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Georg Blankenstein * 1879

Trostbrücke 2–6 (Hamburg-Mitte, Hamburg-Altstadt)


GEORG
BLANKENSTEIN
JG. 1879
VERHAFTET 1942
KZ FUHLSBÜTTEL
DEPORTIERT 1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 14.4.1943

Weitere Stolpersteine in Trostbrücke 2–6:
Richard Abraham, Julius Adam, Julius Asch, Gustav Falkenstein, Ivan Fontheim, Henry Friedenheim, Albert Holländer, Max Israel, Gustav Heinrich Leo, Heinrich Mayer, Moritz Nordheim, Kurt Perels, Ernst Moritz Rappolt, Ferdinand Rosenstern, Walter Ludwig Samuel, Salomon Siegmund Schlomer, Ernst Werner, Heinrich Wohlwill, Alfred Wolff

Georg Blankenstein, geb. 12.11.1879 in Hamburg, deportiert am 24.2.1943 nach Theresienstadt, dort am 14.4.1943 gestorben

Der Kaufmann Hermann (eigentlich Herz) Blankenstein und seine Frau Emma Eleonore, geb. Levinger, lebten mindestens von 1876 bis 1878 in Dortmund. Hier wurden auch ihre Kinder Bertha (geb. 8.11.1876) und Curt (geb. 23.2.1878) geboren. Von Dortmund aus verzog die vierköpfige Familie in die Hamburger Vorstadt St. Georg in den Steindamm 61, wo Georg Blankenstein 1879 geboren wurde. Vier Jahre nach Georg kam die Schwester Edith (geb. 15.5.1883) in Hamburg zur Welt.

Einige Jahre später verzog die nun sechsköpfige Familie in das damals preußische Altona. Dort besuchten die Söhne Curt und Georg ab Mai 1891 das renommierte Christianeum. Von der Quinta bis zur Prima-Reife war Georg Blankenstein Schüler des Gymnasiums. Anschließend absolvierte er eine kaufmännische Lehre bei der Exportfirma Alfred Pattenhausen in Hamburg am Glockengießerwall 17. Hier arbeitete er einige Jahre als Angestellter, ehe er zur Firma Eugenio Barth & Co. in Montevideo/Uruguay wechselte. Für diese Firma war er mehrere Jahre in Argentinien und Uruguay tätig. Von 1915 bis 1918 nahm er am Ersten Weltkrieg teil, zuletzt mit dem Dienstgrad eines Vize-Wachtmeisters. Nach dem Krieg machte er sich als Im- u. Export-Kaufmann in Hamburg selbständig. Die angemieteten Büroräume lagen in der Großen Reichenstraße 3 (Altstadt). Seine Wohnung befand sich hingegen seit 1915 in dem zur Stadt Altona gehörenden Ottensen in der Dürerstraße 2. Als selbständiger Kaufmann reiste er verschiedentlich nach Brasilien. Im April 1923 trat er als Gesellschafter in die Hamburger Im- u. Exportfirma "Gebrüder Kalkmann" OHG (Schauenburger Straße 14) ein.

1924 heiratete er die geschiedene Helene Burmester, geb. Westphal (Jg. 1899), die drei Kinder aus erster Ehe in die Verbindung einbrachte. Gemeinsame Kinder bekamen Georg und Helene Blankenstein nicht. Die Amtlichen Fernsprechbücher wiesen Georg Blankenstein von 1925 bis 1937 mit der Wohnadresse Innocentiastraße 31 (Harvestehude) aus. Das Haus hatte Helene Blankenstein nach eigener Aussage von ihrem Vater geerbt, wie auch zwei Mietshäuser mit jeweils 8 Wohnungen in der Moltkestraße 45a und 47a (Hoheluft-West).

