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Bereits verlegte Stolpersteine



Wilhelm Waltereit 1938 in der Staatskrankenanstalt Langenhorn
© Staatsarchiv Hamburg

Wilhelm Waltereit * 1893

Harburger Ring 8 (Harburg, Harburg)


HIER WOHNTE
WILHELM WALTEREIT
JG. 1893
MEHRMALS VERRHAFTET
ZULETZT 1939
KZ FUHLSBÜTTEL
ERMORDET 3.3.1941
SACHSENHAUSEN

Weitere Stolpersteine in Harburger Ring 8:
Elli Wichmann

Wilhelm Heinrich Waltereit, geb. am 2.8.1893 in Harburg, mehrfach inhaftiert 1937-1940, gestorben am 3.3.1941 im KZ Sachsenhausen

Stadtteil Harburg-Altstadt, Harburger Ring 8 (Friedrichstraße 17)

Wilhelm Waltereit stammte aus einer weit verzweigten Harburger Familie und war der Sohn von Karl Friedrich Waltereit und Henriette, geb. Belyer. Er besaß sechs Geschwister, die wiederum etliche Kinder hatten. Sein ältester Bruder soll Kriminalinspektor gewesen sein, ein Neffe war Prokurist "auf der Phoenix".

Wilhelm Waltereit wurde 1908 aus der obersten Volksschulklasse entlassen. Er trat keine Lehre an, sondern arbeitete bis 1936 u. a. als Kontorbote bei den Harburger Eisen- und Bronzewerken, als Lichtpauser bei der Firma Christiansen und Meyer, als Arbeiter in der Gummikammfabrik Harburg, bei der Reichsbahn und in den Wanderarbeitsstätten Harburg. Trotz Krankheiten, Unfällen und schweren Kriegsverwundungen hatte Wilhelm Waltereit immer eine Arbeitsstelle, bis er 1936 wegen Lohnforderungen und einer sich anschließenden arbeitsgerichtlichen Auseinandersetzung arbeitslos wurde. Seitdem erhielt er wöchentlich 12,20 RM Erwerbslosenunterstützung zuzüglich 13,40 RM "Kriegsrente".

Wilhelm Waltereit blieb ledig. Als Grund gab er – außer einer unglücklichen Liebe – an, für eine Familiengründung zu wenig verdient zu haben. In einem im Mai 1938 verfassten Lebenslauf bezeichnete er den Tod seiner 84-jährigen Mutter im Jahre 1937 als das Schwerste, was ihn getroffen habe.

Wilhelm Waltereit wurde alkoholabhängig. Eine Untersuchung in der Krankenanstalt Langenhorn im Mai 1938 ergab, dass er nach einer "Alkoholprobe" von "1½ Flaschen Tarragona-Wein", die der behandelnde Arzt angeordnet hatte (!), keine schwerwiegenden Ausfälle zeigte.

Befragt über seine sexuelle Veranlagung, bestritt Wilhelm Waltereit 1937 und 1938 homosexuelle Neigungen, vermutlich eine Schutzbehauptung. Denn an anderer Stelle räumte er homosexuelle Handlungen während des Ersten Weltkriegs sowie mit zwei seiner Neffen in den Jahren 1917 und 1932 ein. Wegen dieser Vorgänge wurde er nie angeklagt, da sie 1937, als er sie eingestand, verjährt waren. Wilhelm Waltereit behauptete, 1920 wegen Erregung eines öffentlichen Ärgernisses zu 200 RM verurteilt worden zu sein. Doch war er nach dem Strafregisterauszug vom 30.11.1937 unbestraft. Seine Mitteilungen, ausgenommen vermutlich die Verführung eines Neffen, müssen auch deshalb mit Vorsicht betrachtet werden, weil sie möglicherweise dem Alkoholkonsum geschuldet sind.

