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Bereits verlegte Stolpersteine



Heinrich Sund, September 1937
© Evangelische Stiftung Alsterdorf

Heinrich Sund * 1935

Horner Landstraße 314 (Hamburg-Mitte, Horn)


HIER WOHNTE
HEINRICH SUND
JG. 1935
EINGEWIESEN 1937
ALSTERDORFER ANSTALTEN
"VERLEGT" 1943
HEILANSTALT KALMENHOF
TOT 17.8.1943

Sund, Heinrich Willi, geb. 11.5.1935 in Hamburg
7.8.1943 Kalmenhof/Idstein, Tod am 17.8.1943


In Hamburg-Horn gab es einen kommunistischen Ortsverein, dessen Mitglieder und Sympathisanten nach der Machtübergabe an Hitler und dem Reichstagsbrand in großer Zahl inhaftiert wurden. Zu diesem Kreis gehörte Willi Sund. Er war am 29. Dezember 1903 in Hamburg als Sohn eines "Straßenbahners" zur Welt gekommen und hatte mehrere Brüder. Während diese zur See fuhren - der älteste brachte es bis zum Ersten Offizier -, erhielt Willi Sund eine Ausbildung zum Tischler. Im Keller des Hauses seiner späteren Schwiegereltern richtete er eine Werkstatt für Möbeltischlerei und eine Wohnung ein, wo er mit Magda Neumann, am 28. Februar 1907 in Hamburg geboren, zusammen lebte. Beide hatten mit Erfolg die Volksschule am Bauerberg besucht, beide kamen aus großen Familien mit je sieben Kindern.

Am 17. April 1930 wurde ihr erster Sohn geboren, drei Monate später heirateten sie; zehn Tage darauf wurde Willi Sund erwerbslos. Magda Sund war ausgebildete Kinderpflegerin, fand aber keine Anstellung in ihrem Beruf und arbeitete als Reinmachefrau, bis sie aufgrund einer erneuten Schwangerschaft ihre Arbeitsstelle verlor. Da war ihr Mann bereits wegen gemeinschaftlich begangener gefährlicher Körperverletzung zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt und inhaftiert worden. Ein Kumpel und er – er selbst gehörte nicht der KPD an – hatten eines Morgens zwei Männer in SA-Uniform von ihren Fahrrädern gerissen und mit den Fäusten traktiert.

In ihrer Notsituation erhielt Magda Sund Wohlfahrtsunterstützung. Die Fürsorgerin befürwortete uneingeschränkt das Gnadengesuch für ihren Mann. Sie äußerte sich in ihrem Schreiben beeindruckt von der Wertschätzung der Frau für ihren Mann und von der Sorgfalt ihrer Haushaltsführung. Willi Sund wurde am 21. Dezember 1933 auf Bewährung entlassen. Am 31. März 1934 brachte Magda Sund ihren zweiten Sohn zur Welt, im Jahr darauf, am 11. Mai 1935, Heinrich.

Im Gegensatz zu seinen beiden Brüdern wurde Heinrich rundlich und dick und blieb in seiner geistigen Entwicklung zurück. Die Annahmen des Kinderarztes, es handele sich um die Folgen einer Gehirnhautentzündung oder einer Schilddrüsenfehlfunktion, bestätigten sich nicht. Im Juli 1936 – Heinrich war vierzehn Monate alt - überwies er ihn zur Beobachtung in die damaligen Alsterdorfer Anstalten. Bei der Aufnahme auf der Kinderkrankenstation fielen dem Arzt an dem sehr gepflegten Jungen offene Stellen und dicke Schorfkrusten auf der Kopfhaut auf. Sie heilten in den folgenden beiden Wochen vollkommen ab.

Heinrich war ein artiger kleiner Patient, der sich gut füttern ließ und ab und an auf dem Daumen lutschte. Er konnte weder sitzen noch stehen noch sprechen. Am Ende der elftätigen Beobachtungszeit hielten die Ärzte fest, dass Heinrich keinen Anteil an seiner Umgebung nähme, auch seine Mutter nicht erkenne, mit leichten Zuckungen aus dem Schlaf erwache, durcheinander lache und weine. Heinrich wurde nach Hause entlassen mit der Empfehlung an seine Mutter, dass sie sich viel mit dem Jungen beschäftigen und ihn durch kleine gymnastische Übungen zu Eigenbewegungen veranlassen solle.

Im Alter von fast zwei Jahren wurde Heinrich am 8. April 1937 in der Martinskirche in Horn getauft. Sein Taufspruch lautete:
"Der Herr ist mein Helfer,
ich werde mich nicht fürchten;
was sollte mir ein Mensch tun?" (Hebr. 13,6)
Ob Heinrich dieses Gottvertrauen in seinen acht Lebensjahren verinnerlichen konnte, bleibt offen.

Willi Sund fand wieder regelmäßige Arbeit, die Belastung durch die drei kleinen Kinder wurde für Magda Sund so groß, dass sich die Eltern entschlossen, Heinrich erneut nach "Alsterdorf" zu geben. Zu den Kosten wollte Willi Sund selbst beitragen. In einem Gutachten zur Aufnahme hieß es: "Im Hinblick auf die Notwendigkeit der normalen Entwicklung zweier gesunder Brüder ist Heinrich im Hause nicht mehr tragbar." Die Sozialverwaltung erkannte auf Anstaltsbedürftigkeit bis zum 30. September 1943 und übernahm die Kosten. Zu einer Nachfolgeregelung kam es nicht mehr, denn sechs Wochen vorher wurde Heinrich ermordet.

