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Porträt Anna-Luise Lübcke von 1937
Anna-Luise Lübcke, 1937
© Evangelische Stiftung Alsterdorf, Archiv

Anna-Luise Lübcke * 1934

Zimmerstraße 29–33 (Hamburg-Nord, Uhlenhorst)


HIER WOHNTE
ANNA-LUISE LÜBCKE
JG. 1934
EINGEWIESEN 1936
ALSTERDORFER ANSTALTEN
"VERLEGT" 16.8.1943
AM STEINHOF / WIEN
ERMORDET 13.1.1944

Anna-Luise Lübcke, geb. 3.1.1934 in Hamburg, verlegt am 16.8.1943 in die Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien, Tod dort am 13.1.1944

Zimmerstraße 29-33 (früher: Zimmerstraße 37)

Am 30. Oktober 1943 unterzeichnete Obermedizinalrat Ernst Illing, ärztlicher Direktor der Wiener städtischen Nervenklinik für Kinder "Am Spiegelgrund", einen Bericht über die neunjährige Anna-Luise Lübcke aus Hamburg. Der Bericht war an den "Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden" in Berlin gerichtet, der im Dienst der erbgesundheitlichen Maßnahmen des NS-Regimes stand. Schwer behinderte Säuglinge und Kleinkinder sollten in einem gut getarnten Verfahren, an dem die Gesundheitsverwaltungen beteiligt waren, unter bestimmten Voraussetzungen, wozu auch Gespräche mit den Eltern oder Vormündern gehörten, getötet werden können. Der für das weitere Schicksal von Anna-Luise Lübcke entscheidende Satz lautete: "Obwohl die Persönlichkeit weitgehend erhalten ist, ist bei der Schwere des körperlichen Zustandes eine schulische oder praktische Bildungsfähigkeit sowie auch nur die geringste Arbeitsverwendungsmöglichkeit für später auszuschließen." Lebenswert aus der Sicht Ernst Illings und des NS-Regimes war, wer als arbeitsfähig galt, unabhängig von Persönlichkeit und Charakter.

Anna-Luises Mutter, Elsa, geb. Winkel, geb. 19.11.1896, hatte am 12. März 1932
den elf Jahre jüngeren Tischler Arthur Lübcke geheiratet. Ihr Vater war Kutscher und wohnte in der Gotenstraße 6 in Hammerbrook, sie auf der Uhlenhorst, Immenhof 16 neben der St. Gertrud Kirche. Einen Beruf hatte sie offenbar nicht erlernt. Arthur Lübcke war beruflich seinem Vater gefolgt und wohnte und arbeitete noch bei ihm. Die Wohnung lag Schötteringskamp 10, die Tischlerwerkstatt in der Zimmerstraße 35 im Keller des Hinterhauses. Elsa Lübcke zog zu ihrem Ehemann.

Elsa Lübckes erste Schwangerschaft verlief bis zum siebten Monat ohne Komplikationen, doch dann bildeten sich starke Ödeme im Gesicht, an Beinen und Händen, der Blutdruck war stark erhöht und es traten Krampfanfälle auf. Das Alles wies auf eine Eklampsie hin, wodurch das ungeborene Kind nicht mehr ausreichend versorgt wurde. Elsa Lübcke ging zur Entbindung ins Krankenhaus Bethanien. Dort kam Anna-Luise zum errechneten Termin spontan, jedoch als Zangengeburt zur Welt. Erst nach 20 Minuten, unterstützt durch Wechselbäder, gab sie einen ersten schwachen Schrei von sich. Bei einer Körperlänge von 50 cm wog sie nur 2150 g. Eine Woche nach der Geburt wurden Mutter und Tochter nach Hause entlassen. Inzwischen hatten Lübckes eine Erdgeschosswohnung in der Zimmerstraße 37 bezogen.

Anna-Luise entwickelte sich körperlich und geistig langsamer als gleichaltrige Kleinkinder. Mit eineinhalb Jahren begann sie zu sprechen, als sie zweieinhalb Jahre alt war, sprach sie wenig und nur schwer verständlich. Sie konnte weder sitzen noch gehen und auch nicht ihren Kopf halten. Sie litt zudem an spastischen Lähmungen von Armen und Beinen. Mit der Diagnose "angeborener Schwachsinn, Little’sche Erkrankung" wurde sie am 5. August 1936 in den damaligen Alsterdorfer Anstalten aufgenommen. Sie war zuvor nur einmal für acht Tage im Kinderkrankenhaus des AK St. Georg in der Baustraße, heute Hinrichsenstraße, gewesen, weshalb, ist nicht bekannt.

