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Bereits verlegte Stolpersteine



Otto Karl Schumann * 1888

Karpfangerstraße 20 (Hamburg-Mitte, Neustadt)


HIER WOHNTE
OTTO KARL SCHUMANN
JG. 1888
VERHAFTET 1935
FUHLABÜTTEL
1944 KZ NEUENGAMME
TOT 3.5.1945
BEIM UNTERGANG
MS ’CAP ARCONA’

Otto Schumann MdHB

Otto Schumann wurde am 5. November 1988 in Magdeburg-Buckau geboren. In seiner Heimatstadt besuchte er zunächst die Volksschule und lernte anschließend den Beruf des Formers.

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg kam Otto Schumann nach Hamburg. Der aktive Gewerkschafter trat bereits 1907, im Alter von 19 Jahren, in die SPD ein. 1908 fand er eine Anstellung bei Blohm & Voss.

Nach dem Ersten Weltkrieg, den Schumann als Soldat an der Westfront verbrachte, bekleidete er in Hamburg Funktionärsposten in der "Gewerkschaft der Former und Gießereiarbeiter" und nach 1925 auch im sozialdemokratischen "Reichsbanner", wo er als Revisor tätig war. Daneben leitete er den SPD-Distrikt "Neustadt".

Das Formerhandwerk übte Schumann bis 1926 aus. Danach wechselte er als Angestellter zum Arbeitsamt, wo er als Arbeitsvermittler tätig war, zuletzt beim Landesarbeitsamt "Nordmark".

Otto Schumann zog über die "Katastrophenwahlen" des Jahres 1931 in die Bürgerschaft ein. Das Anwachsen der Kommunistischen Fraktion von 27 auf 35 Abgeordnete und das der NSDAP von 3 auf 43 Abgeordnete machte die Bürgerschaft angesichts der fortan bestehenden Sperrminorität der radikalen Parteien handlungsunfähig und zwang den Koalitionssenat aus SPD, Staatspartei und DVP zum Rückgriff auf das Notverordnungsrecht. Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit hatten damit auch in Hamburg dazu geführt, dass der Parlamentarismus von den radikalen Parteien aus den Angeln gehoben werden konnte. Es war unter diesen Bedingungen für Schumann kaum möglich, als neuer Abgeordneter Akzente zu setzen und politisch gestaltend tätig zu werden. Die Möglichkeit zur sachbezogenen Arbeit war angesichts der zahlreichen, allein auf propagandistische Wirkung zielenden Anträge der Nationalsozialisten und Kommunisten ohnehin nicht mehr gegeben. Auch die Neuwahlen vom April 1932, bei denen Schumann erneut ein Mandat erhielt, brachten keine Änderung des eingetretenen Verfassungsnotstandes.

Als Redner für seine Partei ist Otto Schumann kaum hervorgetreten. Er widmete sich der Ausschussarbeit und war hier u.a. verkehrspolitischen Fragen zugewandt. Sein Mandat verlor der sozialdemokratische Abgeordnete im Zuge der "Gleichschaltung" des Hamburger Parlaments Ende März 1933.

Schumann gehörte von Anbeginn zu den Kritikern des strengen Legalitätskurses der SPD-Parteiführung. Er hielt es für nicht ausreichend, unter den Bedingungen der Diktatur vom "Boden der Gesetzlichkeit" aus Oppositionsarbeit zu betreiben. Mit der Beschlagnahme des Parteivermögens am 10. Mai 1933, dem Tag des Zusammentritts der "gleichgeschalteten" hamburgischen Bürgerschaft, sah Schumann endgültig den Zeitpunkt gekommen, die illegale Parteiarbeit zu organisieren. Da er ein Parteiverbot für nicht mehr vermeidbar hielt, trat er zusammen mit Fraktionsmitgliedern und Distriktleitern für die Aufgabe der bisherigen Stillhaltetaktik ein. Die von Hans Podeyn noch am Tage der Bürgerschaftseröffnung verkündete "Bereitwilligkeit zur praktischen Mitarbeit" lehnte er ab.

Nach seinem Ausscheiden aus der Bürgerschaft wurde Schumann 1933 von der "Säuberung" des öffentlichen Dienstes durch die Nationalsozialisten getroffen: Unmittelbar nach dem Verbot der SPD wurde der Sozialdemokrat unter Anwendung des sog. "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" aus dem Staatsdienst entlassen. Kurze Zeit später machte er sich als Wäschereibesitzer selbständig.

Schumann hielt Kontakt zu ehemaligen Parteifreunden und war an den, insbesondere von Funktionären der mittleren Organisationsebene getragenen Versuchen zum Aufbau einer illegalen Parteiorganisation beteiligt. Unter Führung von Schumanns Parteifreund und Fraktionskollegen Walter Schmedemann konnten die einzelnen SPD-Distrikte erfasst und personell koordiniert werden. Schumann selbst leitete zeitweise den Distrikt "Hamburg-Neustadt".

