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Bernhard Boysen * 1916

Stresowstraße 107 (Hamburg-Mitte, Rothenburgsort)


HIER WOHNTE
BERNHARD BOYSEN
JG. 1916
EINGEWIESEN 1930
ALSTERDORFER ANSTALTEN
"VERLEGT" 10.8.1943
HEILANSTALT MAINKOFEN
ERMORDET 24.6.1944

Bernhard Boysen, geb. 6.12.1916 in Hamburg, ermordet am 24.6.1944 in der "Heilanstalt" Mainkofen

Ost-Ecke Lindleystraße/Stresowstraße (Stresowstraße 107)

Drei Zitate aus dem Aufnahmegespräch mit dem zehnjährigen Bernhard Boysen am 15. Januar 1927 in der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg lassen noch nicht erahnen, dass man zwölf Jahre später Zweifel an seiner Lebensberechtigung haben wird: "Ich wollte, ich wäre tot, dann wäre ich im Himmel", und auf die Frage: "Was ist schlimmer, Irrtum oder Lüge?" "Lüge ist schlimmer. Lüge das ist, kommt man in’er Hölle. Irrtum kommt man in Himmel."

Schließlich befragt, ob er jemanden absichtlich gebissen habe: "Ja, ich wollte beißen, aber ich habe es nicht aus Willen getan." Die Untersuchung fand statt, weil Bernhard Boysen in der Schule so sehr durch seine Reizbarkeit und "unberechenbare Aufgeregtheit" aufgefallen war, dass man ihr auf den Grund gehen wollte. Die Ärzte sahen eher einen Zusammenhang mit der Arbeitslosigkeit seines Vaters als mit einer Krankheit. Bernhard wurde im städtischen Waisenhaus in der Averhoffstraße untergebracht, nachdem sich sein stark wechselhaftes Ver­halten in der Familie nicht mehr auffangen ließ.

Bernhard Boysen war am 6. Dezember 1916 als drittes Kind von Olga und dem Hafenarbeiter Broder Boysen in der Wendenstraße 98 im damaligen Hammerbrook zur Welt gekommen, er blieb der einzige Sohn. Broder Boysen, geboren am 29. März 1884 in der Hattstedter Marsch, war Lademeister, die Mutter Olga, geb. Myhrsch, geboren am 28. März 1892 in Hamburg, versorgte die Familie. Nach Bernhard wurde ein Nachkriegskind, die Schwester I., geboren. Die Schwester "Tutti" starb an "Gehirntuberkulose".

Bernhard durchlitt in seiner Kindheit schwere Krankheiten und verbrachte deshalb mehrere Monate im AK St. Georg. Im Alter von einem halben Jahr wurde er dort wegen einer Bronchitis eingewiesen, wo man außerdem eine Neigung zu Krämpfen und Rachitis diagnostizierte; nach sechs Wochen wurde er "bei Wohlbefinden" entlassen. Allmählich prägte sich seine Linkshändigkeit stärker aus, während die schwächere Entwicklung seiner rechten Körperseite unübersehbar wurde.

Bernhards kognitive Entwicklung war verlangsamt, so dass er zunächst für ein Jahr vom Schulbesuch zurückgestellt und dann Ostern 1924 direkt in die "Hilfsschule" Rosenallee eingeschult wurde. Er überraschte als Klassenbester, und erst dort wurde seine erhebliche Seh­behinderung erkannt. Allmählich entwickelte er eine heftige "Zornmütigkeit". Weil er den Arzt biss, wurde eine Augenoperation zur Korrektur seines Schielens zurückgestellt. In dem pädagogischen Bericht wurde er als harmloser Junge charakterisiert, der durch die Neckereien der Kameraden leicht aufgebracht werde und Zuflucht beim Pfleger suche. Er spiele nicht, weil die anderen ihn nicht mitspielen ließen, aber entbehre dies nicht, sei am liebsten allein.

Mit der Diagnose "Metencephalitis mit impulsiver Aggressivität", einer Hirnschädigung, die mit zerstörerischen Impulsen einhergeht, wurde Bernhard Boysen in der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg aufgenommen. Dort lebte er sich gut ein. Für schwere hirnbedingte Charakterveränderungen fanden sich keine Anhaltspunkte. Bernhard wurde im Haus beschäftigt und nahm am Unterricht teil. Sein stilles, ängstliches Verhalten schlug gelegentlich in aggressives gegen Andere um. Dann wurde er "eingebettet" – ins Bett gezwungen und festgebunden. Mehrfache Wechsel von Stationen und zuständigen Ärzten brachten im Ergebnis keine Besserung seines Zustands, dürften nach unseren heutigen Erkenntnissen eher die Ursache für die Verschlimmerungen seines Verhaltens gewesen sein.

