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Theodor Plath * 1913

Eilenau 16 (Hamburg-Nord, Hohenfelde)


HIER WOHNTE
THEODOR PLATH
JG. 1913
EINGEWIESEN 11.8.1916
ALSTERDORFER ANSTALTEN
VERLEGT 11.8.1943
HEILANSTALT MAINKOFEN
TOT 12.1.1944

Theodor Plath, geb. am 11.4.1913 in Hamburg, ermordet am 12.1.1944 in der "Heil- und Pflegeanstalt" Mainkofen
Eilenau 16

Theodor Plath stammte aus der wohlhabenden Hamburger Fabrikantenfamilie Plath. Sein Vater Theodor C. Plath, geboren am 21. November 1868 in Hamburg, war Optikersohn und selbst von Beruf Optiker. 1889 wurde er Mitinhaber der väterlichen Firma "C. Plath, Fabrik von nautischen Instrumenten", die er 1908 als Alleininhaber übernahm. 1898 heiratete er Minna Eggers aus Oevelgönne. Beide gehörten der lutherischen Kirche an. Aus ihrer Ehe gingen drei Kinder hervor, zwei Töchter und 1902 der Stammhalter Johann Christian. Zwei Jahre nach dessen Geburt starb Minna Plath. Ihr Mann ging vier Jahre später, am 15. September 1908, eine zweite Ehe ein. Er heiratete die zehn Jahre jüngere Alice Reichardt. Sie brachte nach einer Tochter den Sohn Theodor zur Welt, den sie Tetzi nannte. Er wurde am 22. November 1913 in der Kirche St. Gertrud an der Mundsburg getauft.

Tetzis Entwicklung verlief anders als die seines Halbbruders Johann Christian. Sein Schädel verformte sich. Mit zwei Jahren lernte er Gehen, aber niemals Sprechen. Seine Statur blieb zierlich. 1916 wurde er im Alter von drei Jahren in den damaligen Alsterdorfer Anstalten als "Pensionär" aufgenommen, einer der wenigen Patienten, deren Aufenthalt privat bezahlt wurde. Der Pensionspreis für Ernährung und Erziehung betrug 1500 Mark im Jahr, hinzu kamen die Kosten für die vorgeschriebene Kleidung.

Der dreijährige Theodor brachte seinen Kuschelbären mit nach Alsterdorf und lebte sich schnell ein. Er nannte die Schwester "Mama" und spielte ohne Scheu mit den anderen Kindern. Seine Atmung wurde durch vergrößerte Mandeln eingeschränkt, die nach Meinung des Oberarztes entfernt werden sollten. Dazu war die Zustimmung des Vaters nötig. Auf einer Postkarte mit dem Firmenlogo – ein stilisierter Seemann mit einem Sextanten – teilte dieser der Anstalts-leitung mit, dass er die Entscheidung darüber bis nach Pfingsten [1918, Anm. d. Verf.] aufschieben werde. Schließlich gab er seine Einwilligung und Tetzis Mandeln wurden entfernt.

Auch während der Inflationszeit arbeitete die Firma C. Plath erfolgreich. Theodor C. Plath kam den Zahlungsverpflichtungen für seinen Sohn teils in Gold-, teils in Papiermark nach. So überwies er am 16. November 1923 135 Goldmark für Pensionskosten und 77 Milliarden Mark für Schuhsohlen, Absätze und Stiefelbänder. Mit dem Niedergang der Schifffahrt im Gefolge der Weltwirtschaftskrise gingen Theodor C. Plaths Einkünfte jedoch so weit zurück, dass er 1933 eine Ermäßigung des Kostgelds beantragte. Der Betrag wurde von 2,70 Reichsmark pro Tag auf 2,40 Reichsmark gesenkt.

