Namen, Orte und Biografien suchen


Bereits verlegte Stolpersteine



Wolfgang Engel * 1938

Von-Heß-Weg 6 (Hamburg-Mitte, Hamm)


HIER WOHNTE
WOLFGANG ENGEL
JG. 1938
EINGEWIESEN 10.9.1941
‚ALSTERDORFER ANSTALTEN’
"VERLEGT" 6.8.1943
HEILANSTALT KALMENHOF
ERMORDET 20.8.1943

Weitere Stolpersteine in Von-Heß-Weg 6:
Helene Herschander

Wolfgang Engel, geb. 27.8.1938 in Mainz Tod am 20.8.1943 Kalmenhof/Idstein

Wolfgang Engels Vater kam aus nicht näher bekannten beruflichen Gründen nach Hamburg und wohnte mit seiner Frau und ihrem schwer behinderten Sohn Von-Hess-Weg 6. Der Vater, ein Ingenieur, hatte die Position eines Betriebsleiters inne.

Wolfgang wurde in Mainz im Alice-Heim, einem zum Roten Kreuz gehörenden Krankenhaus, als Zangengeburt geboren. Dabei erlitt er eine schwere Verletzung und wurde noch im Krankenhaus getauft. Die Folgen der Schädigung machten sich erst allmählich und dann immer stärker in Störungen seiner Bewegungen und seines Hör- und Sehvermögens bemerkbar, weshalb die Eltern namhafte Kinderärzte in Mainz und Berlin aufsuchten. Angesichts der Schwere der Behinderung und der Aussichtslosigkeit auf Besserung, geschweige denn Heilung, empfahlen sie, Wolfgang in Anstaltspflege zu geben, wozu sich die Eltern jedoch nicht entschließen konnten. Er entwickelte sich körperlich zwar zunächst altersgemäß, konnte aber auch mit drei Jahren weder sitzen noch stehen noch gehen und lernte auch nicht zu sprechen. Wolfgangs Kopf nahm eine längliche, fast turmförmige Gestalt an und blieb kleiner, als es seinem Alter entsprach - er war "mikrocephal". Da Wolfgang nicht kauen konnte, wurde er mit Breien ernährt, da er nicht laufen lernte, musste er getragen werden. Nach drei Jahren der schweren Pflege ihres Sohnes war Frau Engel nicht länger dazu in der Lage.

Obwohl "Mikrocephalie" ein Leiden war, das die Hausärztin, Anna Maria Wagner, dem 1939 gegründeten "Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden" hätte melden müssen (s. Stolpersteinbroschüre Hamburg-Rothenburgsort), unterließ sie es und unterstützte stattdessen mit einem entsprechenden Überweisungsschreiben den Wunsch der Eltern, Wolfgang auf eigene Kosten in den damaligen Alsterdorfer Anstalten unterzubringen. Andernfalls wäre Wolfgang bei der Schwere seiner Behinderung zur Beobachtung in eine sog. Kinderfachabteilung eingewiesen worden, von denen es je eine in der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn und im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort gab (s. Stolpersteinbroschüre Hamburg-Rothenburgsort).

Es dauerte vier Monate, bis dem Aufnahmeantrag von Wolfgangs Vater an die Anstaltsleitung stattgegeben und Wolfgang Engel am 10. September 1941, wie üblich auf der Kinderkrankenstation der Anstalt, aufgenommen wurde. Dort blieb er vier Monate. Bei der Aufnahme wurde vermerkt, dass er "sauber an Körper und Kleidung" und "vollkommen hilflos" sei, nicht "sauber gehalten werden" könne und nur Breikost erhalte. Das erbgesundheitliche Gutachten, das Dr. Gerhard Kreyenberg erstellte, bestätigte, dass Wolfgang nicht erblich vorbelastet war.

