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Salomon Schwarz * 1916

Weißenburger Straße 14 (Hamburg-Nord, Dulsberg)

1943 Auschwitz

Salomon Schwarz, geb. 2.7.1916 in Bagalansk (Sibirien), deportiert nach Auschwitz am 12.2.1943, verschollen

Weißenburger Straße 14

Salomon Schwarz wurde in Sibirien, an der Angara, nördlich des Baikalsees, geboren. Dies war den Wirren des Ersten Weltkriegs geschuldet: Seine Mutter, Anna Lehrer, war 1895 in Suceava in der rumänischen Bukowina, die bis 1918 zu Österreich-Ungarn gehörte, geboren worden. 1915 wurde dieses Gebiet von russischen Truppen besetzt, die im Dezember desselben Jahres die junge schwangere Frau nach Sibirien verschleppten. In der Gefangenschaft lernte Anna Lehrer den 1885 geborenen Hermann Schwarz kennen, den sie 1918 heiratete. Das Paar sowie die Kinder Salomon und Bertha, die 1919 ebenfalls in der Gefangenschaft geboren wurde, kamen erst im Januar 1921 wieder frei und konnten nach Deutschland ausreisen, wo sie sich in Hamburg in der Weißenburger Straße 14 im Stadtteil Dulsberg niederließen.

1922 wurden die Tochter Anna Marie und 1924 der Sohn Hermann geboren. Der Beruf Hermann Schwarzs ist nicht bekannt, während Anna, die Analphabetin war, ab 1930 in Hamburger Schulen als Reinmachefrau beschäftigt war. Salomons Stiefvater war politisch zunächst im "Stahlhelm" organisiert und wurde durch die Eingliederung des rechtsnationalen Wehrverbandes in die NSDAP deren Mitglied. Ungeachtet der damit bekundeten Loyalität ihres Ehemanns zum NS-Staat geriet Anna Schwarz ins Visier der rassistischen Verfolgung des Regimes. Das "Reichssippenamt" stellte, möglicherweise verleitet durch den "verdächtigen" Vornamen ihres ersten Sohnes, Nachforschungen über ihre Abstammung an. Ergebnis dieser Ermittlungen war, dass sie zur "Jüdin" erklärt und prompt von der Schulbehörde entlassen wurde; später zwang man sie zur Arbeit in der Sackfabrik von Edmund Groß in Rothenburgsort, wo auch russische Zwangsarbeiter eingesetzt waren. Ihre Beteuerungen, keine Jüdin zu sein, wurden ihr von den NS-Behörden nicht geglaubt. Es bestand zumindest eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass Anna Schwarz tatsächlich jüdischer Herkunft war und ihr Dementi ein überaus verständliches Verhalten war, sich selbst vor Verfolgung zu schützen. In den Totenlisten der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem taucht der Familienname Lehrer auch bei Opfern aus ihrem Geburtsort Suceava auf.

Für Salomon Schwarz bedeutete die "rassische" Einstufung seiner Mutter, dass auch er als "Volljude" gemäß den Nürnberger Gesetzen galt, da sein leiblicher Vater unbekannt war und er somit nicht den relativen Schutz von Kindern genoss, die aus einer "privilegierten Mischehe" hervorgegangen waren. Er hatte bis 1933 eine Lehre zum Drogisten absolviert, wurde aber in der Wirtschaftskrise arbeitslos. Erst 1938 gelang es ihm, Arbeit in seinem erlernten Beruf zu finden. Die offenen rassistischen Verfolgungsmaßnahmen gegen ihn setzten im Herbst 1941 ein, als ihm auferlegt wurde, den "Judenstern" zu tragen und er im November seinen Arbeitsplatz verlor. Weil er das Kennzeichen nicht trug, wurde er am 17. Juni 1942 von der Gestapo verhaftet und als "Schutzhäftling" ins Kola-Fu eingewiesen. Kurz darauf kam er ins Untersuchungsgefängnis, von wo er bereits am 7. Juli zu seinen Eltern entlassen wurde. Der nächste Schritt in seiner Verfolgung durch das NS-Regime bestand in seiner Zwangseinweisung in das "Judenhaus" Beneckestraße 2 und seiner Verpflichtung zu Zwangsarbeiten.

Salomon Schwarz muss die Einweisung ins "Judenhaus" als eine besonders absurde Missachtung seiner religiösen Identität empfunden haben, da er Mitglied der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" (Mormonen) war, wie der leitende Älteste dieser Kirche, Wal­ter Schmidt, nach dem Krieg bestätigte, der erfolglos versuchte, "durch Anträge bei den da­mals verantwortlichen Dienststellen seine Freiheit zu erreichen". Unter der "eidesstattlichen Erklärung" von Schmidt steht u. a. auch der Name von Rudolf Wobbe, der zu dieser Zeit (1955) in der Mormonenstadt Salt Lake City in den USA lebte. Wobbe war Mitglied der Widerstandsgruppe von Helmuth Hübener und wurde vom NS-Regime zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Ob Salomon Schwarz Kontakt zu der Widerstandsgruppe gehabt hat, ist unbekannt.

Salomon Schwarz blieb bis zum 12. Februar 1943 im "Judenhaus" in der Beneckestraße, dann wurde er mit einem Transport, der 24 Juden umfasste, nach Berlin gebracht, wo sie in dem Berliner Deportationssammellager Große Hamburger Straße festgehalten wurden, bis mindestens 21 von ihnen einem Transport mit 997 Jüdinnen und Juden nach Auschwitz zugewiesen wurden, dem 29. Osttransport aus Berlin am 19. Februar 1942. Ein kleinerer Teil der Ankömmlinge gelangte als Häftlinge ins Lager, 772 wurden gleich in den Gaskammern getötet, unter ihnen vermutlich Salomon Schwarz.

Auch die Eltern von Salomon Schwarz blieben von Drangsalierung und Verfolgung durch das NS-Regime nicht verschont. Sein Vater wurde von einem Parteigericht aufgefordert, sich scheiden zu lassen oder aus der NSDAP auszutreten. Er zog letzteres vor und wurde dafür Ende der 1930er Jahre mit dem Verlust seines Arbeitsplatzes nach achtzehnjähriger Tätigkeit und Verpflichtung zur Zwangsarbeit bestraft. Sein Halbbruder Hermann wurde zur Wehrmacht eingezogen und starb 1944. Anna Schwarz sollte, nach eigenen Angaben, Ende 1943 nach Theresienstadt deportiert werden, obwohl sie in einer "privilegierten Mischehe" mit einem "Arier" lebte. Nach Erhalt des Deportationsbefehls beging sie einen Suizidversuch durch Öffnung der Pulsadern, konnte aber gerettet werden. Durch Vorsprache ihrer Tochter bei den Behörden wurde sie von der Deportation zurückgestellt und später offenbar nicht er­neut auf eine Deportationsliste gesetzt.

© Benedikt Behrens

Quellen: 1; 8; StaH 522-1 (Jüdische Gemeinden), 992 e (Deportationslisten); StaH 351-11 (AfW), 17430; StaH 331 – 1 II (Polizeibehörde II), StaH 242-1 II (Gefängnisverwaltung II), Abl. 1998/1; Alfred Gott­waldt/Diana Schulle, Die "Judendeportationen" aus dem Deutschen Reich 1941–1945, Wiesbaden 2005, S. 405; Auskunft Dr. Diana Schulle v. 15.9.2011.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

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