Außer dass Tetzi nicht sprach, war sein Verhalten zunächst unauffällig. Das änderte sich jedoch mit zunehmendem Alter. Einerseits blieb er anhänglich, war nervös und ängstlich, andererseits erkundete er selbstständig das Gelände und andere Abteilungen, wobei er auch fremde Dinge an sich nahm, die er entweder sammelte oder wegwarf. Mehrfach lag er wegen Grippe und anderer Infektionskrankheit im Krankenhaus. Als junger Mann wurde er der Außenkolonne zugeteilt, wo er bis zu seiner Verlegung aus der Anstalt verblieb. Die Außenkolonne erledigte Außenarbeiten im Gelände der damaligen Alsterdorfer Anstalten, darunter Laub harken und Wege fegen. Wer dieser Kolonne zugeteilt war, hielt sich viel an der frischen Luft auf, konnte sich freier bewegen als auf der Abteilung und zudem ausarbeiten. Allmählich wurde aus Tetzi Theodor. Er war gutmütig und wurde von seinen Kameraden ausgenutzt. In seiner Freizeit beguckte er Bilder und rauchte, die Zigaretten erhielt er auch im Tausch für persönliche Gegenstände. Da er anstaltsbedürftig blieb, brauchte er nicht entmündigt zu werden. 1936 bescheinigte ihm das Wehrbereichskommando Hamburg die Wehruntauglichkeit. War er unbeaufsichtigt, spielte er mit Kameraden kindliche Streiche – darunter Wasserschlachten, Toben über Tische und Bänke und das Zündeln mit Streichhölzern. Von der Arbeit kehrte er regelmäßig so schmutzig zurück, dass er gründlich "gescheuert" werden musste, wie das Pflegepersonal schrieb. Auch wuchs sein Appetit und ließ sich nicht stillen.

Alice und Theodor C. Plath hielten Zeit ihres Lebens engen Kontakt zu ihrem Sohn. Sie nahmen die offiziellen Besuchszeiten wahr und erwirkten darüber hinaus Besuchsgenehmigungen zu Weihnachten und an seinen Geburtstagen. 1929 starb sein einziger Bruder Johann Christian, der die Firma hätte übernehmen sollen.

Im März 1943 musste Theodors Anzug geändert werden, was 25 Reichsmark kosten würde. Der Vater gab der Anstaltsleitung den Auftrag dazu und übernahm die Kosten. Im selben Schreiben bat er um die Genehmigung eines Besuchs einen Tag vor der regulären Besuchszeit: Die Eltern wollten mit ihrem Sohn seinen 30. Geburtstag am 11. April feiern. Sie erhielten die Genehmigung und alle drei trafen sich am Geburtstagsnachmittag um 14 Uhr in der Eingangshalle.

Wegen seines Verhaltens wurde Theodor Plath im ersten Halbjahr 1943 innerhalb der Anstalt dreimal verlegt. Seine Eltern Alice und Theodor Plath wurden bei den schweren Luftangriffen auf Hamburg im Juli/August 1943 in der Eilenau 16 ausgebombt und fanden vorübergehend in Pommern eine Unterkunft. Bereits im Herbst kehrten sie offenbar nach Hamburg zurück. Da war ihr Sohn Theodor bereits aus Alsterdorf abtransportiert worden. Da bei den Luftangriffen auf Hamburg auch die damaligen Alsterdorfer Anstalten beschädigt worden waren, ließ der Anstaltsleiter mehrere hundert Patienten und Patientinnen in "luftsichere" Gebiete verlegen. Theodor Plath wurde am 11. August 1943 zusammen mit 112 anderen Männern in die "Heil- und Pflegeanstalt" Mainkofen bei Passau verlegt. Der Vater bemühte sich auch weiterhin um Kontakt zu seinem Sohn und schickte Geld für Zigaretten. Einen Besuch verschoben seine Frau und er auf friedlichere Zeiten.