Heinrich wuchs und bewegte sich unruhig und ungezielt. Zudem wirkte er vollkommen teilnahmslos. Seit seiner Beobachtung in "Alsterdorf" war als eine Ursache für seine Entwicklungsstörungen "Mikrocephalie", Kleinköpfigkeit, diagnostiziert worden. Als er am 3. September 1937 auf die Kinderkrankenstation in "Alsterdorf" zurückkehrte, war er nicht mehr das artige Kind vom Jahr zuvor. Er schrie laut, wenn er nicht schnell genug gefüttert wurde, schien aber sehr zufrieden zu sein, wenn er kräftig strampeln konnte. Von der Krankenstation wurde er auf eine Kinderstation entlassen, kehrte aber im Dezember zur Behandlung einer Diphtherie-Erkrankung dorthin zurück. Wenn sich die Schwestern mit ihm beschäftigten, lachte er freundlich. Er versuchte auch, einige Wörter nachzusprechen. Sich allein aufzurichten, war ihm nicht möglich.

Mit Unterbrechungen von wenigen bis mehreren Wochen verbrachte Heinrich die Zeit bis Ende 1941 auf der Krankenstation. Furunkeln, Karbunkeln und Schweißdrüsenabszesse wechselten einander ab. Mit sieben Jahren wurde er aus dem Kinderbereich in das "männliche Gebiet" verlegt und danach nur noch einmal wegen einer Darminfektion auf die Krankenstation eingewiesen.

Mit fast acht Jahren, Anfang 1943, war Heinrich Sund immer noch ein "Liegekind", sprach nicht, summte aber einige Töne und antwortete dem Arzt, wenn der ihn ansprach, mit "Opa". Während er bis dahin nur steif auf dem Rücken gelegen hatte, richtete er sich zuweilen in seinem Bett auf, griff zu seinem Nachbarn hinüber oder machte die für Hospitalismus typischen Schaukelbewegungen.

Diese Fortschritte in seiner Entwicklung brachen mit Heinrich Sunds Verlegung in die "Heil- und Pflegeanstalt Kalmenhof" in Idstein am Taunus ab.

Die damaligen Alsterdorfer Anstalten waren in die katastrophenmedizinischen Pläne der Reichsregierung eingebunden. Aufgrund der Zerstörungen Hamburgs und von Teilen der damaligen Alsterdorfer Anstalten im Juli/August 1943 entschied der Leiter, Pastor Friedrich Lensch, in Abstimmung mit der Hamburger Gesundheitsverwaltung und der "Euthanasie"-Zentrale in Berlin ("T4" nach der Adresse Tiergartenstraße 4), mehrere hundert Bewohnerinnen und Bewohnern in weniger luftgefährdete Gebiete zu verlegen.

Heinrich Sund verließ Hamburg am 7. August 1943 mit einem Transport von 128 Kindern und Männern, von denen 52 Jungen im Alter zwischen zwei und zwölf Jahren für den Kalmenhof bestimmt waren, die übrigen für die Heil- und Pflegeanstalt Eichberg. Der Transport wurde von der Gekrat, der Gemeinnützigen Transportgesellschaft, einer Teilorganisation von T4, durchgeführt und von Alsterdorfer Personal begleitet. Die Reise begann mit den berüchtigten grauen Bussen bis zum Güterbahnhof Langenhorn, wo die Patientinnen und Patienten in einen Zug umstiegen bzw. umgeladen wurden. Pastor Lensch begleitete sie bis dahin ebenfalls. In Limburg wurde der für Idstein bestimmte Waggon abgehängt und traf am folgenden Morgen auf dem Kalmenhof ein.

Der Kalmenhof war 1888 als Anstalt für geistig Behinderte gegründet worden und hatte sich einen guten Ruf als pädagogisch fortschrittliche Einrichtung erworben, war aber 1939 in das "Euthanasie"-Programm der Aktion T4 einbezogen worden. Nach dessen Stopp im August 1941 wurde dort eine "Kinderfachabteilung" des "Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden" eingerichtet. Ohne das entsprechende Verfahren von Meldung, Beobachtung und Begutachtung in die Wege geleitet zu haben, ließ die zuständige Ärztin, Mathilde Weber, viele der Kinder durch überdosiertes Morphium oder Skopolamin töten, unter ihnen auch Heinrich Sund.

Zehn Tage nach seiner Verlegung starb er angeblich an "erethrischem Schwachsinn, Ernährungsstörung, Marasmus". Im Sterberegister des Standesamts wurden lediglich sein Name und Geburtsdatum, als Wohnung "Idstein Kalmenhof" sowie die – fiktive - Todesursache angegeben, sein Geburtsort und die Namen der Eltern galten als unbekannt. Dieses ist die letzte Spur von Heinrich Sund – immerhin, denn nicht alle der im Kalmenhof Ermordeten wurden überhaupt registriert. Vermutlich wurde Heinrich auf dem Anstaltsfriedhof, einem hinter der Anstalt gelegenen Acker, beerdigt.

© Hildegard Thevs

Quellen: Evangelische Stiftung Alsterdorf, Archiv, V 82 und Erbgesundheitskartei; Stadtarchiv Idstein, E-Mails 4. und 5. Mai 2011; Wunder, Michael, Ingrid Genkel, Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr. Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, 2. Aufl. Hamburg 1988.

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