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Frieda Fiebiger 1931
Frieda Fiebiger 1931
© Evangel. Stiftung Alsterdorf, Archiv

Frieda Fiebiger * 1912

Weidenbaumsweg 116 (Bergedorf, Bergedorf)


HIER WOHNTE
FRIEDA FIEBIGER
JG. 1912
EINGEWIESEN 1925
ALSTERDORFER ANSTALTEN
"VERLEGT" 16.8.1943
AM STEINHOF WIEN
TOT 10.6.1945

Frieda Fiebiger, geb. 8.6.1912 in Bergedorf, 10.9.1925 Alsterdorfer Anstalten, verlegt 16.8.1943 Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien, Tod am 10.6.1945

Weidenbaumsweg 116

Mit der Machtübernahme des nationalsozialistischen Regimes am 30. Januar 1933 begann die Verfolgung von Minderheiten und von Menschen mit Behinderungen.
Frida Johanna Dora Fiebiger wurde am 8. Juni 1912 als Tochter von Anna Fiebiger, geb. Breiel, und ihrem Ehemann, dem gelernten Tischler und damaligen Arbeiter Friedrich Fiebiger, als ältestes von vier Kindern, von denen eines als Säugling starb, in Bergedorf geboren. Ihre Mutter hatte bereits während der Schwangerschaft Schwierigkeiten, jedoch verlief die Entbindung problemlos. Fridas Vorname wurde meist Frieda geschrieben. Im Alter von vier Monaten machte sich ihre Erkrankung erstmals bemerkbar und wurde als spastische Lähmung erkannt. Mit zwei Monaten wurde Frieda in Bergedorf getauft, mit einem Jahr erfolgreich gegen Pocken geimpft. Sie lernte Sprechen, doch blieb ihre Sprache kaum verständlich. Gehen lernte sie nicht.
Obwohl bei Beginn des Ersten Weltkriegs 30 Jahre alt, wurde Friedrich Fiebiger zur Armee eingezogen. Er kehrte als Invalide zurück. Inzwischen war Frieda sieben Jahre alt und hätte eingeschult sein müssen, doch konnte sie aufgrund ihrer Krankheit keine öffentliche Schule besuchen. Sie hatte gelernt, allein zu essen und sich zu beschäftigen und war umgänglich.
Die Familie wohnte Hinterm Graben 23, bevor sie 1930 in den Weidenbaumsweg 68, heute Weidenbaumsweg 116, zog. 1925 wurde Frieda sieben Monate lang, vom 2. Februar bis zum 10. September, im Allgemeinen Krankenhaus Eppendorf gründlich untersucht, behandelt und begutachtet. Währenddessen bereitete das Wohlfahrtsamt Hamburg ihre Aufnahme in den damaligen Alsterdorfer Anstalten vor. Mit der Diagnose "Schwachsinn" und dem Vermerk "gebessert" wurde Frieda direkt aus der Klinik nach Alsterdorf entlassen. Drei Wochen nach ihrer Aufnahme wurde in ihrer Krankenakte festgehalten: "Klüger, als sie infolge ihrer Unbeholfenheit scheint. Verträglich. Muß gefüttert werden bei flüssiger Speise." Sie wog damals 24,5 kg.
Es dauerte einige Zeit, bis Friedas Mutter die Papiere eingereicht hatte und die Besuchs- und Urlaubszeiten geregelt waren. Die vier Wochen bis zum ersten Besuch ihrer Mutter dienten Frieda zum Einleben. Sie wurde als ein "liebes und geduldiges Kind ohne Heimweh" gelobt und "Fritzi" genannt. Gegen das Heimweh hatte ihr ein Foto von ihren Geschwistern geholfen.
Friedas Vater war auf Grund seiner Kriegsverletzung Frührentner. Möglicherweise fiel es ihm daher leicht, sich in die Lage seiner Tochter hineinzuversetzen. Zu Weihnachten 1926 wollte er ihr mit einem Radio eine Freude machen, damit sie Musik hören und am Weltgeschehen teilnehmen könne. Die Anstaltsleitung begrüßte diese Absicht, sah aber Unverträglichkeiten unter den Patientinnen voraus, wenn eine von ihnen ein Radio habe und lehnte das Geschenk ab.
