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Ernst Nathan Dessauer * 1882

Von-Sauer-Straße 1 b (Altona, Bahrenfeld)

1941 Lodz
ermordet am 12.01.1942

Ernst Nathan Dessauer, geb. am 20.1.1882, deportiert am 25.10.1941 nach Lodz, gestorben am 12.1.1942

Von-Sauer-Straße 1b (Wagnerstraße)

Ernst Nathan Dessauer wurde am 20. Januar 1882 in Tübingen geboren, er stammte aus einer traditionsreichen jüdischen Familie. Sein Ururgroßvater, der Graveur David Dessauer, siedelte sich Ende des 18. Jahrhunderts in Wankheim in der Nähe von Tübingen an. Auch sein Urgroßvater Nathan Dessauer lernte den Beruf des Graveurs. Dessen Sohn Leopold, der Großvater von Ernst Dessauer, widmete sich religiösen Aufgaben; er war Vorsänger und Gemeindevorsteher in der Wankheimer Synagoge. Ernst Nathans Vater Adolf Dessauer erlernte wie seine Vorfahren das Graveurshandwerk und zog nach Tübingen, wo er zum Optiker aufstieg und ein Fachgeschäft eröffnete. 1881 heiratete er Helene Halle, genannt Lenchen. Nach dem ältesten Sohn Ernst Nathan bekam das Ehepaar vier weitere Kinder: Am 29. Mai 1883 wurden die Zwillingstöchter Anne und Julie Babette geboren, am 13. November 1887 der Sohn Erich und schließlich die Tochter Lucie Clara, die zwölf Jahre jünger war als Ernst Nathan.

1903 kaufte Adolf Dessauer ein Haus, in dem er mit seiner Familie den zweiten Stock bewohnte; im ersten Stock lebte sein Bruder Jakob Dessauer mit seiner Familie. Im Parterre betrieben die Brüder gemeinsam ein "Optisches Waren- und Graveursgeschäft", das Adolf Dessauer nach dem Tod des Bruders 1905 noch bis zum Ersten Weltkrieg weiterführte. Er war ein erfolgreicher Geschäftsmann, lebte streng religiös, wirkte als Gemeindevorsteher der Jüdischen Gemeinde von Tübingen und erzog auch die Kinder zum jüdischen Glauben.

Sein Sohn Ernst Nathan Dessauer kam offenbar 1922 nach Hamburg und beantragte bei den hiesigen Meldebehörden einen Reisepass. Als Zweck gab er an: "Seefahrt". Vermerkt wurde sein Aussehen: Mittlere Statur, dunkelblondes Haar, ovales Gesicht, graublaue Augen. Als Beruf gab er Buchhändler an. Er bekannte sich zum jüdischen Glauben, am 10. Oktober 1928 wurde er Mitglied der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Hamburg. Zu diesem Zeitpunkt wohnte er zur Untermiete in einem Hinterhaus in der Sophienstraße, der heutigen Rothestraße, in Altona-Ottensen am Elbhang nah beim Altonaer Hafen. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme zog er ins "jüdische" Grindelviertel und wohnte dort von 1934 bis 1939 in wechselnden Wohnungen zur Untermiete – so verzeichnete es die Jüdische Gemeinde – in der Behnstraße, Rappstraße, Rothenbaumchaussee, Rutschbahn, Bogenstraße, im Behnweg, und dann auf der anderen Seite der Alster im Uhlenhorsterweg. Im November 1940 quartierte er sich bei dem jüdischen Ehepaar Jacob und Helene Wertheimer in Bahrenfeld in der Wagnerstraße 1 b ein, der heutigen Von-Sauer-Straße.

1939 musste sein Vater das stattliche Haus in Tübingen zwangsverkaufen und eine hohe "Judenvermögensabgabe" zahlen, konnte aber als Mieter noch weiterhin dort wohnen. Nur wenige Monate später, am 30. November 1939, verstarb er; seine Frau war schon 1928 gestorben. Ernst Nathan Dessauer erbte einige Wertpapiere und etwa 1.500 Reichsmark (RM).