Die geschäftliche Situation von Georg Blankenstein wurde problematisch: Die Firma musste im August 1930 Konkurs anmelden. Von circa 1932 bis 1940 arbeitete Georg Blankenstein in der technischen Abteilung der Exportfirma Robert Bösenberg (Mönckebergstraße 10) mit einem Jahresverdienst von circa 8–10000 RM. Die Bestrebungen, entsprechend den Nürnberger NS-Rassegesetzen Mitarbeiter mit jüdischer Abstammung aus den Firmen zu drängen, gefährdeten auch die Existenz von Georg Blankenstein und seiner Familie. 1937 war die Familie in eine kleinere Wohnung umgezogen, von 1938 bis 1940 lebten sie in der Sierichstraße 70 (Winterhude). Dieses 1914 erbaute Etagenhaus war 1936 und 1937 durch den vorgeschriebenen Einbau von Luftschutztüren sowie einen Luftschutzraum im Keller bereits notdürftig auf den Krieg vorbereitet worden. 1938 sollen die Immobilien Moltkestraße und Innocentiastraße auf die Tochter aus erster Ehe überschrieben worden sein, um die Häuser nicht bei den grassierenden Zwangsverkäufen zu verlieren. Laut Aussage von Helene Blankenstein gegenüber dem Amt für Wiedergutmachung, wurde das geerbte Haus Innocentiastraße 31 1940 aber für die Hälfte des eigentlichen Wertes verkauft.

Der ältere Bruder Curt Blankenstein war vermutlich Mitinhaber der Im- und Exportfirma für Lebensmittel und Getränke Blankenstein & Bosselmann (Neuer Wall 59). Die Firma musste zwangsweise an "arische" Eigentümer verkauft werden. Am 11. November 1939 starb Curt Blankenstein.

Die beiden Schwestern von Georg Blankenstein, die in der Böttcherstraße 5 (Rotherbaum) getrennte Wohnungen im 1. und 2. Stock eines "Judenhauses" hatten und 1939 zwangsweise die Mitgliedschaft der Jüdischen Gemeinde erhielten, wurden nach Aussage von Helene Blankenstein am 25. Oktober 1941 "nach Litzmannstadt verschleppt. Sie waren nicht verheiratet und wir haben nie wieder von Ihnen gehört." Sie berichtete 1948 dem Amt für Wiedergutmachung auch: "1938 wurde es immer schwieriger für meinen Mann in seinem Beruf (Exporteur) zu arbeiten und die Situation wurde für uns auch materiell recht schwierig. Immerhin hatte ich (…) bis Herbst 1942 die Genehmigung erlangt, dass mein Mann als Angestellter arbeiten durfte." Er fand bei der Firma Joseph Michelbach (Mönckebergstraße 17) eine Anstellung für rund 600–700 RM mtl. an Gehalt und Umsatzvergütung.

