Namen, Orte und Biografien suchen


Bereits verlegte Stolpersteine



Familie Zietlow Anfang der 1930er Jahre
© Privatbesitz

Karl Zietlow * 1901

Lehmweg 6 -8 (Hamburg-Nord, Hoheluft-Ost)

1940 KZ Neuengamme
ertrunken auf MS Thielbek versenkt

Karl Zietlow, geb. 24.1.1901 in Schievelbein (Pommern), verhaftet am 15.9.1937, umgekommen am 3.5.1945 bei der Bombardierung in der Neustädter Bucht auf dem Dampfer "Thielbek"

Lehmweg 6–8

"Das Bemühen der Zeugen Jehovas, ihren Glauben standhaft zu bewahren und der nationalsozialistischen Nötigung zu widerstehen", zeigte sich beispielhaft an der Lebensgeschichte des "Gruppendieners" Karl Zietlow, wie Detlef Garbe bereits 1986 in einem Beitrag über die vergessenen Opfer des NS-Regimes schrieb. Karl Zietlow war der Erstgeborene von sechs Kindern. Seine Eltern hatten sich im Krankenhaus von Schievelbein (Pommern) kennengelernt, wo sie im Krankendienst tätig gewesen waren. Um eine Wohnung zu bekommen, bewarb sich der Vater bei der Reichsbahn, und dem jungen Ehepaar wurde ein Streckenhaus zur Verfügung gestellt. Nebenbei betrieben sie eine kleine Landwirtschaft. Karl wuchs dort sehr weltabgeschieden auf. Nach Beendigung der Schulzeit erlernte er keinen Beruf, sondern arbeitete im Elternhaus und in der Landwirtschaft mit.

Wahrscheinlich auf Drängen seines Vaters meldete er sich 1918, noch zu Kriegszeiten, als Unteroffiziersschüler nach Treptow. Nach Kriegsende wurde ein Teil der Schüler der Hamburger Polizei überstellt, und so arbeitete er ab 1919 bei der Kasernierten Schutzpolizei in Hamburg, wo für Unterkunft, Uniform und Verpflegung gesorgt wurde. Durch Verwandte hatte Karl Zietlow schon in seinem pommerschen Elternhaus die Bibelforscher, wie sich die Zeugen Jehovas damals nannten, kennengelernt. Seine Mutter und seine Geschwister waren übergetreten, und auch er richtete sein Leben seit Anfang der 1920er Jahre nach der Lehre aus. Zu dieser Zeit lernte er auch seine Frau Elise kennen, die der religiösen Gruppe allerdings nicht angehörte.

Sein Sohn Karl-Heinz beschreibt die Wohnverhältnisse in der Wendenstraße 343b in seiner Autobiografie folgendermaßen: "Die fünf Geschwister Muttis lebten in der gleichen Wohnung … Direkt neben dem Haus unterhielt die Konsumgenossenschaft Produktion eine große Fleischwarenfabrik. Große Kühlaggregate lärmten bei Tag und Nacht. Es war ein unangenehmes Geräusch. Von den Wohnungsfenstern aus konnte ein Industriekanal eingesehen werden." Karl Zietlow übernachtete in der Kaserne und kam nur tagsüber in Hammerbrook zu Besuch. Erst am 22. Dezember 1923 konnten Elise und Karl heiraten.

Zum ersten Mal kam Wachtmeister Karl Zietlow 1923 während des kommunistischen Arbeiteraufstandes in Hamburg mit seinem Dienstherrn in Konflikt: Er lehnte es ab, mit der Waffe gegen Arbeiter vorzugehen und wurde aus dem Polizeidienst entlassen. Für die junge Familie – Sohn Karl-Heinz war 1922 geboren worden – brachen daraufhin harte Zeiten der Arbeitslosigkeit und der Gelegenheitsjobs während der Wirtschaftskrise an, bis Karl Zietlow 1929 endlich als Chauffeur des Betriebskrankenwagens bei Blohm & Voss wieder eine feste Anstellung fand.