Die Ärzte waren hilflos und wussten nicht, wie Frieda zu helfen sei, und untersuchten sie wiederholt. Jährlich forderte das Wohlfahrtsamt Hamburg, der damalige Kostenträger für Friedas Behandlung, Gutachten an, um zu prüfen, wie lange ihr Aufenthalt noch dauern würde. Als Frieda 16 Jahre alt wurde und der Vater Invalidenrente bezog, bescheinigte die Direktion der damaligen Alsterdorfer Anstalten der Versicherungsanstalt, dass sie nicht in der Lage sei, einen Beitrag zum Familieneinkommen zu leisten.
Frieda machte das Beste aus ihrem Schicksal und begann, sich mit ihm zu arrangieren und ihr Möglichstes zu tun. Sie verständigte sich mit Zeichen oder schriftlich, beschäftigte sich mit kleinen Handarbeiten und fertigte besonders gern Perlenuntersätze und -deckchen an. Dank eines kleinen Wagens war sie beweglich. Mit Ausnahme ihrer Strümpfe kleidete sie sich selbstständig -mit ihren Händen konnte sie die Füße nicht erreichen.
Im Januar 1931 erkrankte Frieda so schwer an einer Grippe, dass ihre Eltern zu täglichen Besuchen eingeladen wurden. Die Krankheit weitete sich zu einer Lungenentzündung aus, die jedoch in kurzer Zeit erfolgreich behandelt wurde. Trotz dieser Erkrankungen blieb Friedas Gewicht bei ca. 30 kg.
Im Februar 1933 fragte der Vorstand des Fürsorgeverbandes Bergedorf bei der Direktion der damaligen Alsterdorfer Anstalten an, ob Frieda in ihr Elternhaus zurückkehren könne. Die Antwort ließ keinen Zweifel daran, dass das nicht möglich sei: Frieda leide an unwillkürlichen, unkoordinierten Bewegungen mit Versteifung und Verbiegungen der Wirbelsäule, Versteifung der Ellenbogengelenke und der Hände auf beiden Körperseiten. Auch ihre Zunge vollführe unkoordinierte Bewegungen, weshalb sie weder richtig sprechen noch essen könne.
Frieda lebte in der Abteilung 26. Ob diese schon zu diesem Zeitpunkt unter der Leitung von Schwester Alwine Wagener stand, ließ sich nicht feststellen. Der einfühlsame Eintrag in Friedas Akte vom 10. Oktober 1933 könnte von ihr stammen: "Übt auf alle ihre Mitpat.[innen] einen guten Einfluß aus. Sie erfaßt jede Situation schnell, erteilt durch Zeichensprache und mühsam formulierte Töne Anordnungen. Macht gern Scherze und hat manche nette Idee. … Kann schreiben, liest täglich in ihrer Bibel, weiß viele Stellen auswendig. … Wird etwas versehen, dann ist sie energisch unwillig. Im übrigen ist sie für jeden Dienst dankbar." 1935 verbrachte Frieda einen längeren Urlaub bei ihrer Familie. Ihr Befinden und Verhalten blieben unverändert, auch nachdem sie im Juni 1941 einen schweren Krampfanfall erlitten hatte. Er blieb der einzige.
