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Bereits verlegte Stolpersteine



Elli Wichmann * 1918

Harburger Ring 8 (Harburg, Harburg)


HIER WOHNTE
ELLI WICHMANN
JG. 1918
EINGEWIESEN 1934
ROTENBURGER ANSTALTEN
1941 HEILANSTALT GÜNZBURG
"VERLEGT" 1943
HEILANSTALT KAUFBEUREN
ERMORDET 14.3.1944

Weitere Stolpersteine in Harburger Ring 8:
Wilhelm Waltereit

Ella Emilie Wichmann, geb. am 9.3.1918 in Harburg, eingewiesen in die Rotenburger Anstalten der Inneren Mission, weiterverlegt , ermordet in der "Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee" am 14.3.1944

Stadtteil Harburg-Altstadt, Harburger Ring 8 (Friedrichstraße 20)

Ella Emilie (genannt: Elli) Wichmann wurde als uneheliches Kind der Fabrikarbeiterin und Prostituierten Lina Ella Frieda Akelbein in Harburg geboren. Ihre Mutter heiratete später den Arbeiter August Wichmann und bezog mit ihm und der Tochter eine Wohnung in der Friedrichstraße 20 (Diese Verlängerung der Amalienstraße fiel in den Nachkriegsjahren dem Bau des Harburger Rings und der damit verbundenen Sanierung der Harburger Altstadt zum Opfer).

Elli Wichmann litt an genuiner Epilepsie, einer Krankheit, die auch ihrem nicht weiter bekannten Erzeuger nachgesagt wurde. Den in unregelmäßigen Abständen auftretenden Krampfanfällen folgten bei dem Mädchen oft stundenlange und manchmal sogar tagelange Däm­merzustände, in denen es überhaupt nicht ansprechbar war.

Eilli Wichmanns schulischen Leistungen waren wenig erfreulich. Im August 1933 verließ sie die Volksschule, ohne die Abschlussklasse besucht zu haben. Ihr Fleiß und ihre Ordnungsliebe ließen zu wünschen übrig, und im Abgangszeugnis fehlte nicht der Hinweis auf ihren "Hang zur Unaufrichtigkeit und zur Leichtlebigkeit", an dem ihr Elternhaus nicht unerheblichen Anteil habe.

Ihren Eltern wurde bald danach das Erziehungsrecht entzogen. Im Alter von 15 Jahren wurde Elli Wichmann in eine Anstalt der Diakonie Himmelsthür eingewiesen. Diese Einrichtung der Behindertenhilfe war 1888 von Pastor Bernhard Isermeyer in dem gleichnamigen Dorf bei Hildesheim zunächst als Zuflucht für heimatlose Frauen gegründet und in den Folgejahren auch für andere benachteiligte Menschen ausgebaut worden.

Elli Wichmanns Aufenthalt in diesem Kindererziehungsheim war nicht von langer Dauer. Am 5. Februar 1934 wurde sie wegen verstärkt auftretender Krampfanfälle – zunächst nur zur Beobachtung – in die Rotenburger Anstalten der Inneren Mission eingewiesen. Doch die Diagnose "erbliche Fallsucht und Psychopathie" bewirkte, dass aus diesem ursprünglich nur für kurze Zeit geplanten Besuch ein Daueraufenthalt wurde. Die folgende Therapie führte allerdings nicht zu der erhofften Verbesserung ihres Gesundheitszustandes. Das Gegenteil war der Fall. Während die Krampfanfälle anfangs nur alle vier Wochen auftraten, erfolgten sie ein Jahr später in wöchentlichen Abständen.

Auch in ihrem Verhalten wurde Elli Wichmann im Laufe der Zeit immer auffälliger. Anfangs benahm sie sich – sowohl an ihrem Arbeitsplatz in der Waschküche als auch im Wohn- und Schlafbereich – noch "anstellig und willig". Doch schon bald bereitete sie ihren Betreuerinnen und den anderen Patientinnen immer größere Schwierigkeiten. Wiederholt musste sie aus diesem Grunde ihren Arbeitsplatz wechseln. In einer Stellungnahme zu einem Entlassungsantrag, den Elli Wichmanns Mutter und ihr Mann eingereicht hatten, bemerkte der leitende Arzt der Rotenburger Anstalten, Fritz Wening: "Es ist mehrfach zwischen W. und den anderen Kranken zu Streitigkeiten gekommen, wie sie in keiner Anstalt unter schwachsinnigen und epileptischen Frauen vermieden werden können. In keinem Fall ist W. an dem Ausbruch der Streitigkeiten unschuldig."

Diese Probleme traten besonders nach der Rückkehr der Patientin von einem kürzeren oder längeren Urlaub bei ihren Eltern und Geschwistern in Harburg auf, wie z. B. auch nach dem Kurzurlaub, der ihr im August 1938 gewährt wurde, um an der Beisetzung ihrer Mutter teilzunehmen: "Die Kranke ist in hohem Maße beeinflussbar, entsprechend ihrem Schwachsinn und ihrer Epilepsie. Es würden mit ihr in der Anstalt keine wesentlichen Schwierigkeiten entstanden sein, bzw. entstehen, wenn sie allein der Anstaltserziehung unterzogen wäre und nicht dem ungünstigen und hetzerischen Einfluss von zu Haus her unterstände, der von uns nicht ausgeschaltet werden kann." Aus diesem Grunde kam für die Rotenburger Anstalten auch weiterhin eine Entlassung der Patientin, wie ihr Stiefvater sie anschließend abermals beantragt hatte, unter keinen Umständen in Frage.

