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Bereits verlegte Stolpersteine



Amalie und Siegbert Leser
© Privatbesitz

Amalie Leser (geborene Janower) * 1896

Danziger Straße 14 (vormals Nr. 6) (Hamburg-Mitte, St. Georg)

1941 Riga
1944 KZ Stutthof

Siehe auch:

Weitere Stolpersteine in Danziger Straße 14 (vormals Nr. 6):
Hans Siegbert Leser, Siegbert Leser

Amalie Leser, geb. Janover, geb. 3.7.1896 in Bremen, deportiert am 6.12.1941 nach Riga
Siegbert Leser, geb. 5.6.1888 in Hamburg, deportiert am 6.12.1941 nach Riga
Hans Siegwart Leser, geb. 12.7.1924 in Hamburg, deportiert am 6.12.1941 nach Riga

Das Ehepaar Amalie und Siegbert Leser wohnte seit etwa 1933/34 mit seinen beiden Söhnen Hans Siegwart und Siegmund Manfred (geb. 1927) in der Danziger Straße 6. Das Haus, in dem sie lebten, gehörte bis zur "Arisierung" im Jahr 1938 zum Besitz des Vaters von Siegbert, Siegmund Leser (geb.1859), der in St. Georg ein sehr bekannter Geschäftsmann war und neben einem großen Häuserblock in der Linden-, Brenner- und Danziger Straße sowie am Steindamm, ein von ihm 1889 gegründetes großes Textilwarenhaus besaß, das sich ebenfalls am Steindamm befand. Siegberts Mutter war Julie Leser, geb. Hertz (1853–1924), er hatte eine Schwester namens Lily, die später mit ihrem Mann Paul Sternberg in Hannover lebte und nach Argentinien auswanderte.

Siegbert Leser war Teilnehmer des Ersten Weltkriegs und erhielt das Eiserne Kreuz 2. Klasse. Er meldete im Februar 1918 sein erstes Gewerbe als "kaufmännischer Agent für Hausstandsgegenstände" an. 1920 hatte er ein Fotoatelier in der Dammtorstraße 4, in dem auch optische Geräte gehandelt wurden. Siegbert und Amalie Leser heirateten Anfang der 1920er Jahre. Die Familie wohnte später in der Isestraße 121 in einer sehr geräumigen Wohnung.

Im Jahr 1931 übernahm Amalie Leser die Geschäftsführung des Betriebes, der sich inzwischen in der Eppendorfer Landstraße 14 befand, wohin die Familie zu dieser Zeit auch umgezogen war.

Etwa 1933 wurde das Fotogeschäft und der Familienwohnsitz in die Danziger Straße verlegt; Siegbert Leser betätigte sich ab 1936 außerdem als selbstständiger Vertreter für Röntgenfilme, mit denen er Krankenhäuser und Ärzte belieferte. Er war daneben, seit die Firma seines Vaters, der 1927 verstarb, 1924 in eine KG umgewandelt worden war, dort Kommanditist ohne allerdings an der Geschäftsführung beteiligt zu sein. Im Zuge der antijüdischen Maßnahmen des NS-Regimes musste sich die KG jedoch im Dezember 1938 auflösen und wurde "im We­ge der Arisierung" vom ehemaligen Prokuristen der Fa. Leser, Julius Schneider, übernommen, während ein Makler namens Ladiges die Grundstücke der Familie erwarb.

Die beiden Söhne des Ehepaars gingen nach dem Umzug in die Danziger Straße zunächst eine Zeitlang in die Borgeschschule in St. Georg. Diese mussten sie als jüdische Schüler jedoch bald verlassen und wechselten auf die Claire-Lehmann-Schule über, eine jüdische Privatschule. Als diese von den NS-Behörden geschlossen wurde, gingen die beiden Jungen auf die Talmud Tora Schule. Obwohl Siegbert Leser aus sehr vermögendem Hause stammte, ist es der Familie offenbar seit Ende der 1930er Jahre wirtschaftlich nicht gut gegangen, da ihr Geschäft als Betrieb einer extrem diskriminierten Bevölkerungsgruppe nicht florierte und sie 1939 die sogenannte Judenvermögensabgabe zahlen musste. Am Tag des Novemberpogroms, dem 9. November 1938, wurde der Vater verhaftet und für zwei Monate ins KZ Sachsenhausen gesperrt. Während der Inhaftierung ihres Mannes hatte Amalie Leser Schiffskarten für die Auswanderung der vierköpfigen Familie nach Schanghai besorgt. Ihr Mann lehnte es jedoch ab auszuwandern, weil er nicht daran glaubte, dass das NS-Regime noch lange Bestand haben würde.

Am 6. Dezember 1941 befand sich dann auch die Familie Leser unter den insgesamt 753 Hamburger Juden, die mit dem Massentransport nach Riga deportiert wurden. Dort eingetroffen, wies man die Mutter und ihren jüngeren Sohn Manfred zuerst in das von der SS geführte improvisierte Lager "Jungfernhof" bei Riga ein. Der Vater Siegbert kam mit seinem älteren Sohn Hans Siegwart vom "Jungfernhof" in das als "weiße Hölle" gefürchtete Arbeitslager Salaspils, nicht weit von Riga. Dort erkrankte er wegen der mörderischen Lebensbedingungen schwer und wurde deshalb einem sogenannten Krankentransport zugewiesen, dem sich sein Sohn freiwillig anschloss, weil er seinen Vater nicht verlassen wollte. Da die für diese Transporte Selektierten üblicherweise zur Vernichtung vorgesehen waren, kann angenommen werden, dass Vater und Sohn Leser ermordet wurden.

Amalie Leser und ihr Sohn Manfred kamen später ins Getto Riga und wurden beide von dort am 1. Oktober 1943 ins KZ Kaiserwald (Lettland) verlegt, von wo man sie am 5. September 1944 per Schiffstransport ins KZ Stutthof bei Danzig brachte. Hier wurden Mutter und Sohn getrennt. Vom Schicksal Amalie Lesers ist seitdem nichts mehr bekannt, ihr Sohn Manfred meldete sich zu einer Arbeitskolonne, die in Burggraben bei Danzig am Bau von U-Booten beteiligt war. Mit dem Vorrücken der sowjetischen Armee wurde Manfred Leser mit den anderen Gefangenen in verschiedene Lager in Pommern deportiert, zuletzt ins SS-Lager Rieben bei Lauenburg, wo er schließlich von russischen Truppen Anfang März 1945 befreit wurde. Für die drei umgekommenen Mitglieder der Familie Leser wurden im Jahr 2004 Stolpersteine vor der Stelle ihres letzten Wohnhauses in der Danziger Straße gelegt.

© Benedikt Behrens

Quellen: 1; 4; 5; AfW, Entschädigungsakten; StaH, 522-1, Jüdische Gemeinden, 992 e 2 (Deportationslisten); Interview mit Manfred Leser, April 2008; Meyer, Beate, Die Deportation der Hamburger Juden 1941– 1945, in: dies. (Hg.), Die Verfolgung und Ermordung der Hamburger Juden 1933–1945. Geschichte. Zeugnis. Erinnerung, Hamburg 2006, S. 42–78; Bajohr, Frank, "Arisierung" in Hamburg. Die Verdrängung der jüdischen Unternehmer 1933–1945, Hamburg 1997, S. 363.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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