Im Einklang mit den Vorgaben der sozialdemokratischen Parteiführung im Exil ("Sopade") wurde versucht, politische Informations-und Aufklärungsarbeit zu leisten. So wurden aus dem Ausland eingeschmuggelte Zeitungen und unter unverfänglichem Titel hergestellte Broschüren politischen Inhalts verteilt. Einen weiteren Schwerpunkt ihrer illegalen Arbeit sah die "Schmedemann-Gruppe" in der sog. "Gefangenenfürsorge". Durch Beitragserhebung und nach Deutschland geschmuggelte Geldspenden aus dem Ausland wurde es ermöglicht, bedürftige Angehörige politischer Gefangener finanziell zu unterstützen. Otto Schumanns Aufgabe war es dabei, die Sammlung und Verteilung der Gelder zu koordinieren. Es war Schumann, der für die illegalen Treffen, an denen er selbst regelmäßig teilnahm, bei einer Bekannten ein Zimmer besorgte. Im Oktober 1934 zerschlug die Gestapo die "Schmedemann-Gruppe" und auch Otto Schumann wurde verhaftet. Das Oberlandesgericht Hamburg verurteilte ihn im November 1934 zu einer Gefängnisstrafe von 21 Monaten.

Über Schumanns politische Tätigkeit nach seiner Haftentlassung ist wenig bekannt. Manches spricht dafür, dass er sich auch weiterhin an der illegalen politischen Arbeit beteiligte. Unmittelbar nach dem Attentat vom 20. Juli wurde Otto Schumann im Zuge der sog. Aktion "Gewitter" verhaftet und in das KZ Neuengamme gebracht.

Als Ende April 1945 im Zeichen der bevorstehenden Kapitulation die "Evakuierung" Neuengammes begann, gehörte Otto Schumann zu den etwa 10 000 Gefangenen, die auf den Todesmarsch zu den in der Lübecker Bucht auf Reede liegenden Schiffen CAP ARCONA und THIELBEK geschickt wurden. Bei einem Angriff britischer Jagdbomber auf zahlreiche Schiffe in der Lübecker Bucht am 3. Mai 1945, der eine Flucht von nationalsozialistischen Kriegsverbrechern ins Ausland verhindern sollte, wurden auch die CAP ARCONA und die THIELBEK angegriffen. 7 000 Häftlinge kamen dabei ums Leben, unter ihnen Otto Schumann.

Im Gedenken an Otto Schumann wurden Straßen in Lohbrügge und Ahrensburg nach ihm benannt.

© Text mit freundlicher Genehmigung der Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg (Hrsg.) entnommen aus: Jörn Lindner/Frank Müller: "Mitglieder der Bürgerschaft – Opfer totalitärer Verfolgung", 3., überarbeitete und ergänzte Auflage, Hamburg 2012


Otto Karl Schumann, geb. am 5.11.1888 in Magdeburg-Buckau, inhaftiert 1935, 1944 im KZ Neuengamme, umgekommen am 3.5.1945 beim Untergang der "Cap Arcona" in der Lübecker Bucht

Karpfangerstraße 20
Rathausmarkt 1 (links vor dem Hamburger Rathaus)

Otto Schumann, in Magdeburg-Buckau geboren, war mit zwei Geschwistern aufgewachsen. Der Vater August Schumann war Arbeiter, die Mutter hieß Emma, geb. Buro. Nach der Volksschule erlernte Otto Schumann den Beruf des Formers und trat 1907 in die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) ein.

Im selben Jahr am 11. September 1907 wurde sein Sohn Otto August Arnold in Fermersleben geboren, dessen Mutter Meta Götze (geb. 21.11.1888 in Magdeburg-Fermersleben, gest. 2.10.1954) heiratete er am 31. Dezember 1910. Zu diesem Zeitpunkt wohnte Meta in der Margarethenstraße 23, Otto noch bei seinen Eltern am Schulterblatt 156. Er arbeitete auf der Werft von Blohm & Voss. Ein weiteres Kind, Tochter Hildegard Meta Emma kam am 25. Dezember 1917 zur Welt.

Nach Ende des Ersten Weltkrieges, in dem Otto Schumann an der Westfront kämpfte, wurde er Gewerkschaftsfunktionär der Former und Gießereiarbeiter. Seit 1924 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold". Durch eine Weiterbildung der "Gewerkschafts- und Parteibildungsarbeit" konnte er 1926 zum Landesarbeitsamt Nordmark, Neuer Jungfernstieg, wechseln und war dort Sachbearbeiter. Zudem betätigte sich Otto Schumann als Jugendpfleger und Schöffe. 1927 wohnte er mit seiner Familie in der dritten Etage der Karpfangerstraße 20. 1931 war er im Schaarsteinweg 22 gemeldet und wurde im selben Jahr als SPD-Abgeordneter in die Hamburgische Bürgerschaft gewählt. Als Abgeordneter nahm er im Juni 1933 an einer Versammlung im Redaktionsgebäude des "Hamburger Echo", der traditionsreichen Tageszeitung der Hamburger SPD in der Fehlandstraße teil, wo die allgemeine politische Situation diskutiert wurde. Da seit April 1933 alle sozialdemokratischen und kommunistischen Versammlungen verboten waren, stürmte die Staatspolizei die Versammlung und verhaftete sämtliche Teilnehmer. Nach sechswöchiger Inhaftierung wurde Otto Schumann dann als Sozialdemokrat im Zuge des Gesetzes "zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" fristlos entlassen.

