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Porträt Jutta Berndt, Februar 1937
Jutta Berndt, Februar 1937
© Ev. Stiftung Alsterdorf, Archiv

Jutta Berndt * 1932

Ritterstraße 47/49 (Wandsbek, Eilbek)


HIER WOHNTE
JUTTA BERNDT
JG. 1932
EINGEWIESEN 17.7.1935
ALSTERDORFER ANSTALTEN
‚VERLEGT’ 16.8.1943
HEILANSTALT
AM STEINHOF WIEN
ERMORDET 16.12.1944

Jutta Berndt, geb. am 27.7.1932 in Hamburg, ermordet am 16.12.1944 in der Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien

Ritterstraße 47/49

Jutta Berndt kam als zweites Kind der Eheleute Carl und Sophia Berndt im Allgemeinen Krankenhaus Barmbek zur Welt. Der kaufmännische Angestellte Carl Cäsar Berndt, geboren am 23. April 1906, stammte aus Seppensen-Mühle, Kreis Harburg, und Sophia, geborene Ullrich, aus Dörnigheim, Kreis Hanau. Sie heirateten am 25. Oktober 1928 in Hamburg.

Was zunächst nach einer normalen Entbindung aussah, stellte sich als schwierige Geburt heraus. Jutta erlitt unter der Geburt eine Gehirnblutung, die als Ursache für ihre folgende Erkrankung angesehen wurde.

Ihre Schwester, die als Zangengeburt zur Welt gekommen war, entwickelte sich dagegen ohne Auffälligkeiten. Jutta wurde schon bald nach ihrer Geburt im Kinderheim Höltystraße untergebracht, jedoch im Winter 1932/33 nach Hause entlassen, weil die Kostenbewilligung der Krankenkasse ablief. Nach Regelung der Kostenübernahme wurde sie erneut dort aufgenommen und am 17. Juli 1935 in die damaligen Alsterdorfer Anstalten verlegt. Jutta konnte weder sprechen noch laufen, bewegte sich aber in ihrem Stuhlwagen allein vorwärts. Spastische Krämpfe und eine Fehlstellung der Füße hinderten sie am Gehen. Auf Zuwendung und Kontakt reagierte sie freudig. In den Jahren 1935 bis 1937 machte sie viele Krankheiten durch mit der Folge, dass sie nicht die Spielschule besuchen und nicht auf Urlaub nach Hause gehen konnte. Am 18. Januar 1938, Jutta war fünfeinhalb Jahre alt, hieß es im Zeugnis der Spielschule: "Sie macht weiter Fortschritte, einfache Worte spricht sie mühsam nach. Mit groben Perlen kann sie eine Kette anfertigen, beschäftigt sich mit Ausdauer mit Bausteinen und Holztieren, macht auch einfache Ausnähversuche [näht oder stickt vorgezeichnete Muster aus] und folgt gern dem Zeigen von Bildern. Sie ist sehr anhänglich und hat Freude am Helfen, ist eifrig dabei."

Jutta machte weitere Fortschritte in ihrer Selbstständigkeit. Sie kleidete sich allein an, kletterte aus dem Bett und zog sich an Betten und Stühlen weiter oder kroch zu ihrem Ziel. 1940 wurde eine Achillessehne durchtrennt in der Hoffnung, dass sie dann mit dem Fuß auftreten könne; der Erfolg blieb aus. Jutta bewegte sich mit Hilfe eines kleinen Wagens fort und konnte allein die Toilette aufsuchen.

Im Gegensatz dazu lautete das Gutachten, das anlässlich ihres zehnten Geburtstags 1942 zur Begründung ihrer weiteren Anstaltsbedürftigkeit erstellt wurde: "Die Patientin leidet an der Little’schen Krankheit und Schwachsinn. Sie ist sehr nervös, eigensinnig und ungezogen, zerreißt ihr Zeug und nässt das Bett ein. Nachts muss sie eine Schutzjacke haben, am Tag am Gurt sein. Die Sprache ist schwer verständlich." Ihr wurde die Anstaltsbedürftigkeit und damit die Kostenübernahme durch die Sozialverwaltung bis zum 30. September 1946 zugestanden.

Am 16. August 1943 wurde Jutta Berndt zusammen mit 227 anderen Mädchen und Frauen in die Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien verlegt. Ihre Eltern, die bei den schweren Luftangriffen auf Hamburg im Juli 1943 ausgebombt wurden, kamen im Eidelstedter Weg unter und hielten häufigen brieflichen Kontakt zur Wiener Anstalt. Jutta lebte sich in Wien bald ein und nahm interessierten Anteil an ihrer Umgebung. Anders als in Alsterdorf hielt das Pflegepersonal sie wegen ihrer fehlenden Gehfähigkeit im Bett, wo sie vollständig versorgt werden musste. Der Reichsstatthalter von Wien, Baldur von Schirach, veranlasste eine Untersuchung Jutta Berndts auf ihre Bildungsfähigkeit hin, die Obermedizinalrat Ernst Illing am 21. September 1944 vornahm. Das Ergebnis fiel negativ aus. Die Mutter erfuhr davon nichts. In dem Schreiben der Anstalt vom 12. Oktober 1944 hieß es hingegen: "Ihre Tochter Jutta Berndt befindet sich geistig und körperlich wohl, nur leidet sie dauernd an Erkältungen, da sie nicht im Bette bleiben will und immer auf dem Boden herumrutscht." Am 9. Dezember 1944 wurde ein ausführliches Gutachten über Juttas körperlichen Zustand, insbesondere ihre schwer bewegliche Sprachmuskulatur und ihre Unfähigkeit zu gehen, erstellt. Dem folgte bereits fünf Tage später ihre Verlegung auf eine andere Station, wo sie am 16. Dezember angeblich an einer Lungenentzündung starb. Der Ablauf ihrer letzten Lebenstage lässt darauf schließen, dass sie im "Spiegelgrund", der "Kinderfachabteilung" der Anstalt, ermordet wurde.

Am 8. Januar 1945 erhielt ihr Vater Carl Berndt die Mitteilung, dass sie an eitriger Luftröhrenentzündung und Lungenentzündung gestorben sei. Er gab sich damit nicht zufrieden und verlangte einen ausführlichen Bericht über ihre tödliche Krankheit.
Ob er ihn je erhielt, ließ sich nicht feststellen. Jutta Berndt wurde 12 Jahre alt.

Stand Februar 2014
© Hildegard Thevs

Quellen: Ev. Stiftung Alsterdorf, Archiv, V 381; StaH 332-5 Standesämter 3586-905/1928; Jenner, Meldebögen, in: Wunder/Genkel/Jenner, Auf dieser schiefen Ebene; Wunder, Abtransporte, in: Wunder/Genkel/ Jenner, Auf dieser schiefen Ebene; ders., Exodus, ebd.

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