Namen, Orte und Biografien suchen


Bereits verlegte Stolpersteine



Lilli Brathauer, vier Jahre alt
Lilli Brathauer, vier Jahre alt
© Ev. Stiftung Alsterdorf, Archiv

Lilli Brathauer * 1929

Wandsbeker Chaussee 257 (Wandsbek, Eilbek)


HIER WOHNTE
LILLI BRATHAUER
JG. 1929
EINGEWIESEN 1931
ALSTERDORFER ANSTALTEN
"VERLEGT" 1943
HEILANSTALT
AM STEINHOF WIEN
TOT 7.6.1944

Lilli Brathauer, geb. am 11.12.1929 in Hamburg, ermordet am 7.6.1944 in der Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien

Wandsbeker Chaussee 257

"Die Mutter macht einen freundlichen, aber leicht erregten Eindruck. Sie wird schwer mit der Erziehung der vier Kinder fertig, bekommt Unterstützung durch Winterhilfe, NSV und Wohlfahrt." Mit Hinweis auf die große Belastung Dora Brathauers, die im Mai 1934 ihre Tochter Lilli nach Hause holen wollte, wenn auch nur auf Urlaub oder auf Probe, wurde ihr Gesuch abgelehnt. Dora Brathauer, geborene Beyer, geboren 1906, war verheiratet mit dem Arbeiter Philipp Brathauer, geboren 1902 in Bremen. Beide wohnten in Eilbek, Hammer Steindamm 36, als sie 1925 heirateten. In kurzer Folge kamen zwei Söhne und zwei Töchter zur Welt; Lilli war das vierte Kind. Ihr folgte fünf Jahre später eine weitere Schwester. Inzwischen war die Familie in die Wandsbeker Chaussee 257 umgezogen.

In Lillis fünfter Lebenswoche fiel der Mutter auf, dass sie auf ihre Umgebung kaum reagierte. Lilli wurde Ende Januar 1930 im Krankenhaus Barmbek aber nicht deswegen aufgenommen, sondern weil Sekretflüssigkeit aus ihrem linken Ohr floss. Kaum wieder Zuhause, wurde sie erneut eingewiesen, weil sie Hautekzeme bekam. Eine Umstellung der Ernährung besserte ihren Zu­stand. Nach einem dritten Krankenhausaufenthalt noch im selben Jahr wurde Lilli als geheilt entlassen. Ostern 1931 wurde sie in der Friedenskirche in Eilbek getauft. Ihre Verhaltensauffälligkeiten nahmen zu, so dass sie als zweijähriges Kind am 18. Dezember 1931 den damaligen Alsterdorfer Anstalten übergeben wurde. Eine Ursache ihres Zustands lag in einer Schilddrüsenunterfunktion. Als diese behandelt wurde, erholte sich Lilli zusehends und machte bemerkenswerte Entwicklungsfortschritte: Sie hörte auf ihren Namen, verfolgte alle Vorgänge in ihrer Umgebung, saß und stand allein, zuweilen reagierte sie eigensinnig.

Lilli bewegte sich kriechend in ihrem Laufgitter und richtete sich an den Stäben auf, lernte aber nicht zu gehen. Auch ihre Sprache blieb beschränkt, nachdem sie als erstes Wort "Papa" gesagt hatte. Im Juni 1932 erlitt sie erstmals einen Krampf. Im Sommer 1933 verbrachte sie einige Tage Urlaub bei ihrer Familie. Der Urlaub tat ihr gut, doch brachte sie von dort Läuse mit, und wie schon bei ihrer Ankunft in Alsterdorf wurden ihr deswegen die Haare abgeschnitten. Lilli litt weiter unter Ernährungsstörungen und blieb schwächlich. Kam sie in den Garten, lebte sie auf und wurde richtig munter.

Im August 1934, drei Monate nach der Ablehnung des ersten Gesuches, wurde sie versuchsweise nach Hause entlassen. Die Belastung ihrer Mutter mit drei Schulkindern und einem Säugling erwies sich jedoch als zu groß, so dass Lilli nach Alsterdorf zurück gebracht wurde. Dort begann sie 1935 mit dem Besuch der Spielschule. In den beiden folgenden Jahren erkrankte sie mehrfach an Infektionen, wirkte dennoch fröhlich und zufrieden.

Für die Familie wurde ein Erbgesundheitsgutachten erstellt, das eine "familiäre Belastung" der beiden Söhne konstatierte. Lillis Brüder besuchten die Hilfsschule und wollten in das Jungvolk eintreten, was ihnen aufgrund des Gutachtens verwehrt wurde. Lillis Krankheiten und Behinderungen, wozu eine linksseitige Lähmung gehörte, wurden auf eine nicht angeborene Hirnschädigung zurückgeführt.

Lilli Brathauer galt als nicht bildungsfähig. Aus dem stets freundlichen Kind wurde ein zuweilen eigensinniges Mädchen, das Kleidung und Wäsche zu zerreißen begann. Dann wurde ihr eine "Schutzjacke" angelegt. Vermutlich war diese Unbändigkeit der Grund, weshalb sie im August 1943 mit 227 anderen Mädchen und Frauen in die Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien verlegt wurde. Der aufnehmende Arzt vermerkte ihre laute, unverständliche Sprache und dass sie "noch nicht sauber" sei, dazu ein Gewicht von 31 kg. Lilli vertrug keine Nahrung außer Milchsuppen. Sie nahm in den ersten vier Monaten ihres Aufenthalts in Wien weitere vier Kilogramm ab. Länger wurde darüber nicht Buch geführt. Als sie am 7. Juni 1944 starb, wurden als Todesursachen Lungentuberkulose und Lungenentzündung, Magen-Darm-Geschwüre mit einem beginnenden Darmdurchbruch und Auszehrung angegeben. Lilli Brathauer wurde 14 Jahre alt.

Stand Februar 2014
© Hildegard Thevs

Quellen: Ev. Stiftung Alsterdorf, Archiv, V 374; StaH 332-5 Standesämter 6643-210/1925; Jenner, Meldebögen, in: Wunder/Genkel/Jenner, Auf dieser schiefen Ebene; Wunder, Abtransporte, in: Wunder/Genkel/ Jenner, Auf dieser schiefen Ebene; ders., Exodus, ebd.

druckansicht  / Seitenanfang