Im ersten Jahr ihres Aufenthalts in "Alsterdorf" erkrankte Anna-Luise mehrfach schwer. Ihre Mutter beantragte bei der NSV, der Nationalsozialistischen Wohlfahrtspflege, eine gemein-same Verschickung mit ihrer Tochter. Die NSV erbat vom leitenden Oberarzt der Alsterdorfer Anstalten, Gerhard Kreyenberg, Auskunft, ob die Familie unter erbgesundheitlichen Gesichtspunkten als förderungswürdig angesehen werden könne. Er äußerte keine Bedenken, denn bei Anna-Luises Erkrankung handele es sich nicht um ein Erbleiden, sondern um eine Hirnschädigung aufgrund von Schwangerschaftsproblemen der Mutter. Die Mutter-Kind-Kur kam vermutlich wegen weiterer Erkrankungen Anna-Luises nicht zustande.

Anna-Luise machte bis zum Ende des Jahres 1937 mehrfach schwere Atemwegs- und andere Erkrankungen durch, was wiederum häufige Wechsel zwischen der Krankenstation und ihrer vertrauten Abteilung in der Anstalt zur Folge hatte. Dass ihre Eltern sie nicht regelmäßig besuchen konnten, war eine weitere Belastung für sie. Wegen ihrer häufigen Erkrankungen war ihre Taufe immer wieder aufgeschoben worden. Endlich, am 30. Januar 1938, fand sie in der Nikolaikirche in Alsterdorf statt, vollzogen durch den Anstaltsleiter, Pastor Friedrich Lensch. Da diese Kirche keine Gemeindekirche im Sinne einer Kirchengemeinde ist, wurde Anna-Luises Taufe in der Heilandskirche Barmbek eingetragen, zu der Familie Lübcke gehörte.

Erstmals am 5. August 1938 wurde in Anna-Luises Patientenakte etwas Anderes als eine Erkrankung und ihre Behandlung eingetragen. Über ihr Verhalten heißt es: "Die Patientin ist im allgemeinen recht lebhaft, sie beobachtet ihre Umgebung genau und versucht alles nachzuahmen. Mit ihren Puppen beschäftigt sie sich gern und unterhält sich mit ihnen. Oft versucht sie durch anhaltendes Schreien, ihren Willen durchzusetzen. Nachts ist sie unsauber, muss gefüttert werden. Nach dem Besuch ihrer Mutter weint sie sehr und redet kein Wort."

In den Jahren 1940 und 1941 machte Anna-Luise drei grippale Infekte und eine Diphtherie-Erkrankung durch. Dadurch geschwächt, lag sie jeweils längere Zeit im Bett. Sie wurde wählerischer beim Essen, auch ließ sie sich nicht von jedem Hilfsmädchen füttern und stritt gern mit ihnen. Ihre Fähigkeit zu sprechen hatte sich gut entwickelt.

Obwohl sich Anna-Luise nicht selbstständig bewegen konnte und in ihrer Sehfähigkeit stark eingeschränkt war, begann sie mit dem Besuch der Spielschule. Sozusagen ihr erstes Zeugnis, der Bericht vom 20. April 1942, lautete: "Anna-Luise besucht seit einiger Zeit die Spielschule, hat Freude daran. Sie liegt auf einem Liegestuhl und beobachtet ihre Umgebung ganz genau. Sie ist immer vergnügt und zufrieden, hört gern Musik und beteiligt sich gern am Gesang von kleinen Liedern. Sie folgt aufmerksam dem Erzählen von Geschichten und dem Zeigen von Bildern. Sie kann gut sprechen." Ein halbes Jahr später heißt es, sie sei ein vollständig pflegebedürftiges Liegekind, das jedoch sauber sei, aber gefüttert werden müsse, und weiter: "Sie ist sehr rege, spricht alles, interessiert sich für alles, geht gern zur Spielschule. Sie ist ein zufriedenes, dankbares Kind, hat ein gutes Gedächtnis und kann dadurch oft andere an etwas erinnern." Da war Anna-Luise acht Jahre alt.

Ende Juli/Anfang August 1943 wurde Hamburg durch alliierte Flächenbombardements weitgehend zerstört. Anna-Luises Eltern wurden in der Zimmerstraße ausgebombt und die Mutter evakuiert, die damaligen Alsterdorfer Anstalten wurden beschädigt. Der Leiter, Friedrich Lensch, veranlasste die Verlegung von mehreren hundert Patienten und Patientinnen in "luftsichere" Anstalten. Mit dem letzten der drei Transporte, der 228 Frauen und Mädchen umfasste, gelangte Anna-Luise am 17. August in die Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien, den Steinhof.

