, wie es meinem gesch. Manne geht und wie er die Todesanzeige aufgenommen hat." Sie erhielt die Antwort, dass es ihrem geschiedenen Mann unverändert ginge und er die Nachricht vom Tod seiner Eltern und Töchter ohne sichtliche Bewegung aufgenommen habe.

Heinrich Brügge verbrachte die ersten zehn Jahre seiner Kindheit zusammen mit seinem Bruder Willi in Horneburg. Seine Eltern, der Eisenbahnarbeiter Friedrich Brügge und seine Ehefrau Margarethe, geb. Tomfohrde, siedelten ca. 1906 nach Hamburg über. Heinrich Brügge setzte seinen Schulbesuch in der Volksschule Stresowstraße in Rothenburgsort fort und besuchte nach dem Schulabschluss Peters’ Handelsschule in der Lübeckerstraße. Anschließend er­hielt er eine Anstellung als Lagerist und Verkäufer in der Buchhandlung G. Stilke und wech­selte mehrfach die Stellung, bevor er Anfang 1915 zum Heeresdienst eingezogen wurde. Nach mehrmonatiger Ausbildung kam er als Musketier im Westen zum Einsatz, wo er mehrmals verwundet wurde. Heinrich Brügge litt zudem unter der Kriegssituation als solcher, weshalb er 1917/18 einige Monate auf einer "Nervenstation" behandelt wurde.

Nach Kriegsende kehrte er in seinen Beruf zurück und verheiratete sich mit Susanne Meins; 1919 und 1920 wurden ihre beiden Töchter geboren. Als Heinrich Brügge im Herbst 1923 seine Arbeit verlor, begann sich eine "traurige Verstimmtheit" bemerkbar zu machen, die sich zu Suizidabsichten steigerte, und körperlich verfiel er. Im März 1928 wurde er wegen einer Depression im Allgemeinen Krankenhaus Eppendorf aufgenommen, von dort zunächst in die Staatskrankenanstalt Friedrichsberg und am 18. Februar 1929 in die Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn überwiesen. Er zeigte weder Interessen noch Initiative, verhielt sich ruhig und mied Kontakt zur Umwelt. Die Diagnosen lauteten "Dementia praecox" ("Jugendirresein") und "Schizophrenie". Aus Langenhorn wurde er am 30. Januar 1931 als "gebessert" zu seinem Vater entlassen. Heinrich Brügge erhielt eine Invalidenrente, von der seine Familie lebte. Drei Jahre später wurde er wegen eines "katatonen Stupors" (körperlicher und geistiger Regungslosigkeit) erneut in der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg behandelt und nach einjährigem Aufenthalt am 22. März 1935, 39 Jahre alt, in die damaligen Alsterdorfer Anstalten verlegt. Dort beschrieb man ihn als autistisch.

Im Sommer des Jahres reichte Susanne Brügge beim Landgericht die Scheidung ein. Als Vertreter ihres Mannes im Ehescheidungsprozess wurde ein Pfleger bestellt, Chefarzt Gerhard Kreyenberg erstellte ein Gutachten. Er beendete seine Stellungnahme mit dem Satz: "Die Erkrankung (die Schizophrenie) hat einen solchen Grad erreicht, dass die geistige Gemeinschaft zwischen den Ehegatten aufgehoben und jede Wiederherstellung der ehelichen Gemeinschaft ausgeschlossen ist." Die Ehe wurde am 29. Januar 1936 rechtskräftig geschieden und die Pflegschaft kurz darauf aufgehoben. In den Jahren 1936 und 1937 holte Friedrich Brügge seinen Sohn wann immer möglich auf Urlaub, einmal sogar für fünf Tage. Susanne Brügge ging eine zweite Ehe ein.

Zur Klärung seiner Rentenangelegenheit wurde Heinrich Brügge 1937 erneut ein Pfleger und im Januar 1939 ein weiterer "zur Wahrnehmung Ihrer Rechte in dem Verfahren wegen Unfruchtbarmachung" zugewiesen. Heinrich Brügge, der auf mündliche Fragen allenfalls mit zwei gemurmelten Worten antwortete, wehrte sich und schrieb auf der Rückseite des Briefes vom Erbgesundheitsgericht, das ihn über die Bestellung des Pflegers informierte, in klarer, feiner Handschrift unter Hinzufügung seines Lebenslaufs an den Pfleger: "Fühle mich völlig gesundt, und finde daher eine Sterilisation unangebracht." Ob der Einspruch den Pfleger je erreichte, ließ sich nicht feststellen. Im April 1939 wurde im Allgemeinen Krankenhaus Eppendorf die Zwangssterilisierung vollzogen. Mittlerweile lebte Heinrich Brügge vier Jahre in "Alsterdorf". Er war verträglich, verrichtete leichte Arbeiten im Innen- oder Außendienst, und nach einer Furunkulose, die er am Anfang seines Aufenthalts durchgemacht hatte, erkrankte er nicht wieder. Am 7. Dezember 1942 musterte die Wehrmacht den inzwischen 46 Jahre alten Veteranen endgültig aus.

Sechs Jahre, nachdem Heinrich Brügge einmal entgegen seinem üblichen ruhigen Verhalten seine Kleidung zerrissen hatte, wiederholte sich Anfang 1943 ein derartiger Ausbruch. Erst­mals wurde er zu seiner und der Mitpatienten Beruhigung in den Wachsaal (s. Anm. S. 25) gebracht.

In den acht Jahren seines Aufenthalts in Alsterdorf verlor Heinrich Brügge zehn Kilogramm Gewicht, ob durch Nahrungsentzug oder Nahrungsverweigerung, ließ sich nicht klären. Als 1943 die Anstaltsleitung nach der "Operation Gomorrha" die Situation nutzte, um sich eines Großteils der besonders schwachen und nicht arbeitsfähigen Bewohnerinnen und Bewohner zu entledigen, setzte sie auch Heinrich Brügge auf die Liste der zu Verlegenden. Zusammen mit 112 anderen Män­nern wurde er am 10. August in die Heil- und Pflegeanstalt Mainkofen in Niederbayern abtransportiert. Dort wurde ihm Anfang Januar 1944 der Brief seiner geschiedenen Frau mit der Mitteilung des Todes seiner nächsten Verwandten vorgelesen. Die Anstaltsleitung nahm den Inhalt des Schreibens offenbar nicht zur Kenntnis, denn am 26. April 1944 schrieb sie an den Vater, Friedrich Brügge, Wikingerweg 9: "Ihr Sohn, Heinrich Brügge, ist an Lungentuberkulose erkrankt. Mit einem ungünstigen Verlauf der Erkrankung ist zu rechnen." Der Brief kam als unzustellbar zurück. Am 14. Mai 1944 starb Heinrich Brügge angeblich an Lungentuberkulose.

© Stolperstein-Initiative Hamburg-Horn

Quellen: Evangelische Stiftung Alsterdorf, Archiv, V 433; Jenner, Meldebögen, in: Wunder/Genkel/Jenner, Ebene, S. 169–178; Wunder, Abtransporte, in: ebd., S. 181–188; ders., Exodus, ebd. S. 189–236.

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