Seine jüngste Schwester Lucie, die den Stuttgarter Buchhändler Hermann Levi geheiratet und mit ihm zwei Töchter bekommen hatte, emigrierte 1939 zusammen mit ihrem Mann nach Palästina und folgte damit den beiden Töchtern, die schon in den Jahren zuvor ausgewandert waren. Ernst Nathan Dessauer selbst unternahm offensichtlich keinen Emigrationsversuch.

Am 26. September 1941 verhafteten ihn Beamte des "Judenreferats" der Gestapo und wiesen ihn ins Konzentrationslager Fuhlsbüttel ein. Der Anlass für seine Haft ist nicht überliefert. Für "Nichtarier" gab es viele Haftgründe. Vielleicht trug er den "Judenstern" nicht, der seit dem 19. September 1941 an der Kleidung angebracht sein musste. Dessauer blieb bis zum 16. Oktober im KZ Fuhlsbüttel.

Unmittelbar darauf erhielt er an die Adresse Wagnerstraße 1 b, 2. Stock, den Deportationsbefehl für den 25. Oktober 1941, eine Woche nach seiner Entlassung. Einige Wochen später traf auch der Deportationsbefehl für die Hauptmieter der Wohnung ein, das Ehepaar Wertheimer.

Ernst Nathan Dessauer war unter der Nummer 184 für den "Judentransport 1" ins Getto "Litzmannstadt" registriert, wie die polnische Stadt Lodz nach dem deutschen Einmarsch hieß. Er musste sich einen Tag vor dem Abtransport im von der Gestapo beschlagnahmten Gebäude der "Provinzialloge für Niedersachsen" in der Moorweidenstraße einfinden. Am nächsten Tag ging dieser erste Großtransport ab. Den zweiten Winter im Getto Lodz überlebte Ernst Nathan Dessauer nicht, er starb am 12. Januar 1942 kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag.

Das Vermögen der Deportierten wurde nach dem Abtransport mit sofortiger Wirkung vom Staat beschlagnahmt. Dessauers Hausrat wurde zusammen mit dem seiner Vermieter versteigert. Diese öffentlichen Versteigerungen stießen bei der nichtjüdischen Bevölkerung auf reges Interesse, konnten doch begehrte und knappe Haushaltsgegenstände für einen Bruchteil des Wertes ergattert werden. Die Dienststelle für die Verwertung eingezogenen Vermögens verzeichnete, dass die Versteigerung 691 RM erbrachte. Diese Summe und Dessauers Erbteil wurden "zu Gunsten des Reichs" an die Reichskasse überwiesen.

Die Schwester Anne Erlanger, geborene Dessauer, wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 30. September 1942 verhungerte.

Ihr Sohn Fritz überlebte das Getto von Riga und das KZ Stutthof, kam jedoch in den Wirren bei Kriegsende ums Leben.

Die Schwester Julie Babette Berger, geb. Dessauer, wurde von Berlin nach Riga und am 14. Dezember 1942 nach Auschwitz weitertransportiert und ermordet.

Ernst Nathans Bruder, der Tübinger Rechtsanwalt Erich Dessauer, wurde am 17. Juni 1943 nach Theresienstadt und von dort am 16. Oktober 1944 nach Auschwitz in den Tod geschickt. Seine Frau Emma Dessauer, geborene Levy, überlebte das Getto Theresienstadt.

Stand September 2015

© Birgit Gewehr

Quellen: 1; 2 (R 1998/01/D179 und 30 UA 18); 4; 8; StaH 332-8 Meldewesen, A 24 Band 264 (Eintrag Nr. 6700/1922, Reisepassprotokoll Dessauer); StaH 522-1 Jüdische Gemeinden, 388 c (Angehörige der Deutsch-Israelitischen Gemeinde im Staate Hamburg, ca. 1928); StaH 331-1 II Polizeibehörde II, Ablieferung 15, Band 1 (Abrechnungslisten über Schutzhaftkosten des KZ Fuhlsbüttel); AB Altona; Heuss-Czisch, Barbara/ Lauxmann, Jennifer, Erich Dessauer – Biografie, in: Sammlung Klaus Maier-Ruben; Informationen von Klaus Maier-Ruben; Martin Ulmer, Stationen brüchiger Existenz, Tübinger Zeitung vom 6.11.1996, im Bestand der Geschichtswerkstatt Tübingen.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Link "Recherche und Quellen".

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