Im Januar 1934 übernahm er eine Wäscherei im Brauerknechtgraben 36, die sich hervorragend als Tarnung beim Wiederaufbau der mittlerweile verbotenen SPD eignete. Als führendes Mitglied der "Schmedemann-Gruppe" (Walter Schmedemann, 1901–1976, leitete den Sozialdemokratischen Widerstand in Hamburg) organisierte er Geldsammlungen zur Unterstützung inhaftierter Genossen und ihrer Angehörigen und war für die Finanzierung der politischen Arbeit zuständig. Zuletzt leitete er den Distrikt Hamburg-Neustadt, bevor er im Oktober 1934 zusammen mit anderen aus seiner Organisation erneut verhaftet wurde. Die Anklage lautete auf "Vorbereitung zum Hochverrat". Das Hanseatische Oberlandesgericht verurteilte ihn am 18. Juni 1935 zu einem Jahr und neun Monaten Gefängnis. Seine Haftzeit verbrachte er im Strafgefängnis Fuhlsbüttel, anschließend wurde er für ein weiteres Jahr im KZ Sachsenhausen bei Oranienburg in "Schutzhaft" gehalten.

Ob Otto Schumann nach seiner Entlassung weiterhin politisch tätig war, ist nicht überliefert. Im Juli 1943 wurde das Ehepaar Schumann im Brauerknechtgraben ausgebombt und kam in Ahrensburg unter. Dort fand Otto Schumann am 13. September 1943 als Angestellter bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse eine Beschäftigung.

Eine erneute Festnahme erfolgte am 20. August 1944 im Rahmen der "Aktion Gewitter" (auch Aktion Gitter): bekannte ehemalige Bürgerschaftsabgeordnete; Sozialdemokraten, Kommunisten und Liberale wurden verhaftet, vermutlich als Konsequenz aus dem misslungenen Attentat auf Adolf Hitler, um der Opposition – sollte ein weiterer Anschlag gelingen – das Führungspersonal zu nehmen.

Meta Schumann wurde nach der Verhaftung ihres Mannes unter Polizeiaufsicht gestellt, seinen letzten Brief erhielt sie aus dem KZ Neuengamme, datiert vom 26. März 1945. Am 19. April 1945 wurde Neuengamme vor den anrückenden alliierten Truppen geräumt. Im Zuge dieser Evakuierung wurde ein Teil der Häftlinge zur Lübecker Bucht getrieben. Dort gelangten sie auf die "Cap Arcona", ein ehemaliger Luxusdampfer, der zuletzt Flüchtlinge aus Ostpreußen nach Schleswig-Holstein transportiert hatte und nun wegen Maschinenschadens manövrierunfähig in der Ostsee vor Neustadt lag, und die Frachtschiffe "Thielbek" und "Athen".

Am 3. Mai 1945 schossen britische Jagdbomber die Schiffe, die sie für Truppentransporter hielten, in Brand. Die "Thielbek" versank in wenigen Minuten, die brennende "Cap Arcona" kenterte. Die meisten der 4300 bis 6000 Häftlinge (die Angaben variieren) aus verschiedenen Konzentrationslagern (Neuengamme, Stutthof und Auschwitz) verbrannten an Bord, ertranken in der eiskalten Ostsee oder wurden beim Versuch, sich an Land zu retten von Marine- und SS-Angehörigen erschossen. Zu ihnen gehörte auch der Sozialdemokrat Otto Schumann.

Im Juni 2012 wurden links vor dem Eingang des Rathauses 20 Stolpersteine für die ermordeten Bürgerschaftsabgeordneten verlegt. In Ahrensburg und Hamburg-Lohbrügge wurden Straßen nach Otto Schumann benannt.


Stand: August 2018
© Susanne Rosendahl

Quellen: StaH 332-5 Standesämter 3156 u 792/1910; StaH 332-5 Standesämter 9976 u 975/1946; StaH 351-11, AfW 10785 (Schumann, Meta); StaH 242-1 II, Abl.13, ältere Gefängniskartei Männer Strafgefängnis Fuhlsbüttel; StaH 242-1 II, Abl. 16, Untersuchungshaft; StaH 121-3 Bürgerschaft I A 17; Auskünfte von Herbert Diercks, Archiv der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Bestand VVN; Bauche/Eiber/Wamser/Weinke: "Wir sind die Kraft", S. 286–287; Müller: Bürgerschaft, S. 55; Hochmuth/Meyer: Streiflichter, S.253; Goguel: Cap Arcona; www.ancestry.de (Geburtenregister Otto Carl Schumann am 5.11.1888 (Zugriff 5.8.2017).

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