Bei der Aufnahmeuntersuchung am 6. September wurde festgehalten, dass Anna-Luise mangelhaft orientiert sei, langsam, aber deutlich und klar spreche und heiterer Stimmung sei. Über ihren eigenen Zustand teilte sie mit, dass sie schwer krank gewesen, aber wieder gesund geworden sei. Sie zeigte großes Interesse an ihrer Umgebung, beobachtete alles, wie sie es auch vorher getan hatte, konnte aber ihr vorgehaltene Gegenstände nicht richtig benennen, vermutlich, weil sie sie nicht richtig erkennen konnte. Anna-Luise litt von Geburt an an beidseitigem Grauen Star und einer Schielstellung der Augen. Als Ergebnis der körperlichen Untersuchung wurde eine ausgesprochene Schwäche der Arme und Beine festgestellt. Auch war Anna-Luise nicht imstande zu sitzen oder selbstständig den Kopf zu heben. Bei einer Körperlänge von 106 cm statt 131 cm, wie sie altersgemäß wäre, wog Anna-Luise 18,5 kg, was jedoch ihrer Größe entsprach.

Aufgrund dieses Befundes wurde Anna-Luise am 25. September 1943 in die "Wiener städtische Nervenklinik für Kinder", die Kinderfachabteilung "Am Spiegelgrund", die zur Anstalt gehörte, verlegt. Fünf Tage später wurde der eingangs erwähnte Bericht für den "Reichsausschuss" in Berlin verfasst. Ein kurzes psychologisches Gutachten vom folgenden Tag unterstrich die außerordentlich schwere körperliche Behinderung, den starken Augenfehler und kam zu dem Schluss, die sprachlich-intellektuelle Entwicklung der fast 10-jährigen Anna-Luise entspreche der eines Kindes im 3. bis 4. Lebensjahr. Besonders erwähnt wurde, dass sie Melodien langsam, aber richtig sang. Ob der Bericht an den "Reichsausschuss" tatsächlich abgeschickt wurde, ist nicht dokumentiert.

Anna-Luise wurde augenärztlich untersucht. In Anbetracht ihrer geistig guten Entwicklung wurde eine Operation in Betracht gezogen. Diese unterblieb, weil Anna-Luise wenige Tage später, am 12. November 1943, an einer leichten Grippe erkrankte, die in einen bis Dezember anhaltenden Schnupfen überging. Ihre Mutter, Elsa Lübcke, war inzwischen in Genthien bei Magdeburg untergekommen und schickte Anna-Luise Postkarten und sogar ein Päckchen mit Süßigkeiten. Darüber freute sie sich so sehr, dass es in ihrer Akte vermerkt und der Mutter mitgeteilt wurde. Eine andere Freude bereitete Anna-Luise der Besuch einer Diakonisse aus Hamburg, die sie früher betreut hatte.

Anna-Luises Allgemeinbefinden war schlecht, als sie am 4. Januar 1944 erneut an einer Grippe mit hohem Fieber erkrankte. Da das Fieber anhielt und lebensbedrohlich wurde, benachrichtigte die Assistenzärztin die Mutter von dem ernsten Gesundheitszustand ihrer Tochter. Die Grippe entwickelte sich zu einer Lungenentzündung. Ob dabei tödliche Medikamente wie Luminal eingesetzt wurden, lässt sich aufgrund der Patientenakte und des Sektionsberichts nicht klären. Elsa Lübcke traf am 12. Januar in der Klinik zum Besuch ihrer Tochter ein. In den Morgenstunden des 13. Januar starb Anna-Luise. Ihr Gehirn wurde wie das vieler anderer Patientinnen für wissenschaftliche Forschungen entnommen und Teile davon konserviert, die Beisetzung des Leichnams erfolgte auf dem Zentralfriedhof Wien.

Antje Kosemund, deren Schwester Irma Sperling zusammen mit Anna-Luise Lübcke nach Wien verlegt und dort ermordet wurde, und Michael Wunder von der Evangelischen Stiftung Alsterdorf erreichten in zähen Verhandlungen mit dem heutigen psychiatrischen Krankenhaus Baumgartner Höhe der Stadt Wien die Herausgabe von zehn identifizierten Gehirnpräparaten, darunter denen von Irma Sperling und Anna-Luise Lübcke. Sie wurden 1996 auf dem Ehrenfeld der Geschwister Scholl Stiftung auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg beigesetzt.

Anna-Luise wurde zehn Jahre alt.

© Hildegard Thevs

Quellen: Hamburger Adressbücher; StaH 332-5 Standesämter, 13721-87/1932; Ev. Stiftung Alsterdorf, Archiv, V 161; Kosemund, Antje, Spurensuche Irma, Hamburg, 2. Aufl. 2005; Wunder, Michael, Ingrid Genkel, Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr, Hamburg, 2. Aufl. 1986; Grabplatte auf dem Ehrenfeld der Geschwister Scholl Stiftung auf dem Ohlsdorfer Friedhof/Hamburg.

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