Als Elli Wichmann volljährig wurde, leitete das Landesfürsorgeamt der Hamburger Sozialverwaltung ein Entmündigungsverfahren ein. Die ärztliche Leitung der Rotenburger Anstalten hielt es nicht für nötig, dazu ausführlich Stellung zu nehmen, "da sie [Elli Wichmann] unbedingt auf nicht absehbare Zeit in der Anstalt verbleiben muss. Eventuellen Entlassungswünschen von ihrer Seite und der ihrer Angehörigen würden wir eine polizeiliche Einweisungsverfügung entgegensetzen."

Unter diesen Umständen konnte die junge Frau nicht damit rechnen, dass die Vertreter der Rotenburger Anstalten ein positives Wort für sie einlegen würden, als am 24. April 1941 eine Ärztekommission der Berliner T4-Zentrale (siehe Glossar) unter der Leitung Theodor Steinmeiers in der Einrichtung erschien, um sich "die Mehrzahl der Patienten vorführen zu lassen." In den Monaten davor hatte Pastor Johannes Burfeind als Vorsteher der Rotenburger Anstalten wiederholt versucht, den Termin für das Ausfüllen der Meldebogen 1 zur Ermittlung des "Produktivwerts" aller Patientinnen und Patienten immer weiter hinauszuschieben. Als die Berliner T4-Planer diese Verzögerungstaktik nicht mehr länger hinnehmen wollten, entschlossen sie sich, das Heft selbst in die Hand zu nehmen. In nur vier Arbeitstagen begutachteten sie im Beisein einiger Vertreter der Rotenburger Anstalten insgesamt 1150 Pfleglinge dieser Einrichtung.

Auf dieser Grundlage wurden der Leitung der Rotenburger Anstalten im Juli und im Sep­tember 1941 die vorgesehenen Zahlen und Termine für die geplanten Abtransporte von Patientinnen und Patienten in andere Anstalten mitgeteilt, damit die Gebäude, wie es offiziell hieß, für ein Ausweichkrankenhaus zur Verfügung gestellt werden konnten.

Auf der Liste für den 6. Transport von Rotenburger Patientinnen und Patienten in eine andere Anstalt stand auch der Name Elli Wichmanns. Mit 69 anderen Frauen wurde sie am 4. Oktober 1941 in die "Heil- und Pflegeanstalt Günzburg" in Bayern verlegt. Hier verbrachte sie die nächsten beiden Jahre, bis auch diese Einrichtung aus angeblich kriegswichtigen Gründen geräumt werden musste.

Am 17. Dezember 1943 wurde Elli Wichmann mit mehreren anderen Männern und Frauen in die benachbarte "Kreis-Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee" überführt, die in einem ehemaligen Benediktinerkloster untergebracht war. Pflege und Betreuung der Kranken oblag dort im Wesentlichen Nonnen vom Orden der Vinzentinerinnen. Diese Verlegung kam einem Todesurteil gleich.

Valentin Falthauser, der "Erfinder" der so genannten E-(Entzugs-)Kost, war als Chefarzt und Direktor dieser Anstalt stolz auf seine wissenschaftlichen Leistungen. Von Beginn an war er darauf bedacht, an der Spitze des medizinischen Fortschritts im Bereich der Anstaltspsychiatrie zu "marschieren" und neue und neueste Behandlungsmethoden zu testen. Elli Wichmann gehörte zu den Patientinnen und Patienten seines Hauses, an denen er eine spezielle Variante der Elektroschocktherapie ausprobierte, von der er sich gute Ergebnisse für die Be­handlung von Epilepsie erhoffte. Doch bei der jungen Frau waren keine positiven Veränderungen zu verzeichnen.

Zwei Tage später wurde in ihre Krankenakte der Vermerk eingetragen: "Isst sehr wenig. Sieht blass aus. Temperatur abends 39.8°." Daraufhin sandte Hans Mandel, der zuständige Abteilungsarzt, ihrem Stiefvater das folgende Schreiben: "Sehr geehrter Herr Wichmann! Frl. Elli Wichmann, geb. 9.3.1918, geht körperlich recht zurück. Mit ihrem Ableben muss evtl. in nächster Zeit gerechnet werden." Neun Tage später wurden die Gesundheitsämter in Kaufbeuren und Harburg ebenfalls entsprechend informiert. Und wiederum neun Tage später – am 14. März 1944 – war Elli Wichmann tot. Diese Tatsache wurde ihrem Stiefvater telegraphisch von der Verwaltung der "Kreis-Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren" mitgeteilt. An der Beisetzung konnte er nicht teilnehmen, da sein Chef eine entsprechende Beurlaubung ablehnte.

© Klaus Möller

Quellen: Gedenkbuch der Rotenburger Werke der Inneren Mission; Archiv der Rotenburger Werke der Inneren Mission, Krankenakte Elli Wichmanns Nr. 3530, Akte Nr. 123; Rotenburger Werke (Hrsg.), Zuflucht; Cranach/Siemen (Hrsg.), Psychiatrie Nationalsozialismus; Mader, Ernst T.: Sterben.

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