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Bereits verlegte Stolpersteine



Mathilde Zuckermann (geborene Elias) * 1905

Poolstraße 12 (Hamburg-Mitte, Neustadt)


HIER WOHNTE
MATHILDE
ZUCKERMANN
GEB. ELIAS
JG. 1905
EINGEWIESEN 1939
HEILANSTALT LANGENHORN
"VERLEGT" 23.9.1940
BRANDENBURG
ERMORDET 23.9.1940
"AKTION T4"

Mathilde Zuckermann, geb. am 25.4.1905 in Tereblestie (Rumänien), ermordet am 23.9.1940 in der Tötungsanstalt Brandenburg an der Havel

Stolperstein Hamburg-Neustadt, Poolstraße 12

Mathilde Zuckermanns Geburtsort Tereblestie liegt im Norden der Bukowina, einem Landstrich in Galizien, der heute zur Ukraine gehört und an Rumänien grenzt. Die frühere jüdische Bevölkerung orientierte sich stark an der deutschen Kultur. Hier lebte das wahrscheinlich nach jüdischem Ritus verheiratete Paar Sruel Zuckermann, geboren am 30. Juni 1877 in Sereth, und Rifka Rosenstock, geboren am 5. April 1879 in dem unweit von Sereth gelegenen Ort Proworokie. Am 25. April 1905 bekamen Rifka und Sruel Zuckermann ihr erstes Kind, Gusta, und am 27. Januar 1906 den Sohn Moses.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation in der Region Bukowina mit der Folge, dass sich viele Menschen zur Abwanderung entschlossen, so auch die Familie von Sruel Zuckermann. Zwischen Anfang 1906 und Frühjahr 1910 ließ sie sich in Altona nieder. Dort wurde am 17. Mai 1910 Tochter Salie geboren, die später Sophie hieß. Sruel und Rifka heirateten am 8. Oktober 1912 standesamtlich. Auf ihrer Heiratsurkunde wurde vermerkt: "die Eheleute [...] erklärten, daß sie folgende Kinder 1: Gusta, geboren am 25 April 1905 in Sereth in der Bukowina; 2: Moses geboren am 27. Januar 1906 in Sereth und 3: Salie geboren am 17. Mai 1910 in Altona Ottensen, Geburtskurkunde des Standesamts Altona II Ottensen Nr. 481 für 1910 als von ihnen gemeinsam erzeugt hiermit anerkennen."

Die Familie wurde zunächst als staatenlos angesehen, später wurden ihr die österreichische und die rumänische Staatsangehörigkeit zuerkannt. Möglicherweise als Akt der Anpassung an das vorherrschende nichtjüdische Umfeld, aber auch an hiesige Schreibweisen, änderten Sruel und Rifka ihre Vornamen und die ihrer Kinder. Aus Sruel wurde Israel, Rifka hieß nun Rosa, aus Gusta wurde Mathilde, Moses wurde Max und Salie hieß fortan Sophie. Die neuen Namen finden sich auf verschiedenen Kultussteuerkarten der Jüdischen Gemeinde. Die Änderungen wurden jedoch nicht formell vorgenommen. Das ergibt sich aus den Sterbeurkunden von Sruel/Israel und Rifka/Rosa Zuckermann, in denen sich die ursprünglichen Vornamen Sruel und Rifka finden.

