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Bereits verlegte Stolpersteine



Erna Bragenheim * 1876

Isestraße 86 (Eimsbüttel, Harvestehude)


HIER WOHNTE
ERNA BRAGENHEIM
JG. 1876
DEPORTIERT 1941
ERMORDET IN
LODZ

Weitere Stolpersteine in Isestraße 86:
Erna Bragenheim, Martin Bragenheim, Emma Hinrichs, Herbert Mitz, Jeanette Ostwald, Sophie Ostwald, Senta Schwarz

Martin Bragenheim, geb. 19.2.1882, ermordet am 23.9.1940 in der "Landes-Pflegeanstalt" Brandenburg an der Havel
Erna Bragenheim, geb. Blumenthal, geb. 28.1.1888 in Berlin, am 25.10.1941 deportiert nach Lodz
Erna Bragenheim, geb. 25.9.1876 in Güstrow, am 25.10.1941 deportiert nach Lodz

Stolpersteine Hamburg-Harvestehude, Isestraße 86

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zog Daniel Meyer Bragenheim, geboren am 4. März 1838, mit seiner Frau Walli, geborene Sachs, von Güstrow in Mecklenburg nach Hamburg. Das Ehepaar hatte vier Kinder: Itzig, genannt Richard, geboren 1875, Erna, geboren 1876, Paul, geboren 1878, und Martin, geboren 1882. Alle Kinder kamen in Güstrow zur Welt.

Aus den Unterlagen der Volkszählung des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin vom 1. Dezember 1900 ersieht man, dass Daniel Meyer Bragenheim ein "Lotterie-Haupt-Collecteur"-Geschäft gehörte und er darin als Chef arbeitete. Alle drei Söhne wurden im väterlichen Unternehmen beschäftigt, Richard als Prokurist, Paul als Buchhalter und Martin als Lotteriegeschäftslehrling. Erna Bragenheim wurde in der Volkszählung nur die Rolle einer Tochter zugeschrieben.

Es ist nicht überliefert, aus welchem Grunde die Familie Bragenheim nach Hamburg übersiedelte. Wahrscheinlich erwartete Daniel Bragenheim in der Großstadt günstigere Geschäftsmöglichkeiten, was sich jedoch als trügerisch erweisen sollte.

Die Familie hatte nur drei ihrer Kinder mit nach Hamburg nehmen können, denn Paul Bragenheim lebte nicht mehr in der Familie, sondern in der damaligen Irren-Heilanstalt Sachsenberg bei Schwerin in Mecklenburg. Die noch vorhandenen Patientenkarteikarten der "Irren-Anstalt" Friedrichsberg lassen erkennen, dass Paul und Martin Bragenheim um die Jahrhundertwende Patienten dieser Anstalt gewesen waren. Die Aufenthalte in Friedrichsberg waren offenbar vorübergehend. Am 10. Juli 1915 wurde Paul erneut in Sachsenberg aufgenommen

In Hamburg wohnte die Familie Bragenheim in der Heinrich-Barth-Straße 3 im Stadtteil Rotherbaum. Ihre Lebensumstände müssen elend gewesen sein. Eine Fürsorgerin notierte im Mai 1922: "Familie Bragenheim ist eine bedauernswerte Familie. Außer dem Sohn Richard, der angeblich die ganze Familie unterhält, sind alle Familienmitglieder krank. Der Vater 84 J. alt ist blind, die Mutter 68 J. alt, ist sehr nervenleidend. Ein Sohn [Paul] ist in der Nervenheilanstalt Sachsenberg, ein Sohn [Martin] ist zu Haus, kann, da er ebenfalls nervenleidend ist, keine Stelle bekleiden. Die Tochter Erna, früher Versicherungsinspektorin, ist seit 1914 erwerbslos, da sie ebenfalls nervenleidend ist. Sie leidet besonders an starken Kopfschmerzen. Durch die Diathermiebehandlung hofft sie Linderung zu bekommen. Sie ist in Behandlung von Herrn Dr. [...]."

Wenig später, am 5. Juni 1923, starb Daniel Bragenheim im Alter von 85 Jahren. Die Situation der Familie blieb weiter prekär. Im März 1928 starb Walli Bragenheim. Nun waren Martin und Erna nun auf sich allein gestellt und konnten nur noch auf die Hilfe ihres Bruders Richard hoffen. Dieser trug zum Unterhalt seiner Angehörigen bei, litt aber psychisch sehr unter der familiären Belastung. Eine von ihm ebenfalls finanzierte tägliche "Stundenhilfe" für Erna und Martin Bragenheim sorgte dafür, den Haushalt in Ordnung zu halten.

