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Hugo Horwitz * 1897

Am Wall 92 (Harburg, Harburg)


HIER WOHNTE
HUGO HORWITZ
JG. 1897
VERHAFTET 1938
SACHSENHAUSEN
ERMORDET 9.5.1940

Hugo Horwitz, geb. am 12.8.1897 in Harburg, ermordet am 9.5.1940 im KZ Sachsenhausen

Am Wall 9

Hugo Horwitz war das älteste Kind des jüdischen Viehhändlers Julius Horwitz und seiner Frau Johanna (Hannchen) Horwitz, geb. Bachenheimer. Seine beiden Schwestern Gertrud und Elfriede wurden ebenfalls in Harburg am 10. Dezember 1898 und am 29. August 1904 geboren.

Seine Eltern waren keine gebürtigen Harburger. Sie stammten aus Lüneburg bzw. aus Rauischholzhausen bei Marburg und waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wie viele andere Menschen in die aufstrebende Industriestadt Harburg a. Elbe gezogen, deren Bevölkerungszahl in diesen Jahren sprunghaft anstieg. In diesem kurzen Zeitraum wurde aus dem beschaulichen Landstädtchen Harburg ein bedeutender Industriestandort. In den mehr als 100 Fabriken wurden vor allem Kautschuk, Pflanzenöl, Metalle und Baustoffe verarbeitet. Die Neubürger kamen aus allen Teilen des Deutschen Reiches und aus den Ländern Osteuropas.

Während im Leben der Juden und der Nicht-Juden im Deutschen Reich und auch in Harburg um die Jahrhundertwende immer mehr Gemeinsamkeiten, begünstigt durch die allgemeine Säkularisierung der Gesellschaft, zu erkennen gewesen waren, änderte sich diese Situation schlagartig nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler. Juden gehörten mit zu denen, gegen die sich die ersten Maßnahmen des NS-Regimes richteten. Ein zentrales Element des Terrors gegen alle vermeintlichen Feinde der neuen Machthaber war die so genannte Schutzhaft, die von der Gestapo auf unbestimmte Zeit verhängt werden konnte und die Einweisung in ein Konzentrationslager bedeutete.

Eines dieser Konzentrationslager war das berüchtigte KZ Sachsenhausen in Oranienburg bei Berlin. Auch Hugo Horwitz gehörte zu den Häftlingen dieses Lagers. Am 23. Juni 1938 wurde er dort als "arbeitsscheuer" Jude eingeliefert und unter der Häftlingsnummer 6175 registriert. Diese Inhaftierung erfolgte im Rahmen der reichsweiten so genannten Juni-Aktion, in deren Verlauf allein in Hamburg 700 Personen – darunter 200 Juden – als "Asoziale", "Arbeitsscheue" und Vorbestrafte – auch mit Bagatell-Strafen – festgenommen und inhaftiert wurden. Hugo Horwitz durfte das Lager nach 10 Monaten wieder verlassen, wurde aber am 9. Dezember 1939 erneut in "Schutzhaft" genommen und abermals in das KZ Sachenhausen überführt. Diesmal trug er die Häftlingsnummer 10194, und wurde er dem Außenlager Klinkerwerk zugewiesen, das lange Zeit nicht nur das größte, sondern auch das schlimmste Außenkommando des KZ Sachsenhausen war. Am Oder-Havel-Kanal hatte die SS-eigene "Deutsche Erd- und Steinwerk GmbH" 1938 mit der Errichtung eines großen Ziegelwerks begonnen, das das modernste und größte der Welt werden sollte. In dieser Anlage stellten KZ-Häftlinge unter mörderischen Bedingungen Klinkersteine für den Ausbau Berlins zur Reichshauptstadt "Germania" her. Der Rohstoff stammte aus einer nahe gelegenen Tongrube, wo er von Häftlingen mit Schaufel und Spaten abgebaut und unter Stockschlägen auf Loren verladen wurde, die dann anschließend auf primitiven Gleisanlagen zum Ziegelwerk geschoben werden mussten.

Ebenso mörderisch war der Ausbau des Hafenbeckens am Oder-Havel-Kanal, über den die Ziegelsteine nach Berlin transportiert werden sollten. Ohne ausreichende Abstützmaßnahmen und moderne technische Hilfsmittel mussten die Häftlinge die Anlage Meter für Meter ausschachten. Mehrfach brach die Stützwand ein und begrub die Arbeitenden unter sich. Das Außenkommando Klinkerwerk galt unter den Häftlingen als "Todeslager". Unzählige starben hier an Entkräftung und an den Folgen brutaler Misshandlungen oder wurden von der SS ermordet.

Am 9. Mai 1940 wurde Hugo Horwitz "auf dem Klinker" ermordet. Als Todesursache wurde in seine Sterbeurkunde "auf der Flucht erschossen" eingetragen. Das war eine unverfängliche, oft gewählte Erklärung für die Ermordung eines Unbequemen, der möglichst unauffällig und geräuschlos verschwinden sollte.

Zu den Opfern des Holocaust zählen auch Hugo Horwitz´ Mutter Johanna (Hannchen) Horwitz, seine Schwestern Elfriede Horwitz und Gertrud Grünfeld mit ihrem Mann Arthur Grünfeld sowie seine Neffen Hans und Ernst Grünfeld und deren Schwester Edith, die ihre letzten Lebensjahre in Rheinhessen verbrachten, bevor sie von dort zu unterschiedlichen Zeitpunkten in den Tod geschickt wurden.

Stand Dezember 2014

© Klaus Möller

Quellen: Hamburger jüdische Opfer des Nationalsozialismus. Gedenkbuch, Jürgen Sielemann, Paul Flamme (Hrsg.); Hamburg 1995; Gedenkbuch. Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945, Bd. I-IV, Bundesarchiv (Hrsg.), Koblenz 2006; Yad Vashem. The Central Database of Shoa Victims´ Names: www.yadvashem.org; Harburger Opfer des Nationalsozialismus, Bezirksamt und Bezirksversammlung Harburg (Hrsg.), Hamburg-Harburg 2002; Günter Morsch, Astrid Ley (Hrsg.), Das Konzentrationslager Sachsenhausen 1936–1945, Berlin o. J.; Emil Büge, 1470 KZ-Geheimnisse. Heimliche Aufzeichnungen aus der Politischen Abteilung des KZ Sachsenhausen Dezember 1939 bis April 1943, Berlin 2012; Matthias Heyl, Vielleicht steht die Synagoge noch, Norderstedt 2009; Jürgen Ellermeyer, Klaus Richter, Dirk Stegmann (Hrsg.), Harburg. Von der Burg zur Industriestadt, Hamburg 1988.

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