Wie dem auch sei: Am Abend des 26. Oktobers 1937 stieß er in angetrunkenem Zustand an der Dreifaltigkeitskirche in der Harburger Innenstadt auf eine Gruppe von neun männlichen Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 20 Jahren. Nach deren Berichten war Wilhelm Waltereit zudringlich, fasste sie um die Hüfte, machte anzügliche Bemerkungen, versprach Schokolade und Grog und soll dem Jüngsten dieser Gruppe an den Oberschenkel gegriffen haben. Nachdem die Jugendlichen mit ihm ihr Spiel getrieben, sich scheinbar auf ihn eingelassen hatten und mit ihm durch die westliche Harburger Innenstadt gezogen waren, brachten sie ihn zur Polizeiwache in der Marienstraße, und der Jüngste zeigte ihn bei der Polizei an.

Bis zum 9. Dezember 1937 wurde er im KZ Fuhlsbüttel in "Schutzhaft" genommen.
Während der kriminalpolizeilichen Vernehmungen bestritt Wilhelm Waltereit, sich am 26. Oktober 1937 strafbar gemacht zu haben, räumte aber eine gleichgeschlechtliche Handlung im Jahre 1936 ein, was er im Prozess am 4. Februar 1938 widerrief. Deshalb setzte das Gericht die Verhandlung aus und ordnete weitere Untersuchungen an. Im zweiten Prozesstermin am 14. Oktober 1938 verurteilte der Richter ihn zu sechs Monaten Gefängnis unter Anrechnung der Untersuchungshaft, sodass er noch am selben Tag entlassen wurde.

Nur 4½ Monate später, am 4. März 1939, wurde Wilhelm Waltereit erneut in "Schutzhaft" im KZ Fuhlsbüttel genommen, wo er bis zur Überführung in die Untersuchungshaft am 10. März 1939 verblieb. Am 17. Juli 1939 verurteilte ihn das Gericht wegen "eines versuchten Sittenverbrechens" zu einer Strafe von 15 Monaten Zuchthaus, die er bis zum 24. Oktober 1940 im Zuchthaus Fuhlsbüttel verbüßte. Er wurde danach nicht zu seiner Harburger Adresse, sondern zur "P. B." (Polizeibehörde) entlassen. Wie viele Leidensgenossen auch, ist er vermutlich über das innerstädtische Polizeigefängnis Hütten in das KZ Sachsenhausen gebracht worden, wo er die Häftlingsnummer 35047 trug. Innerhalb des Konzentrationslagers wurde er am 21. Februar 1941 vom Häftlingsblock "Isolierung" in den Krankenbau verlegt, wo er am 3. März 1941 angeblich an "akuter Herzschwäche" ums Leben kam.

© Gottfried Lorenz/Ulf Bollmann

Quellen: StaH, 213-11 Staatsanwaltschaft Landgericht – Strafsachen, 9766/38; 213-8 Staatsanwaltschaft Oberlandesgericht – Verwaltung, Abl. 2, 451 a E 1, 1 b und Abl. 2, 451 a E 1, 1 d; 242-1II Gefängnisverwaltung II, Abl. 13, 16; 352- 8/7 Staatskrankenanstalt Langenhorn, Abl. 1995/2 Nr. 24875; Auskunft aus dem Archiv der Gedenkstätte Sachsenhausen mit Hinweisen auf verschiedene Quellen im FSB-Archiv, Moskau N-19092/Tom 97, Bl. 061; Russisches Staatliches Militärarchiv Moskau 1367/1/54, Bl. 303; Archiv Sachsenhausen JSU 1/97, Bl. 061; D 1 A/1054, Bl. 041; Sterbeurkunde beim Standesamt Oranienburg Nr. 310/1941 (I), Bl. 416; Internationaler Suchdienst (IST) Bad Arolsen Doc. No. 4111113#1 (1.1.38 1/0001-0189/0172/0073), 4085002#1 (1.1.38 1/0001-0189/0046/0197).

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