1932 arbeitete Richard Bragenheim als Vertreter bei der im Bieberhaus, Hachmannplatz 2, ansässigen Versicherungsmaklerfirma Wahler & Co. Seine Ausgaben stiegen von Jahr zu Jahr infolge ständig steigender Unterhaltsleistungen für seine Geschwister, so dass gegenüber seinem Arbeitgeber Schulden in Höhe von 3000 RM aufgelaufen waren. Der inzwischen verlobte Richard Bragenheim hatte regelmäßig auch für seine Braut Unterhalt zu zahlen. Ohne Richards Sorge für seinen Bruder Martin wäre dieser schon seit längerem im Versorgungsheim untergebracht worden, wie eine Fürsorgerin im Juni 1932 notierte. Erna Bragenheim verlor zunehmend ihre Selbstständigkeit. Neben der seit Jahren anhaltenden Nervenkrankheit quälte sie ein Rückenleiden. Die Fürsorgerin empfand, dass "der Haushalt [einen] schon etwas verwahrlosten Eindruck macht."

Die jüdische Gemeinde nahm Martin Bragenheim 1934 als Mitglied auf, vermutlich im Zusammenhang mit Anträgen auf Unterstützung, nachdem die staatliche Fürsorgeverwaltung die Geschwister Bragenheim an die jüdische Gemeinde verwiesen hatte. Zu dieser Zeit wohnte er mit seiner Schwester Erna und seinem Bruder Richard in der Straße Rutschbahn 18.

Waren die Berichte der Fürsorgerinnen über die Familie Bragenheim vor 1933 noch von gewisser Empathie getragen, so änderte sich der Ton nach dem Machtantritt Adolf Hitlers einschneidend. Im Februar 1935 schrieb N. Kruse, "Obmann des Sozialamtes & der Fürsorgebehörde Kreis Rotherbaum":
"Die Angaben der B.’s sind nicht glaubwürdig. Um ihre Aussagen zu bekräftigen wollen sie alles beschwören. Was ein jüdischer Eid bedeutet, wissen wir. R. B. wohnt mit seiner sogen. Braut Rutschbahn 23 natürlich eine Christin. Für die Geschwister zahlt R. B. die Miete. Das Geschäft des R. B. ist unkontrollierbar, alle drei handeln mit Lotterie Losen. Ich habe R. B. angewiesen, seine beiden Geschwister in seine 5½ Zimmerwohnung aufzunehmen. Er spare dadurch die Miete und von dem Gelde können die Geschwister schon leben. Ausserdem habe ich R. B. anheim gestellt, Antrag auf U.[nterhalt] für seine Geschwister bei der jüdischen Gemeinde zu stellen, da er damit rechnen müsse, dass die U. von der F’behörde eines Tages eingestellt wird.
R. B. erklärte mir Anfangs sein Geschäft bringe nichts ein usw die üblichen Klagen. Als ich sagte seine Geschwister mit in seine Wohnung zu nehmen, sagte er, das könne er nicht, er brauche die Wohnung für sein Geschäft. Also einmal so – und dann wieder anders, je nach Lage der Sache. Typisch bei Juden.
M.[artin] B. kenne ich seit ca 10 Jahren. Er hat öfter bei mir in der Grindelallee Lotterie Lose verkauft. Mit seiner Krankheit ist es auch nicht so schlimm, jedenfalls braucht er nicht nach Friedrichsberg.
Es geht nicht an, dass 3 ledige Geschwister 2 Haushaltung in 2 wohnungen führen, um dadurch von der F’behörde U. zu beziehen, wenn ein gemeinschaftlicher Haushalt geführt werden kann wozu die erforderlichen Mittel vorhanden sind.
Eine weitere U.[nterstützung] kann nicht befürwortet werden." [sic].

Im Dezember 1935 wurde Martin trotz der Bemühungen seines Bruders, ihm einen Anstaltsaufenthalt zu ersparen, in die Staatskrankenanstalt Langenhorn eingeliefert. Wir wissen nicht, wie es ihm dort erging. Seine Krankenakte existiert nicht mehr.

Im Juni 1936 zog Richard Bragenheim zusammen mit seiner Schwester in eine Wohnung der ehemaligen Minkel Salomon David Kalker-Stiftung in der Straße Rutschbahn 25a, Haus 1 I. Richard Bragenheim fand eine neue Geldquelle, als er im Januar 1937 als Mitglied in den Hamburger Tempelchor in der Oberstraße aufgenommen wurde.

Nachdem Richard Bragenheim 1937 seine Verlobte Erna Blumenthal, geboren am 28. Januar 1888 in Hamburg, geheiratet hatte, zog er aus der gemeinsamen Wohnung mit seiner Schwester aus. Das Ehepaar Bragenheim bekam eine Wohnung in der Isestraße 86. Richards Schwester Erna wohnte zur Untermiete in der Isestraße 91. Richard Bragenheim und seine Frau Erna unterstützten Erna Bragenheim, so gut es eben ging. Alle drei lebten in sehr bescheidenen Verhältnissen.

1940 war Richard Bragenheim wegen angeblich illegaler Geschäfte für kurze Zeit im "Gewahrsam der Gestapo". Das Verfahren gegen ihn wurde aber eingestellt, weil ihm nichts Verbotenes nachgewiesen werden konnte.