Am 3. Oktober 1930 empfahl die Klinik dem Wohlfahrtsamt Hamburg, den nun dreizehnjährigen Jungen "in eine Hamburgische Anstalt für Geisteskranke, Idioten und Epileptiker" zu überweisen. Den Eltern wurden die damaligen Alsterdorfer Anstalten empfohlen, das Wohlfahrtsamt sagte die Kostenübernahme zu. Offenbar verbrachte Bernhard Boysen das letzte Vierteljahr vor seiner Entlassung aus "Friedrichsberg" in der Hilfsschule im Waisenhaus Besenhorst in Gruppenerziehung, womit zugleich seine Schulzeit endete.

Inzwischen schwankte sein Verhalten zwischen unkontrollierter Aggressivität und tiefer Trauer, wenn er wieder einen Schaden angerichtet hatte, was seine Betreuer als Auswirkung eines organischen Leidens, einer früh erlittenen "Gehirngrippe" – heute würden wir Hirnhautentzündung sagen – deuteten. Am 29. Oktober 1930 wechselte Bernhard Boysen in die damaligen Alsterdorfer Anstalten, die für die nächsten fast 13 Jahre sein Wohnsitz sein sollten. Nach einer Zeit der Eingewöhnung beschäftigte er sich mit leichten Tätigkeiten. 1932 unterzog er sich im AK Barmbek einer Augenoperation.

In den regelmäßigen Berichten an die Wohlfahrtsbehörde zur Begründung der weiteren "Anstaltsbedürftigkeit" – die bis zum 31. Juli 1946 befürwortet wurde – wiederholten sich die Argumente. Als neues wurde eine Muskelschwäche der ganzen rechten Köperhälfte angeführt. Insgesamt war Bernhard Boysen ein umgänglicher Patient. Seine Angehörigen erhielten jeweils am letzten Wochenende des Monats Besuchsgenehmigungen. Wollte er zu ihnen, musste jedes Mal geklärt werden, ob er abgeholt bzw. gebracht werden müsse oder selbstständig fahren könne. In letzteren Fall trugen die Eltern die volle Verantwortung. Mit dem Urlaub sahen die Verantwortlichen in "Alsterdorf" die "Gefahr" sexueller Kontakte gegeben und legten dem Vater im Juli 1935 nahe, seinen inzwischen 19-jährigen Sohn sterilisieren zu lassen. Der Eingriff wurde im November 1935 im Universitätskrankenhaus Eppendorf vollzogen. Ein Jahr darauf trat Bernhard zur Musterung beim Wehrbereichskommando Hamburg 1 an, was mit seiner Ausmusterung am 26. August 1936 endete.

Mit seinem 21. Geburtstag am 6. Dezember 1937 wäre Bernhard Boysen mündig geworden. Einen Monat vorher soll er sich mit seiner Entmündigung einverstanden erklärt haben. Sie wurde im Januar rechtskräftig, und sein Vater wurde als Vormund bestellt.

Nach Kriegsbeginn erhielt Bernhard für die Urlaubstage bei seinen Eltern keine Lebensmittelkarten mehr, "es stehe ihm jedoch frei, zu den Mahlzeiten hier zu Tisch zu erscheinen". Als einschneidendste Folge des Krieges wurde Bernhard Boysen zur "Entlastung" der damaligen Alsterdorfer Anstalten nach den Bombenangriffen vom Juli/August 1943 am 10. August 1943 in die Heil- und Pflegeanstalt Mainkofen verlegt, einer Anstalt, in der durch Arbeit, Hunger und Kälte getötet wurde. Dort starb er am 24. Juni 1944 im Alter von 27 Jahren. Seine Angehörigen erhielten eine telegraphische Mitteilung über seine Beerdigung.

© Hildegard Thevs

Quellen: Ev. Stiftung Alsterdorf, Archiv, V 434; Jenner, Meldebögen, in: Jenner u. a., Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr, S. 169–178; Wunder, Abtransporte; ders.: Exodus.

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