Die Familie blieb anscheinend für lange Zeit in Altona. Sie wohnte 1912, bei Sruels und Rifkas standesamtlicher Heirat, in der Kleinen Rainstraße 10. Später ließ sie sich in der benachbarten Bahrenfelder Straße 201 nieder. Israel Zuckermann betrieb dort eine Möbelhandlung, die sich gut entwickelte. Er starb aber schon am 3. Februar 1921 im Alter von 43 Jahren im Hamburger Israelitischen Krankenhaus. Rosa Zuckermann musste nun allein für ihre drei noch nicht volljährigen Kinder sorgen. Sie führte das Möbelgeschäft, das sich über eine große Fensterfront mit drei großen Schaufenstern erstreckte. In den 1930er Jahren verkleinerte Rifka Zuckermann das Geschäft infolge der durch die Boykottmaßnahmen rapide rückläufigen Umsätze und verlegte es in die Friedensallee, Ecke Roonstraße. Am 13. Juni 1937 nahm sie sich das Leben. Ihrer Tochter Sophie zufolge fühlte sie sich den zunehmenden Diskriminierungen und den wachsenden materiellen Sorgen nicht mehr gewachsen. Daraufhin wurde der Geschäftsbetrieb eingestellt.

Mathilde Zuckermann trug als Stenotypistin zum Lebensunterhalt ihrer Familie bei. Sie wohnte bei ihrer Mutter zunächst in der Bahrenfelder Straße und dann in der Roonstraße 12, wahrscheinlich bis ihre Mutter starb. Die unverheiratete Mathilde Zuckermann gehörte seit 1928 der Jüdischen Gemeinde an. In der Wirtschaftskrise von 1929 verlor sie wie so viele ihren Arbeitsplatz. Die Jüdische Gemeinde veranlagte sie aber in den Folgejahren bis 1937 zur Kultussteuer, Mathilde hatte wohl doch wieder eine Beschäftigung gefunden.

Wahrscheinlich nach dem Tod ihrer Mutter zog sie in die Poolstraße 12 in Hamburgs Neustadt. Dort wohnte der Kaufmann Herbert Chaim David Zuckermann, geboren am 10. Mai 1886 in Lukow nördlich von Lublin, mit seiner Ehefrau Mathilde, geborene Elias, geboren am 23. Februar 1892, und seiner Tochter Ruth, geboren 3. Januar 1922. Das verwandtschaftliche Verhältnis dieser Familie zu Mathilde Zuckermann ist unklar. Chaim David Zuckermann verließ Deutschland im Frühjahr 1938 zusammen mit seiner Ehefrau Mathilde und seiner Tochter Ruth. Ob Mathilde Zuckermann daraufhin die Wohnung verlassen musste und wo sie ggf. dann wohnte, ist nicht bekannt. Am 11. Mai 1939 wurde sie im Versorgungsheim Oberaltenallee aufgenommen und dann in das Versorgungsheim Farmsen verlegt.

Im Frühjahr/Sommer 1940 plante die "Euthanasie"-Zentrale in Berlin, Tiergartenstraße 4, eine Sonderaktion gegen Juden in öffentlichen und privaten Heil- und Pflegeanstalten. Sie ließ die in den Anstalten lebenden jüdischen Menschen erfassen und in sogenannten Sammelanstalten zusammenziehen. Die Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn wurde zur norddeutschen Sammelanstalt bestimmt. Alle Einrichtungen in Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg wurden angewiesen, die in ihren Anstalten lebenden Juden bis zum 18. September 1940 dorthin zu verlegen. Am 18. September 1940 wurde Mathilde zusammen mit den anderen im Versorgungsheim Farmsen lebenden Jüdinnen und Juden in die Heil- und Pflegeanstalt Hamburg-Langenhorn überführt.

Nachdem alle jüdischen Patienten aus den norddeutschen Anstalten in Langenhorn eingetroffen waren, wurden sie gemeinsam mit den dort bereits länger lebenden jüdischen Menschen am 23. September 1940 in einem Transport von insgesamt 136 Menschen nach Brandenburg an der Havel gebracht. Noch am selben Tag wurden sie in dem zur Gasmordanstalt umgebauten Teil des ehemaligen Zuchthauses mit Kohlenmonoxyd getötet. Nur eine Patientin, Ilse Herta Zachmann, entkam diesem Schicksal zunächst (siehe dort).