Aufgrund des Hungerkost-Erlasses des Bayrischen Staatsministeriums vom 30. November 1942 erhielten die Kranken eine kalorien-, fleisch- und fettarme Nahrung, die sie anfällig für schwere Infektionskrankheiten machte. Etwa fünf Monate nach seiner Ankunft in Mainkofen erkrankte Theodor Plath schwer. Er fieberte, hustete stark und seine Kräfte verfielen. Mit dem Verdacht auf Tuberkulose wurde er innerhalb der Anstalt von Haus 7 nach Haus 18 verlegt. Dort starb er am 12. Januar 1944 im Alter von 30 Jahren angeblich an einer Lungentuberkulose. Er wurde auf dem Anstaltsfriedhof beerdigt.

Sein Vater wandte sich mit dem Wunsch, die Leiche des Sohnes später einäschern und nach Hamburg überführen zu lassen, an die Anstaltsleitung. Ob seinem Wunsch entsprochen wurde, ließ sich nicht feststellen. Das letzte Schreiben der "Heil- und Pflegeanstalt" Mainkofen an ihn mit Datum vom 20. Januar 1944 lautete: "Die Effekten Ihres Sohnes sind aufgebraucht. Irgendwelche Wertgegenstände oder Erinnerungsstücke hat er nicht hinterlassen. Die Betreuung des Anstaltsfriedhofes sowie die Schmückung der Gräber in einfacher Form geschieht durch die Anstaltsgärtnerei. Für die besondere Schmückung des Grabes wäre pro Jahr ein Betrag von RM 5 unter Angabe des Zweckes an die Anstalt zu überweisen.

Die Beerdigungskosten wurden der Zentralverrechnungsstelle Heil- und Pflegeanstalten in Linz (Donau) Postfach 324 in Rechnung gestellt."

Der verbliebene Betrag von 18,09 Reichsmark auf Theodor Plaths Zigarettenkonto wurde am 18. Januar 1944 an die Zentralverrechnungsstelle überwiesen.

Epilog Karen Haubenreisser, Nichte von Rolf Haubenreisser, der als Achtjähriger mit demselben Transport wie Theodor Plath in die "Heil- und Pflegeanstalt" Mainkofen verlegt worden war, begann 2011 in Mainkofen nach den Spuren ihres Onkels zu suchen. Nichts erinnerte mehr an ihn oder die anderen Opfer der "Bayerischen Hungerkost" und sonstiger Todesursachen, nur eine allgemein gehaltene, unscheinbare Platte im Klinikbereich. Der Friedhof war abgeräumt, teilweise in einen Park integriert. Karen Haubenreisser betrieb mit Unterstützung Michael Wunders von der Ev. Stiftung Alsterdorf bei der Bezirksregierung die Einrichtung einer Lehr- und Gedenkstätte, in der die Namen aller Toten mit Geburts- und Todesdatum aufgeführt werden. Ende Oktober 2014 wurde die Gedenkstätte auf dem Gelände des heutigen Bezirksklinikums Mainkofen eröffnet. Auf zwei Glasstelen sind die Namen der Opfer des "Hungerkost"-Erlasses sowie der zur Tötung nach Hartheim verbrachten Opfer aus der Heil- und Pflegeanstalt Mainkofen mit Namen und Lebensdaten verzeichnet.

Stand: Mai 2016
© Hildgard Thevs

Quellen: StaH 332-5 Standesämter 6413 u. 297/1898; 6855 u. 360/1904; 6461 u. 419/1908; Ev. Stiftung Alsterdorf, Archiv, V 459; Jenner, Meldebögen, in: Wunder/Genkel/Jenner (Hrsg.), Ebene; Wunder, Abtransporte, in: Wunder/Genkel/Jenner (Hrsg.), Ebene; ders., Exodus, ebd.; Westerholz, S. Michael, Transmitter, Nov. 2013, AG Radio e.V. – F.S.K.; http://www.hagalil.com/archiv/2011/11/15/mainkofen/ - Aufruf 19. Nov. 2013; Ein Ort des Erinnerns an die Opfer der Psychiatrie während der NS-Zeit, auf: www.mainko fen.de/gedenkstaette.html (letzter Zugriff 27.2.2015).

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