Namen, Orte und Biografien suchen


Bereits verlegte Stolpersteine



Ludwig Schwabe * 1868

Husumer Straße 12 (Hamburg-Nord, Hoheluft-Ost)

Freitod 14.12.1941

Weitere Stolpersteine in Husumer Straße 12:
Gertrud Levy, Pauline Schwabe

Ludwig Schwabe, geb. 9.7.1868 in Heiligenstadt/Heiligenhaven, Suizid am 14.12.1941 in Hamburg
Pauline Schwabe, geb. Kaufmann, geb. 3.10.1864 in Dransfeld, Suizid am 14.12.1941 in Hamburg

Husumer Straße 12

"Ich gelobe und schwöre zu Gott, dem Allmächtigen, daß ich der freien und Hansestadt Hamburg und dem Senate treu und hold sein, das Beste der Stadt suchen und Schaden von ihr abwenden will, soviel ich vermag; daß ich die Verfassung und Gesetze gewissenhaft beobachten, alle Steuern und Abgaben wie sie jetzt bestehen und künftig zwischen dem Senate und der Bürgerschaft vereinbart werden, redlich und unweigerlich entrichten und dabei, als ein rechtschaffener Mann, niemals meinen Vorteil zum Schaden der Stadt suchen will. So wahr mir Gott helfe. Ludwig Schwabe"

Diesen Bürgereid schwor Ludwig Schwabe 1904 und erwarb damit die Hamburger Bürgerrechte. Sein Geburtsort wird in den Akten mit Heiligenstadt, Regierungsbezirk Erfurt angegeben. Dort waren auch seine Eltern Wolf und Jeanette Schwabe, geb. Rose, von 1867 bis 1870 gemeldet. Die Geburt Ludwigs wurde in den Büchern von Heiligenstadt aber nicht verzeichnet.

Am 3. Dezember 1899 hatte er Pauline Kaufmann in Göttingen geheiratet. Nach ihrer Heirat lebten Ludwig und Pauline Schwabe in Hamburg. Ihre Ehe blieb kinderlos. Pauline war die Tochter von Kaufmann Kaufmann und Kindel, geb. Oppenheim. Mit ihren Geschwistern Sulka, Ida und Julius wuchs sie in Dransfeld (bei Göttingen) und in Göttingen auf.

1899 gründete Ludwig Schwabe zusammen mit seinem Schwager, dem Sanitätsrat Julius Kaufmann, die Fabrik für Dachbedeckung, Isolierung und Fußbodenbelag Otto Herr & Co. in Maliss/Mecklenburg. Ludwig war persönlich haftender Gesellschafter, Julius Kaufmann Kommanditist. Die Geschäfte seiner Firma führte er von seinem Hamburger Büro aus. Seit 1909 waren Wohnung und Büro im zweiten Stock links der Husumer Straße 12. 1934 starb sein Partner, Julius Kaufmann, mit 64 Jahren an einem Herzinfarkt. Bis zu seinem plötzlichen Tod hatte er in Göttingen eine Arztpraxis geführt.

Auch durch eigene Erfindungen, die Ludwig Schwabe zum Patent angemeldet hatte, florierte seine Fabrik. Zwischen 1926 und 1935 ließ er sich in den USA, in Österreich und der Schweiz seine Erfindungen zur Herstellung von Isoliermaterial und Dachpappen patentieren. Im Oktober 1938 musste er seine Firma an einen "Arier" verkaufen. "Ich hatte bei der Ausfüllung des Formulars am 27. April 1938 ein mündliches Angebot für den Verkauf meiner Fabrik nebst den dazugehörenden Gebäuden und Ländereien in Höhe von 67500,- vorliegen. Nach monatelangen Verhandlungen hat es sich indes herausgestellt, dass der Reflektant nicht in der Lage war, die Fabrik käuflich zu erwerben, weil ihm das flüssige Kapital fehlte. Inzwischen hat sich ein anderer kapitalkräftiger Käufer gefunden, dem ich die Fabrik mit den dazugehörenden Gebäuden und Ländereien zum Preise von 36000,- verkauft habe, und zwar am 14. Oktober 1938.”

Wie die meisten jüdischen Verkäufer konnte er noch nicht einmal über die im Verhältnis geringe Verkaufssumme verfügen, da sein Konto unter "Sicherungsanordnung" gestellt wurde. Der monatliche Bedarf von 800 RM wurde ihm von Beamten des Oberfinanzpräsidenten zugewiesen und willkürlich gekürzt. So schrieb Ludwig Schwabe am 17. September 1939 an den Oberfinanzpräsidenten:
"Meine Frau ist 75 Jahre und ich bin 71 Jahre alt. Wir sind beide leidend und bedürfen ärztlicher und sonstiger besonderer Pflege. Wir haben eine mittellose 50 Jahre alte Nichte bei uns aufgenommen, die den Haushalt führt und für deren ganzen Lebensunterhalt wir sorgen müssen. Ludwig Israel Schwabe"

Dennoch wurde der monatliche Freibetrag auf 500 RM heruntergesetzt. Davon mussten sie jetzt zu dritt leben, das Ehepaar Schwabe und ihre Nichte Gertrud Levy (s. dort). Einen letzten Antrag auf Freigabe von 260 RM stellte Ludwig Schwabe einen Tag vor der Deportation von Gertrud Levy am 5. Dezember 1941:
"Dieser Betrag wurde von mir für die Evakuierung meiner Nichte Gertrud Sara Levy, die zu meinem Haushalt gehörte und heute abreisen soll, bar ausgelegt und zwar 100,- RM die mitgenommen werden dürfen, 160,- RM für Ausrüstungsgegenstände."

Vierzehn Tage später erhielt das Ehepaar Schwabe die Aufforderung, die Wohnung zu verlassen und in ein Zimmer an der Rutschbahn zu ziehen. Jeder wusste, dass der Befehl zur Evakuierung, wie die Deportationen verschleiernd genannt wurden, folgen würde. Diesen wollten die beiden nicht abwarten. Sie legten einen fünf Meter langen Schlauch vom Badezimmer in ihr Schlafzimmer und vergifteten sich mit Leuchtgas. Der herbeigerufene Polizeibeamte fand sie umschlungen in ihrem Bett liegend.

© Maria Koser

Quellen: 1; 2; 4; 5; StaH 331-5 Polizeibehörde – Unnatürliche Sterbefälle, 1942/307; StaH 351-11 AfW, Schwabe, Ludwig; StaH 314-15 OFP, R 1942/86; StaH 314-15 OFP, R 1938/2907; Verzeichnis Hamburger Börsenfirmen, Hamburg 1935, S. 363; AB 1933; Bajohr, "Arisierung", 1997; Recherche und Auskunft Jörg Janssen, Geschichtswerkstatt Göttingen, E-Mail vom 16.11.2009; Recherche und Auskunft Anne Severin, Stadtarchiv Heilbad Heiligenstadt vom 2.12.2009; Recherche und Auskunft Friedel Rehkop, Stadtarchiv Dransfeld vom 3.12.2009; E-Mail von Frits B. Kaufmann, Niederlanden vom 4.3.2010.
Zur Nummerierung häufig genutzter Quellen siehe Recherche und Quellen.

druckansicht  / Seitenanfang