Anfang des Jahres 1943 genehmigte die Wohlfahrtsbehörde ihre weitere Anstaltspflege bis zum 31. Juli 1945. Die Abteilung 26 unter der Leitung von Schwester Alwine Wagener umfasste eine Gruppe von vierzehn Frauen. Nach der teilweisen Zerstörung der damaligen Alsterdorfer Anstalten am 29./30. Juli 1943 in der "Operation Gomorrha" wurde Frieda auf Anweisung des leitenden Arztes mit einem Transport von insgesamt 228 Mädchen und Frauen am 16. August 1943 nach Wien in den früheren "Steinhof" verlegt, der zu der Zeit "Wagner von Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" hieß und heute "Otto Wagner-Spital". Die Neuankömmlinge wurden in verschiedenen Pavillons untergebracht, Frieda Fiebiger in Pavillon 21. Aus ihrer Abteilung in Alsterdorf waren sechs weitere Frauen nach Wien verlegt worden. Im November 1943 schrieb Frieda einen Brief an Schwester Alwine Wagener, die den Transport nach Wien begleitet hatte, in dem sie davon berichtete, wie schlecht sie behandelt wurden und wie unrein die Anstalt sei. Gegenüber den Alsterdorfer Verhältnissen waren Hygiene, Beschäftigung und Verpflegung sehr viel schlechter. Frieda war bei ihrer Ankunft 31 Jahre alt und wog 24 kg, nahm innerhalb des nächsten Monats zwei Kilogramm ab, erreichte aber noch im Oktober das Gewicht von 24,5 kg, das sie bis zu ihrem Lebensende behielt.
Drei Tage nach der Verlegung ihrer Tochter schrieb Anna Fiebiger, Friedas Mutter, einen Beschwerdebrief an die Direktion der damaligen Alsterdorfer Anstalten, dass ihr nichts von der geplanten Verlegung ihrer Tochter nach Wien mitgeteilt worden sei. Sie wollte genauere Informationen über den Aufenthaltsort und die Aufenthaltsdauer haben. In einem Schreiben der Wiener Anstalt vom 18. Januar 1944 wurde ihr mitgeteilt, dass Frieda ein "hoffnungsloser Fall" und die Verlegung in eine Anstalt in Hamburg während des Krieges nicht mehr möglich sei. Friedas Zustand verschlechterte sich zunehmend, doch erlebte sie noch das Ende des Zweiten Weltkriegs in Wien, verstarb aber kurz darauf am 10. Juni 1945 an einem schweren Darmkatarrh.
Am 29. März 1946 erkundigte sich Friedas Mutter brieflich in Alsterdorf bei Pastor Lensch nach dem Ergehen ihrer Tochter. Er antwortete ihr, dass er keinen Kontakt zur Anstalt "Am Steinhof" habe, er aber glaube, dass es ihr gut gehe. Am 14. Juni 1946 bekam Friedas Mutter schließlich einen Brief mit einer Entschuldigung von der Anstalt "Am Steinhof". Es sei der Anstalt auf Grund der Postsperre durch die alliierten Besatzungsmächte leider nicht möglich gewesen, den Eltern mitzuteilen, wie es um Frieda stehe.
Frieda Fiebiger wurde in einem Gemeinschaftsgrab auf dem städtischen Friedhof Wien-Baumgarten beerdigt. Sie starb im jungen Alter von 33 Jahren.

© Carmela-Anna Orlowski, Chantelle Hajduk, Gymnasium Allermöhe, 2013

Quellen: Ev. Stiftung Alsterdorf, Archiv, V 353; Aly, Götz, Der Mord an behinderten Kindern zwischen 1939 und 1945 in: Ebbinghaus, Angelika, Heidrun Kaupen-Haas, Karl Heinz Roth, Heilen und Vernichten im Mustergau Hamburg, Hamburg 1984; Wunder, Michael, Ingrid Genkel, Harald Jenner, Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr, Hamburg 1987; http://gedenkstaettesteinhof.at/de/ausstellung/wien-steinhof. Online-Dokument, abgerufen am 30.11.2013; Laut Auskunft der Zentralen Friedhöfe Wien per E-Mail vom 2. September 2013 ist das Grab von Frieda Fiebiger nicht auffindbar.

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