Seit 1927 wohnte die Familie – zwei Töchter waren noch dazugekommen – in ihrer ersten abgeschlossenen Wohnung in der Straße "Im Winkel" in Eppendorf. Sein konsequentes Verweigern des "Deutschen Grußes" als uniformierter Angehöriger der Betriebsfeuerwehr hatte im Februar 1934 die Entlassung bei Blohm & Voss zur Folge. Sein Sohn: "Er sagte, das Heil ist nicht Hitler, sondern das ,Heil‘ gebühre allein Christus, deshalb könne er Hitler nicht mit ,Heil’ grüßen." Ohne festes Arbeitsverhältnis hielt er nun seine Familie mit "Notstandsarbeiten" außerhalb Hamburgs mühsam über Wasser. In der Folgezeit mussten die Zietlows mit den drei Kindern aus der schönen geräumigen Wohnung in eine kleine Wohnung am Lehmweg 7 umziehen. Trotz der Armut und der Folgen seiner Verweigerung für sich und seine Familie, engagierte sich Karl Zietlow für die Bibelforscher, bei denen er jedoch keine Funktion innehatte. Im Herbst 1934, nachdem auf einer Konferenz der Zeugen Jehovas in Basel festgelegt worden war, trotz Verbot weiter im NS-Reich aktiv zu bleiben, beteiligte sich Karl Zietlow an Versammlungen der Bibelforscher und führte sogar eine in seiner Wohnung durch. Natürlich fehlte es nicht an Einschüchterungsversuchen durch die Staatsmacht und Zietlow erhielt immer öfter Besuche von der Gestapo, die sein Sohn wie folgt beschreibt: "In unserer zweieinhalb Zimmer-Wohnung schlief ich im Wohnzimmer.

Die Gestapo kam meistens abends. … Wenn es nun abends klingelte, ist Vater an die Haustür gegangen und anschließend mit den Gestapobeamten ins Wohnzimmer. Da habe ich gelauscht und dabei habe ich bemerkt, dass es zum Teil ehemalige Kumpels von der Polizei waren, weil Beamte Vater duzten und direkt ,Karl‘ zu ihm sagten. Es sind Worte gefallen wie ,Karl, lass das nach, denk doch an deine Familie.‘ Nach einer Durchsuchung der Wohnung des Hamburger Gesamtleiters der Bibelforscher fiel dessen Notizbuch in die Hände der Gestapo, in dem die Namen von 22 Leitern der Stadtteilgruppen, darunter auch "Eppendorf, Zietlow" verzeichnet waren. Am 1. Februar 1935 wurde Karl Zietlow als einer der letzten Stadtteilleiter verhaftet und vom Hanseatischen Sondergericht zu einem halben Jahr Gefängnishaft verurteilt. Nach kurzer Zeit wieder in Freiheit, suchte er Kontakt zu bekannten Zeugen Jehovas und versuchte, ihre Zeitschrift, den illegalen "Wachtturm", zu verbreiten.

Er wurde zum "Gruppendiener" für die Zellen Hoheluft, Eppendorf, Winterhude, Nord-Barmbek und Groß Borstel. Als "Gruppendiener" war er verantwortlich für die konspirative Organisation des Verkündigungswerkes sowie von Bibelstudien im Hause. Auch sorgte er für die Versorgung der Gruppe mit religiöser Literatur und hielt Kontakte zu den anderen Hamburger Gruppen. Die Gestapo führte sporadisch bei ihm Hausdurchsuchungen durch und fand kein belastendes Material, obwohl teilweise die gesamte Verteilung der illegal hergestellten Schriften über Zietlow lief. Wenn das gedruckte Material nicht ausreichte, schrieb er den "Wachtturm" in mehreren Durchschlägen handschriftlich ab und beteiligte sich auch am sogenannten "Haus-zu-Haus-Dienst". Trotz aller Vorsicht verhaftete ihn am 15. September 1937 die Gestapo jedoch erneut und lieferte ihn ins Polizeigefängnis Fuhlsbüttel (KolaFu) ein. Karl Zietlow wurde in der Folge zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, die er in der Strafvollzugsanstalt Wolfenbüttel absaß. Er erlebte diesen Aufenthalt nicht als Strafe, sondern als Prüfung vor seinem Gott Jehova und dessen Sohn Jesus Christus. "Ja, es war immer das Leid meiner Mutter, dass Vater für die Familie viel weniger Zeit hatte als dafür, das ,Wort‘ zu verkündigen," schrieb sein Sohn über Elise Zietlow, die nicht den Zeugen Jehovas angehörte.