Wolfgangs Krankenakte enthält nur spärliche Einträge. Nach der Aufnahme betraf der nächste Vermerk seine Verlegung auf die Kinderabteilung 10. Auch in den folgenden Monaten wurden keine Einzelheiten seines Verhaltens und Ergehens festgehalten, nur zwei Diphtherie-Schutzimpfungen im ersten Halbjahr 1942 wurden notiert. Am 15. Juni 1942 wurde über die bekannten Aussagen zu Hilflosigkeit und Körperpflege hinaus festgestellt, er "ist aber ruhiger geworden und schreit nicht mehr so viel. Stößt mit seinem Kopf immer gegen die Bettwand, bekommt auch öfter Krampfanfälle, schreit dann plötzlich auf, der ganze Körper verkrampft sich, danach fällt er sofort in einen tiefen Schlaf". Wolfgang wurde auf die Abteilung 12 und zurück auf die Abteilung 10 verlegt, wo er blieb, unterbrochen nur durch einen Aufenthalt auf der Infektionsabteilung wegen Scharlachs.

Das Jahr 1943 begann für ihn mit einer Erkrankung an Windpocken, das Jahresende erlebte er nicht mehr. Der Feuersturm des 27./28. Juli 1943 zerstörte die Wohnung im Von-Hess-Weg 6.

Frau Engel zog zu ihren Eltern nach Rinteln im Weserbergland und erkundigte sich von dort aus sofort nach Wolfgangs Ergehen. Am 24. August informierte die Leitung der damaligen Alsterdorfer Anstalten sie über seine Verlegung nach Idstein, offenbar unter ihrer früheren Adresse, denn sie erhielt die Nachricht nicht. Die Anstaltsleitung war offenbar selbst nicht darüber informiert, dass Wolfgang da schon nicht mehr lebte.

Auch Teile der damaligen Alsterdorfer Anstalten wurden bei den schweren Luftangriffen Ende Juli/Anfang August zerstört. Um Raum zu schaffen, erwirkte die Anstaltsleitung die Zustimmung der Hamburger Gesundheitsverwaltung zur Verlegung von mehreren hundert Patientinnen und Patienten in weiter entfernte und zudem "luftsichere" Anstalten. Die Organisation übernahm die T4-Zentrale in Berlin, die für die Durchführung der Massentötungen von Bewohnern und Bewohnerinnen von Heil- und Pflegeanstalten in Gaskammern eingerichtet und trotz des "Euthanasie"-Stopps im August 1941 nicht aufgelöst worden war. Eine Unterorganisation, die GeKraT, schickte am 7. August 1943 ihre berüchtigten grauen Busse für den Transport von 128 Kindern und Männern nach "Alsterdorf", um sie zum Bahnhof Ochzenzoll zu bringen, wo sie in einen Zug umstiegen oder umgeladen wurden. Dieses war der erste von drei Transporten und führte nach Hessen.

52 Kinder, unter ihnen Wolfgang Engel, waren für die "Heilerziehungsanstalt Kalmenhof" in Idstein am Taunus bestimmt. Der Kalmenhof genoss zu Beginn der NS-Herrschaft noch einen guten Ruf als Heilanstalt, wurde aber später in das "Euthanasie"-Programm einbezogen und erhielt 1941 eine "Kinderfachabteilung". Schon zwölf Tage nach seiner Verlegung wurde Wolfgang Engel ermordet, vermutlich durch eine Spritze überdosierten Morphiums, ohne dass das vorgeschriebene Verfahren des "Reichsausschusses" durchlaufen wäre.

Im Gegensatz zu dem Tod vieler anderer Ermordeter wurde seiner im Sterberegister der Stadt Idstein festgehalten, wobei sein Geburtsort und seine Eltern als "unbekannt" vermerkt wurden. Die seinerzeit fehlenden Angaben wurden 1961 nachgetragen: "Wolfgang Friedrich; Geburtsort: Mainz (Standesamt Mainz Nr. 1654/1938); Vater: Betriebsingenieur Otto Friedrich Karl Engel, Mutter: Johanna Luise Maria Engel geborene Bergmann, beide wohnhaft in Mainz-Gustavsburg."

© Hildegard Thevs

Quellen: Evangelische Stiftung Alsterdorf, Archiv, V 50; Wunder, Michael, Ingrid Genkel, Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr. Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus, 2. Aufl. Hamburg 1988; Mitteilungen von Angehörigen von Anna Maria Wagner; Stadtarchiv Idstein, Sterberegister 1943.

druckansicht  / Seitenanfang