Nach Recherchen des Roten Kreuzes (Arolsen) aus dem Jahre 1968 wurde Georg Blankenstein "(…) am 24. Oktober 1942 als Häftling der Geheimen Staatspolizei in das Polizeigefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel eingeliefert (…)." Er wurde ohne Angabe von Gründen verhaftet. Die Gestapo behauptete, er sei denunziert worden. Seine Ehefrau bemühte sich wochenlang vergeblich um eine Besuchserlaubnis. "Ich durfte nur jeden Dienstag Wäsche ins Gefängnis bringen und jeden Freitag Wäsche abholen. (….) Erst nach Wochen gelang es mir, eine Wache zu bestechen mit Cigaretten, sodass er meinem Mann Butter (…) usw. von mir geben sollte (…)." Mitte November 1942 konnten sich die Eheleute Blankenstein erstmals wieder sehen: "Nach 4 Wochen konnte ich meinen Mann im Haus der Gestapo am Rothenbaum sprechen. Mein Mann sagte mir, dass er den Befehl hätte, ins KZ Neuengamme gebracht zu werden." Helene Blankenstein suchte immer wieder Claus Göttsche vom Judenreferat der Hamburger Gestapo auf, um die drohende Verlegung ihres Mannes abzuwenden oder zumindest abzumildern. Sie berichtet später: "Als ich dann immer wieder zu ihm ging und ihn beschwor meinen Mann doch nach Hause zu lassen, sagte er mir er würde mir helfen (…) meinen Mann nach Theresienstadt schicken, das wäre ein Muster-Lager, es können nur ausgesuchte Leute dahin, die Leute könnten ihre Sachen mitnehmen, wären in Heimen untergebracht, wir könnten uns 3x im Monat schreiben, ich könnte jeden Monat ein Paket schicken und nach Kriegsende könnten wir uns ja dann im Ausland wieder treffen. Bedingung wäre allerdings, dass wir uns scheiden liessen. (…) Ich habe dann an mehreren Tagen meinen Mann mehrere Stunden gesprochen und wir haben dann beschlossen offiziell uns zu trennen, ganz einfach weil wir dachten, meinem Mann dadurch das Leben zu retten." Die Gestapo war bestrebt sogenannte Mischehen aufzulösen. Im Scheidungsurteil der Zivilkammer 2 des Landgerichts Hamburg vom Januar 1943 argumentierte Richter Herbert Albert Georg Wolgast (geb. 18.6.1892 in Hamburg), der seit 1920 Richter am Amtsgericht Hamburg und seit 1934 Oberlandesgerichtsrat war, entsprechend dem NS-Sprachduktus nach konstruierten "rassischen" Kategorien. Er warf dem "Volljuden" Georg Blankenstein auch vor, den "Judenstern" nicht getragen zu haben. Die alleinige Schuld bei dieser von der Gestapo erpressten Scheidung wies der Richter dem Beklagten zu, der "es durch sein eigenes Verhalten dahin gebracht hat, dass er sich nunmehr in Polizeihaft befindet und wahrscheinlich in ein Konzentrationslager gebracht oder evakuiert wird." Helene Blankenstein lehnte das Angebot des Richters ab, die Ehe für ungültig erklären zu lassen "um den Namen meines Mannes weitertragen zu können." Am 19. Februar wurde die Scheidung ausgesprochen. Die Ehefrau hatte "nach langen dringenden Bitten erreicht, dass mein Mann die letzten 2 Tage vor dem Abtransport noch zu mir nach Hause durfte. Ich durfte ihn morgens am Rothenbaum abholen (…). Am 24. Februar um 11 Uhr musste mein Mann dann in der Bornstr. sein." Georg Blankenstein wurde zusammen mit weiteren 50 Häftlingen mit "Transport VI/3" nach Theresienstadt deportiert. Am 26. Februar 1943 traf der Transportzug dort ein. Am 10. März 1943 erhielt sie eine Nachricht von dort mit der Adresse Theresienstadt L 425. Nur wenige Wochen später, am 14. April 1943, starb Georg Blankenstein in Theresienstadt. Seine Ehefrau wurde hiervon nicht in Kenntnis gesetzt. Eine Todesfallanzeige für ihn ist nicht überliefert. Bis 1945 schickte Helene Blankenstein Briefe und Pakete an ihren Mann in Theresienstadt, erhielt aber weder eine Antwort noch eine Bestätigung.

© Björn Eggert

Quellen: 1; 4; 5; 7; 8; AfW 160589; Stadtarchiv Dortmund, Adressbücher 1877, 1878; Standesamt Hamburg-Mitte, schriftliche Auskunft aus den Personenstandsbüchern (Geburtsregister 1879) vom 4.9.2007; Archiv des Gymnasiums Christianeum, Auskunft vom 19.9.2007; Bezirksamt Hamburg-Nord, Bauamt/Bauprüfabteilung, Akte Sierichstraße 70; AB 1920, 1928, 1937, 1938; Amtliche Fernsprechbücher Hamburg 1919–1920, 1925–1940; Handelskammer Hamburg, Firmenarchiv (Gebrüder Kalkmann), HR A 4934, 1920–1935; Auskunft von Heiko Morisse zu Richter Wolgast; StaHH 522-1 Jüd. Gemeinden, 992e2 Bd. 5. 1890-37, C.II.3. 1890-38, C.II.3. 1890-44, C.II.3.c., C.II.4.x.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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