Im Frühjahr/Sommer 1940 plante die "Euthanasie"-Zentrale in Berlin, Tiergartenstraße 4, eine Sonderaktion gegen Juden in öffentlichen und privaten Heil- und Pflegeanstalten. Sie ließ die in den Anstalten lebenden jüdischen Menschen erfassen und in sogenannten Sammelanstalten zusammenziehen. Die Heil- und Pflegeanstalt Hamburg-Langenhorn wurde zur norddeutschen Sammelanstalt bestimmt. Alle Einrichtungen in Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg wurden angewiesen, die in ihren Anstalten lebenden Juden bis zum 18. September 1940 dorthin zu verlegen.

Martin Bragenheim gehörte zu den Patienten, die schon länger in Langenhorn lebten. Am 23. September 1940 wurde er mit weiteren 135 Patienten aus norddeutschen Anstalten nach Brandenburg an der Havel transportiert. Noch an demselben Tag töteten man die Patienten in dem zur Gasmordanstalt umgebauten Teil des ehemaligen Zuchthauses mit Kohlenmonoxyd. Nur Ilse Herta Zachmann entkam zunächst diesem Schicksal (siehe dort).

Der Geburtsregistereintrag von Martin Bragenheim enthält einen Vermerk, nach dem das Standesamt Chelm II seinen Tod unter der Nummer 425/1941 registriert hat. In Chelm gab es jedoch nie ein Standesamt. Seine Erfindung und die Verwendung falscher Sterbedaten dienten dazu, die Mordaktion zu verschleiern und zugleich entsprechend länger Verpflegungskosten einzufordern.

Paul Bragenheim starb, wie sich aus dem Aufnahme- und Entlassungsbuch der Anstalt ergibt, am 12. Januar 1940 in Sachsenberg bei Schwerin.

Richard Bragenheim starb in Hamburg im Januar 1941. Im Sterberegister wurde als Beruf Chorsänger vermerkt. Seine Witwe, Erna Bragenheim, lebte nun wohl allein in der Isestraße 86. Richards Schwester, Erna, hatte die Isestraße 86 im Mai 1939 verlassen und war in eine Stiftswohnung am Großneumarkt 56 gezogen.

Beide Frauen wurden am 25. Oktober 1941 nach Lodz deportiert. Richard Bragenheims Witwe, Erna, wurde am 10. Mai 1942 in Chelmno ermordet. Über das weitere Schicksal von Richards Schwester ist nichts bekannt. Für beide liegen Stolpersteine in der Isestraße 86 neben dem für Martin Bragenheim.


Stand: November 2017
© Ingo Wille

Quellen: 1; 2; 4; 9; AB; StaH 133-1 III Staatsarchiv III, 3171-2/4 U.A. 4, Liste psychisch kranker jüdischer Patienten der psychiatrischen Anstalt Langenhorn, die aufgrund nationalsozialistischer "Euthanasie"-Maßnahmen ermordet wurden, zusammengestellt von Peter von Rönn, Hamburg (Projektgruppe zur Erforschung des Schicksals psychisch Kranker in Langenhorn); 314-15 Oberfinanzpräsident FVg 4405 (2); 332-5 Standesämter 8093 Sterberegisterauszug Nr. 133/1928 Walli Bragenheim geb. Sachs, 8174 Sterberegisterauszug Nr. 37/1941 Richard Bragenheim;
351-14 Arbeits- und Sozialfürsorge – Sonderakten 1015 Erna Bragenheim; 352-8/7 Staatskrankenanstalt Langenhorn Abl. 1 1995 Aufnahme-/Abgangsbuch Langenhorn 26.8.39 bis 27.1.1941; 522-1 Jüdische Gemeinde Nr. 992 e 2 Band 1 Deportationslisten; UKE/IGEM, Karteikarte Martin Bragenheim der Staatskrankenanstalt Friedrichsberg; Landeshauptarchiv Schwerin, 5.12_7/11 Sgn. 13976, Aufnahme- und Entlassungsbuch Sachsenberg, Auskunft des LHA vom 19.5.2016; Stadtarchiv Güstrow, Geburtsregisterauszug Nr. 49/1882 Martin Bragenheim; Stadtarchiv Berlin Geburtsregisterauszug Nr. 231/1888 Erna Blumenthal; Uwe Lohalm, An der Inneren Front, Fürsorge für die Soldatenfamilie und "rassenhygienische" Krankenpolitik, S. 456ff., in: "Hamburg im Dritten Reich", hrsg. von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, Göttingen 2005;
 W. Mosel, Wegweiser zu ehemaligen jüdischen Stätten im Stadtteil Rotherbaum, Hamburg, 1969, S. 73f.; Auszüge aus den Volkszählungen 1900 und 1919 des Großherzogthums Mecklenburg-Schwerin, ancestry.de, Zugriff am 14. Mai 2016.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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