Während eines kurzen Hafturlaubs im Frühjahr 1940 kam es zu Spannungen zwischen den Eltern: "Meine Mutter sagte, ‚nun Karl, mach Schluss damit’, aber mein Vater blieb eisern" und verweigerte weiterhin die Unterschrift auf der ,Verpflichtungserklärung’, sich in Zukunft nicht mehr gegen den NS-Staat zu betätigen und sich von der Bibelforschervereinigung loszusagen. Daher wurde er am 15. September 1940 mit der Häftlingsnummer 2969 und dem lila Winkel ins KZ Neuengamme überstellt.

Aus seiner Zeit in Neuengamme gibt es nur wenige Spuren. Vermutlich hat er im "Elbe-Kommando" gearbeitet und dann im "Beton-Kommando". Der tschechische politische Häftling Frantisek Vala erinnerte sich: "Aus der Tongrube (dort arbeitete in Neuengamme die Straf­kompanie – Anm. von Detlef Garbe) kam ich mit Hilfe des Kameraden Zietlow heraus in das Kommando, in dem die Betonplatten gefertigt wurden. Dort arbeitete ich drei Monate zusammen mit dem Kameraden Zietlow."

Immer wieder versuchten ihn ehemalige Polizeikameraden dazu zu bewegen, die besagte "Verpflichtungserklärung" zu unterschreiben, um aus der Haft entlassen zu werden. 1943 arrangierten sie sogar ein Treffen mit seiner Familie im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel (KolaFu). Sein Sohn berichtete, dass ihn die Beamten mit Worten wie "Karl, ist doch Quatsch, was du da machst." und "Karl, sprich dich mit deiner Familie aus." von den Bibelforschern abbringen wollten. Aber Karl Zietlow beharrte darauf, keinen Eid auf Adolf Hitler schwören zu können. Dieses zweistündige Treffen war das letzte Mal, dass seine Familie ihn sehen konnte.

Der letzte Zeuge, der über Karl Zietlow berichtete, war Karl Hanl, der ihn als Kapo im "Entkrautungs-Kommando" kennenlernte: "Der war ein ganz lieber Kamerad. … Er hat genauso gearbeitet wie wir. Er hat nicht angetrieben und sonst alles. Bloß, einer musste es [der Kapo] sein."

Im Sommer 1945 musste Elise Zietlow von der Britischen Militärregierung in Hamburg erfahren, dass ihr Mann einer der ca. 7000 Neuengamme-Häftlinge war, die am 3. Mai beim Angriff britischer Jagdbomber gegen Schiffe in der Neustädter Bucht auf dem Dampfer "Thielbek" umgekommen waren. Im Zuge der Evakuierung des Konzentrationslagers im April 1945 waren diese Häftlinge in der Neustädter Bucht auf Schiffe getrieben worden.

Erst Ende der 1950er Jahre konnte Karl-Heinz Zietlow die sterblichen Überreste seines Vaters ausfindig machen: "Wir wussten ja durch die Briefe aus dem KZ seine Häftlingsnummer. Diese Nummer wurde bei der Arbeitsgemeinschaft Neuengamme als ,unbekannt‘ geführt. Dann haben wir in der Nummernliste nachgesehen. Da fanden wir folgenden Vermerk: "Nr. 2969 – unbekannt – KZ Neuengamme. Am 1.11.50 anlässlich der Exhumierung Massengrab Wiesengelände an der Strandstraße Haffkrug wurden 6 Leichen vorgefunden, dabei diese Stoffnummer." Karl Zietlow wurde auf dem Ehrenfriedhof für KZ-Opfer in Haffkrug an der Ostsee beigesetzt.

© Holger Tilicki

Quellen: Garbe, "Gott mehr gehorchen", in: Verachtet, 1986, S. 199, 201, 206, 207; Zietlow, Karl-Heinz, Hamburg 2003, S. 11; Rundbrief der Willi-Bredel-Gesellschaft 2006, Seite 15–17; Brief der Zeugen Jehovas, Geschichtsarchiv, Selters vom 8.12.2006; Rundbrief der Willi-Bredel-Gesellschaft 2009, Seite 48; Garbe, "Gedenkstätten-Aktivisten", in: Beiträge, 11, 2009, S. 177, 178.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

druckansicht  / Seitenanfang