Es ist nicht bekannt, ob und ggf. wann Angehörige Kenntnis von Mathilde Zuckermanns Tod erhielten. In allen dokumentierten Mitteilungen wurde behauptet, dass der oder die Betroffene in Chelm (polnisch) oder Cholm (deutsch) verstorben sei. Die in Brandenburg Ermordeten waren jedoch nie in Chelm, einer Stadt östlich von Lublin. Die dort früher existierende polnische Heilanstalt bestand nicht mehr, nachdem SS-Einheiten am 12. Januar 1940 fast alle Patienten ermordet hatten. Auch gab es in Chelm kein deutsches Standesamt. Dessen Erfindung und die Verwendung späterer als der tatsächlichen Sterbedaten dienten dazu, die Mordaktion zu verschleiern und zugleich entsprechend länger Verpflegungskosten einfordern zu können.

Mathildes Bruder, der als Kaufmann arbeitende Max Zuckermann, heiratete die evangelische Frieda Buck, geboren am 5. Juni 1907 in Coburg. Das Ehepaar bekam drei Kinder, Ingrid, geboren am 9. Februar 1932, Peter, geboren am 2. Januar 1934, und Ralf, geboren am 10. November 1938. Am 21. Mai 1937 wurde Max Zuckermann wegen Vergehens gegen die Verordnung vom 20. Dezember 1934 in Haft genommen. Möglicherweise war damit das sogenannte Heimtückegesetz, nach dem u. a. bestraft wurde, wer "vorsätzlich eine unwahre oder gröblich entstellte Behauptung tatsächlicher Art aufstellt oder verbreitet …". Der Tatvorwurf und die Haftdauer sind nicht überliefert. Max soll Deutschland 1938 verlassen haben. Sein weiteres Schicksal und das seiner Frau Frieda, die während der Volkszählung im Mai 1939 noch in Hamburg lebte, kennen wir nicht.

Peter und Ralf Zuckermann wohnten im Wikingerweg 11 in Hamburg-Borgfelde, sie kamen bei einem Luftangriff am 28. Juli 1943 ums Leben. Ingrid Zuckermann überlebte den Zweiten Weltkrieg.

Sophie Zuckermann, ausgebildete Kontoristin und Stenotypistin, heiratete 1938 den jüdischen Schlosser Ludwig Paul Lubascher, geboren am 14. Januar 1913 in Hamburg. Das Ehepaar Lubascher verließ Hamburg im November 1938. Von Le Havre aus fuhren sie mit dem Dampfer "Belle Isle" nach Montevideo. Nach wenigen Tagen in Uruguay reisten beide illegal nach Argentinien ein und erhielten dort 1941 die Aufenthaltserlaubnis.

Zur Erinnerung an Mathilde Zuckermann ist ein Stolperstein in Hamburg-Neustadt, Poolstraße 12 verlegt.

Stand: November 2017
© Ingo Wille

Quellen: 1; 4; 5; 9; StaH 133-1 III Staatsarchiv III, 3171-2/4 U.A. 4, Liste psychisch kranker jüdischer Patientinnen und Patienten der psychiatrischen Anstalt Langenhorn, die aufgrund nationalsozialistischer "Euthanasie"-Maßnahmen ermordet wurden, zusammengestellt von Peter von Rönn, Hamburg (Projektgruppe zur Erforschung des Schicksals psychisch Kranker in Langenhorn); 332-5 Standesämter 840 Sterberegister Nr. 64/1921, 1174 Sterberegister Nr. 1344/1943 Peter Zuckermann, 1174 Sterberegister Nr. 1345/1943 Ralf Zuckermann, 5095 Sterberegister Nr. 407/1937 Rifka Zuckermann, 5807 Heiratsregister Nr. 400/1912 Sruel Zuckermann/Rifka Rosenstock; 351-11 Amt für Wiedergutmachung 4167 Rifka Zuckermann, 38803 Ludwig Lubascher; 332-8 Meldewesen K 4590 Zuckermann.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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